Harry Potter und das verwunschene Kind – Kaufwarnung!

Ein Theaterstück soll der neue Harry Potter sein, ein bisschen auch Roman, viel Fanservice, und zudem Kommentar zu den sieben kanonischen Bänden. Das kann nur in die Hose gehen. Die deutsche Übersetzung erscheint am 24.September.

Harry Potter and the Cursed Child, Palace Theater, theater sign, von Counse unter CC-BY-2.0, zugeschnitten

1986 ließ Mario Vargas Llosa das Ensemble seines gefeierten Romanes Das grüne Haus in einem Theaterstück wieder auferstehen. La Chunga ist kein Meisterwerk, aber doch solide. Mit Gewinn und ohne Fremdscham lesbar. Llosa konzentriert die Handlung größtenteils auf einen einzigen Raum einer Kneipe im Piura des Jahres 1945. Er schert sich wenig um „korrekten“ Anschluss an den Roman, sehr allerdings um die innere Geschlossenheit des Stückes. Llosas Chunga macht all das richtig, was Harry Potter und das verwunschene Kind falsch macht. Das als „achter Harry Potter“ beworbene Theaterstück erscheint morgen auf Deutsch.

„Kein Quidditch im Theater“ (Aristoteles)

Um ein Theaterstück allerdings handelt es sich nur der rudimentärsten äußeren Form nach: Der Text zerfällt in vier Akte und ist desweiteren kleinteilig in Szenen untergliedert. Ansonsten krankt Das verwunschene Kind womöglich gerade an dem Bedürfnis, es allen recht zu machen, Romanlesern, Theaterfreunden, Potterheads, und wird so zu einem Theater-Roman-Monstrum mit massenhaft Hintergrundgeschichte. Was natürlich auch einiges damit zu tun hat, dass der Potter Fan mit der Zeit immer weniger sauber gearbeitete Literatur als detaillierte Informationen zur Welt in Rowlings Romanen suchte: „Hintegrundwerke“ wie Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind sind seit dem Abschluss der Reihe die Cashcow der Franchise. Und so lässt dann auch Das verwunschene Kind den Leser noch einmal Harrys erste Begegnung mit Hagrid miterleben, zeigt die ersten Schuljahre von Sohn Albus mit allen liebgewonnenen Stationen im Schnelldurchlauf, besucht wieder und wieder das Trimagische Tournier und nutzt Bühnenanweisungen um romantypisch die Szenerie auszukleiden („There’s a silence. A perfect, profound, silence. One that sits low, twists a bit, and has damage within it.“). Gut die Hälfte aller Szenen ist für die Handlung derweil praktisch irrelevant. Romane, insbesondere solche für Kinder, mögen von Detailfülle leben. Theater dagegen kann, nein: muss, wie man schon beim großen Aristoteles nachlesen kann, auf Quidditch verzichten!

Warum man Potter (so) nicht weiterschreiben kann

Ich möchte mich über die der abstruse Handlung, die unter anderem Zeitreisen und ein gemeinsames Kind von Voldemord und Bellatrix Lestrange umfasst, gar nicht ausführlicher auslassen. Es macht viel mehr Spaß die Rants der Fans auf Amazon zu lesen. Doch zumindest ein paar pottertinterne Handlungs- und „Ideologieprobleme“, die nicht einfach aus der Unfähigkeit der Autoren, ein Theaterstück zu verfassen, erklärt werden können (aber vielleicht umgekehrt Gründe für die Schwierigkeit, überhaupt eine Fortsetzung zu schreiben, liefern) seien erwähnt.

