Das Schmunzeln des Roger Corman

Die Populärkultur ist eine der Wiederholung und Kopie; doch reines Wiederkäuen brächte keinen Erfolg – es muß auch immer etwas Neues, Spezifisches bei einer Fortführung dabei sei. Daß selbst das Triviale originell sein kann, zeigt die gleichsam subkutane Art der Fortpflanzung im Genrefilm. Dies zu den Verwandtschaftsbeziehungen zwischen dem britischen Hammerhorror und den amerikanischen Filmen von Roger Corman:

Horror, von Sergey Kochkarev - unter CC-BY-2.0, zugeschnitten

Wenn je ein grauer Nebel bedrohlich war, dann ist es dieser grellblaue, giftgrüne und blutrote umso mehr, der die Zuschauer schon mit dem Vorspann umwabert, umschließt und hinein saugt ins „House of Usher“ – und damit uns auch gnadenlos deutlich wird, daß ein neues Horror-Zeitalter anbricht, ist nach dem Titel und den Namen der bloß vier Schauspieler breit und deutlich zu lesen: in Color and Cinemascope. Mit diesem Film aus dem Jahr 1960 wurde das amerikanische Horrorkino endgültig farbig, das bis dahin fast ausschließlich heimelig schwarzweiß gewesen war – und es wurde nach einer Periode der Infantilisierung („I was a Teenage Frankenstein“ ) erwachsen.

Horror und Sexuelle Revolution

Vor einiger Zeit habe ich über die gloriose Ära des Horrorfilms erzählt, die mit dem Namen der englischen Produktionsfirma Hammer verbunden ist. Sie währte vom Ende der 50er bis zur Mitte der 70er Jahre. Ein geschlossener Stilkosmos war in den Hammerstudios bei London entwickelt worden. Die klassischen Gruselgestalten: Frankenstein, Dracula und andere wurden optisch und erzählerisch in die viktorianische Zeit versetzt. Die literarischen Vorlagen, die von verbotenen Lüsten und Gewalt erzählten, aber auch von der Rebellion gegen Konvention und Tradition, die am Ende der Geschichte und der Filme wieder installiert werden, wurden bei Hammer zum ersten Mal in Farbe verfilmt und das Wohlige des Schwarz-Weißen Horrorfilms wich einer blutroten Realistik, manchmal auch schon Drastik, wenn Menschen geköpft, gepfählt oder vampirisch gebissen wurden. Aber noch machten Plüsch- und Samtdekore aus der Zeit um 1900 das Ganze erträglich und in den Swinging Sixties auch exotisch.
Hammers Niedergang zeichnete sich mit der sexuellen Revolution Ende der 60er ab. Warum auch sollte man den schwachen Vorwand des Horrors wählen, um entblößte Busen von Draculas Opfern oder lüsterne lesbische Vampire zu zeigen…das ging im Sex- und später Pornofilm auch ohne diese schauerlichen Umstände. Mit dem Ende der Hammerfilms – seit einigen Jahren versucht man in den Bray-Studios ein zaghaftes Revival – war auch der klassische Horrorfilm am Ende. Bluttransfusionen im wahrsten Sinne des Wortes brachten dann die Schlitzer-, Slasher- und Zombiefilme, die sich auf Gewaltpornographie verlegten: da der einmal gebotene Sex nicht mehr ausreichte Zuschauer anzulocken, wurde jetzt ausgeweidet, entdarmt und gehäutet, was die Gänsehaut hergab.
Der Horrorfilm ist erst wieder erotisch geworden, als man begriff, daß die klassischen Gestalten, der einsame Vampirgraf, der nach Wissen dürstende Baron Frankenstein, der mond- und sehnsüchtige Werwolf auch erotische Antriebe für ihre Umtriebe hatten. So wurden die großen Ikonen erst zu tragischen und dann sogar zu positiven Helden – war die Besetzung der Charaktere einmal eine Sache für darstellerische Fachleute wie Boris Karloff oder Christopher Lee, genierten sich nun auch die größten Hollywoodstars nicht mehr, Monster darzustellen…ein Blutsauger, der sexier ist als Brad Pitt in „Interview with a Vampire“ oder, Beelzebub sei’s geklagt, meinethalben auch Robert Pattinson oder der sowieso durch den Film stets halbnackt agierende Taylor Lautner als Kuschelwerwolf, ist kaum denkbar…

Donner aber auch, daß nicht nur aus komödiantischen, sondern aus melodramatischen Gründen, die Vampire schließlich sogar eine Familie haben (wie in der Biss-Serie). Da ist das Genre eben wieder an einen toten Punkt gelangt…es verliert das Schillernde. Familienleben ist nicht sexy! Obwohl es ja der pure Horror sein kann.

