Muslimische Männer, oder: Von der Soziologie in der Netzwerkdemagogie

Anlässlich der Diskussionen um die Vorfälle am Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht: Eine abstrakt gehaltene Replik auf Alexander Wallasch’s „Kölner Polizei: Es waren 1100 arabisch aussehende junge Männer“


Ich bin ein Fan der Soziologie. Das bedeutet, dass ich es für spannend und auch sehr wichtig halte, nach den gesellschaftlichen Hintergründen und Ursachen menschlichen Verhaltens zu suchen und auf der Grundlage der Ergebnisse sich Gedanken über künftige Folgen des untersuchten Verhaltens zu machen. Soziologische Untersuchungen beziehen dabei soziale, kulturelle, politische und familiäre Faktoren in die Analyse mit ein, um zu einem mehrdimensionalen Urteil zu gelangen. Wie alle Wissenschaften trachtet sodann auch die Soziologie danach, die einzelnen Ergebnisse zu verallgemeinern, um aus ihnen allgemeingültige Sätze ableiten zu können. Und wie in fast allen anderen Wissenschaften geschieht dies in der Soziologie – von einigen Schulen vielleicht abgesehen – ebenfalls über die Suche nach signifikanten Häufungen der Untersuchungsergebnisse bei vergleichbaren Fällen. Ist eine solche Suche erfolgreich, erscheint menschliches Verhalten – ob auf individueller oder kollektiver Ebene – erklär- und verstehbar zu sein.

Wenn Adorno und Popper denselben Alptraum haben

Die Soziologie hat mit allen anderen Wissenschaften noch etwas gemein: Ihre Methoden schützen sie bestenfalls vor handwerklichen Fehlern, aber nicht vor Trugschlüssen und schon gar nicht vor politisch motiviertem Missbrauch. Die quantitative Sozialforschung, die ja lediglich das notwendige Vorgeplänkel soziologischer Analysen darstellt, wird im Medien- und Politikbetrieb bereits seit mindestens zwei Jahrzehnten für immer haarsträubendere diskursive Manöver missbraucht. Für jedes Argument gibt es mindestens eine Statistik, wobei das jeweilige Argument sich längst nicht mehr an der entsprechenden Statistik orientiert oder die das Argument vertretende Person zumindest das Netz nach einer passenden Statistik gefiltert hat (ob nun bewusst oder unbewusst #Filterblase). Vielmehr werden Statistiken bedarfsorientiert als Dienstleistung für potente Akteurinnen und Akteure erstellt – Korrelationen werden also bestellt. Das Verhältnis zwischen Induktion und Deduktion sprengt jeglichen Rahmen kritisch-rationalistischer Grundsätze: Falsifizierung als Ehrenkodex soziologischer Selbstkontrolle existiert im Metier der Zulieferinstitute nicht mehr.

Einst wurden auf hohem Niveau die Postulate und Grundannahmen des Kritischen Rationalismus Karl Poppers oder der Werturteilsfreiheit Max Webers als unzulänglich oder den gesellschaftlichen Status Quo verklärend kritisiert. Ob Hannah Arendt, Theodor W. Adorno, Simone de Beauvoir oder Michel Foucault: Sie alle müssten ihre damaligen wissenschaftlichen Gegner*innen heute als das geringere Übel ansehen. Nur der Empirie gegenüber verpflichtetes Denken, wie Popper es propagierte, ist wohl zurecht als eindimensional zu kritisieren – doch gegenüber einer mithilfe der heute unüberschaubar gewordenen Methodenvielfalt zurechtgebogenen Empirie, die nur den Auftraggebern und Auftraggeberinnen verpflichtet ist, ist der Kritische Rationalismus Aufklärung pur.

