Das Licht hinter den Wolken

Mit einem über weite Strecken sehr überzeugenden Roman schließt Kolumnist Sören Heim die Fantastische Reise (zumindest vorläufig) ab.

Foto: SH

Das Jahr geht zur Neige. Meine Reiselust auch. Etwa 30 Fantasyromane habe ich für die Fantastische Reise gelesen, knapp 15 davon hier besprochen. Unter den Tisch fielen nicht zwingend die schlechtesten Texte, sondern solche, deren textkritische Beackerung statt neuer Erkenntnis vor allem die Wiederholung bekannter Kritikpunkte bedeutet hätte.

Rein schauen, nicht drauf

Einen wirklich schönen Roman möchte ich allerdings zum Jahreswechsel dann doch noch vorstellen. Das Licht hinter den Wolken von Oliver Plaschka. Autorin Alessandra Reß, deren Kommentar zur Kolumne im European einen wichtigen Anstoß für die Artikelserie gab, empfahl ihn mehrfach, zuletzt im November wieder. Dass ich ihn immer wieder verschob, lag vor allem an der kitschigen Amazon-Beschreibung und dem 08/15-Buchcover.

Don’t Judge a Book by its Cover – in überraschend vielen Fällen ist die Weisheit Unsinn. Geschmack macht nicht beim Buchdeckel Halt und ein Verlag, der in der Auswahl seiner Autoren treffsicher ist, wird gar nicht so selten auch ein gutes Händchen fürs künstlerische Drumherum beweisen. Hier aber trifft’s. Schauen Sie nicht aufs Buch, schauen Sie rein.

Fragmente, geschickt verwoben

Das Licht hinter den Wolken ist (beinah) klassische High Fantasy mit marginalen Abweichungen im Setting. Drei anfangs kaum verbundene Handlungsstränge tragen das Buch: Aufwachsen, Flucht und spätere Karriere als Widerständlerin der Halbwaisen April, die ihrer Heimat den Rücken kehrt, nachdem sie mit siebzehn zwangsweise verheiratet werden soll. Der Aufstieg der Senatorentocher Cassiopaia zur mächtigen Kriegerin nach der Ermordung ihrer Familie. Und die spirituelle Reise des Magiers Sarik, der zu ergründen sucht welche Verfehlung ihm die Strafe eines 800-jährigen Schlafes eingebracht hat und woher seine eklatanten Gedächtnisslücken stammen. Begleitet wird Sarik von einem Irrlicht, dessen Wandel vom ungewöhnlichen Sidekick zu einem ganz entscheidenden Faktor der Handlung zu den genialeren Kniffen im Buch gehört. So autonom die einzelnen Handlungsstränge über weite Strecken gegeneinander entwickelt werden, so sauber werden sie verwoben, je näher das Ende rückt. Dass sich dabei nicht alles restlos klärt und das Schlusskapitel vielleicht mehr Fragen aufwirft als beantwortet, ist eine Stärke des Romans, keine Schwäche, und hebt sich wohltuend von zeitgenössischer Erklärbären-Phantastik a la Rowling ab, die zu Gunsten der lückenlosen Erkundung der fiktiven Welt Ambiguität scheut wie Katzen das Wasser.

Was also kann der Roman?

I – In Szenen, Ideen, Tönen malen

Aus Plaschkas Feder fließen einige der schönsten und dichtesten Passagen der modernen Phantastik. Nicht ausufernde Landschaftsbeschreibungen à la Tolkien oder Martinsche Kaskaden übergroßer Worte, sondern sich ganz auf die jeweilige Situation einlassende Prosa, in der sich Form und Inhalt ohne Kompromisse und Rücksicht auf den von literarischer Pragmatik schon lang der Schönheit sprachlichen Wohlklangs entwöhnten Durschnittsleser durchdringen. Etwa:

Sarik atmet ein, genießt die frische Luft und die kühle Berührung der Farnwedel. Der Wald ist wie aus Türkis gehauen. Das Moos auf den Stämmen changiert in samtenem Grau und Grün. Die Vogelrufe im hohen Geäst scheinen das Echo vergangener Rufe, als ob jeder Sänger dem Lied des anderen respektvoll lauscht, ehe er es erwidert. Dann segelt ein Flughörnchen keckernd durch die Wipfel und verschwindet. Eine Spinne hebt höflich ihr Netz für ihn, und Sarik folgt einem der zufällig auftretenden Wege tiefer in den Wald (…)