„Amerika, du hast es besser“ … ?

In meinem ersten Ausflug in die schwarz-weiß opalisierende Vergangenheit des Genres rühmte ich das Lächeln des Peter Cushing, der die Ambivalenz des Horrorfilms zwischen Erotik und Gewalt, zwischen Sehnsucht und Grausamkeit in feinnerviger Mimik, ganz zart, höchst subtil, spürbar machte. Während Bela Lugosi, Boris Karloff und auch noch Christopher Lee etwas von Jahrmarktsattraktionen an sich hatten, so schien Cushing inhaliert zu haben, welche köstlichen Grausam- und sexuellen Ungeheuerlichkeiten im Horror schlummerten. Seinem Sherlock Holmes nimmt man ab, daß er sich zuweilen mit etwas Morphium entrückte Vergnügungen verschafft.
Die klassische Gruselliteratur, derer sich Hammer bediente, war in Europa entstanden seit der Französischen Revolution, die das demokratisch Beste und sadistisch Grausamste im Mitteleuropäer entfesselt hatte. All die Wünsche nach Freiheit und Macht, nach politischer Individualität und ungehemmter Sexualität nahmen zu jener Zeit aber noch die Gestalt von Monstern an, vor denen man sich grauste, häßlich und brutal, aber dennoch anziehend und schillernd.
Goethe empörte sich in einem Gedicht über all die literarischen Trums, Geister, Gespenster und Monstrositäten, „Amerika, du hast es besser…“ – der Weimarer Dichterfürst glaubte, in den jungen USA herrschten Vernunft und Rationalität, jenseits der europäisch schwarzen und rosa Romantik. Als er mit diesem Gedicht das fortschrittliche Amerika feierte, konnte er nicht wissen, daß sich zur gleichen Zeit – in den 1820er Jahren – ein junger Schriftsteller anschickte, die tatsächlichen Dämonen des Menschen zu beschreiben. Er setzte an der amerikanischen Ostküste der Flut der aus Europas stammenden romantischen übernatürlichen Charaktere etwas entgegen, was man eigentlich noch gar nicht recht kannte: Psychologie – und damit den seelisch erschütterten Amerikaner.

Horror aus der Seele

Sein Horror, sagte Edgar Allan Poe, käme nicht aus Deutschland – das Land, in dem man die Wiege des klassisch-gothischen Grusels wähnte – dieser Horror stammt aus der Seele. Und so hatten auf einmal „normale“ Menschen Gelüste und Sehnsüchte, die in Europa dem dekadenten Adel oder grauenhaften Monstern zugeschrieben wurden: Poes Geschichten handeln von der Angst in der Nacht, von Alkohol und Drogen, von Todessehnsucht, Gefallen an Gewalt, Inzest, Ephebophilie und Nekrophilie.
In keiner anderen Erzählung hat Poe so deutlich-delikat wie damals irgend möglich diese Themen mit großer Sprachkunst ausgebreitet wie in „The Fall of the House of Usher“, jener Geschichte von einem Geschwisterpaar in einem alten, mit unrühmlicher Vergangenheit aufgeladenen Haus. Geschwisterliebe, Scheintod, Selbsthaß sind die Themen – das Leiden an sich selbst und an der Familie. Die wahren Gespenster und Ungeheuer sind die Traumata und Leidenschaften der eigenen Seele. Sie wabern unruhig und beunruhigend in den Abgründen des Ichs wie die Farbnebel im Vorspann von Roger Cormans „House of Usher“.

