Die Klatschpresse des Bildungsbürgertums!

Um nicht den Verdacht zu erwecken immer nur auf Game of Thrones rumzuhacken, nimmt sich Kolumnist Sören Heim heute einmal den Historischen Roman im Allgemeinen vor, und das „Meisterwerk“ Wolf Hall im Besonderen. Ein Verriss für die Ewigkeit, kommende Woche dann auch auf Englisch.

Gordon Robertson - Chepstow castle 2 unter CC BY 2.0, zugeschnitten

Ganz grob möchte ich zwei Typen historischer Romane identifizieren. Solche, die eine Zeit atmosphärisch in ihrer Komplexität versuchen auferstehen zu lassen und darin möglichst noch eine interessante Geschichte zu erzählen, und solche, die anhand einer historischen Konstellation eine (bzw. mehrere) Ideen zu entwickeln bestrebt sind, sie widerstreiten lassen und so im besten Fall auf spielerischem Weg neue Erkenntnis ermöglichen. Natürlich sind die beiden Typen nicht exklusiv, die Besten des ersten werden oft auch die Besten des Zweiten sein. Selten ist der hegelsche Satz von Kunst als dem sinnlichen Schein der Idee so treffend wie in einem (guten) historischen Roman.

Die Idee und das Materielle

Ein herausragendes Beispiel: Das schmale Bändchen Den‘ Petra (Ein Tag im Leben Peters des Großen) von Alexej Tolstoij. Ausgehend vom gar nicht so erhabenen Anblick Peters des Großen bei alltäglichen körperlichen Verrichtungen – ultramaterialistisch also gewissermaßen nach den Maßgaben des sozialistischen Realismus und gleichzeitig eigentümlich symbolisch, geradezu ein memento mori zu Beginn – entwickelt diese kurze Erzählung ein komplexes Bild des entstehenden Petersburg, von der kühl-sumpfigen Atmosphäre der Gastarbeiterviertel über die Schattenwirtschaft, durch die Soldatenquartiere der Ordnungsmacht bis in die Gemächer des Zaren. Der Idealismus der Schöpfungskraft sogenannter „großer Männer“ wird abgewogen gegen die materielle Basis teils grausam vernutzter Arbeitskraft und auch die kleinen Momente des Glücks im Elend werden aufgesucht, während im Hintergrund nicht sicher ist, ob ein großes Glück erwächst oder ein alles verschlingender Molloch . . .

… Was aber hat das nun mit Wolf Hall zu tun? Nun, Mantels mehrfach ausgezeichnetes Werk entspricht einem dritten Typus des historischen Romans, den ich zuvor vergaß. Dem des erbärmlich schlechten.

3. Typus: Der schlechte Roman

Durchgehend eine ganze Armee Adeliger im Smalltalk. Über Politik, Religion, die Ehe, dahinplätschernder Tudor-chitchat. Und nicht eine Szene aus der alltäglichen Existenz einfacher Leute. Nur die fortune fifty, die Weltbewegendes zu bequatschen haben. Oder nicht. Es wirkt wie ein Geschichtsbuch aus der Prä (Lew, nicht Alexej!) Tolstoi-Ära, mit verteilten Rollen gelesen. Ein viel zu langes Theaterstück, in dem die Autorin sich nicht mal mit minimalen stage directions bemüht, so etwas wie Atmosphäre zu schaffen. Geschweige denn wiedererkennbare äußere Umstände. Unzählige statisch-flache Charaktere, die vor dem genenerisch-starren Bühnenbild einer spätmittelalterlichen Burg ihre Bedeutungsschweren Gedanken äußern.

Wer sich ein bisschen in der Zeit auskennt wird historisch nichts Neues erfahren (was ja auch nicht primärer Zweck eines historischen Romanes ist, aber dieser scheint es darauf anzulegen), wer sich nicht auskennt greift besser zu einem entsprechenden Fachbuch. Es lässt mich fast den Rest Glauben an die Menschheit verlieren, dass dieses Machwerk nicht nur den Booker errang, sondern sich auch nur eine einzige (nicht wirklich ausgeführte) negative Kritik aus halbwegs berufenem Munde findet:

„High on my list of Really Bad Books are two best-sellers: Dan Brown’s The Da Vinci Code and Hilary Mantel’s Wolf Hall, both of which I rate as dreadfully badly written. Brown wrote to a computer game formula: solve one level and move on to the next, whereas Mantel just wrote and wrote and wrote. I have yet to meet anyone outside the Booker panel who managed to get to the end of this tedious tome. God forbid there might be a sequel, which I fear is on the horizon.“

Warum liest man sowas?

Jepp. Aber wer liest so was dann? Ich denke das historisch interessierte Äquivalent zu Gala und Bunte Lesern. Wolf Hall und ähnlich gelagerte Historische Romane sind die Bunte des Bildungsbürgertums. Man will nicht nur ganz genau wissen wer gerade mit wem und wieso, sondern am liebsten noch jedes einzelne Wort, dass Prinzessin Soundso zu Prinz Soundso gesagt hat, Gesten, Mimik, und „dann hat sie sicher geweint, oder?“ Hach. Die da oben sind am Ende ja wie du und ich1. Schon früheste Printprodukte für die Masse setzten sich zusammen aus politischen Meldungen, durchaus persönlich werdenden Pamphleten und Neuigkeiten (vulgo: Klatsch) vom Hofe. Mantels Wolf Hall ist so eine Zeitung. Anscheinend bekommt die Menschheit so sehr nicht genug von Gossip, dass es sogar lohnend sein kann Gossip vergangener Epochen zu kompilieren…

1 Zugegeben: Den Hauch einer (nicht gerade revolutionären) Idee will das Buch ja doch präsentieren. Thomas Cromwell sei in der historischen Betrachtung bisher zu schlecht weggekommen. Nur trägt das kein Buch. Hätten Sie’s, Frau Mantel, doch mal wie Milton gemacht und die These auf dem Marktplatz angeschlagen. Hätte gereicht.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

More Posts

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Wir verwenden Cookies, um Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Nutzung unserer Website an soziale Medien und für Analysen weiter. Durch die Benutzung unserer Webseite stimmen Sie dem zu. Weitere Informationen

Wir verwenden Plugins, mit denen Sie unsere Inhalte in sozialen Medien wie Facebook, Twitter und Google+ teilen können. Bereits durch den Aufruf von Seiten werden Informationen an diese sozialen Medien weitergegeben. Außerdem verwenden wir Google Analytics, um die Nutzung unserer Seite analysieren zu können.

Schließen