Perfekte Tage, Potter, Heroin?

Im Text steht, was im Text steht! Nicht was Kultisten drumrum basteln. Dumbledore ist nicht schwul, nur weil JK Rowling das im Interview behauptet und in Perfect Day geht es nicht „eigentlich“ um Drogen

Lou Reed on the wild side - PROJET REHAB - von tangi bertin - unter CC-BY-2.0, zugeschnitten

Wirklich tierisch auf den Nerv gehen mir ja solche Fan-Klugscheißereien à la „In Lou Reeds Perfect Day geht es eigentlich um Heroin“, wie vergangenes Jahr etwa gegenüber dem Vatikan mal wieder in Anschlag gebracht.

Wer sich den Text anschaut, stellt fest, dass darin von Eigentlichkeit überhaupt keine Rede sein kann. Zur Verdeutlichung untenstehend im Vollzitat1. Das kann man drehen und wenden wie man will, da purzelt kein Heroin heraus. „Sangria“ ist die einzige, wenn man so will, „Drogenreferenz“, aber andre nennen das ein Grundnahrungsmittel. Ansonsten bleibt der Text in faszinierend schlichter Weise im Vagen.

Auch implizite Anschlüsse an die Drogenthematik lassen sich im Gegenteil etwa zu Hurt von den Nine Inch Nails nicht finden.

Keine Angst vor Uneindeutigkeit!

Es purzelt auch, um Einwänden aus der anderen Richtung den Wind aus den Segeln zu nehmen, keine Geliebte, Ehefrau oder etwa ein freundlicher Zwergschimpanse heraus. Alles was sich unter dem Label „eigentlich“ über das Lied sagen lässt ist, dass hier ein lyrisches Ich einen „perfekten Tag“ an ein/mit einem lyrischen Du besingt, wobei gerade noch so hinzugefügt werden kann, dass die Form relativ typisch einem Liebeslied entspricht. Zugegeben, die auch in der Betonung eher drohenden als verklärten Schlusszeilen mit dem viermaligen „You’re going to reap just what you sow“ scheinen dazu quer zu stehen, ebenso machen die Zeilen „You made me forget myself / I thought I was someone else / Someone good“ das Idyll fragwürdig. All das, auch die Vortragsweise, machen „Perfect Day“ ambig, nicht aber zu einem Song „that is really about heroin addiction“.

Und daran ändern auch außertextliche Fakten nichts. Selbst wenn Lou Reed durch einen in heroingesättigtem Blut geschriebenen Brief höchstpersönlich und notariel beglaubigt hätte, es handele sich um ein Drogenlied, „ist“ es deshalb kein Drogenlied, sondern genau das Lied, das da steht und das wir hören können. Andres zu behaupten entspringt der gleichen Eigentlichkeitssehnsucht, dem kunstfeindliche Fetisch der Authentizität, die auch in Anschlag gebracht wird, wenn JK Rowling mal wieder irgendein Detail über ihre Welt enthüllt, das literarisch zu verarbeiten sie sich unfähig gezeigt hat. So „ist“ Rowlings Dumbledore nicht „eigentlich“ schwul, da die Autorin entweder zu ängstlich oder nicht fähig war einen schwulen Charakter zu zeichen. Oder die Idee kam ihr zu spät, wer weiß.

Identitätsanker im durchorganisierten Chaos?

Warum aber sind diese Nachreichungen und/oder Enthüllungen so erfolgreich? Vielleicht weil gerade die pubertierende Dauerpop-Beliebigkeit mit ihrer überzogenen Relativität beinahe gezwungen ist, ein symbiotisches Verhältnis zu radikaler Identitätspolitik einzugehen. Zum Ausgleich sozusagen. Die schweifende gedankliche Freiheit, voller Muße, doch ohne Netz, auf die Kunst selbst in ihren schlechteren Momenten noch stößt, ist in der durchorganisiserten, chaotisch erfahrenen Sachzwang-Realität, die bei Strafe des Untergangs als „Freiheit“ ertragen werden soll, kaum auszuhalten. Und dann werden eben die Anker ausgeworfen. Anker des Insiderwissens. Des Outgroupings. Des Kultes um die eigentliche Message.

Und dann gönnt man seinen Feinden auch einen der besseren Momente nicht. In diesem Fall etwa: Lou Reed dem Vatikan.

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1Just a perfect day
Drink sangria in the park
And then later, when it gets dark
We go home

Just a perfect day
Feed animals in the zoo
Then later a movie, too
And then home

Oh, it’s such a perfect day
I’m glad I spent it with you
Oh, such a perfect day
You just keep me hanging on
You just keep me hanging on

Just a perfect day
Problems all left alone
Weekenders on our own
It’s such fun

Just a perfect day
You made me forget myself
I thought I was someone else
Someone good

Oh, it’s such a perfect day
I’m glad I spent it with you
Oh, such a perfect day
You just keep me hanging on
You just keep me hanging on

You’re going to reap just what you sow ::

 

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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