Rebelliert doch! Konfliktfeld Rauchverbot

Raucher werden in ihren Freiheiten eingeschränkt. Teils auch persönlich übel angegriffen. Aber auch Rauchen kann Freiheiten einschränken. Kolumnist Sören Heim zweifelt an der Vision allgemeiner Rauch-Freiheit.

cigarette, von Ron Cruz unter CC-BY-2.0, zugeschnitten

Achja. Die Raucherei. In meiner Heimatstadt hängen manchmal an Laternenpfosten Aufkleber mit der Aufschrift „Raucher stinken“ oder „Raucher sind eklig“. So krass kann man sich derzeit wohl über keine andere Menschengruppe äußern, nicht mal über Männer. Denen unterstellt man zwar schonmal, an allem Übel der Welt schuld zu sein, doch müht man sich zumindest, dem Ganzen einen gewissen proto-wissenschaftlichen Schliff zu verleihen. Zugegeben: Zu rauchen ist die (bedingt) freie Entscheidung jedes Einzelnen. Aber auch mit anderen Menschen, die unverständliche und potenziell schädliche freie Entscheidung getroffen haben, geht man nicht so hart ins Gericht. Nicht mal mit Heino!

Raucher, Trinker, fahren, scheint’s, noch immer zum Beispiel bei Dating-Apps wie Tinder besser. Vielleicht zielt auf die letzten Residuen des Abenteuerlichen ein Teil des Hasses. Aggressive Rauchverbote machen es leicht, Rauchen auch sozial/moralisch auszugrenzen. Auch wahr ist allerdings: Rauchen verströmt einen (je nach Situation mehr oder weniger) unangenehmen Eigengeruch und kann für Dritte schädlich sein.

Raucht doch?

In seiner Kolumne „Raucht doch“ hat Jörg Friedrich hier vorgeschlagen, die Zeiger einfach wieder auf Null zu stellen, jegliche gesellschaftliche Regulierung des Rauchens aufzugeben, mit dem Argument, Verbote spielten dem Rauchen doch nur in die Karten. So entfalte sich das rebellische Image erst richtig. Mir scheint, da Verbote offenkundig wirken, wichtiger: Es handelt sich um tatsächlich tiefgreifende Eingriffe in die Freiheit von Rauchern und Gaststättenbetreibern, und eine Tendenz zur Ausweitung ins Freie und ins eigene Heim ist absehbar. Ich habe selbst geraucht und lebe im Gegensatz zu anderen Konvertiten seitdem nicht von der Verdammung meines früheren Lebensstils (wer wissen möchte wie anstrengend-nervig das wirkt, lese einfach mal öfter in den zentralen Selbsthilfeorganen des Ex-Maoismus, vulgo der „Springer-Presse“). Die andauernde Anti-Raucher-Dynamik ist gefährlich, ist mehr als eine reine Gesundheitsfrage. Sie zielt auf die Freiheit, sich selbst zu schaden und beim individuellen Optimierungswahn nicht mit zu machen, und rigorose Verbote dürften ihren Anteil an der Verbreitung von Aufklebern wie „Raucher sind eklig“ haben.

Ein abgefackeltes Jugendhaus

Allerdings: Auch das Rauchen ist faktisch ein Eingriff in persönliche Freiheiten. Und der Rebell, dem die Schranken dessen genommen werden, wogegen er rebelliert, setzt sich selten einfach zur Ruhe. Er beginnt zu herrschen.

„Den Moment, als der erste am Tresen ganz selbstverständlich seine Zigarettenschachtel aus der Tasche holte, sie öffnete, eine Zigarette entnahm und entzündete und sich dabei ganz selbstverständlich weiter unterhielt, werde ich nicht vergessen “