Der 1926 geborene Roger Corman ist eine Kinopersönlichkeit, die es so heute nicht mehr geben kann; ein cinematographischer Impresario. Womöglich hat er wie sein Altersgenosse Jerry Lewis es erzählt, einmal an einem Filmstreifen geleckt, denn bis in sein heute hohes Alter läßt ihn der klassische Film in all seine Facetten nicht los. Corman hat bei rund sechzig Filmen Regie geführt, für ungezählte das Drehbuch geschrieben, rund 400 Streifen produziert und fast die gesamte Regie- und Schauspieler-Corona New Hollywoods der 60er und 70er Jahre, von Francis Ford Coppola bis zu Peter Fonda überhaupt erst zum Film gebracht. Selbst als Darsteller findet man ihn etwa im „Schweigen der Lämmer“ oder dem AIDS-Drama „Philadelphia“.
Corman ist nicht, wie leichtfertig behauptet wird, the King of the B-Movies. Gewiß fing er mit Streifen an, deren Titel schon nach schönem Schund klingen: „Attack of the Crab Monsters“ oder „The Last Woman on Earth“ – und auch in den letzten Jahren noch brachte er als Produzent solche wonnigen Gewöhnlichkeiten wie „Dinoshark“ oder „Piranjaconda“ heraus, denen neuerdings Oliver Kalkhofe auf tele5 huldigt. Doch Corman war nicht nur Entrepreneur, sondern stieß – ob nun aus politischem Gewissen oder wagemutigen Finanzinstinkten sei dahingestellt – die Tore für neue, gewagte Themen auf. William Shatner/Kapitän Kirk spielte 1961 eine seiner ersten Hauptrollen im damals mutigen „The Intruder“, einem Film über Rassendiskriminierung, und mit „The Wild Angels“ bereitete Corman schon 1966 das Terrain für Motorrad-Roadmovies. Peter Fonda darf darin schon mal für „Easy Rider“ üben.
Berühmt ist Corman für seine Effizienz als Drehbuchautor und Regisseur. Der Kult-Film mit der fleischfressenden Pflanze, „Little Shop of Horrors“ soll der Legende nach in nur sechs Tage abgedreht worden sein. Als ein Streifen, in dem der alte Horror-Superstar Boris Karloff die Hauptrolle spielte, Tage vor dem gesetzten Termin fertig wurde, kloppte Corman über Nacht ein Drehbuch zusammen, übernahm die Darsteller, die ja ohnehin verpflichtet waren vom anderen Film und drehte in drei Mal 24 Stunden „The Terror“ – daß allerdings dabei viel geschludert wurde, sieht man dem Film auch an.

Horror in Farbe

Gegen Ende der 50er Jahre arbeitete Corman für eine kleine Produktionsfirma von der „Poverty Row“ – AIP, American International Pictures, noch unbedeutender als weiland Hammer, bevor man dort den Horror entdeckte. AIP hatte einen großen schwarz-weißen Schundausstoß, den damals nur die Bahnhofskinos zeigten. Als nun in England die Hammer-Films mit den neuen Dracula- und Frankensteifstreifen üppig ausgestattet und in Farbe große Kassenerfolge feierten, witterte man bei AIP Morgenblut und gedachte sich an diese dampfende Erfolgslokomotive anzuhängen. Natürlich hatte nun Hammer – wie einst Universal – das rechtliche Abonnement auf die klassischen Horrorgestalten. Aber mit Edgar Allan Poe hatte man in den USA einen heimischen Autor, der quasi präviktorianisch, dem Genre neue Schauder ermöglicht hatte. Roger Corman wählte also Poes „House of Usher“ für seinen ersten farbig-plüschigen Horrorfilm, mit dem im Gere vieles anders wurde: als er nun sein Drehbuch der Produktionsfirma vorlegte, wurde er mit Kopfschütteln gefragt, wo denn das Monster bliebe.

