Mobbing und GNTM

Die Berichterstattung über eine Pisa-Studie zum Thema Mobbing entkoppelt Opfer und Täter. Mobbing aber lässt sich nur strukturell begreifen. 100 % aller Schüler machen Mobbing Erfahrungen, die meisten als Täter, viele als Opfer und Täter. Gemobbt wird gesellschaftskonform und sogar mit den besten Absichten. Nebst Anschauungsmaterial aus GNTM.

Bullying - von Jorge - unter CC-BY-2.0, zugeschnitten

Vergangene Woche machte eine Pisa-Studie die Runde, nach der jeder sechste Schüler in Deutschland gemobbt werde. Zwei Dinge störten an der Berichterstattung. Einmal, dass fast alle Artikel zum Thema bereits in der Überschrift den daraus resultierenden Leistungsabfall in den Mittelpunkt stellten. „Der Druck senkt Leistungen“, tietelte etwa die „linke“ taz. Und dann die distanziert positivistische Wiedergabe der Daten selbst, die Mobbing als einen Sachverhalt behandelt, der vom Himmel zu fallen scheint.

100% Mobbing

Als könnten 15-30 % der Schüler Mobbing erleben, ohne dass tatsächlich 100% der Schüler Mobbing erleben. Ein Großteil nur eben nicht aus der Opferperspektive sondern in Abstufungen als Haupt-, Mittäter oder still Zusehender. Beides hat System und ist zumindest teilweise miteinander verknüpft. Im Fokus auf den Leistungsabfall wird das Kind bereits als das Rädchen im System betrachtet, zu dem es werden soll, als die Funktion, deren Leistungssturz später uns allen ein Verlust sein könnte. Als sei die Erfahrung des Mobbing nicht schlimm genug um sie für sich zu thematisieren und zu bekämpfen. In der Isolation des Opfers von der ubiquitären Täterschaft dann wird ausgeklammert, wie sehr Mobbing gesellschaftliche Norm, ja, sogar im Kampf ums Dasein in der Ellenbogengesellschaft vorgesehen ist. Case in Point: In der Isolation der Opfer und der Fokussierung auf deren Minderleistung wird strukturell das Mobbing bereits wiederholt. Das Team ist alles, du bist nichts. Integrier dich. „Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, Wir steigern das Bruttosozialprodukt.“ Mobbing ist (oft), wenn Leistungs- und Gruppendenken finstre Symbiosen eingehen.

Wenn die Autoritäten Mobbing fördern

Wer meine Kolumnen der vergangenen beiden Jahre verfolgt hat weiß, dass ich mir von Zeit zu Zeit Germany’s Next Topmodel reinziehe. Eine Show, die aufgrund ihrer Lagerstruktur Mobbing enorm begünstigt (Nein, auch 2017 wird das mich nicht dazu bringen die Show stärker zu verdammen als beispielsweise die Schule, Fußballmannschaften oder Bundeswehrkasernen. Die „Mädchen“ sind keine Kinder, sondern junge Frauen deren Ziele durchaus zu respektieren sind). Aber: Dieses Jahr war ein Modellfall zu beobachten, der so exemplarisch ist, dass ich ihn einfach herausgreifen muss:
Die schüchterne Julia hatte sich dabei über mehrere Folgen Anwürfen der ganzen Bande zu erwehren, die direkt auf ihre Schüchternheit zielten. „Du sprichst nie mit uns.“ „Du schaust uns nicht in die Augen.“ „DU INTEGRIERST DICH NICHT!“. Die Sache eskalierte endgültig, als Julia es wagte beim gemeinschaftlichen Essen auszusetzen und stattdessen zurückgezogen ein Buch zu lesen (Ironie: Das Buch hieß Schüchtern war gestern). Die liest!? Na das schlägt dem Fass den Boden aus. Als sei die Situation nicht problematisch genug, wird der Konflikt den Juroren unterbreitet und Thomas Hayo als Autoritätsperson stellt sich zielsicher, wie es bei Mobbingfällen immer wieder vorkommt, auf die Seite des Mobs. Natürlich mit den besten Absichten: „Da muss ich wohl wirklich einmal mit Julia reden“.

Kein Recht auf Schüchternheit

Mehrerlei zeigt die Situation:

A) Auch wenn am Ende vielleicht nur 15 % der teilnehmenden Frauen sagen dürften, sie hätten bei GNTM Mobbingerfahrungen gemacht, lassen die Aufnahmen von Gesprächen, Gerüchteverbreitung usw. nur den Schluss zu, dass JEDE EINZELNE MOBBING ERLEBT HAT. Viele eben als Täter, das vergisst sich leicht.

