Der sogenannte freie sogenannte Westen?

Nun also die syrischen Kurden. Der Westen pflegt die uralte Tradition, wenn es um den Krieg geht, Verbündete und Ideale gleichermaßen zu verraten. Na und? Macht doch jeder so. Aber was von westlicher Strahlkraft übrig ist, überzeugt ohne Ideale nicht. Idealismus hätte in diesem Fall notwendiger Bestandteil von Realpolitik zu sein. Und wer war eigentlich nochmal der Feind?

Freedom - by Scott Robinson - unter CC-BY-2.0, zugeschnitten

Hallo. Sie haben es sicher auch schon gehört. Die syrischen Kurden sind jetzt nicht mehr unsre Freunde. Sie sind… nun ja, nicht direkt unsere Feinde, wenn man unter anderem Joe Biden glauben möchte, sind noch nicht mal wirklich die Feinde unseres Freundes. Aber doch zumindest die Feinde des harten Hundes, dem wir im Moment wohl am ehesten zutrauen im Nahen Osten rund um Syrien für ein bisschen Frieden zu sorgen – also Grabesstille – und da muss all die Kurdeneuphorie rund um Rojava nun mal hintanstehen. Das ist Realpolitik. Was sind ein paar Leichen von Freunden mehr. Also … nicht Freunde. Sagen wir: TefkaF. „Terrorists, formerly known as Friends.“

Ist es angesichts dessen wirklich so schwer, die Haltung derer nachzuvollziehen, die bei der Beschwörung des sogenannten freien sogenannten Westens nur noch müde lächeln? Also nicht die autoritären Antiaufklärer, die die Hamas für eine Befreiungsbewegung halten und Edward Said für einen großen Denker. Auch nicht die Dauerpazifisten, die „Frieden“ sagen und meinen „sollen die Andern doch selbst sehen wo sie bleiben.“ Sondern die Zyniker mit dem Motto „steckt euch den Westen sonst wo hin. Ich schau mir heute Anne Will an und spiele dieses tolle Spiel, bei dem ich die ganze Zeit trinke“. Und währenddessen stehen in mindestens drei westlichen Staaten autoritäre Nationalisten vor möglichen Wahlsiegen. Da wenigstens noch den Dialektiker zu geben und das Licht der Aufklärung durch die zunehmend konfuseren und vielleicht weniger von bösem Willen als von nicht-weiter-Wissen bestimmten Wirren der Politik zu tragen, ist doch zunehmend frustrierend.

Biafra und Kambodscha

Vor einigen Wochen las ich Half of a Yellow Sun von Chimamanda Ngozi Adichie. Das Buch spielt in der Zeit des Biafra-Konfliktes, als sich der größtenteils christliche Südosten Nigerias einseitig unabhängig erklärte. Vorangegangen war ein Putsch junger katholischer Igbo-Offiziere, der nicht nur durch einen Gegenputsch gekontert wurde, sondern Massenmorde der Haussa-Mehrheit an der Igbo-Bevölkerung nach sich zog. Im Biafra-Krieg samt Hungerblockade zwischen ’67 und ’70 stand der Westen geschlossen an der Seite der Nigerianischen Armee. 1 bis 2 Millionen Menschen starben. In Europa dürfte der Konflikt heute größtenteils vergessen sein.

Nicht vergessen ist der April 1975. Oder: das was folgte. Damals wurde Phnom Penh von den Roten Khmer eingenommen, eines der übelsten Terrorregime des an solchen nicht armen 20. Jahrhunderts. Dieses unternahm den schauerlichen Versuch, alles zu vernichten, was in irgendeiner Form als dem urtümlich in Kambodscha verwurzelten Volkskörper zersetzend wahrgenommen wurde. Vietnamesen, Menschen die Bücher lesen, you name it. Ziel war ein dystopischer Agrar-Kommunismus. Die Vernichtung gelang, das mit dem Kommunismus weniger. Der Name Pol Pot dürfte den meisten Menschen im Westen etwas sagen. Alles drumherum wurde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verdrängt. Gestürzt wurde das Regime nämlich 1978 ausgerechnet vom kommunistischen Vietnam. Wikipedia dazu: „Verschiedene westliche Staaten, u. a. die Bundesrepublik und die USA, protestierten gegen den Einmarsch.“

Westliche Regierungen erkannten den de facto Sturz noch eine halbe Ewigkeit nicht an, so dass die Roten Khmer noch bis 1982 einen Sitz in den Vereinten Nationen hatten. Mehrere Quellen legen zudem eine kontinuierliche Unterstützung der Roten Khmer durch gegen Vietnam gerichtete Waffenlieferungen aus westlichen Staaten nahe (auch Teile der westlichen Linken, unter anderem Noam Chomsky, relativierten übrigens die Gräuel der Roten Khmer).

