Gammler, Burschen, Freddy Quinn & das konsenfähigste Protestlied

Sören Heim nimmt die momentane Mischung zweier Welten zum Anlass, das meistgehasste Lied Freddy Quinns neu zu lesen und schreckt dabei vor allerlei Unsinn nicht zurück, wenn es einen tieferen Sinn zu behaupten gilt


Pfingsten wars. Welch ein skurriler Anblick!
Da lungern bärtige, langhaarige, bierbäuchige Burschenschaftler nach einer durchzechten Nacht verstrahlt am Rheinufer rum. Komische Hippies, denk ich mir. Und das soll die stramm organisierte Elite von morgen sein? Das ist doch eher die letzte Splittergruppe deutscher Deadheads. Oder vielleicht eine Fraktionssitzung der noch immer nicht aussterben wollenden DKP? Nee, das sind Markomannen. Oder Teutogermanen. Oder wie sie auch alle heißen. Komische Hippies…

Komische Hippies

Blende. Demnächst beginnt die Festivalsaison so richtig. Und ich werde wieder bei einem der schönsten und urtümlich wirkendsten Sixties-style-Festivals überhaupt zugegen sein. Hippies gibt’s dort doch auch. Diese sonnengebräunten Damen und Herren. Mit ihren akrobatik- und jonglagegestählten Körpern, oder woher auch immer sonst diese Muskeln kommen. Die stundenlang nicht müde werden jedem, der es sehen oder nicht sehen will, ihre Kunststücke vorzuführen. All diese übergesunden, alkoholabstinenten, entspannt-sportlichen Sunnyboys und Girls, die einem schon ob ihrer bloßen Existenz die Schamröte ins Gesicht treiben.
Ein guter Freund, der auch ein Freund Nietzsches ist, blickt mit viel Verachtung auf diese Subkultur, die auch schon ihre ich weiß nicht wie vielte Reinkarnation als Tragödie, Farce und Traumödie hinter sich hat. Aber turnt in dem dauer-selbstoptimierenden, überoptimistischen Millieu nicht vielleicht gerade der Übermensch rum, nach dem du Ausschau hälst, foppe ich gern den Freund und Freund Nietzsches. Seiltänzer zumindest findet man hier reichlich…

Blende. Plötzlich überlagern die beiden Szenen sich. Da sitzen wieder die auf einmal sympathisch wirkenden faulen Burschis wie einst unsre Eltern im Schlamm von Woodstock (dem Cover auf der Loreley, natürlich). Und die gestählten Hippies formieren sich zum anklagenden Chor:

Wer hat sogar so ähnliche Maschen,
auch lange Haare, nur sind sie gewaschen? Wir! Wir! Wir!

Wie viel Kritik hat er nicht einstecken müssen! Der angeblich siebensprachige Ex-Zirkusartist und Weltenbummler, der Gammler avant la letre, der spätere Traum aller Schwiegermütter, Freddy Quinn: ‚Adenauers Sprachrohr, Spießer, fast schon ein Protofaschist‘. Und er hat sich dann ja auch entschuldigt, zerknirscht eingestanden, dass sein „Wir“, ohne das sich doch kaum wer an ihn erinnern würde, ein großer Fehler gewesen sei.
Unsinn, sage ich! Man muss das Lied nicht mal konservativ und stolz-deutsch lesen, da tun sich ganz andere Möglichkeiten auf! Gemeinsam mit Burschen und Hippiechor sei hiermit in Hoffnung auf eine lange Sonnenzeit ein frühes Sommerloch ausgerufen, wir wollen dem Prachtstück mal unorthodox zu Leibe rücken:

Gammler, Zen und hohe Berge

Wer will nicht mit Gammlern verwechselt werden? Wir!
Wer sorgt sich um den Frieden auf Erden? Wir!

So beginnt Quinn. Und das ist doch mal ein konsensfähiger Anfang. Wer will schon Gammlern verwechselt werden? Meine Burschenschaftler aus dem Intro mit Sicherheit nicht, auch wenn das dem unbedarften Beobachter passieren könnte. Ich selbst, falls ich irgendwann mal wieder über Nacht im Freien versacke wohl eher auch nicht. Wobei, vielleicht wenn jemand ungefragt Geld hinschmeißt. Mein Hippiechor würde sich die Verwechslung mit Gammlern sicher auch verbitten, und selbst die Dharma Bums aus Kerouacs auf Deutsch als Gammler, Zen und hohe Berge erschienenen gleichnamigen Buch wollten Philosophen sein, Buddhisten und Poeten, aber doch sicher nicht aufs herumgammeln reduziert werden. Und um den Frieden sorgen sich doch alle. Besonders Deutsche, besonders wenn sie mal wieder auf die Finger verdient haben. Und ganz besonders auffällig oft nach ’45, wenn es um Kriege anderer ging.
Weiter geht es dann schon ein wenig unfreundlicher:

Ihr lungert herum in Parks und in Gassen,
wer kann eure sinnlose Faulheit nicht fassen? Wir! Wir! Wir!