„Das Haus ist das Monster!“antwortete Corman – wenngleich die Chefs sich an die Stirn tippten, seine Filme spielten Geld ein und deshalb ließ man ihn gewähren. Nun war aber AIP noch ärmer als Hammer – und von einem üppigen Horror-Haus, einem Palast des Schreckens, kann beim besten Willen nicht die Rede sein. Die einzige Totale, die man vom House of Usher sieht, ist ein nicht mal besonders sorgfältiger Glas-Shot, also ein Bild, aufgemalt auf eine Glasscheibe, deren Motiv dann vor der Kamera in die übrige Deko eingepaßt abgefilmt wird. Aber wabernde Nebel und trübe Beleuchtung helfen schon, das verrottete Gebäude ansehnlich unansehnlich zu gestalten. Auch für die Innendeko muß das Budget winzig gewesen sein, als habe ein geiziger und uninspiriert Sparkassenfilialdirektor wie Jens Spahn den Etat genehmigt. Wir sehen ein paar Treppenaufgänge, einige Holzportale, mehrfach das gleiche Bett in angeblich unterschiedlichen Zimmern – und stets die gleichen roten Wachskerzen auf allen Leuchtern, aber keine Säle, Zimmerfluchten oder grandiose Gewölbe. Und die Spinnennetze der Gruft waren sicherlich schon dreißig Jahre zuvor beim ersten Dracula eingesetzt worden – so trug der Staub eben noch mehr Staub – und das kam der Verrottung zugute.

Wenn ich auch jetzt riskiere von Afficionados standrechtlich erschossen zu werden – selbst die Besetzung – man beschränkte sich nicht zuletzt aus Kostengründen auf vier Darsteller und ein Pferd – ist nicht optimal. Den zwischen Wahn und Todessehnsucht irrenden Roderick Usher spielt ausgerechnet Vincent Price, der damals schon bald 30 Jahre in Hollywoods zweiter Reihe sein Dasein gefristet hatte – manchmal lugte seine Bösartigkeit aber doch grandios hervor, etwa wenn er in „Die Drei Musketiere“ mit Gene Kelly als D’Artagnan den Kardinal Richelieu spielte. Es ist kein Wunder, daß Price in den 50er Jahren zum Horrorgenre fand, denn er neigte zum hemmungslosen Outrieren und zu einer Affektiertheit, die Fremdschämen auslöste. Aber zugegeben – schrecklich schmierig-schlecht Spielen, das konnte er wie kaum ein anderer.
Auch der notwendige Filmheld – der in Poes Originalvorlage nicht vorkommt – war ein wenig zu modern und glatt. Der hübsche Mark Damon, der aussah wie der jüngere Bruder von Mario Lanza, Gott sei Dank singt er nicht – kommt also ins untergehende House of Usher um seine Verlobte Madeleine vor den Fängen ihres seelenverschlingenden Bruders Roderick zu retten. Wie sich der attraktiver Bostoner und die Somnambule überhaupt haben finden können, bleibt das Geheimnis von Richard Matheson, dem Drehbuchautor. Matheson als Kenner des Genres aber weiß, daß man solche Löcher in der Handlung und andere Ungereimtheiten mit Verachtung strafen muß. Straffen muß man auch – denn er bringt es fertig die ganze Geschichte ohne Nebenhandlugen in knapp 70 Minuten zu erzählen.

Trotz Mäkeln gelungen

Wenn also diese vielen kleinen Mäkel und Hautunreinheiten heute beim wiederholten Sehen erst auffallen, dann zeigt das auch, daß „House of Usher“ bald sechzig Jahre nach seiner Entstehung den unschuldigen Zuschauer immer noch packt, daß es Roger Corman gelungen ist – mit Hilfe seines grandiosen Kameramanns Floyd Crosby, der eigentlich einer der großen Kameraleute der Schwarz-Weiß-Ära war, mit Farbe, wabernden Nebeln , Licht und Schatten, mit Blicken voller Ahnung und Düsternis eine Stimmung zu erzeugen, die an die Stimmung, die Poe mit Worten herbeizaubert, heranreicht. Denn ehrlich gesagt – eine Verfilmung ist dies nicht…sondern ein der Literatur verschwistertes Werk sui generis. Es gelingt hier filmisch, so wie in der Erzählung mit Sprache, einen Hauch spürbar zu machen, ein Dräuen, die Angst vor etwas Unaussprechlichem, vor dem Schicksal – wenn man denn an sowas glaubt (na, für die 70 Minuten des Films glaubt man sogar daran), vor dem Jenseits, in dem es auch keine Erlösung gibt. Ein unchristlicher Film, ein fatalistischer, den man eigentlich verachten möchte für diese Grausamkeit, aber in den wir wie in den Anfangsnebel einsinken, weil alles so wohl-und-wehe-wohlig uns umwabert. Ja, gewissermaßen hat selbst der Stabreim-Wagner seine Spuren hinterlassen, denn Les Baxter, der bis dahin hauptsächlich unterhaltsame Stücksken für Massenfilme komponiert hatte, webt einen leitmotivischen Musikteppich über den ganzen Film – aber er weiß auch, wann er Pausen einlegen muß, um dann mit einem Crescendo auf die Schauderpauke zu hauen.