schreibt Friedrich. Und so sieht es aus: Selbstverständlich. In den vergangenen 12 Jahren habe ich mit schwindender Intensität (man wird älter) in einem Jugendzentrum in Selbstverwaltung mitgearbeitet, das noch vor dem Ausspruch der ersten allgemeinen Rauchverbote in Gaststätten einen schweren Brandschaden zu verwinden hatte. Schuld: eine vergessene Zigarette. Was haben wir alles versucht, um im Anschluss das Rauchen in geregelte Bahnen zu lenken. Draußen rauchen. Wenigstens draußen rauchen, wenn sich Einzelne durch Rauchen gestört fühlen. Wenigstens draußen rauchen, wenn sich die Mehrheit durch Rauchen gestört fühlt. Wenigstens die Aschenbecher benutzen! Nichts half. Mit der einen Hand drohte man noch, um dem Verbot Nachdruck zu verleihen, mit der anderen drehte man schon die nächste Kippe unterm Tresen, um sie spätestens dann anzuzünden, wenn der allgemeine Alkoholpegel etwas höher stand. Ja. Ich auch. Alle Raucher, die eigentlich für die Einschränkungen waren. Raucher sind so. Sicher nicht alle, doch gibt es genügend enthusiastische Freizeitrebellen, als dass sich Raucher bisher immer die Räume genommen haben, die man ihnen potentiell ließ. Vor dem Ausspruch der ersten Landes-Rauchverbote 2007 gab es weder in meiner Heimatstadt, noch in meiner Studienstadt, eine einzige Bar oder Kneipe, die auch nur einen Nichtraucherbereich vorsah.

Partyverbot für Kranke?

Dabei kann, auch wenn die Studien zu den Langzeit-Gefahren des Passivrauchens mit Vorsicht zu genießen sind, spätestens wenn Vorerkrankungen wie Asthma oder verschiedene andere chronische Probleme der Atemwege vorliegen, eine verrauchte Atmosphäre tatsächlich schädlich sein. Nicht nur auf die lange Frist gerechnet, sondern gerade kurzfristig. Und im Gegensatz zu anderen Geruchsbelästigungen genießt Rauchen sowieso schon einen Sonderstatus. Würde wer etwa im Restaurant in die Ecke pinkeln, man würde ihm was husten. Dabei ist Urin gesunder Menschen so ungiftig, dass man ihn sogar trinken kann und die Dämpfe, wie jeder weiß der einmal eine öffentliche Unterführung benutzt hat, mit Sicherheit absolut ungefährlich. Wer freies Rauchen für alle und zu jeder Zeit fordert, sollte also zumindest offen legen, was folgt: die Hegemonie einer Minderheit von Rauchern im gesamten öffentlichen Raum und in privaten Gaststättenbetrieben. Der Ausschluss kranker und empfindlicher Nichtraucher von gerade den lustbringenden Teilen des gesellschaftlichen Lebens, die der Raucher eben noch gegen die Spießer verteidigen wollte.

Die Hoffnung, der heilige Markt würde schon Nischen schaffen, ist ohne jede Grundlage: Der hatte zuvor schon mal gut 2500 Jahre Zeit.

Problem bereits gelöst?

Wie könnte also ein Kompromiss aussehen? Vielleicht ist es ganz einfach. In besagtem Jugendzentrum etwa war ein freiwilliger Rauchverzicht bisher immer undenkbar. Er ist es nicht mehr. Die Jahre des Verbots haben die Atmosphäre verändert, die Vorteile einer gestankfreien Kneipe werden geschätzt. Besonders beim Aufräumen am nächsten Tag. Ich bin mir zwar sicher, fiele das Verbot, es würde sofort wieder geraucht. Klar: Immerhin handelt es sich um junge Menschen zwischen 16 und knapp 30. Aber: Die Bedeutung z.B. von Nichtrauchertagen ließen sich jetzt viel einfacher verständlich machen. Und einfach mal unterstellt, Erwachsene seien doch zu ein wenig mehr Einsicht fähig als Jugendliche, könnten JETZT vielleicht die Nischen bleiben, die früher nur herbeifantasiert wurden. Dann könnte man tatsächlich sagen „raucht doch“, und ein temporäres Verbot hätte Möglichkeiten geschaffen, befreit von bisheriger kultureller Hegemonie neue Freiheitsperspektiven zu entfalten (Memo: vielleicht auch beim Thema Vollverschleierung mal antesten?) Wenn es nicht klappt: Warum nicht flexiblere Gesetze? Sommerzeiten mit mehr, Winterzeiten mit weniger Innenraum-Verboten? Zonengesetzgebung, wie sie im Städtebau sowieso üblich ist?

Und abseits dessen die Aufforderung: Rebelliert doch! Weil an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten das Rauchen verboten ist, heißt das ja nicht, dass man es lassen muss. Das Rebellenimage haftet dem Raucher so oder so an. Ein bisschen was sollte der aber bitte doch auch dafür tun.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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