Herbeigeprügelte Tiefsinnigkeit

Kolumnist Sören Heim amüsiert sich heute über die gute deutsche Literaturtradition, mit krampfhaft verdunkelnder Sprache unheimliche Tiefen zu suggerieren wo nur seichtes Gewässer plätschert. Während das Holzschiff in der Flaute dümpelt geht die Sonne eines neuen Fachbegriffs am Horizont auf…

Holzschiff Bernhard von Sommerhitz - unter CC-BY-2.0, zugeschnitten

Nennen wir diese Sätze Jahnnierismen.

Sätze wie „Ich kann Ihnen keinen physikalisch-mathematischen Beweis meiner Behauptung geben, will es auch nicht“. Oder „Man zerstreute sich und war doch geeint in der Gewißheit, daß ein Abschnitt im Geschehen erreicht sei“.

Sätze, in denen sei’s der Erzähler, sei’s ein Charakter der Erzählung, ex- oder implizit vorgeben, an „Urgründe der Seele“, des Trieblebens, an die unabänderlich-menschliche Existenz unter all den Oberflächlichkeiten des Alltäglich-kontingenten zu rühren.

Noch so einer: „Er musste die Sünde tun, oder sich erschöpfen. Doch die Sünde, so verlockend sie ihm auch oft erschienen war und wieder erschien, er widersetzte sich“.

Sätze, die von behaupteter Tiefe nur so triefen, ohne dass ihnen auf der Ebene des Erzählten, der Textkomposition oder auch nur der Figurencharakterisierung ein Äquivalent gegeben wäre, das die Wendungen plausibel machte. Ach kommt, einen hab ich noch:

Ich verbiete dir mit irgendjemand über Dinge, die zwischen uns bleiben müssen, unterdrückte Meinungen auszutauschen

Von Hessen und Sloterdijk

Der Jahnnierismus ist eine Art des Schreibens die sich beinahe unvermeidbar einstellt, wenn meist überdurchschnittlich intelligente junge Menschen, die sich ihre leidvolle Existenz in der Welt jugendlicher Gruppenzwänge unter anderem in der exzessiven Lektüre Kafkas*, manchmal Nietzsches und nicht selten deutscher und französischer Existenzialphilosophie zu erklären suchen, an erste literarische Experimente wagen. Ein Schreiben „als ob“, das sich für gewöhnlich abwetzt, so man auf die richtigen Lehrer trifft oder auch nur Bekanntschaften mit internationaler Literatur wagt, das sich allerdings – deutscher Sonderweg der Moderne, in der die Pubertät gut bis in die frühen Dreißiger andauern kann – manchmal zu halten vermag, hat man doch verpasst die unseligen Vorbilder je auf das rechte Maß zurechtzustutzen.

Jahnnierismen nennen wir so nach dem Werk Hans Henny Jahnns, das zu sicher 40 bis 60 % aus solchen besteht. Hermann Hesse dürfte auf bis zu 30 % kommen, auch Musil ist ein großer Jahnnierist. Für Texte mit einer Jahnnierismendichte von 80 % und mehr hat sich in der neueren Literaturkritik der Fachbegriff „Sloterdijk“ eingebürgert.

Englischsprachige Schreibanfänger kennen Jahnnierismen übrigens kaum. Sie scheitern schon eher an dem Missverständnis bezüglich Joyce und Konsorten, ein großer moderner Text käme ohne Struktur aus und glänzte vor allem dadurch, dass man alles niederschreibe, was gerade so in den Kopf schießt. I’m looking at you, David Forster Wallace! Im Deutschen ist der Jahnnierismus der große Feind aller jungen Schreibanfänger, die mehr wollen als „nur“ Geschichten erzählen. In der professionellen Literatur befindet sich der Jahnnierismus auf dem Rückzug, mit ihm allerdings auch was sonst an sprachlicher Radikalität denkbar wäre.

Wie es konkret aussieht

Werfen wir zum Abschluss doch noch einen kursorischen Blick auf eine recht typische jahnnierismus-verseuchte Passage aus Jahnns „Das Holzschiff“.