So ist – wie auch bei Poe, das Ganze mehr als die Teile… – wenn uns in den Erzählungen und Gedichten des unglücklichen Alkoholikers seine privaten Alpe schauderhaft-wonniglich spürbar werden durch Alliteration, Rhythmus, Reim….was geht über das Original solcher Anfänge:

Once upon a midnight dreary
While I pondered weak and weary
Over many a quaint and curious volume of forgotten lore? (The Raven)

…unbedingt nur im Original zu lesen…dann schaffen es Corman und seine Kollaborateure aus vielen winzigen Details: Nebel, wehenden Stores, Zucken im Mundwinkel und Aufblitzen auf den feuchten Pupillen, daß wir in den Malstrom der Ushers hinabgezogen werden. Und was anfangs schleichend langsam zu sein scheint – aber das Unheil kriecht zuerst nur heran – nimmt am Schluß gräßlich-rasende Fahrt auf. Und das gemalte Gebäude von Beginn steht in Flammen und begräbt unter sich …the fragments of the House of Usher…

Nach diesem Film war kein Halten mehr – die Kritiker nörgelten, aber die Zuschauer, die merkten, daß es nicht mehr um die Pubertätspickelprobleme von Teenage-Werwölfen im Horrorfilm ging, liebten diese schwülen Nachtphantasien.

Und wie bei Hammer in England aus einer Formel ein Stil entwickelt wurde, so schuf auch Roger Corman mit den fast immer gleichen Ingredienzien eine Reihe, die als Poe-Zyklus in die Filmgeschichte eingegangen ist. Fast immer bediente man sich der gleichen Schauspieler und der gleichen Crew – Vincent Price wurde nun zum Superstar des Genres. Dieselbe Kulissen fanden wieder und wieder Verwendung; sogar der Brand vom ersten Film wurde aus Sparsamkeitsgründen immer wieder eingesetzt. Selbst die Drehbücher wiesen inzestuöse Verwandtschaften auf – wobei Inhalt und Form also aufs Engste miteinander verknüpft blieben.
Zu „Usher“ kamen „Pit and Pendulum“, „Buried Alive“, „The Raven”, „Tales of Terror““The Mask of the Red Death” und “Ligeia” – und noch einige Nebenwerke die man mir nichts dir nichts auch als Poe-Verfilmungen ausgab: „Comedy of Terrors“, oder „The Haunted Palace“. So entstand bis in die späten sechziger Jahre wie bei den Hammerfilms ein eigener Horror-Kosmos in Samt und Plüsch, mit over-the-top-Vorstellungen von Vincent Price und mit lodernden Palästen, die am Schluß niederbrannten in gefräßigen Flammen, genährt von den Lüsten, Süchten und Eifersüchten der Protagonisten.

Anders als bei Hammer aber – wir sind noch immer im prüden Amerika – gibt es im Poe-Zyklus von Roger Corman kein nacktes Fleisch zu sehen, keine Lesben oder Väter, die ihre Töchter sexuell bedrohen…all das meint man aber gesehen zu haben, jene Abgründe der Großbürgerlichkeit…jene Finsternusse der amerikanischen Familiarität…noch nicht ganz deutlich und deshalb sinkt die Beunruhigung über die traurigen Tatsachen auch erst einmal wieder in ewig scheinende Schweigsamkeit wie das House of Usher in den Sumpf.
So zeugt der eine Zyklus den anderen – und die Kontinuität des Genres setzt sich angenehm fort…aber siehe da – kaum hatte Roger Corman sein „House of Usher“ erfolgreich in die Kinos gebracht, wollte man es ihm gleichtun – so wie jener versucht hatte, es den Hammerfilms gleichzutun…

