Der meistgelesene Roman Irans?

Der angeblich meistverkaufte moderne iranische Roman tritt mit erzreaktionärer Message an. Er drängt ein „gegen den Strich lesen“ aber geradezu auf.

Black - von Abhishek Srivastava - unter CC-BY-2.0, zugeschnitten

Der Morgen der Trunkenheit wurde mir von Amazon empfohlen, scheint, weil ich Nachts ist es leise in Teheran gekauft hatte. Nach professionellen, wie auch Amazonrezensionen, war zwischen Meisterwerk und Groschenroman fast alles zu erwarten, mit leichter Tendenz zum Groschenroman.

Der Morgen der Trunkenheit ist derzeit angeblich das meistverkaufte zeitgenössische Werk in Iran, was angesichts von Bestseller-Gestalten wie Dan Brown oder John Grisham erstmal vorsichtig sein lässt. Und dann soll es sich auch noch um einen stockkonservativen Roman handeln, eher ein Erziehungs-Buch à la Pamela als um einen Text, der in erster Linie eine Geschichte erzählt.

Das Buch ist sicher so gemeint. Die Autorin hat das bestätigt. Aber zum Glück kann Fattaneh Haj Seyed Javadi nun tatsächlich schreiben, und literarische Texte haben eine Tendenz sich gegenüber der Autorenintention zu verselbstständigen.

Liebesgeschichte, Horrorstory

In Der Morgen der Trunkenheit erzählt das alte „Tantchen“ Mahbube der jungen und verliebten Sudabeh ihre Lebensgeschichte, um diese von einer überstürzten Liebesheirat abzubringen.

Mahbube, als fünfzehnjährige hintereinander zwei Mitgliedern der iranischen höheren Gesellschaft versprochen, drängt stattdessen auf die Ehe mit Schreiner Rahim und bekommt ihren Willen. Nach einer heißen Honeymoon-Phase, die die beengten neuen Lebensverhältnisse vergessen lässt, entpuppt sich der Mann als Spieler, Trinker, Frauenschläger und auch wenn es im Buch so direkt nicht gesagt wird, als Serienvergewaltiger. Und zwischen ihm und seiner intriganten Mutter ist Rahim dabei noch der deutlich sympathischere Charakter! Nach langem Kampf mit sich selbst, dem Tod ihres fünfjährigen Sohnes, einer Abtreibung, um Rahim nicht nochmal durch Kinder Macht über sie zu verleihen und weiteren Verwicklungen, befreit sich Mahbube von Schreiner und Mutter, nachdem sie wenigstens einmal die Mutter so verprügelt hat wie es der Sohn mit ihr für gewöhnlich trieb.

Mahbube kehrt ins Elternhaus zurück und heiratet etwas später den zweiten Freier ihrer Jugend-, eher wohl Kindertage, und lebt fortan recht zufrieden, aber zur Liebe unfähig.

All das ist in ansprechender, wenig spektakulärer Weise mit viel Sinn fürs Detail aufbereitet, auch wenn es einige kitschige und einige Ekelmomente gibt, dominieren detailreiche naturalistische Beobachtungen zu den Lebensgewohnheiten im Teheran der – ich schätze – ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Nichtintendierte Lehren?

Dass Der Morgen der Trunkenheit wirklich fähig ist, Leserinnen in die angestrebte Richtung zu erziehen, darf stark bezweifelt werden. Zu lustvoll ausgemalt ist die große Liebe im ersten Drittel des Buches, zu krass, um als Regelfall der Mahnung zu dienen, die Exzesse im zweiten. Als eines Tarantino-Films würdige Rächerin mit ganz viel „female agency“, wie man neudeutsch sagt, taugt Mahbube viel zu sehr als Identifikationsfigur. Und vielleicht könnte man ja auf die Idee kommen, ganz andere Lehren aus der Romanhandlung zu ziehen:

Dass es etwa generell blöd sein könnte, Mädchen im Alter von 15 Jahren zu verheiraten. Dass mit weniger Druck und mehr Zeit Rahim der kleine Flirt geblieben wäre, zu dem er taugte, und nicht als große Liebe idealisiert den Eltern entgegengestellt worden wäre.

Ja, selbst der Schluss des Romans legt nahe, dass gegen das junge Freiheitsstreben kein Kraut gewachsen ist und noch die Nachdrücklichsten Warnungen nicht viel ausrichten werden. Dass Repression also zwar verdrängen hilft, Probleme die aus Trieb und Liebe erwachsen aber nicht lösen wird:

Vielleicht würde die Natur wieder siegen. Würde sich die Geschichte etwa wiederholen?

Tantchen humpelte davon, und Sudabeh betrachtete erstaunt und bewundernd ihren verschrumpelten Körper. Sie konnte sie sich nur schwer als junge, grazile Frau in prächtigen Gewändern … vorstellen, träumerisch und mit einem Herz voller Leidenschaft. Dennoch war .sie jetzt stolz darauf, daß sie ihr ähnelte. Sie spürte, wie sehr sie diese alte Frau, der der Kummer der Zeiten das Herz gebrochen hatte, liebte und verehrte (…)

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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