Schlimmer geht immer

Mit dem bis hierhin Geschilderten habe ich nur die für alle gut sichtbare Spitze des Eisbergs beschrieben. Der Willkür und Geldhörigkeit des kommerziellen Betriebs quantitativer Sozialforschung – der natürlich schon längst nicht mehr vor Universitäten halt macht – lässt sich noch mit entsprechenden qualitativen Analysen, also echter Soziologie begegnen, auch wenn der Kampf um eine breite Wahrnehmung der Ergebnisse schwer genug ist. Doch die Widersprüche, auf die die Frankfurter Schule und die diversen diskursanalytischen Strömungen in Bezug auf die gesellschaftlichen Machtverhältnisse, die ihren Ausdruck eben auch in der Soziologie als Teil der Gesellschaft finden, aufmerksam machten, sind heute kaum als ein geringeres Problem gegenüber dem grassierenden Statistikhokuspokus anzusehen. Vielmehr wird auch jene tatsächliche Soziologie, das heißt qualitative Sozialforschung, als Brennmaterial zur Befeuerung der Netzwerkdemagogie eingesetzt.

Mit der Politisierung des Alltags durch die so genannten „Sozialen Medien bzw. Netzwerke“, durch die ständige politische Selbstverortung des Subjekts, wird Soziologie zunehmend auf die Funktion reißerischer Klatschpresse degradiert. Auf Facebook und Twitter werden die miteinander vernetzten user*innen zu Redakteuren und Redakteurinnen des gemeinsamen publizistischen Projektes: Sich im Anspruch auf Deutungshoheit gegenseitig zu bestärken. Dieser Anspruch muss beständig unterfüttert und verteidigt werden. Die das Netz überflutenden Statistiken können diesen Bedarf aufgrund ihrer zu kaum mehr als Internetspam verfallenen Qualität nicht ausreichend decken. Vielmehr bedarf es argumentativer Tiefe, um sich der Überlegenheit des eigenen Kollektivs und der Verteidigung des vermeintlichen oder tatsächlichen Status zu vergewissern. Insofern dies nicht durch in sich geschlossene, gegen äußerliche Kritik abgekapselte Verschwörungstheorien geschieht, wird auf die Soziologie zurückgegriffen – und zwar in erster Linie von jenen, die tatsächlich einen gesellschaftlichen Status zu verteidigen haben.

Gesellschaft braucht pluralistische Soziologie

Und hiermit möchte ich endlich zum Anlass meines Textes kommen. Im Diskurs um die Vorfälle rund um den Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht wird – wie schon so oft – die Soziologie den gesellschaftlichen Machtverhältnissen unterworfen und dienlich gemacht. Als Fan der Soziologie müsste ich eigentlich eine Analyse der Vorfälle, der Taten und der Täter, die die sozialen, kulturellen, politischen und familiären Faktoren berücksichtigt und so eine valide Aussage ermöglicht, sehr begrüßen. Ich müsste mich freuen, dass so viele Menschen auf Facebook und Twitter sich die Mühe machen, Texte zu schreiben, zu lesen und zu teilen, die auf einer solchen Analyse aufbauen und dass sie ihre Argumentation auf ihnen begründen. In einer aufgeklärten Gesellschaft müsste es genauso laufen, wie es mir auf Facebook in den letzten Tagen begegnete. Und doch erkenne ich im Diskurs um die Vorfälle am Kölner Hauptbahnhof das Gegenteil: Rassismus, Xenophobie, Statusangst, bürgerliches nach-unten-Treten.

Es ist jenes Problem, das auch die Diskussionen um so genannte Ehrenmorde, Zwangsheirat, Burka oder „Parallelgesellschaften“ ausmacht. Überall hier finden sich soziologische oder zumindest soziologisch angehauchte Argumentationen: Die konkreten Fälle werden mehrdimensional, das heißt also eben nach sozialen, kulturellen, politischen und familiären Hintergründen durchleuchtet, die Ergebnisse mit ähnlichen Fällen verglichen und so Aussagen generiert. Unzweifelhaft erklärt das häufige Zusammenspiel von Migrations(familien)biographie, sozialer Deprivation und Religion – in Deutschland meist eine Form des Islam – vielfache konkrete Ausformungen männlicher Gewalt. In einer anderen, besseren Gesellschaft wäre die Verbreitung dieses Wissen über die Techniken der so genannten „Sozialen Medien“ Aufklärung in Reinform.

