Natürlich? Künstlich? Natürlich künstlich!

Gerne ziehen wir Analogien aus Tier- und Pflanzenreich heran, um menschliche Gesellschaften zu erklären. Als lauerten dabei nicht schon genügend Fallstricke haben wir auch immer häufiger die Natur, an der wir den Menschen neutral zu messen glauben, erst nach unserem Bilde geschaffen.

Red-tailed Hawk Jan 2, 2015, 12-046 von F Delventhal unter CC-BY 2.0, zugeschnitten

Kennen Sie den Rotschwanzbussard? Der ist ein – auch in kultureller Hinsicht – faszinierender Zeitgenosse. Sein Schrei, weiß die englische Wikipedia zu berichten, werde als lautester aller Greife in Film und Fernsehen gern als generischer Raubvogelschrei insbesondere für große Tiere genutzt. Steinadler, Seeadler aber auch Flugsaurier schreien mit der Stimme des Rotschwanzbussards. Für nicht wenige Menschen gilt daher die Gleichung: Je größer der Vogel, desto lauter sein Ruf.

„Konkurrenzkapitalismus im Tierreich“ – ?

Wir Menschen machen uns gerne Bilder davon, welches Verhalten, welche Eigenschaften „natürlich“ seien, und beinahe noch viel lieber übertragen wir an der Natur gewonnene „Erkenntnisse“ wiederum auf die menschliche Gesellschaft. Zwei so antagonistischen Denker wie Friedrich Nietzsche und Karl Marx haben diesen Fetisch der Natürlichkeit harrsch kritisiert. Bezüglich Charles Darwins The Origin of Species meinte Marx lakonisch, dieser habe „auf den Galapagosinseln den englischen Konkurrenzkapitalismus im Tierreich entdeckt“. Und Nietzsche mahnt in Jenseits von Gut und Böse die Prediger eines „Naturgemäßen Lebens“: „Aber dies ist eine alte ewige Geschichte: was sich damals mit den Stoikern begab, begibt sich heute noch, sobald nur eine Philosophie anfängt, an sich selbst zu glauben. Sie schafft immer die Welt nach ihrem Bilde, sie kann nicht anders“. Beide waren nun allerdings auch nicht gerade zimperlich darin, ihre eigenen Vorstellungen vom richtigen Leben in einer mal so, mal so definierten Natur des Menschen zu begründen. Es ist so verlockend, wie es einfach scheint.

Immerhin, die aller simpelsten Kurzschlüsse wird man heute für gewöhnlich zu vermeiden wissen. Das menschliche Gesellschaften nicht einfach mit Verweis auf den Ameisenstaat zu erklären sind, und dass bei aller biologischen Nähe und manch oberflächlicher Ähnlichkeit auch die „Affenhorde“ als Sinnbild für das Verhalten in modernen Gesellschaften letztendlich nur sehr bedingt taugt, darf als bekannt vorausgesetzt werden. Was aber, wenn wie im Falle des synchronisierten mächtigen Adlers der menschliche Geltungsdrang sich sein natürliches Vorbild selbst schafft? Dann lauern Fallstricke, die selbst der Vorsichtige möglicherweise nicht auf dem Schirm hat.

Die menschliche Natur

In der Welt las ich vor einiger Zeit einen Artikel, in dem beschrieben wurde, wie gewisse Kulturfolger mehr und mehr an regionale Nischen angepasste Tiere verdrängen. Wanderratte, Krähe und gemeine Dohle breiten sich aus, alteingesessene Tierarten weichen. Zahlreiche Kommentare unter dem Text wiesen gleich darauf hin, dass es sich eben um ein Gesetz der Evolution handele: die Allrounder, deren Fähigkeiten eine möglichst weite Spanne an Situationen abdeckten, überlebten eben. So sei es ja auch beim Menschen. Dass erst die vom Menschen geschaffene, aus der Sicht der Dohle oder Wanderratte vom Nordkap bis zum Horn von Afrika wohl tatsächlich relativ monotone Kultur die Bedingungen geschaffen hat, unter der dieses Gesetz womöglich, zeitweise, gilt, dass übergeht man gern. Gleich in doppelter Ausführung findet sich darin der Fehler beinahe aller vulgären Evolutionsbiologischen Betrachtungen menschlichen Lebens: Verdrängt wird, dass der Mensch wie kein anderes Lebewesen die Umstände, an die er sich anpasst, selbst schafft. Und ebenso, dass er die Umstände des „Natürlichen“, in dem wir nach auf das menschliche Leben übertragbaren Regeln suchen, mitbeeinflusst.

Oscars Wildniss

Ob Adlerschrei oder animalische Generalisten: Das Natürliche selbst ist weit künstlicher, als wir es uns regelmäßig eingestehen. Es sei nicht die Kunst, die das Leben imitiert sondern das Leben, das die Kunst imitiere, so Oscar Wilde. Ein schönes Bonmot, auch wenn es ein wenig über das Ziel hinausschießt. Manch einer, der mit einem kurzen Blick ins Tierreich meint all das erklären zu können, was gerade weltpolitisch zur Sorge Anlass gibt (Primaten führten nun mal Kriege,männliches Dominanzgebaren, gesunde Ausdünnung der Bevölkerung, bla bla bla) schriebe sich Wildes Worte aber vielleicht einmal besser hinter die Ohren.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014.

In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel.

Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten.

Monographien:
Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front
Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover
kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu
Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen

Audio-Exklusiv:
La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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