Wie man Froome auf der Strecke schlägt

Christopher Froome scheint unverletzt unschlagbar. Den Konkurrenten bleibt eine radikale Option: Die Spielregeln ändern.

Alberto Contador, Chris Froome und Richie Porte - von BaldBoris - unter CC BY-SA 2.0, zugeschnitten

Christopher Froome ist bei der TdF auf der Strecke nicht zu schlagen. Bei der TdF, diese Einschränkung muss man machen, weil der Brite ähnlich wie früher Lance Armstrong praktisch keine anderen Rennen fährt, abgesehen von der Dauphiné Liberé, die so seit Jahren zum Wurmfortsatz der Tour degradiert wird. Dennoch ist die Dominanz natürlich beeindruckend und Froome, solange nichts unvorhergesehenes geschieht, praktisch als Sieger gesetzt. Schon 2011 hätte er Bradley Wiggins vielleicht schlagen können, 2014 gewann Nibali nur, weil Froome wegen eines Sturzes aussteigen musste.

Mit gezinkten Karten gegen Froome

All das will umso mehr heißen, weil die TdF seit Jahren gegen Froome oder zumindest seinen Fahrertyp mit gezinkten Karten gefahren wird. Ja, hätte sich die Jury nicht zu der problematischen Entscheidung durchgerungen, auf der 14. Etappe am Ventoux die Zeit nach der Kollision mit dem Motorrad zu nehmen, der Gedanke hätte so fern nicht gelegen es handle sich um ein abgekartetes Spiel wie im Wrestling, um die Rundfahrt künstlich spannend zu halten. Denn den bergstarken Topzeitfahrer, den Allrounder, will man anscheinend gar nicht mehr gewinnen sehen. Immer weniger und immer kürzer wurden in der Vergangenheit die Zeitfahren, immer häufiger wurden lange Zeitfahren zudem auf Hügelkurse gelegt oder gleich durch Bergzeitfahren ersetzt. Ansonsten schaut man sich bei der Tour seit neuestem viel von den meist spannenderen Landesrundfahrten Giro d’Italia und Vuelta a Espana ab – kürzere Etappen, mehr kürzere steile Anstiege, öfter mal eine Abfahrt zum Ziel hin um die wagemutigen zu begünstigen, Schotterpassagen und Kopfsteinpflaster.

Alles ohne Effekt. Nicht das Leichtgewicht Quintana oder der Angliru-Bezwinger Contador dominieren bei 10 + x % Steigung, nicht die Todesverachtenden Nibali oder Valverde auf der Abfahrt. Froome macht bergab und im Flachen ebenso Zeit auf die wichtigsten Konkurrenten gut wie bergauf und beim Zeitfahren. Sein Team kontrolliert das Feld und alles was ihn aufhalten kann sind weiterhin Kollisionen mit Konkurrenten oder Motorrädern. Und mittlerweile, scheint’s, haben die Tourorganisatoren alle nur denkbaren legalen Tricks ausgereizt, um dem neuen „Dominator“ Steine in den Weg zu legen. Nun müssten dann endlich mal die Mit(nunja, eben nicht)Favoriten ran und sich einen konkreten langfristigen Plan zurecht legen, wie man Froome und die nächsten vergleichbaren Fahrer das Leben schwerer macht.

Gründe der Dominanz

Froomes, auch Armstrongs frühere, Dominanz hat neben den wahrscheinlich wirklich besten körperlichen Voraussetzungen vor allem zwei Gründe (an Dopingsspekulationen beteilige ich mich nicht, man wird davon ausgehen können dass alle Topstars da auf gleichem Level arbeiten, und nicht nur im Radsport)