B) Es gibt kein Recht auf Schüchternheit und Vereinzelung. Auch abseits des Jobs hat man zu „leisten“. Das steht mit hinter fast jeder Mobbing-Situation. Die Frühphase von GNTM zB eskaliert diesmal aus den allerbesten Absichten. Tatsächlich ist glaubhaft, dass fast alle Teilnehmerinnen Julia integrieren wollen, dass auch die Jury ihr bestes im Sinn hat. Und dennoch steigt schnell die Aggressivität, werden die Bemerkungen fieser, der Druck immer mehr angezogen. Ich selbst habe erlebt wie sogar Mobbing, das eindeutig auf unveränderlich Anderes zielte (Aussehen allgemein, rassistische Angriffe) überwunden werden konnte, wenn der/die Gemobbte über den eigenen Schatten sprang und den Mobbern zeigte, dass er/sie doch tatsächlich eine ziemlich coole Socke sei, der Integration „wert“ sei. Nur: das sollte man nicht vom Opfer verlangen müssen. Und es bekäpft das Mobbing nicht, es verschiebt Aggressionen für gewöhnlich auf neue Opfer.

C) Wie die Autoritäten mit Mobbing umgehen, was die Strukturen sanktionieren, HAT EINE AUSWIRKUNG. Und damit auch, wenn es vernünftig gehandhabt wird, die als so genannte Politische Korrektheit verfemten Höflichkeitsregeln. Dass in diesem Jahr eine Transgender-Kandidatin etwa ohne jegliche Reibereien von Anfang an als vollwertiges Gruppenmitglied akzeptiert wurde wäre vor zehn Jahren wohl noch undenkbar gewesen sein. Auch rassistische Sprüche hört man keine, und wenn, wie in einer früheren Staffel, auch nur ein Satz vorkommen sollte, der so verstanden werden könnte, wird strikt eingeschritten.* Das wirkt. Mobber mobben durchaus gern gesellschaftskonform.

Auf die Schwachen ist’s politisch Korrekt

Das Mobbing des Zurückgezogenen, des vermeintlich oder real (denn das ist ja nichts ehrenrühriges) Schwachen dagegen ist quasi selbst politisch korrekt. Es intensiviert nur das gesellschaftliche Ausleseprinzip nach Leistung. Denn es ist geradezu verblendet anzunehmen, dass der Mensch, ein Wesen aus Fleisch und Blut, die immer wieder propagierte Bestenauslese nur dort in Anschlag bringen wird, wo es die reine Theorie vorsieht. Und Leistung nur dort bewertet, wo es die persönliche Würde nicht angreift. Insbesondere, da das System mangels Reflexion auf die eigenen Gewaltverhältnisse in diesem Spezialfall des Ausschlusses besonders ineffektiv darin ist, Grenzen zu ziehen.

Die Situation entspannte sich übrigens, nachdem die Gemobbte versprochen hat sich zukünftig besser zu integrieren. Man übrigens kann dabei durchaus sagen, dass die Teilnehmerinnen nach anfänglichen Wirren dabei letztlich souveräner gehandelt haben als die Veranstalter.  Die nächste Zielperson wurde dann erstmal die scheinbare Staffel-Überfliegerin. Auch besondere Leistung sanktioniert der Mob, wenn sie sich nicht wenigstens symbolisch vor der Gemeinschaft neigt. Symbiosen von Leistungs- und Gruppendenken.

Was man mitnehmen sollte: Es gibt keine 15 % isolierten Mobbing-Opfer. Die 15 % sind für gewöhnlich von 85% Tätern umgeben. Dabei mag die Schuld gewaltig variieren, unter den Wegschauenden und stumm Mitlaufenden mag es sogar einen nicht unbeträchtlichen Anteil derer geben, die Opfer und Täter zugleich sind: MOBBING SCHAFFT REPRESSIVE STRUKTUREN. Der Rahmen, den Institutionen, Autoritäten und gesellschaftliches Klima vorgegeben ist wichtig. Auf den muss eingewirkt werden, wenn Mobbing zumindest zurückgedrängt werden soll. MOBBING GEDEIHT IN REPRESSIVEN STRUKTUREN.

Mobbing mag, was sich weder beweisen noch widerlegen lässt, zur „Conditio Humana“ gehören. Das bedeutet nicht, dass eine Gesellschaft das ihr spezifische Mobbing schulterzuckend hinnehmen sollte. Hingenommen wird es aber, wo das Denken, das ihm in vielen Fällen zugrunde liegt, noch im sprechen über das Mobbing reproduziert wird.

„Aber mal ehrlich, wenn du in die Schule kommst mit einem Tweed-Blazer mit Ellenbogen-Patches und Koffer, ist die Schuld hier nicht etwa fünfzig-fünfzig verteilt?“.
– Der Mobber Danny Kriezel zu seinem früheren Opfer Frasier –

Sätze wie diesen hat wahrscheinlich jedes Mobbingopfer schon einmal von Lehrern, Bekannten, sogar Eltern zu hören bekommen. Auch wenn in einzelnen Momenten ein oberflächliches sich Anpassen helfen mag, dieses Denken verschränkt sich zu einem strukturell mobbingfreundlichen Klima.

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*Nicht ausschließen lässt sich natürlich, dass der Schnitt entsprechende Vorfälle veschwinden lässt. Unwahrscheinlich ist es allerdings. Das hieße Quoten verschenken.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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