„Da muss erst eine Katastrophe passieren…“

In der Katastrophe findet jeder seinen passenden Gemeinplatz. Einen für die Briten, einen für die Flüchtlinge. Aber wie lange halten die, und wann verlässt man sie, um eigentliche Ziele zu erreichen?


Jetzt ist es also passiert. Die Briten sind „raus“. Nun müssen die, die dagegen waren, in Großbritannien und in der EU, damit klar kommen. Wie kommen sie klar? Erst einmal, indem alle jetzt etwas dazu sagen müssen. Und zwar alle. Das ist übrigens wirklich so. Sie kennen das aus großen und kleinen Veränderungen. Jedenfalls von denen, die nach eigenem Empfinden als eine fremdverursachte Katastrophe über Sie hereingebrochen sind: Erst sind Sie sprachlos. Dann finden Sie so allmählich Ihre Worte. Denn sprechend wird der Mensch dessen inne, was er denkt, wie er sich fühlt – und sprechend entwirft er, was er als nächstes zu tun gedenkt. Für die einen ist es die Stunde des ehrlichen Nachdenkens. Für andere ist es die große Stunde des Gemeinplatzes.

Metaphern-Palaver

Solange das lärmende Palaver zwischen den fast gleichstarken rivalisierenden Parteien andauerte, war es oft unerträglich. Die Metapher einer Ehe wurde so häufig strapaziert, dass man am Ende wirklich glauben konnte, man wohne einer „Ehekrise“ mit offenem Ausgang bei. Nur, was könnte das für eine „Ehe“ gewesen sein? Zwischen einer Groß-Union und einem störrischen Inselstaat, der durchaus attraktiv, aber eben auch ganz schön zickig ist? Zwischen Brüssel und London, wer sollte da welche Rolle spielen, die auch nur irgend einer Ehesituation vergleichbar wäre? Dennoch machte diese reichlich unpassende Metapher als erste völlig unversehrte Überlebende die Runde: nun sprach man eben von der Abwicklung der Scheidung und der Festlegung neuer Kommunikationsmodi, eine ökonomische Katastrophe kriegt man doch in den Griff.

Freilich sind Gemeinplätze auch wenn sie von schlechten Metaphern bevölkert werden, nicht an sich schlecht. Im Gegenteil, durch ihre bloße Floskelhaftigkeit, durch die bloße Tatsache ihrer ständigen Wiederholung helfen sie den von unübersichtlichen Verhältnissen gestressten Menschen bei der Orientierung wie eine Lichtung im Walde oder ein endlich erreichter Marktplatz im Gassengewirr einer unbekannten Stadt. Stellen Sie sich vor, Sie schlendern, zunächst ganz zuversichtlich, durch ein Interview über die Zunahme der Einbrüche, die Spendenfreude der städtischen Bevölkerung, die wachsende Unsicherheit in prekären Beschäftigungen – und irgendwann werden die Gassen enger, Dämmerung senkt sich über das Gespräch, die Schwierigkeiten bei der Integration von Flüchtlingen, jetzt bloß nicht zu konkret werden – da liegt er vor Ihnen, behaglich gepflastert, der Gemeinplatz: „Es muss erst eine Katastrophe passieren, damit die Behörden aufwachen, die Bürgerbedenken ernstnehmen, den Integrationsverweigerern eine Grenze setzen, sonst fliegt uns die Gesellschaft auseinander, aber mit Bildung, Bildung, Bildung“ usw.

Auf den billigen Gemeinplätzen

So sieht auch heute alles so richtig aus auf den billigen Gemeinplätzen: Tatsächlich war ja der wilde britische Kampf um die Wählerstimmen für das Referendum zuvor durch eine wirkliche Katastrophe unterbrochen worden. Die bestialische Ermordung der Europa-Befürworterin Jo Cox durch einen Brexit-Parolen brüllenden Attentäter ließ das zivilisierte England für ein paar Tage auf den Schlachtenlärm verzichten. Alle Medien in England und außerhalb stellten fest, dass Britannia „vereint“ trauere. Mancher seufzte: „Da musste erst eine Katastrophe passieren, damit die Briten mal vereint zusammen stehen und sich wieder erinnern, was wirklich wichtig ist.“ Erwartungsgemäß zeigte sich zudem, dass nach dem Tod der leidenschaftlichen Brexit-Gegnerin die zuvor bedrohlich ins Hintertreffen geratene EU-freundliche Seite wieder etwas „Boden gut machte“. Auch das ganz klassisch: Wenn jemand einen „Märtyrertod“ stirbt, so wird das zwar allgemein als „tragisch“ angesehen – tatsächlich sprachen viele von einer „Tragödie“, wo nichts als der Name eines gemeinen Verbrechens angemessen war – aber mehr oder weniger heimlich hoffen gerade die politischen Freunde eines solchen Opfers, dass dieser Tod, dass diese Katastrophe der gemeinsamen großen Sache zum entscheidenden Durchbruch verhelfen möge.

Auf dieser Klaviatur spielt in aller Drastik auch das gegenwärtige Projekt des „Flüchtlinge-Fressens“, das vom „Zentrum für politische Schönheit“ in Berlin inszeniert wird. Wenn der Bundestag nicht entscheidet, Flüchtlinge auch ohne Visa per Flugzeug oder per Schiff ins Land zu lassen, sollen sich Flüchtlinge mitten in der Hauptstadt und aus eigener freier Entscheidung von vier Tigern zerfleischen lassen. Diese Katastrophe, so das Kalkül der Veranstalter, wird die Gesellschaft aufrütteln und die politisch Verantwortlichen zu einer offeneren Haltung gegenüber Geflüchteten bewegen. Der Platz vor dem Gorki-Theater ist zu dem Gemeinplatz für eine Moral geworden, die auf Katastrophen setzt.

