Drei Tage nach Berlin

Entscheidend ist, demokratische Werte nicht der Totalüberwachung zu opfern, das Geschenk der Freizügigkeit nicht mit Laissez Faire zu verwechseln und humanitäre Hilfe nicht gegen Stacheldrahtgrenzen aufzurechnen. Auch hier gilt: wir schaffen das als Demokratie, als Deutschland.


Was immer am Ende der Berliner Ermittlungen stehen wird: ein islamistischer Einzeltäter, eine wohl vorbereitete Tat einer noch unentdeckten, größeren Terrorzelle (à la Paris oder Brüssel) oder gar etwas völlig anderes (rechter Terror, linker Terror, Staatsterrorismus) – gänzlich verhindern, lässt sich so etwas leider auch künftig nicht.

Selbst wenn es Anis Amri war und er natürlich längst hätte abgeschoben werden müssen, Fahndungspannen und Infopannen passiert sind; es dürfte viele andere Anis Amris hier und anderswo geben, verblendete, narzisstische Killer, die vielleicht ihrem “Auftritt” entgegenfiebern. Sie alle wegzusperren oder auch nur rechtzeitig zu entdecken und jeden einzelnen abzuschieben, mag erstrebenswert sein, ist indes schlicht unmöglich und um den Wert einer freien Gesellschaft vermutlich auch nicht wünschenswert.

Genauso abwegig erscheint mir die gegenwärtige und wohlfeile Prügelei auf Merkel, de Maizière, Jäger und andere einzelne Politiker. Niemand hat ein Patentrezept, das zu Deutschland und unserem Leben hier passte. Und wer solche angeblich besitzt und sie präsentiert (think Seehofer), bedient nur Populisten. Dass auf dieser Seite viel zu holen ist, beweist die AfD mit ihren unsäglichen Galionsfiguren. Schlicht widerwärtig! Ja, selbst der kompletten Gesetzgebung kann kaum der Vorwurf gemacht werden, durch Versäumnisse die Tat (und andere) ermöglicht zu haben. Dies hieße die Wirkmacht von Politik völlig zu überschätzen.

Diese bei aller Brutalität letztlich singulären Ereignisse in einem 80-Millionen-Land werden nie völlig vermeidbar sein, will man nicht in einen repressiven, totalitären Staat abrutschen – und mir scheint, Terror gedeihe in Diktaturen und unter solchen Regimen in noch üblerer, skrupelloserer Form.

Entscheidend ist, polizeiliche und rechtliche Stellschrauben behutsam zu verändern, demokratische Werte nicht der Totalüberwachung zu opfern, das Geschenk der Freizügigkeit nicht mit Laissez Faire zu verwechseln und humanitäre Hilfe nicht gegen Stacheldrahtgrenzen aufzurechnen.

Auch hier gilt: wir schaffen das als Demokratie, als Deutschland. (und das ist politisch UND gesellschaftlich gemeint). Die weitgehend gelassene Reaktion der Berliner Bevölkerung in den letzten Tagen mag dafür als bemerkenswerter Gradmesser und Vorbild dienen.

Aber es klappt gewiss nicht, wenn um des publizierten Effektes wegen alle auf alle eindreschen und sich gegenseitig die Schuld zuweisen. Den Schreihälsen und Besserwissern, den selbst ernannten “Sicherheitsexperten” und “Heimatbewahrern” nachzugeben, hieße den Job der Terroristen zu vollenden.

Die Schuld trägt der Terrorist, wer immer es war. Und zunächst nur der.

Horst Kläuser

Horst Kläuser, geboren 1956, ist Journalist und Moderator. Seit fast 40 Jahren arbeitet er beim Westdeutschen Rundfunk, zuerst als freier Mitarbeiter, dann als Redakteur, Reporter und Moderator. Lange Zeit war er Auslandskorrespondent in Washington und Moskau. Gegenwärtig ist er Chefreporter Hörfunk.

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