Doch vielleicht sollte sich, wer Quinns Denunziation fremder Faulheit nicht fassen kann erst einmal ebenfalls fassen: und zwar an die eigene Nase. Denn die eigene Faulheit fasst und entschuldigt sich leicht, man denkt nach, man sammelt Kräfte, whatever. Aber der Reflex auf die der anderen zu schimpfen, der Obdachlosen Flaschensammler und ihres anstrengungslosen Lebens, der Handwerker, die vom goldenen Boden zehren und der faulen Wall-Street-Trader, die das Geld anderer Leute für sich arbeiten lassen, der ist doch so allgemein menschlich, dass er ganz zurecht erstmal unverstellt in so einem Liedtext Einzug erhalten sollte. „Wer kann eure sinnlose Faulheit nicht fassen?“ nuscheln meine verpennten Burschenschaftler den Hippies zu, und der Hippiechor keift zurück: „Wir! Wir! Wir!“

Der Mut sich zu schämen?

Nun wird es hochpsychologisch und im Kontext der folgenden Zeilen dann auch politischer:

„Wer hat den Mut, für euch sich zu schämen? Wir!“,

fragt Quinn nämlich, was doch eine passiv-aggressive Fremdbeschämung zum Ausdruck bringt, die mehr Licht auf den Sprechenden wirft das auf die Angesprochenen. Weiter geht es dann allerdings mit der interessanten Wendung ins positive:

„Wer lässt sich unsere Zukunft nicht nehmen? Wir!“

Vergangenen wird Respekt gezollt, ohne dass Zuflucht im Vergangenen gesucht wird:

„Wer sieht euch alte Kirchen beschmieren,
und muss vor euch jede Achtung verlieren? Wir! Wir! Wir!“

Dass das Beschmieren alter Kirchen nicht wirklich Achtung verdient, da dürften sich dann mein Chor und die Burschis wieder überraschend einig sein. Wer, außer ein paar pubertären Sprayer-Kids und schlechten Restauratoren, oder Fastfoodketten wie McDonalds macht sowas auch?

Dann, endlich, verortet sich unser Sprecher/Sänger-Subjekt selbst positiv:

Denn jemand muss da sein,
der nicht nur vernichtet,
der uns unseren Glauben erhält,
der lernt, der sich bildet,
sein Pensum verrichtet,
zum Aufbau der morgigen Welt.

APO oder CDU?

Sind das konservative, spießig-bräsige Alt-CDU Parolen? Gewiss, da kommen ein paar Reizworte vor, die man für die Antithesen der 68 er und aller folgenden Protestbewegungen halten könnte, Glaube, Bildung, das verrichten eines Pensums. Könnte man, wenn man selbst ein spießig-bräsiger vor-68er CDU-Kader ist. Aber was für ein Glaube wird denn angesprochen? Der an den Gott der alten Kirchen? Kaum. Um welches Pensum geht es? Das schulische der schwarzen Pädagogik? Um welche Bildung? Im Text steht wenig konkretes, jedoch macht die letzte Zeile mehr als deutlich, wohin die Reise geht. In Richtung „Aufbau der morgigen Welt“ !

Mal ganz ehrlich, hätte solche Verse nicht auch ein gewisser Herr Bader der jungen Frau Meinhof im Marxleserkreis so ins Poesiealbum schreiben können? Oder andersrum. Und weiter geht’s:

„Die Welt von Morgen sind bereits heute Wir!
Wer bleibt nicht ewig die lautstarke Meute? Wir!“

Da steigert der Hippiechor sich schon zum Infernal, und die Burschis werden ganz klein und stumm (Oder tanzt und singt man bereits zusammen? Wer immer mal jung und voller Träumen war muss sich doch in diesen Zeilen finden!) O.k., was folgt ist dunkel:

Wer sagt sogar, dass Arbeit nur schändet,
wer ist so gelangweilt, so maßlos geblendet? Ihr! Ihr! Ihr!

Ja, wer sagt sowas? Oscar Wilde vielleicht. Vielleicht die Digitale Boheme und jene modernen Arbeitgeber, die das gesamte Leben nach der Art eines Spiels strukturieren wollen? Oder grundsätzlicher: Stutzt hier Quinn nicht die gesamte griechisch römisch-westliche Tradition der Unterwürfigkeit und Abhängigkeit zurecht, die den Begriff der Arbeit „ὁ πόνος“ oder „labor“, der Mühe, der Not, bzw. des Leidens geprägt und begriffsgeschichtlich ganz unstreitig nachträglich zur genussvollen Selbstkasteiung und dann erst zur Selbstverwirklichung verklärt hat?

Kommt schlecht weg bei Quinn: Klassisch-Griechische PhilosophieNur in der Muße ist für Platon das Ideal der Bildung zu verwirklichen, und formulieren konnte er das, weil wie selbstverständlich die griechische „Intelligenzija“ die Mühen der Arbeit auf untere Klassen und Sklaven auslagerte. „Ihr! Ihr! Ihr!“, also, Denker, Träumer, Philosophen, Künstler, die nicht reflektieren dass, so viel sich verändert hat, die große Freiheit mancher zu sogenannter geistiger Arbeit, eine materiale Basis hat, die bis ins kongolesische Coltanbergwerk reicht. Oder nicht?