Erschütterungen und Katastrophen

Theoretisch untermalt wird diese Katastrophenverliebtheit in der Regel von der Annahme, dass Menschen eben erst einmal ihre Gewohnheiten durchbrechen und in ihnen erschüttert werden müssten, um neu nachzudenken. Aber ist das wirklich so produktiv? Zeigen uns nicht gerade die in allen ihren bisherigen Gewissheiten erschütterten Flüchtlinge in Europa, dass Katastrophen vor allem sich selbst lehren? Sie mussten Orte verlassen, in denen von Komfort nicht die Rede sein kann, sie haben alle Arten von Katastrophen hinter sich – und einige von ihnen geben sich in ihrer Verzweiflung nun für zweifelhafte Projekte her. Andere haben bei ehrlichem Bemühen doch große Mühe, in der ihnen fremden Umgebung die vielfältigen kulturellen Signale richtig zu verstehen und die neuen Umgangsregeln richtig anzuwenden. Dabei kommt es immer wieder zu neuen kleineren und größeren Katastrophen, auf Seiten der Flüchtlinge ebenso wie auf Seiten derer, die sich in ihrer europäischen Gemütlichkeit durch die unabsehbare und unabschließbare Forderung nach Grenzöffnung verständlicherweise überfordert fühlen.

Ein Grund für das „Scheidungsverlangen“ der Briten war sicher der Streit um die Frage, wie weit der als dominant und bestimmend erlebte „Partner“ EU gehen dürfe mit seiner gefühlten Beschlagnahmung von Wohnraum und Lebensqualität zugunsten unzähliger Fremder. Gegen die zugrundeliegenden Befürchtungen helfen weder Einheitsaufrufe noch Allmachtsparolen. Es helfen dagegen keine freundlichen Bitten um Zustimmung und keine Warnungen vor Alleingängen. Wer den Verlust der Kontrolle über die eigenen Angelegenheiten bis hin zum Verlust der minimalen „Komfortzone“ fürchtet, wird nur noch demjenigen wenigstens ein bisschen vertrauen, der ihm den minimalen Komfort verspricht. Es ist nämlich immer noch nur für sehr wenige ein Problem, dass sie zu viel Komfort genießen. Die meisten Menschen kämpfen sich täglich in Sorge für sich selbst, für ihre Kinder und für ihre Altersversorgung ab. Damit sie das weiter tun, ohne zu einer Katastrophenmasse zu werden, brauchen sie keine erschütternden Katastrophen, sondern das Gegenteil: Sicherheit, Selbstbestimmung und Perspektiven. Ihre regierenden „Partner“ können ihnen diese nur vermitteln, wenn sie erstens sachlich „liefern“ und zweitens ihre Kommunikation von Klarheit und Wahrheit bestimmen lassen. Fehlt es daran, erhebt sich der Ruf nach Freiheit. Die EU hat sich weder Griechenland noch Großbritannien gegenüber als ein Verbund präsentieren können, der denen, die sich an ihm beteiligen, gut tut.

Komfortzonen für Alt-, Neu- und Exeuropäer

Anders als die Griechen fühlten etwas mehr als die Hälfte der Briten sich gerade noch stark genug, um rechtzeitig den Absprung zu schaffen. Ihnen jetzt eine nächste Katastrophe an den Hals zu wünschen, um Nachahmungseffekte zu verhindern, wäre die falsche Wahl. Weder der sinnlose und grausame Tod von Jo Cox noch die Unkenrufe aus der EU haben den Brexit verhindern können. Den Schaden begrenzen kann nur kontinuierliche Sacharbeit auf allen Seiten am Aufbau von möglichst sicheren Komfortzonen für möglichst viele Menschen – Alteuropäer und Neueuropäer und Exeuropäer.

Und die Flüchtlinge? Auch ihr Opfer wäre umsonst und würde nur das Gegenteil von dem erreichen, was die katastrophenverliebten Agitatoren beabsichtigen. Denn den meisten Europäern fehlt es gar nicht an gutem Willen zur Aufnahme von Menschen in Not. Was fehlt, ist auch hier ein überzeugendes europäisches Konzept, das nicht von unbegrenzten Möglichkeiten phantasiert oder mit übergriffigen Metaphern die Einigung immer mehr als eine „Zwangsehe“ mit einem übergastfreundlichen Partner erscheinen lässt. Europa hat Platz für die Europäer, für Arbeitsmigranten und vorübergehend auch für Asylsuchende. Es sollte aber katastrophengeile Opfermoralen dahin verweisen, wo sie hin gehören: auf den kleinen Gemeinplatz, den man, wenn man sich orientiert hat, schnell wieder verlässt, weil man am eigentlichen Zielort Wichtigeres zu tun hat.

Gesine Palmer

Dr. phil. Gesine Palmer - Seit 2007 selbständig mit dem Büro für besondere Texte - 2003-2006 Projektleitung Religion und Normativität an der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) Heidelberg - 1995-2001 Wissenschaftliche Mitarbeiterein an der FU Berlin am Institut für Evangelische Theologie mit dem Fachgebiet Religionsgeschichte - 1996 Promotion mit Ein Freispruch für Paulus. John Tolands Theorie des Judenchristentums - Studium der Fächer Pädagogik, Ev. Theologie, Judaistik und Allgemeine Religionsgeschichte in Lüneburg, Hamburg, Berlin und Jerusalem - 1978/79 Freiwilliges Soziales Jahr Weitere Informationen sowie eine Liste ausgewählter Publikationen: www.gesine-palmer.de

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