Revolutionen sind sexy

Ohne Bewegung geht es nicht, und Umwälzung ist notwendig, damit überhaut etwas passiert. Ob es das Richtige ist – man weiß es nicht.


Revolutionen sind sexy. Alles wird umgedreht, ins Gegenteil verkehrt. Arm wird reich, Macht wird genommen und anderen gegeben, wer gestern noch im Schlamm lag, darf heute im Palast sich die Krone aufsetzen. Es gibt einen Augenblick lang die Illusion, dass alles möglich ist, dass jeder die Chance auf Macht hat, wenn er nur im richtigen Moment zur richtigen Stelle ist und sich von dem Rad der Geschichte schnell nach oben reißen lässt. Und dann das Rad auch punktgenau zum Halten bringt. „Diktatur des Proletariats“ ist um einiges ehrlicher und selbstkritischer als „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“. Die Französische Revolution konnte noch mit einem naiven und verlockend ethischen Fahnenspruch vorgaukeln, dass die Macht der Könige danach gleichmäßig auf alle verteilt wird, so dass kaum noch bei dem einzelnen davon ankommt. Alle gleich machtlos. Diese Utopie erwies sich als nicht realisierbar und es folgten blutigste Beweise von Machtverlagerungen, es gab Eintagsfliegen-Macht, heute dieser, morgen jener, immer blutig, immer gewalttätig.

Die Menschheit lernt dazu, und die naive Annahme von der Machtauflösung durch Distribution konnte man gute 100 Jahre später in Russland nicht mehr aufbringen. „Diktatur des Proletariats“ war eine zynische aber realistische Einschätzung, dass Macht eher in Klumpen als in feinen Körnern auftritt.  Und so mancher vorgebliche Primus inter pares der verschiedenen kommunistischen Regimes des 20. Jahrhunderts erwies sich als deutlich machtvoller in seinem Bereich als seine monarchischen Vorgänger.

Revolutionen sind aber sexy. Weil die Karten neu gemischt und manchmal sogar die Spielregeln verändert werden konnten. Auf einmal ist eine schwarze Sieben Trumpf und das rote As ein Ballast. „Fair is foul and foul is fair“. Und es geht darum, ob MEIN foul jetzt als fair gilt und DEIN fair als foul.

Dass sich etwas verändert, ist weder gut noch schlecht. Es findet sowieso statt. Die Gnade der späten Geburt, die Gnade der frühen Geburt, die Ungnade, lang zu leben, die Ungnade, anderen auf die Nerven zu gehen mit dem eigenen langen Leben ….

Ich hatte ein Kinderbuch: „Das Blaue vom Himmel“ von Hannes Hüttner. So etwas wie ein DDR-Kinder-Science-Fiction-Märchen. Und die Protagonisten, zwei Kinder, kamen bei ihrer Raumfahrt einmal bei einem Planeten vorbei, in dem zwei Dörfer waren: Wagsdorf und Wägsdorf. Und nomen est omen, in Wagsdorf wurde jeder Hirnfurz ausprobiert, so dass sie regelmäßig am Rande ihrer Selbstausrottung standen, während in Wägsdorf alle Bedenkenträger waren und nichts vorankam. Und die Wägsdorfer halfen den Wagsdorfern aus ihren Schlamasseln heraus und die Wagsdorfer retteten den Planeten mit einer beherzten Aktion, als er fast unterging. Sie waren aufeinander angewiesen, beide Dörfer wären jeweils ohne das andere dem Untergang geweiht gewesen.

Konservative und Progressive, sie sind aufeinander angewiesen. Wenn es die Konservativen nicht gäbe, würden sich die Progressiven derart überhitzt ständig verändern, dass sie irgendwann einmal den Konservatismus als das Progressivste sehen würden, das sie sich bis dahin erlaubten. Und dass die Konservativen ohne progressive Kräfte eingehen würden – das ist Gemeinplatz.

Dynamik ist die stabilste Form der Gesellschaft, deswegen arbeiten sich die Historiker gerne an der Zyklus-Theorie ab: Aufstieg der Kultur, Niedergang der Kultur. Neue Kultur. Ich glaube an eine Spiralbewegung mit Fehlern. Oder noch einfacher: Es geht nicht ohne Bewegung. Wie ein Thermostat an der Heizung niemals die Temperatur völlig gleich halten kann, sondern einen Spielraum hat und braucht, um die Temperatur im Schnitt zu halten – so braucht eine Gesellschaft für ihre Stabilität die Bewegung. Oder noch besser: Die Bewegung findet statt, egal, ob es Stabilität gibt oder nicht. Deswegen sind Endzeit-Utopien mit der endgültigen richtigen ultimativen Gesellschaftsentwürfen einfach nur Modelle. Und sie sollten mindestens ein Gegenpol-Modell haben, für das der Gesellschaftsthermostat in Aktion treten kann. Damit wir unsere angenehme Gesellschafts-Temperatur halten können. Oder auch umstellen können, je nach Jahreszeit.

Es gibt kein Bestes. Es gibt nur ein „im Moment ist das besser“ und „für diesen Zweck ist das besser“. Und am ehrlichsten: „Für MICH ist das besser“.

 

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Chris Kaiser

Chris Kaiser

Chris Kaisers digitales Leben begann 1994, da entdeckte sie im CIP-Pool der Uni Erlangen das Internet und ein Jahr später das Chatten im damaligen IRC, was ihr ein aufregendes Leben ‚in and out‘ des Digitalen bescherte. Nachdem sie bedingt durch Studium, Kinder und andere analoge Kleinigkeiten das alles erstmal auf Eis legte, tauchte sie erst 2011 wieder auf, diesmal auf Facebook, vor allem, weil sie ihren eigenen ersten Roman „Die Jagd“ veröffentlichen wollte. Der Roman ist noch immer auf „bald erscheint er“. Ihre Spezialität ist die „Ästhetik des Widersprüchlichen“, um mit „ja, aber“ allzu feste Meinungen etwas ins Wanken geraten zu lassen.

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