Kirchhoff, ja! Aber nicht für dieses Buch

Bodo Kirchhoff ist ein starker Autor. Sein Siegertitel ist eins seiner schwächeren Bücher. Vielleicht das schwächste.

Milky Way, Public Domain - Credit: NPS/Jacob W. Frank

„Kirchhoff ist auf eine durchaus bewundernswerte Weise beinahe von gestern, er wäre ein würdiger Preisträger“, schrieb ich in meiner Buchpreisprognose. Den Preis aber traute ich Kirchhoff gerade ob seiner Verweigerung gegenüber allem Spektakel nicht zu. Gott, lag ich falsch. Und gleich mehrfach.

Von Lesern und Hüten

Der allem Renommee zum Trotz, das Kirchhoff genießt, dann doch überraschende Buchpreisträger Widerfahrnis ist ein typisches Buch des Autors. Der Verleger im Ruhestand Reither lernt die etwas jüngere Huthändlerin ohne Hutladen Palm kennen, beide haben nichts zu tun, weil es längst mehr Schreibende als Lesende gibt und keine Hutgesichter mehr. Aus einem Gespräch an der Haustür erwächst die spontane Idee einer kleinen Ausfahrt, die endet in Sizilien. Ähnliches hatten wir schon in Verlangen und Melancholie sowie Die Liebe in Groben Zügen. Vor allem Italien. Immer wieder Italien.

Doch während die beiden großen Würfe Kirchhoffs aus zwar ungewöhnlichen, doch literarisch plausiblen Situationen erwachsen, wirkt schon das erste Treffen in Widerfahrnis schrecklich gestellt. Da raucht jemand vor der Tür. Da wundert sich der Verleger und muss unbedingt nochmal rausschauen. Da werden ständig Dinge gesagt und gleichzeitig gedanklich kommentiert wie „Sagen Sie, wie lange standen Sie vor der Tür? Er musste das fragen, ihr diese kleine Ruppigkeit zumuten“. Oder alltägliche Kleinigkeiten sogleich in Sphären des philosophisch-Allgemeinen geprügelt: „Aber … ich habe Ihre Zigarette gerochen – ohne Filter. Folglich haben wir beide gezögert. Weil das Menschliche mit der Zeit kaum einfacher wird, nicht wahr?

Zwanghafter Selbstbezug

Und so das Problem des Werkganzen schon vorausgedeutet. Im Gegensatz zu früheren Kirchoffs, die, wenn, eher an einer Schwäche des Rahmens litten, ist dieser Roman überkonstruiert. Man reist nicht nach Italien, man nimmt dabei auch noch ein (Flüchtlings?-)Kind auf. Spiegelung des verlorenen Kindes aus einer früheren Beziehung Reithers UND der verstorbenen Tochter Palms, über die diese zu allem Überfluss gerade ein Buch schreibt! Man verliert das Kind und sich aus den Augen, weil man zu fest zuzupacken sucht. Trennt sich und „adoptiert“ dennoch gemeinsam eine andere fliehende Familie. Reither schafft sie nach Deutschland, im Hause Palms, die in Italien bleibt, darf die Familie wohnen.

Was die Sache nicht besser macht: Der Roman ist sich seines Problems „bewusst“. Und thematisiert sich deshalb geradezu zwanghaft als Buch:

„Ich denke nicht gern zurück. Aber kommt es nicht in den meisten besseren Büchern vor, dass jemand zurückdenkt? Ja, aber wie Sie selbst festgestellt haben: Wir sind hier in keinem Buch.“

Eine dauernde Anbiederung ans postmoderne Schreiben, der alle postmoderne Leichtigkeit abgeht. Als cringeworthy würde man manche Passagen im Englischen beschreiben, und das gilt sprachlich leider insgesamt. Kirchhoff war schon immer ein antiquiert klingender Autor, in seinen besten Momenten brachte er (Thomas-)Mannhaft sprachlich Ordnung in die unübersichtliche Welt. In den schlimmsten Momenten steckte bisher mal ein Brechtscher politischer Apell zu Melilla oder zu Chelsea Manning eher ungelenk als barock-kontrapunktisch im Text. Hier aber nun wird aus „in bewundernswerter Weise von gestern“ kitschige Überstilisierung. Passagen wie die Folgende sind nicht Ausnahme, sondern traurige Regel:

Und eigentlich wäre es die Stunde der kleinen, einander leise erzählten Geschichten von frühem Kummer und frühem Glück gewesen, einem Flüstern als Vorbereitung auf das Küssen, aber er, Reither, hatte versucht, diese Phase zu überspringen, und schon lag eine Hand auf seinem Mund – Gedulde dich noch, ich gedulde mich auch, ein erster Kuss gelingt nur, wenn man sich selbst übertrifft, so weit bin ich noch nicht.

Lieber Die Liebe in Groben Zügen. Oder Melle

Wer also den Buchpreisträger dieses Jahres gebührend feiern möchte, der lese lieber Verlangen und Melancholie oder Die Liebe in Groben Zügen. Kirchoff ist es in Widerfahrnis gelungen auf 200 eher großzügig bedruckten Seiten ein Werk zu schaffen, das sich länger anfühlt als seine 600-Seiten-Schinken bisher. Und vergessen Sie nicht, in Melles Die Welt im Rücken einmal rein zu schauen. Das ist zwar tatsächlich auf keinen Fall ein Roman und tut auch gar nicht so. Höchst lesenswert ist es aber und ebenfalls in vielem ganz anders als die Prognose vermuten ließ. Dazu vielleicht ein andermal.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014.

In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel.

Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten.

Monographien:
Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front
Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover
kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu
Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen

Audio-Exklusiv:
La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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