Die große Versöhnung !?

Es folgt jene berühmte versöhnliche Passage, in der der Sänger eine Brücke zwischen den in die Zukunft blickenden Machern und den Abgehängten und sich Aufgebenden baut (und spätestens hier, wo wir wieder bei den Zeilen anlangen, von denen diese Groteske ihren Ausgang nahm, liegen sich Hippies und Burschen in den Armen):

Wer will nochmal mit euch offen sprechen? Wir!
Wer hat natürlich auch seine Schwächen? Wir!
Wer hat sogar so ähnliche Maschen,
auch lange Haare, nur sind sie gewaschen? Wir! Wir! Wir!

Bei der nun folgenden, vielleicht zentralen Pointe des Liedes (wie konnte das bisher nur übersehen werden?) habe ich immer ein ganz bestimmtes Bild vor Augen:

Auch wir sind für Härte,
auch wir tragen Bärte,
auch wir gehen oft viel zu weit.
Doch manchmal im Guten,
in stillen Minuten,
da tut uns Verschiedenes leid.

Die Drei Tenöre, eine Freddy-Quinn-CoverbandJa. Das ist verstörend, nicht? Aber immerhin, Verschiedenes tut ihnen ja leid. Wir nähern uns dem Ende, antiklimatisch scheint es auszuplätschern…

Wer hat noch nicht die Hoffnung verloren? Wir!
Und dankt noch denen, die uns geboren? Wir!

Das Bild zeigt die 3 Tenöre, eine Freddy Quinn-Coverband.

… ehe dann in einem der wenigen perfekten Verse deutscher Liedkunst die problematisch zwiespältige Natur von Protestbewegungen aller Couleur auf den Begriff gebracht wird:

Doch wer will weiter nur protestieren,
bis nichts mehr da ist zum protestieren? Ihr! Ihr! Ihr!

Man kann das positiv lesen. Protestiert wird, bis eben nichts mehr da ist wogegen protestiert werden muss, dann ist man dem „Aufbau der morgigen Welt“ ein gutes Stück näher. Ebenso aber: Der Protest zerfrisst sich selbst die eigene Grundlage. Die eigene Bedingtheit im Bestehenden wird negiert, ignoriert, worauf überhaupt die Möglichkeit zum Protest ruhte, erodiert unterdessen…

Die Neue Protestbewegung

Bezeichnender Weise ist für historische Protestbewegungen, von der alten Arbeiterbewegung, der Lenin abfällig ein nur gewerkschaftliches, also auf Teilhabe ausgerichtetes Bewusstsein attestierte, über die 68er bis zu heutigen Neuauflagen keiner der beiden Extremfälle eingetreten. Einerseits protestiert man gern munter weiter und findet immer wieder neue Gründe zu protestieren, wohl auch weil zumindest bei etablierten Protestlern schonmal die wirtschaftliche Existenz dranhängt. Auf der anderen Seite war man immer wieder nur zu bereit, seinen Frieden mit den Verhältnissen zu machen, wenn dafür die Annäherung an oder zumindest die Illusion der Annäherung an einige der erstrebten Ideale in greifbare Nähe rückte. Was ja durchaus, I’m looking at you Mr. Fischer & Cohen Bendit, auch sympathisch sein kann: Bärte tragen, für Härte sein, zu weit gehen, das ist nichts was das Leben nachhaltig verbessern dürfte.
Die „konservative Revolution“ unserer Tage dagegen könnte zu einem exemplarischen Fall des zweiten Extrems werden, in ihrer ostentativ vor sich hergetragenen Antigutmenschlichkeit ist sie gerade prädestiniert dafür, von ihren eigenen Kindern rechts überholt und gefressen zu werden. Irgendwo findet sich immer noch zu viel Weichheit, zuviel Politische Korrektheit, zuviel Gutheit. Und die zu bekämpfen hat andere Folgen als reale und eingebildete Ungerechtigkeiten. Das darf man gern als Prognose lesen: Sollte die Liberal-konservativ-völkische Melange im Umfeld der AfD erfolgreich bleiben, dann als erfolgreiche Durchgangsstation auch auf dem Weg auch zur Überflüssigmachung noch der meisten ihrer bisherigen Parteigänger. Have fun.

Alles Vorherige dagegen lese man besser nicht mit allzu viel ernst. Zumindest eines aber sollte mitgenommen werden: Die Konstruktion eines homogenen Wirs gegen ein verachtenswertes bis schädliches Ihr ist verdammt Konsensfähig, auch über die Grenzen der respektiven „Ihrs“ und „Wirs“ hinweg. Dabei sind kollektive Identitäten so lächerlich brüchig wie nicht mal die immer schon fragilen einzelnen. Wer mitspielt, ist selbst Schuld.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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