Besonders wo Magier, „Eolyn“ und „Wesenheiten“ wirken, wo gezaubert, geträumt oder sinniert wird, ist Das Licht hinter den Wolken Hochgenuss. Und Sariks Strang und die Wettermagie zeigen: Plaschka hat Sinn für Musik, begreift Komposition und so wohl auch literarisches Schreiben nicht als Nacheinander, sondern als wohlbedachtes Neben-, In-, Mit- und Nacheinander, was der Gesamtanlage des Romans sehr zu Gute kommt.

II Temporeiches Erzählen

Dabei verfällt Plaschka nie in weitläufiges Geschwätz. Er verzichtet auf das in der High Fantasy virulente ausufernde Schildern von Reisen und Kämpfen, lässt zwischen der Entscheidung, ein magisches Schwert im Gebirge zu suchen und der Ankunft dort durchaus auch mal nur Sekunden vergehen, und versteht es Hintergrundschichten, Legenden und Details zur „Mittleren und Näheren Welt“ meist locker und wenig aufdringlich in Dialoge einzuflechten.

III Mythologie

Das gilt besonders für die komplexe Mythologie, die ebenfalls weniger durch ein kompliziertes Regelwerk als durch erzählerisch entfaltete Schönheit besticht. Das Prinzip „Show, don’t tell“ auf den Mythos anzuwenden, der in vergleichbaren Romanwerken oftmals nur das immergleiche Hintergrundrauschen zur „Handlung“ darstellt, indem das Wirken der Götter selbst zum immer Zentraleren Movens des Textganzen wird, ist ein selten so wirkungsvoll durchgeführter Kunstgriff. Mythen über Mythen inklusive, so dass Das Licht hinter den Wolken letztendlich unerwartet frische Perspektiven auf den eigentlich ausgelutschten Fantasy-Topos von der Deutung der „Entzauberung der Welt“ (Weber) als reales Verschwinden der Magie aus einer einst magisch aufgeladenen Welt setzt.

Und wo hakt’s ein wenig?

I Worldbuilding – Mikro vs Makrokosmos

Es scheint kontraintuitiv angesichts des bisher Gesagten, aber die Mittlere und Nähere Welt bleibt als Welt im Großen und Ganzen doch eher blass, vielleicht sogar Stückwerk. Wie auch bei Mievilles Perdido Street Station will sich die Illusion einer Multipolaren Gesellschaftsordnung mit Geschichte selten einstellen. Viele interessante Ideen umgeben den Plot, aber seien es seefahrende Katzenwesen oder Telegrafie, die meisten Völker und Techniken wirken wie entweder erdacht um die Geschichte voranzutreiben oder als Homage an / Unterlaufen der Gewohnheiten des Fantasylesers. Besonders aber die akribisch naturalistische Zeichnung im Kleinen (Aprils Jugend etwa oder die „eingeschlossene Ausgeschlossenheit“ der mysteriösen faunenartigen Fealv innerhalb der menschlichen Mehrheitsgesellschaft, wirken, jeweils an konkreten Einzelschicksalen, absolut plastisch), kollidiert hier und da mit der Großen Welt (s.u. „Naturalismusfalle“). Es sind keine schrecklichen Unstimmigkeiten, aber manches fühlt sich etwas erzwungen an.