  1. Froome und das gesamte Sky-Team konzentrieren sich voll und ganz auf die Tour, andere Rundfahrten werden im Vergleich zu anderen Topteams mit Rumpfmannschaften gefahren, der Superstar selbst tritt im restlichen Saisonverlauf praktisch nicht in Erscheinung.
  2. Entsprechend ist auch dass Team überlegen. Dass Edel-Edelhelfer wie Nibali, Kreuziger, oder Majka sich in der ersten Tourhälfte Stundenrückstände einfahren, ist praktisch undenkbar. 2) ist auch, aber nicht nur, eine Folge von 1). Wer wie die Genannten Ambitionen auf Siege bei mindestens einer weiteren großen und einigen kleineren Rundfahrten sowie Eintagesrennen hat, dazu nationale Meisterschaften, Weltmeisterschaften, Olympia, wird zur Tour mindestens leichte Formeinbußen hinnehmen müssen. Wenn ich dann aber, wie zB der im Classement stets noch starke Valverde, am Berg nur hinter meinem Captain hertuckere, bin ich vielleicht für die Teamwertung interessant, als Tempomacher gegen Sky aber wertlos.

Die Regeln ändern!

Wer Froome in Bedrängnis bringen will muss den Radsport daher völlig neu denken. Das, ich nenne es einmal „Prinzip Nibali“ ist auszubauen, nicht einzuschränken. Denn würden alle Topteams sich wie Sky nur noch auf die Tour konzentrieren wäre der Radsport wohl in wenigen Jahren tot und Froome auf dem von ihm abgesteckten Terrain bis dahin weiterhin der sichere Sieger. Vincenzo Nibali (und an seinem Hinterrad Valverde) sind neben dem vorletzten Dominator Contador in der Breite betrachtet mittlerweile die erfolgreichsten noch aktiven Radsportler. 8 Podestplätze bei Grand Tours hat Nibali eingefahren, dazu 4 Siege, 2 Siege und 8 Podeste Valverde. Nach dieser Statistik stehen die beiden weit vor Froome (und sogar vor Contador und Armstrong, ehe diesem alle Siege aberkannt wurden) auf dem 10. Platz der ewigen Bestenliste. Hauptgrund: Beide haben sich relativ früh in ihrer Karriere entschieden, das hoffnungslose Duell um die Tour de France nur noch von Zeit zu Zeit anzunehmen, und ansonsten sowohl bei Giro als auch Vuelta auf Sieg zu fahren.

Noch mag das bei Gelegenheitszuschauern ohne größere Bedeutung sein, in Erinnerung werden Nibali und Valverde aber lang bleiben. Zudem: Eine Tendenz zur Aufwertung der beiden anderen Rundfahrten ist schon länger zu beobachten – etwa seit den späten neunziger Jahren tragen sich in die Siegerlisten in Italien und Spanien immer öfter Fahrer ein, die nicht aus dem jeweiligen Austragungsland stammen.

Würde ein so starker junger Fahrer wie Quintana dem Beispiel folgen, könnte er in den nächsten 5 bis 10 Jahren wahrscheinlich gut zehn oder mehr Rundfahrten gewinnen. Auch Porte, Mollema, Chavez und andere hätten gewisse Chancen, und dann stünde ja längst schon der nächste Nachwuchs auf dem Plan. Fahrer, die sich nur auf die Tour konzentrieren würden zwar anfangs dort wohl noch deutlicher gewinnen als sie es in vergangenen Jahren taten, mit der Zeit aber hätten sie sich der Problematik zu stellen, dass der Tour de France Sieger nicht mehr automatisch als bester Fahrer des Radsportjahres gelten würde. Man müsste vielleicht zumindest öfter mal den Giro zuvor oder die Vuelta im Anschluss bestreiten, und sich über die Saison verteilt vermehrt erfolgreich bei anderen Rennen zeigen. Auf Dauer verlöre so die Tour ein wenig an Bedeutung, der Sport aber gewönne, er hätte öfter die Chance sich von seiner spannenden Seiten zu präsentieren.

Und das ist der einzige Weg, wie ein Christopher Froome oder sein Nachfolger, womöglich Quintana, auch bei der Tour geschlagen werden kann. Nicht indem man versucht ihn bei der Tour zu schlagen. Sondern indem man die Bedingungen ändert unter denen das Kräftemessen stattfindet.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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