Ideale, Realpolitik, Fuckups

Das sind zwei von wahrscheinlich hunderten Fällen, die man je nach Interessengebiet zusammentragen könnte. Den ersten habe ich wegen seiner scheinbaren Marginalität ausgewählt, den zweiten weil er die Konsequenz der freiheitlichen Ideale des Antikommunismus auf die Probe stellt. Man hatte die Wahl zwischen einem beinah beispiellos völkermordenden und einem relativ gewöhnlichen kommunistischen Regime. Und entschied sich für das Erste!

Mossadegh, Shah, Khomeini, Sadam

Für viele dieser wahrscheinlich hunderten Fälle lassen sich dennoch sicher kurzfristig und manchmal auch langfristig gute geostrategische Gründe finden. Es ist einfach, den Captain Hindsight zu spielen und „dem Westen“ genüsslich vorzurechnen was für ein Fuckup es war den Shah gegen Mossadegh, Khomeini gegen den Shah, Sadam gegen Khomeini und zuletzt den Iran als Stabilisator im destabilisierten Irak in Stellung zu bringen. Aber wenn sich die Fuckups wiederholen und wiederholen und wiederholen, muss man sich nicht wundern, wenn dem westlichen Modell die Strahlkraft in den Regionen fehlt, in die man sich am stärksten auszustrahlen wünscht. „Die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen alle anderen“ ist ein ziemlich beschissener Werbeslogan für Demokratien, und auch wenn es manchmal gute Gründe für das Unser-Bastard-Prinzip gibt, wenn es nicht wenigstens konsequent durchgezogen wird verprellt man damit am Ende alle Sympathisanten. Alle Menschen unter 30, die noch Ideale haben und „den Westen“ an den seinen messen, verprellt man in jedem Fall.

Gibt es den Westen?

Sie merken: Ich habe begonnen Anführungszeichen setzen. Denn „den Westen“ als politisch handelnde Einheit gibt es so natürlich nicht. Das sollte man seinen Feinden, aber mehr vielleicht noch seinen innigsten Liebhabern öfter mal hinter die Ohren schreiben. Westliche Staaten haben unterschiedliche Interessen, und dann auch noch die Bevölkerungen dieser Staaten. Und so ist ein verdammt guter Grund für die manchmal unglaublich konfuse Interventions- und Nichtinterventionspolitik beispielsweise des dominanten Akteurs USA gerade in deren freiheitlich-demokratischer Verfasstheit begründet. Idealtypisch gesprochen: Wenn eine Regierung mit Interventionismus wirbt und dafür irgendwann abgewählt wird, muss die neue Regierung Zeichen in die Gegenrichtung setzen. Der Vietnam Krieg endete auch wegen des Drucks von der Heimatfront, auch der Abzug aus Irak und der Teilabzug aus Afghanistan gerade in Momenten, in denen ein Ende der Militärpräsenz das durch diese vielleicht doch Errungene voraussehbar zunichte machen würde, hatte wohl mit diesem Druck zu tun. Hier kollidieren Ideale. Langfristig schädlich bleiben diese Entscheidungen doch. Aber es gibt eben auch eine ganze Reihe durch nichts zu rechtfertigender Richtungswechsel und Auslassungen. Nur in jüngster Zeit: Der Verrat an der demokratischen Protestbewegung in Iran. Am demokratischen Widerstand in Syrien. Ja, an fast allen Staaten des sogenannten Arabischen Frühlings.

Der Westen ist nichts ohne das Ideal

Es stimmt wohl: Der so genannte freie so genannte Westen kann nicht überall intervenieren. Nicht nur, weil das schon logistisch kaum möglich ist, sondern vor allem weil es sich um ein Ideal handelt, unter das man eine Hand voll Staaten mehr schlecht als recht zusammenzustückeln bemüht ist (ist Russland eigentlich grad wieder Westen?). Und in denen sich selbst schon lange eine Westmüdigkeit breitmacht. Daher versuche ich auch gar nicht mit einfachen Lösungen zu kommen. Nur eins möchte ich zu bedenken geben: Was so sehr vom Denken in Idealen abhängt wie der „freie Westen“, kann es sich eigentlich nicht erlauben die Realpolitik radikal vom Ideal abzutrennen. Man sollte sich, nur mal so als Gedankenspiel, sonst nicht wundern, wenn, was immer vom Westen dann noch übrig ist, ihm in 20, 30 Jahren auf dem Gebiet Nordsyriens und des nördlichen Irak ein islamistischer Kurdenstaat gegenüber stünde. Das wäre zumindest insofern folgerichtig, als dass Islamisten bisher sich überdurchschnittlich oft westlicher Unterstützung erfreuen durften.

Was, wenn man an etwas wie dem Ideal des Westens festhalten möchte, wirklich nicht die Message sein sollte, die ein solcher Westen sendet.

Nur: Was folgt daraus politisch? Wer wäre das Subjekt „westlicher“ Politik?

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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