Horror italienisch

In Italien – ausgerechnet. Aber der viktorianische und der neuenglische Horror wuchern aus den Fallstricken des Puritanismus. Wie konnte denn der katholische Horror Italiens aussehen, wo man an jeder Straßenecke bald der allgegenwärtigen Horror-Gestalt des hingerichteten Gottessohnes in Nacktheit und mit verkrustetem Blut, gefoltert mit Dornenkrone, dem Lanzenstich in der Hüfte und ans Kreuz genagelt begegnen konnte. Nacktheit (wenn auch verpönt, doch noch aus heidnischen Zeiten herüber lugend) christlicher Sadismus und Masochismus beherrschten die katholische Wollust. Daß mit diesem Urgrund, anders als mit dem aus dem angelsächsisch-protestantischen Sumpf, etwas anderes entstehen mußte, war zu erwarten. Und so brachte Mario Bava, ein bisher unauffälliger Hilfsregisseur, den man bat, so etwas Ähnliches wie „House of Usher“ oder die Hammerfilms zu machen – etwas ganz Neues hervor…auch wenn man den ersten Blick meint, „La frustra e il corpo“ sei ein Ableger der Corman-Gewächse. Der deutsche Titel, „Der Dämon und die Jungfrau“ verweist noch einmal auf die von Monstren bedrohte Unschuld. Der originale, damals Zensur-umstrittene Titel („Die Peitsche und der Körper“) aber spielt ganz bewußt mit den Doppeldeutigkeiten ausgefallener Sexualität und Triebwünschen, die man im Angelsächsischen höchstens Mr. Hyde zuschob.

Außerdem ist „La Frustra et il Corpo“ viel eleganter als die Corman-Filme, zwar genauso schnell, aber eben nicht so schluderig gedreht. Seine Farben sind bunt-schwärzer und schillernder, die erotischen Verwicklungen der Familie Menliff noch abgründiger und die Grüfte glaubwürdiger als in den Poe-Verfilmungen. Bava hatte keine literarische Vorlage und feierte als ehemaliger Maler seine ganze Lust an der Farbe und dem Spiel mit der Form auf rein filmisch-orgiastische Weise. Noch stärker und mutiger als Corman wandte er Mittel der Pop- und Op-Art an und zuweilen macht man bei ihm psychedelische Erfahrungen.
Einige Szenen in Bavas Horrorfilmen zitieren – Filmbuffs merken das – frühe Disney-Streifen. Wenn junge Frauen in wehenden Nachtgewändern durch wirre Wälder eilen, dann ist das der Schreckensflucht Schneewittchens vor dem auf ihr Herz versessenen Jäger in der Disneys Version abgeguckt… Disney ist nämlich nie so süßlich gewesen, wie er uns gerne glauben machen wollte; das wäre ja noch ein schönes anderes Thema für später…Liebe Kinder, wenn ihr etwas größer seid, erzähl ich euch mal von ganzen versteckten Schweinereien bei Onkel Walt! Wenn man weiß, wo Mama und Papa ihre Pornohefte und Sexspielzeuge verstecken, nämlich zwischen der Bettwäsche und den Küchentüchern im Kleiderschrak, dann findet man solche Sachen auch bei Disney…
Aber ich gerate vom Hundertsten ins Tausendste. Wir sehen jedoch: gut gemacht Triviales ist gar nicht trivial und Horrorfilme sind der Spiegel unserer erotischen Sumpflandschaften…darum fängt Roger Cormans „House of Usher“ auch mit so einer abgestorbenen Landschaft an.
Aber hat er das wirklich beabsichtigt? – na, er würde, wenn man ihn fragte, berichten, daß am Tag vor Drehbeginn ein Waldbrand in der Nähe von Los Angeles eine ganze Landschaft zerstört und in eine noch rauchende Mondwelt, mit schwelenden Baumleichen verwandelt hatte. Wenn das mal nicht die Stimmung des Filmes noch verstärken würde, will er gedacht haben; und außerdem sparte er so einen schönen Batzen für die Dekoration.
„Verlust jedenfalls hat nie einer meiner Filme gemacht“, erklärt der sparsame Corman gerne und wehrt damit die Frage, ob er nun ein künstlerischer oder kommerzieller Filmemacher sei, mit einem süffisanten Schmunzeln als perfekt-bescheidener Gentleman elegant ab.

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