Brexit? Scheiß drauf!

Manchmal hilft es nach einem Streit einen kleinen Spaziergang zu machen und die Sache zu vergessen. Der Brexit ist so ein Fall. Straf-Fantasien helfen niemandem.

Rainy Evening in Chinatown, London Foto: Christiane Birr. Lizenz: CC BY-SA 2.0

Sehen Sie, manchmal, wenn es Zoff gibt, zum Beispiel in der Familie, in der Partnerschaft, im Verein … auch im Büro – da kann es helfen mal das Maul zu halten, sich umzudrehen und ne Runde an der frischen Luft zu machen. Denn oft kommt man ja jetzt sowieso zu keinem Ergebnis, und in ein paar Stunden oder übermorgen kann die Sache schon wieder ganz anders aussehen. Macht man natürlich meistens nicht. Man streitet weiter, und bald dann nur noch: ums Prinzip. To prove a point. Aber welcher war das bloß noch?

Beklopptes Strafbedürfnis

Jean-Claude Juncker, Martin Schulz und alle die sich ihrem Insistieren anschließen, Art. 50 müsse nun ganz schnell gezogen werden und die Brexit-Verhandlungen unwiderruflich und umgehend eingeleitet werden, sind wahrscheinlich auch überzeugt ein hehres Prinzip zu vertreten. Gewiss, gestern vertraten sie das Prinzip, dass Großbritannien und die EU zueinander gehören, aber warum nicht nachdem man vom Wahlvolk nun so schwer gekränkt wurde rasch auf ein anderes, ebenso drastisch-klares umsteigen?

Nun ist die Lektion, die gelernt werden soll: Man muss verantwortungsvoll zu seinen Entscheidungen stehen.

Unsinn ist das natürlich allein schon, weil ein demokratisches Staatswesen nicht „Man“ ist, sondern dem Prinzip nach widersprüchliche Positionen unter einen Hut zu bringen hat, wobei ein knappes Alles-Oder-Nichts-Referendum als Mittel der Wahl zwar akzeptiert werden kann (für dumm halten darf man es dennoch), jetzt aber die Entscheidungsträger, die vielleicht gar nicht hinter der Entscheidung stehen, wie kleine trotzige Kinder zu gängeln ist, nun ja … kindisch.

Demokratie lebt von Umkehrbarkeit

Unsinn ist es auch, weil die Behauptung Demokratie funktioniere nun einmal so auf relativ tönernen Füßen steht. Irreversible demokratische Entscheidungen sind äußerst selten und man könnte sie mit gutem Gewissen auch als undemokratisch brandmarken. Checks, Balances und die grundsätzliche Umkehrbarkeit von Beschlüssen sind geradezu ein Wesensmerkmal der Demokratie.
Die Abwahl der Demokratie per Volksentscheid, die Wahl von Präsidenten auf Lebenszeit und anderen antidemokratischen Unsinn würde man wohl durchaus als antidemokratisch erkennen, auch wenn weit mehr als nur gut 50 % der Bevölkerung für diese Maßnahmen gestimmt hätten. Dass mittlerweile zahlreiche „Brexiter“ vor laufender Kamera erklären, sie hätten eine Fehlentscheidung getroffen, sollte somit zumindest Anlass geben, besonnen fortzuschreiten.

Aber damit lassen sich halt keine Schlagzeilen machen.

Stattdessen werfen sich einige Polit-Funktionäre mit jenem Strafbedürfnis in die Brust, das noch aus jeder Krise ein Desaster machte und die von Deutschland maßgeblich bestimmte europäische Politik zu dem gigantischen Fuck-up werden lässt, der sie ist.

Gestraft werden sollte Griechenland für die Perfidie eine linke Regierung zu wählen (während man parallel das noch konservativ regierte Spanien zwischenzeitlich übrigens wieder Schulden machen lässt, seitdem läuft dort die Wirtschaft zumindest etwas besser), strafen werde man laut Günther Oettinger aber auch Spanien, sollte es falsch wählen. Und nun eben Großbritannien. Wäre man mit dieser deutschen, mittlerweile nordeuropäisch-generalisierten Gründlichkeit Deutschland nach 1945 zu Leibe gerückt, es gäbe an dessen Stelle nur noch eine verschlafene befriedete Agrar-Region unter alliierter Verwaltung.

Einfach machen lassen!

Letztendlich spricht stattdessen alles dafür die Briten einfach machen zu lassen und wenn statt einem Brexit dabei ein zerknirscht-verkatertes „Sorry“ rauskommt, was soll’s? Ohne größere Katastrophen wäre damit das ursprüngliche Prinzip der nun straflüsternen Europa-Befürworter unterstrichen, und wenn die Entscheidung fürs „In“ letztlich ebenso demokratisch zu Stande kommt wie die für das „Out“, wäre auch allen Spielregeln der Demokratie Genüge getan (ein süffisantes „We told you so“ sei allerdings zugestanden).

Wie das möglich wäre skizziert ein Kommentar aus der Leserbriefsektion des Guardian, der derzeit im Netz die Runde macht, ausführlich.

Grob zusammengefasst, liefe es darauf hinaus, dass der nächste Parteichef der konservativen seine Wahl mit der Haltung zum Brexit verknüpft. Derzeit scheint es so wahrscheinlich nicht, dass ein überzeugter Brexiter gewählt werden würde.

Und wenn doch, hat man genügend Zeit für einen geordneten Ausstieg.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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