II Charaktere

Plaschka selbst zeigt sich betrübt, dass manche Leser mit April nicht warm wurden. Ich kann das nachvollziehen. Mir ging es ähnlich. Genauer sind die Kindheit Aprils ebenso wie das Leben des Fealv Janner, als er noch Ianus heißt, hochinteressante und extrem glaubhafte Textpassagen, psychologisch nachvollziehbar und dabei merklich von einem Geheimnis umgeben, wie es kaum in anderen Expositionen in der Fantasy der Fall ist. Die Bruchstelle, an der der Zauber verfliegt ist genau zu identifizieren: Wenn Aprils erste Suche endet und sie das magische Schwert Schneeklinge gewinnt, verwandelt die Heldin sich von einem vielschichtigen Charakter, der mit seiner Herkunft, mit verwirrenden Intuitionen und einer nie ganz geklärten Begegnung als vierjährige mit einem (Laut Überzeugung im Dorf nicht existierenden) Zauberer zu hadern hat, in eine badass unbesiegbare Kämpferin, die kaum mit dem Mädchen von zuvor in Deckung zu bringen ist. Ähnliches gilt für Janner, der vom Geheimnissumwitterten Relikt einer anderen Zeit zur Love Interest mit Vaterkomplex absteigt. Schwertmeisterin April leidet zudem darunter, dass ein Schwert, das seinen Träger führt, fast zwangsläufig zu Vergleichen mit Elric of Melniboné einlädt, dessen Mensch-Schwert-Symbiose Das Licht hinter den Wolken einiges an symbolischer Tiefe voraus hat.

III Die Naturalismusfalle

Insgesamt hat die Charakterzeichnung hier und da mit etwas zu kämpfen, das ich die „Naturalismusfalle“ taufen möchte. Seit Fantasy den hohen epischen Ton zu Gunsten eines vorgeblichen Realismus aufgegeben hat, kollidieren die profanen Existenzen der Helden noch heftiger als zuvor mit der großen Aufgabe. Um aus dem glaubhaft gezeichneten Mädchen April eine große Heldin zu machen braucht es das übermächtige Schwert. Um den Preis dass April im Anschluss fast vollständig hinter ihr Schwert zurücktritt. Auch das Worldbuilding hat entsprechend an der Naturalismusfalle zu schleppen.

IV Zweierlei Selbstreflektivität

Vielleicht als Folge davon, vielleicht im Strom der allgemeinen postmodernen Unsicherheit über gefestigte Narrative reflektiert auch Das Licht hinter den Wolken immer wieder auf das Erzählen an sich und die prinzipielle Schwierigkeit Wahrheit in Geschichten zu finden. Nicht so exzessiv wie etwa Der Name des Windes, wo gefühlt jeder zweite Satz mit den Worten „ das ist ganz anders als es in den Büchern steht“ abgeschlossen wird, aber doch manchmal mit dem Holzhammer. Vor allem Janner klingt in seinen Überlegungen dazu, wie er und April ihre Geschichte formen sollten, hier und da wie ein Literaturstudent, der zum ersten Mal aus einem Poststrukturalismus-Seminar stolpert.

Janner schaute gekränkt drein. »Weil es um unsere Namen geht. Deshalb machen wir das doch (…) Ich würde sagen, es kommt ganz darauf, wie wir die Geschichte erzählen…

Weil wir hier sind. Damit ist dieses Land Teil unserer Geschichte. Wenn sich jemand an uns erinnern wird, dann hier. Hast du schon vergessen, weshalb wir damit angefangen haben?

[Er] spürte es selbst: Hier war die Chance, ihr Schicksal zu ergreifen und ihre Träume in die Tat umzusetzen. Ihre eigene Geschichte zu schreiben

(usw usf)

Solch unplausible moderne Subjektivität stört insbesondere deshalb, weil der Roman (s.o.) als Ganzes geschickt als praktische Kritik der geschlossenen widerspruchsfreien und lückenlosen Großerzählung(en) angelegt ist. Da braucht es keinen (wiewohl sich selbst betrügenden) Theoretiker, der zwischenzeitlich beinah aus der Geschichte heraus tritt um dem Leser zu erklären, was der Autor im großen und ganzen so überzeugend anstellt.

Aber man lasse sich von den ausgebreiteten Kritikpunkten nicht abschrecken. Dass sie länger erscheinen als das Lob liegt in der Sache: Man möchte die Kritik doch möglichst sauber begründen. Wer High Fantasy schätzt sollte an Das Licht hinter den Wolken Gefallen finden. Aber auch wer den Sprachfluss eines Garcia Marquez oder vielleicht Friedo Lampe schätzt sollte einen Blick riskieren.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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