Verschwörung gegen das Bargeld? Norbert Häring im Interview

Die Idee einer Einschränkung oder gar Abschaffung des Bargeldverkehrs wurde zuletzt heiß diskutiert. Warum? Und: Wer profitiert? Ökonom Norbert Häring möchte Antworten geben


Norbert Häring ist Redakteur des Handelsblatt und Co-Director der World Economics Association. Sein Buch Die Abschaffung des Bargelds und die Folgen: Der Weg in die totale Kontrolle erscheint am heutigen Tag. Häring betreibt das Blog norberthaering.de

Sören Heim: Sie schreiben auf ihrem Blog von einer „Verschwörung gegen das Bargeld“. Bewusste Überspitzung? Oder sehen Sie derzeit tatsächlich mehr als eine politische Kampagne zur Begrenzung der Barzahlung?

Norbert Häring: Ich meine schon Verschwörung, so wie der Begriff etwa in Wikipedia definiert ist, als geheim gehaltene Absprache von Leuten mit Gestaltungsmacht, etwas zu verändern oder eine Veränderung zu verhindern. Ich habe für mein Buch nachgeforscht und habe festgestellt, dass die Anti-Bargeld-Propagandisten ebenso wie die wichtigen Akteure der Anfangszeit dieser Kampagne einem eng geknüpften Netzwerk entstammen. Da steht offenkundig System dahinter. Die Absichten wurden aber lange geheim gehalten und werden erst jetzt langsam öffentlich gemacht.

SH: Ganz platt: Warum will man sowas? Kann man durch Bargeldbeschränkung wirklich Kriminalität eindämmen?

Privatsphäre vs Überwachung

NH: Bargeld ermöglicht es, sich gegenüber der um sich greifenden Totalüberwachung einen Rest Privatsphäre zu bewahren. Totale Überwachung hilft gegen Kriminalität, das ist klar, jedenfalls gegen Kriminalität der Überwachten. Wollen wir sie deshalb? Ich nicht. Eines muss klar sein. Bei der Abschaffung der 500-Euro-Noten und einer Bargeldgrenze bei 5000 Euro kann und wird es nicht bleiben, wenn es in Sachen Kriminalität oder Terror etwas bewirken soll. Das funktioniert nur, wenn Verkäufer mit Bargeld gar nichts mehr anfangen können. Sonst ist dem Verkäufer von einem Dutzend Kalaschnikows oder einem Kilo Heroin doch schnurzegal, ob er sich strafbar macht, weil er Bargeld annimmt.

SH: Wer profitiert davon?

NH: Die Banken. Mit ihnen ist das Anti-Bargeld-Netzwerk eng verbunden, nicht mit den Ordnungshütern. Die Kampagne fällt nicht zufällig mit der Finanzkrise zusammen. Wenn wir kein Bargeld mehr haben, können wir unser Geld den Banken nicht mehr entziehen und können nach Belieben geschröpft werden, wenn eine Bank wieder mal saniert werden muss. Oder alle.

Bargeld unter Strafe?

SH: Sie schreiben auch „dass der Kampf gegen das Bargeld von Finanzinstituten und Politik zielgerichtet in der Peripherie Europas und der USA begonnen wurde“. Was gibt es da für Beispiele? Abgeschafft ist das Bargeld ja bisher meines Wissens noch nirgends.

In den USA hat Louisiana angefangen mit einem Gesetz, das den Handel mit jeglichen gebrauchten Gegenständen per Bargeld unter Strafe stellt. Die größte Bank JP Morgan Chase hat Beschränkungen von Bartransaktionen in Pilotfilialen in ländlichen Gebieten eingeführt. Afrika ist ein riesiges Labor der Anti-Bargeld-Koalition. In Süd- und Osteuropa haben Abgesandte der Europäischen Zentralbank, der EU-Kommission und des IWF als Finanzminister zuerst gesetzliche Verbote eingeführt, größere Rechnungen bar zu zahlen.

SH: Mir persönlich fällt es schwer mir einen Erfolg der Anti-Bargeld-Initiativen überhaupt vorzustellen. Halten Sie denn eine komplette Abschaffung des Bargeldes für eine tatsächliche langfristige Gefahr?

NH: Das ist nicht nötig. 10-Euro-Scheine und 5-Dollar-Noten können und werden weiter umlaufen, ohne den Erfolg der Aktion zu gefährden. Schon heute muss man froh sein, wenn man nicht verhaftet wird, wenn man mittelgroße Summen Bargelds von seinem eigenen Konto abheben will. Ich hab es ausprobiert. Es ist ein Abenteuer. Wenn man sein Bargeld nicht mehr auf die Bank bringen kann, und keine größeren Zahlungen mehr damit erledigen, ohne von der Polizei befragt zu werden, dann ist das Ziel erreicht.

Und wer leidet darunter?

SH: Zuletzt: Ich habe nach den Nutznießern gefragt. Auf der anderen Seite: Wer leidet denn besonders drunter? Stehen in zehn Jahren die Straßenmusiker mit dem EC-Kartenlesegerät in Berlin auf dem Alex?

NH: Das ist die Spitze des Eisbergs. Wenn Bargeld nicht mehr nutzbar ist, dann kann eine Regierung jeden Bürger jederzeit ohne Gerichtsbeschluss fertig machen, vor allem die amerikanische. Das macht sie schon gegenüber Organisationen, die praktischer Weise nicht auf Bargeld ausweichen können. Sie muss einfach nur die allesamt amerikanischen Kreditkartenfirmen  und die überwiegend amerikanischen sonstigen Zahlungsdienstleister wie Paypal „bitten“, den Zahlungsverkehr für bestimmte Leute oder Organisationen nicht mehr abzuwickeln, und schon haben diese allergrößte Probleme. Das wurde etwa weltweit mit Poker- und Backgammonwebsites gemacht, oder mit Wikileaks. Dazu braucht es nicht mal einen Gerichtsbeschluss. Wenn Bargeld weg ist, geht das auch gegenüber Individuen.

SH: Vielen Dank für die Einschätzungen

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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