  • Die Heiligtümer des Todes war der geplante und gleichsam „natürliche“ Schluss der Reihe. Auch wenn Rowlings Versuchen so richtig böse und düster zu schreiben immer die bunte Internatsheiterkeit der ersten 3 ½ Teile anhaftete, faktisch hatte gerade Zauberhitler die Machtergreifung versucht und war knapp gescheitert, ein Völkermord und eine Diktatur unter rassistischen Vorzeichen waren vereitelt worden. Vor diesem Hintergrund ist der Zuckersüße Epilog schon problematisch, ein Nachfolgeband in dem ehemalige SS-Schergen (Todesser) und Antifaschisten an einem Tisch sitzen und sich höchstens mal recht locker über die Kinder kabbeln wirkt befremdlich. Dass die deutsche Nachkriegsgeschichte den Präzedenzfall liefert, schwächt das nicht ab. Denn hier ist nicht Adenauer sondern Hermine Granger erste Person im Staate. Immerhin: Malfoys Opferrhetorik als Ex-Todesser ist mit Hinblick auf die Tagespolitik spot-on und ein Schmunzeln wert.
  • Entsprechend häufig versucht das verwunschene Kind Anschlussprobleme an die Vorgänger weg zu erklären. Kinder reflektieren ständig auf die Handlungen ihrer Eltern, von Kleinigkeiten („ROSE: (…) My mum and dad met your dad on their first Hogwarts Express you know / ALBUS: We need to choose now who to be friends With for life? That’s quite scary“) über Erklärungen zur „richtigen“ Interpretation von Handlungsdetails der Romane bis zu zentralen philosophischen Fragen („HARRY: Strange (!!!) Al being worried he’d be sorted into Slytherin“) braucht es ständig Meta- und Metametafiktion um erzählerische Schwierigkeiten beiseite zu wischen. Was natürlich die Blicke nur noch deutlicher auf diese lenkt (so wurde im Roman und auch von Rowling in Interviews etwa regelmäßig zwar behauptet, dass Slytherin und „böse“ nicht synonym seien. Die Romanhandlung aber ließ genau zwei dubiose Ausnahmen zu: Snape und Slughorn.
  • Die Harry Potter Romane ließen auch über die ein oder andere Unwahrscheinlichkeit hinwegsehen, weil sie, ursprünglich als Kinderbücher angelegt, sich vor allem auf die Taten der Kinder und Jugendlichen konzentrierten. Wann immer Erwachsene über kleine Nebenrollen oder klassische Mentorenaufgaben hinaus relevant wurden, wurde die Prämisse „ junge Helden retten die Welt“ rasch fragwürdig. Das Theaterstück nun ist fast gezwungen, den Spagat zu versuchen. Ein Potter ohne Harry würde wohl schlecht ankommen. Und Harry ist nunmal 40. Daraus folgt, dass entweder die Erwachsenen sich schön dumm anstellen müssen, um die Kinder nicht zu überstrahlen, oder Kinder als Identifikationsfiguren auf ihren Platz gewiesen werden. Man entschied sich für die erste Variante, mitsamt einer Erwachsenen … ähm … „Sexualität“ die noch immer das gleiche keusche Kinderspiel ist, wie in den späteren Potter Romanen.

Verschenkte Potentiale

Dabei hätte Harry Potter und das verwunschene Kind durchaus ein gewisses Potenzial gehabt. Die Vater-Sohn-Konflikte zwischen Albus und Harry sowie Scorpio und Draco wären, besser in Dialog gegossen, nicht uninteressant. Die Freundschaft zwischen Albus und Scorpio gibt für beide ein passendes Spannungsfeld ab, und die Frage „sollte man die Zeitlinie verändern um Cedric Diggory zu retten“ könnte für dramatische Zuspitzungen sorgen (die schon theaterökonomisch vernünftige Antwort ist „nein“: Zeitreisen führen eigentlich immer zu unsinnigen Handlungsverwicklungen). Ein kondensiertes Das verwunschene Kind, das mit Szene Sieben im ersten Akt in medias res startete, in der Albus und Harry erstmals heftig aneinandergeraten, und alle Nebenhandlungen abseits des oben Skizzierten wegließe, könnte durchaus lesenswert sein.

Bleibt noch die unter Fans vieldiskutierte Frage, wie viel Rowling eigentlich in diesem Harry Potter stecke. Der Vorstellung, Rowling könne sich einen derart absurden Plot nicht selbst ausgedacht haben, mag ich nicht zwingend folgen. Je weniger Rowling als Newcommer noch akribisch lektoriert und auf Stringenz getrimmt wurde, desto ausufernder und auch widersprüchlicher wurden ihre Romane. Während das Entwerfen einer einfallsreichen Jugendbuch-Fantasy-Welt mit zahlreichen skurrilen Ideen und Übernahmen aus dem internationalen Sagen und Mythenschatz ihr durchaus lag, fehlte es ihrer Erwachsenenwelt schon immer an innerem Zusammenhalt. Auch Dialoge waren nicht unbedingt die Stärke der späteren Rowling: Ich erinnere nur an den pubertierenden CAPSLOCK HARRY aus Der Orden des Phoenix.

Geld, Geld, Geld, Geld …

Wie dem sei. Harry Potter bedeutet viel Geld. Und so lange die Literaturkritik ihren Job nicht macht und frühzeitig vor dem Kauf von Machwerken wie Das verwunschene Kind warnt, werden weitere solche den Markt schwämmen. Egal ob sie nun von Rowling in einer durchwachte Nacht zusammengeschustert werden oder von „Co – Autoren“, die sich dann mit dem prestigeträchtigen Namen schmücken.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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