Doch in dieser, in der deutschen Gesellschaft des Jahres 2016, wird der in der Soziologie schon in ihrer Entstehung angelegte Missbrauch auf die Spitze getrieben. Denn von derartigen soziologischen Analysen, die die eigene Gruppe oder gar das Individuum, das Selbst, betreffen, wollen die user*innen der „sozialen Medien“ nichts wissen. Zu den spezifisch deutschen oder kulturindustriell bedingten Ursachen von „Familientragödien“, die sich meist in mittelständigen, biederen und „nicht-migrantischen“ Haushalten ereignen, zur alkoholbefeuerten Gewalt in dörflichen Großraumdiskos oder in Vergnügungsvierteln deutscher Großstädte, zum Enthemmten Sexismus auf Volksfesten wie dem Oktoberfest oder männlicher Gewalt rund um Fußballstadien werden keine Analysen auf Facebook herumgereicht. Ein deutsch-deutscher Hintergrund einer Tat stellt für die user*innen keinen hinreichenden Grund dar, soziologische Fragestellungen zu entwickeln.

Aufklärung muss allgemeingültiger Anspruch sein

Die Ebene der ökonomischen Macht und der aus ihr folgenden Gewalt, die sich in der bürgerlichen Gesellschaft und ihrem Staat rationalisiert und objektiviert, ist hier noch gar nicht tangiert und soll an dieser Stelle nur erwähnt werden, um den Zustand der Soziologie im Jahr 2016 in seiner desaströsen Gesamtheit zu umreißen. Hier geht es darum, wie die Soziologie anstatt der Aufklärung der Gesellschaft über sich selbst dem Alltagsrassismus und dem Anspruch auf Deutungshoheit deutsch-deutscher Subjekte nutzbar gemacht wird. Eine Soziologie der Gewalt auf deutschen Straßen, in deutschen Stadien, auf deutschen Festen, in deutschen Clubs und in deutschen Haushalten würde auch sie dazu zwingen, sich mit sich selbst und ihrem Kollektiv kritisch auseinander zu setzten. Mit der Floskel von der „Integration“ aber wird ein solches Handeln nur von einer Gruppe verlangt – die dann schon längst nicht mehr soziologisch bestimmt, sondern durch die unzulässige Verallgemeinerung spezifischer Analyseergebnisse im bürgerlichen Ressentiment konstruiert wird.

Aufklärung über das eigene Handeln, seine Ursachen und Wirkungen sowie der an eine solche Aufklärung gekoppelte Anspruch, Konsequenzen aus den Erkenntnissen zu ziehen – solch eine Haltung als Maxime menschlichen Handelns war die Utopie vieler Soziologinnen und Soziologen. Die Dreistigkeit, mit der heute eine solche Haltung durch privilegierte Subjekte von anderen gefordert wird, ohne ihr selbst im geringsten nach zu kommen, und dies auch noch auf Grundlage von stereotypisierten Ergebnissen soziologischer Fallanalysen, ist der wohl nur vorläufige Höhepunkt der Dialektik der Aufklärung.

Marcus Munzlinger

Marcus Munzlinger

1983 geboren in Berlin, aufgewachsen in Schleswig-Holstein und Hamburg. Studium der Romanischen Philologie mit Schwerpunkt Spanische Literaturwissenschaften im Hauptfach Magister an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel mit den Nebenfächer Soziologie und Pädagogik. Vorstandsarbeit bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung Schleswig-Holstein und Ausschussarbeit in der Jugendbildung der Rosa-Luxemburg-Bundesstiftung in Berlin. Redaktionsarbeit bei der Gewerkschaftszeitung Direkte Aktion in den Ressorts Kultur & Globales. Seit 2014 Mitarbeiter im Programmteam des Kulturzentrums Pavillon in Hannover im Bereich Gesellschaft & Politik. Daneben freie journalistische Arbeit mit Veröffentlichungen in der Jungle World, ak – analyse & kritik und Straßen aus Zucker.

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