»Und die Liebe?« fragte sie. Und forderte ihn heraus.
»Man kann darüber einiges sagen«, antwortete er, ››wir erliegen ihr. Die alten Trümmer unserer Instinkte sammeln sich zu gewissen Entscheidungen. Wir sind ja Fleisch. Es gibt eine Kraft, die uns daran hindert, uns ins Meer zu stürzen«
»Es gibt Menschen, die stützen sich hinein«, antwortete sie trotzig.
»Irgendwo ist der endliche Weg zuende«, sagte er.
»Ist noch ein Sinn in unserer Unterhaltung«, fragte sie.
»Wir kennen die Zukunft nicht«, antwortete er, »und es gibt Anlässe, die uns zwingen, keine andere Peinigung zu haben, als nach ihr zu fragen. Das Ungewisse ist wie flüssiges Metall, es kann uns sengend durchlöchern.«

Selbst wenn man, wie ich hier allein aus Gründen der Kürze, geneigt ist, den bramarbasierenden zweiten Absatz über die Trümmern der Instinkte, die Kraft, das Fleisch und die unbedingt gewissen Entscheidungen ebenso zu ignorieren wie die schreckliche flüssige Metalsülze zum Schluss, und all das als akzeptablen Manierismus der Romanfigur Gustavs abzutun (man kann das natürlich nur, wenn man übergeht, dass jede einzelne Figur in Jahnns Romanen so redet, bis hin zum ungebildetsten Leichtmatrosen), finden sich hier doch einige Hämmer, über die ich jeden Schüler, der mir diesen Text vorgelegt hätte, gebeten hätte, zumindest noch einmal tief in sich zu gehen.

Wenn etwa eingangs Elenea fragt „Und die Liebe?“ – so wüssten wir in einem guten Text aus der Anlage der Charaktere heraus, mindestens aber aus der Situation und den Reaktionen, von der herausfordernden Natur dieser Frage. Der explizite Nachsatz „Und forderte ihn heraus“ (nicht etwa: „fragte sie herausfordernd“) ist mehr als fragwürdig.

Und das gilt doch wohl auch für das Aperçu, irgendwo sei der endliche Weg zu Ende. Waste nich sagst!?

Geradezu erbärmlicher Penäler-Stil ist es dann, die sich dem Leser sicher aufdrängende Frage nach dem Sinn der Unterhaltung sogleich Elena in den Mund zu legen: „Ist noch ein Sinn in unserer Unterhaltung?“ Ein Kafka, meinetwegen auch ein Beckett sind an solchen Stellen gerade deshalb größer, weil sie dem Leser nicht jeden Gedanken und jeden Affekt vorkauen.

Und gibt es wirklich Anlässe, die uns zwingen ausdrücklich keine andere Peinigung zu haben als nach der Zukunft zu fragen? Oder wissen wir nicht manchmal einfach nur nicht was geschehen wird und das ängstigt uns? Aber kann Zeit überhaupt eine Rolle für menschliche Regungen spielen, wenn an anderer Stelle, eine Seite zuvor, erklärt wird „Gustav war nicht verwirrt und der Raum verlor sich nicht in die vierte Dimension.“?

***

Jahnnierismen, das wäre vielleicht als Minimaldefinition aus dem Vorherigen zu ziehen, sind also vom gelungenen stilistischen Mittel darin zu unterscheiden, dass sie Texte verdunkeln und schwerer durchdringlich machen, ohne dass das Brüten über ihrer Bedeutung zu weiterreichender Erkenntnis führte. Weil sie im Stile „weiser“ Sentenzen hingeworfen werden widersprechen sie sich auch regelmäßig, oft nach wenigen Seiten, teilweise sogar Zeilen.

 

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*1Kafka selbst übrigens verdunkelt entgegen verbreiteter Annahme Text über die Struktur der Fabel und ist beinah frei von Jahnnierismen.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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  • Sgt.Pepper

    Das Foto mit dem Holzschiff weckt Erinnerungen. Ein solches Modell war in den 70er Jahren typisches Produkt des Werkunterrichts der 5. oder 6.Klasse. Dort wurde man auch an Abgründe der menschlichen Seele herangeführt. Sloterdijk habe ich allerdings nicht gesehen; man kann sich ihn auch schlecht als Werklehrer vorstellen.

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    Das von Ihnen so trefflich beschriebene ungelenk-raunende Geschwalle erinnert an Juli Zeh. Kann es sein, dass sie die größte Jahnierristin unserer Zeit ist?

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