„Urteilen Sie!“ – Kunst und Moral im Kunstskandal

Pornographie und persönliche Diffamierung. In den großen Kunst-Skandalen 2015 ging es um Rechtsfragen und Moral, nicht um Kunst. Manchmal sehnt man sich nach der Zeit, als noch über ästhetische Kriterien handfest gestritten wurde.

Wahrscheinlich kein Skandal - Wandgemälde in Pompeji gemeinfrei

Zu einem der größten sogenannten Theaterskandale der Geschichte kam es 1913 bei der Uraufführung von Igor Strawinskys Le sacre du printemps. Das im Vorfeld durch die Presse informierte Publikum, sicherlich nicht wenig aufgehetzt, revoltierte regelrecht gegen diese neue Musik, und besorgte so das Durchfallen des unerhört modernen Stückes, das im Anschluss ein ganzes Jahr lang nicht mehr auf die Bühne gebracht wurde. Man mag über dieses frühe Beispiel eines „Wutbürgertums“ die Nase rümpfen, mag mit dem Dünkel des modernen Musikliebhabers auf den Pöbel herabsehen. Eines jedoch bleibt bemerkenswert: Das Publikum ließ sich aus vornehmlich ästhetischen Gründen zu Empörungsstürmen, gar zu Gewalttaten hinreißen. Ein im angehenden 20. Jahrhundert gar nicht so seltenes Ereignis.

In meiner Heimatstadt findet seit nunmehr acht Jahren regelmäßig eine große Freiluftkunstausstellung statt. Hierbei handelt es sich um eine mit viel Aufwand betriebene Huldigung moderner Kunst, die tatsächlich viele interessante Werke im öffentlichen Raum präsentiert – einschließlich der Kunst, die die Welt einer eher kleinen Gemeinde widerspiegelt. Neben faszinierenden Skulpturen kam im vergangenen Jahr unter anderem ein wie in einem Unfall zerstörtes Automobil zur Ausstellung. Dass das nun Kunst sei, wollte nicht jeder einsehen. Über Herbst und Winter war der verlassene beschädigte Sockel des Kunstwerkes weiterhin zu besichtigen. Und vielleicht fragte sich mancher Passant nicht zu Unrecht: Wenn das Schrottauto Kunst war, ist es der verwaiste Sockel dann auch?

Der Gleichgültigkeit folgt moralische Empörung

Unverständnis gegenüber ästhetischen Ideen treibt den modernen Kunstfreund kaum mehr auf die Barrikaden. Ist das womöglich der Tatsache geschuldet, dass wir heute um soviel offener, um soviel informierter sind als das Publikum von Paris vor hundert Jahren? Erkennen wir einfach intuitiv das Wegweisende eines Kunstwerkes, wenn wir es zum ersten Mal sehen? Oder ist uns vielleicht vielmehr die Fähigkeit, ja, die Bereitschaft zum Urteil abhanden gekommen, so dass wir gar nicht mehr wagen, geschmackliche Einwände auch einmal vehement zu vertreten? „Urteilen Sie! Dafür hat die Natur Ihnen Augen und Verstand gegeben“, so der Humanist Settembrini in Thomas Manns Zauberberg. Doch wir urteilen äußerst ungern. Wir verharren auf dem Niveau des noch unbedarften Hans Castorp, der überhaupt zum ersten Mal die dünne Luft geistiger Höhen schnuppert. Kein Zufall ist es da, dass der Volksmund die Kantsche Untersuchung des Geschmacksurteils so bequem wie einseitig auflöst: Über Geschmack lasse sich nicht streiten.

Diesem weitgehenden Willen zur Enthaltung angesichts ästhetischer Urteile, der letzter Konsequenz in die Formel mündet „Scheiße schmeckt, millionen Fliegen können nicht irren“, korrespondiert interessanterweise eine umso heftigere Bereitschaft, Kunst auf moralischer Ebene zu verurteilen. Auch das noch junge Jahrtausend war bekanntlich an Theaterskandalen nicht arm. Furore machte etwa die Absetzung der Mozart-Oper Idomeneo in Berlin, weil der darin gezeigte Kopf Mohammeds Muslime beleidigen könnte, ebenfalls hohe Wellen schlug die Absetzung der Vaginamonologe am Mount Holyoke’s College, Massachussets aufgrund feministischer (!) Proteste. Den Herbst prägte dann die Debatte um Angriffe auf Birgitt Kelle und andere konservative Publizisten von der Berliner Schaubühne herunter, ehe der neue polnische Kulturminister Piotr Glinski mit seiner Denunziation einer Jelinek – Inszenierung als Pornographie einen neuen Theaterskandal in den Fokus rückte. Entscheidend für den Skandal ist allerdings kaum mehr die künstlerische Darbietung, sondern welche Interessensgruppe oder welcher Fanverband sich vom Dargebotenen beleidigt fühlen könnte (und im Falle von der Schaubühne-Inzenierung Fear letztendlich die Frage, ab wann das Persönlichkeitsrecht die Kunstfreiheit überwiegt). Und sollte die Kritik ihrer Aufgabe tatsächlich einmal nachkommen, wie etwa Edo Reents, der Autorin Judith Hermann im Sommer, ein wenig süffisant zwar, doch in der Sache gut begründet, stilistischen Schwächen im neuen Roman Stella nachwies, kann sie sich sicher sein, bald selbst Opfer der Empörungskultur zu werden.

Für die „Entwicklung sittlicher Ideen“, die „Kultur des moralischen Gefühls“, kurz, das gesellschaftliche Klima, aus dem sich Kant zufolge die Antwort auf die Frage ergibt, wie und in welcher Form sich über Geschmack streiten lässt, stellt das kein gutes Zeugnis aus. Und auch für die derzeit aktive Künstlergeneration, die maßgeblich mit an der Etablierung eines „alles geht“ in der Kunst beteiligt war, kann das nur kurzfristig eine wünschenswerte Entwicklung sein. Zwar gewinnt man einst undenkbare Freiheiten in der Gestaltung oder eben auch Nicht-Gestaltung, doch hat man stets die moralische Entrüstung zu fürchten, und unterliegt in der Wahl des Gegenstandes einer immer rigoroseren Vor- beziehungsweise Selbstzensur.

Denken, nicht wüten!

„Urteilen Sie“, sagt Settembrini. Ich trage noch immer die Hoffnung, dass, wer gelernt hat ein ästhetisches Urteil begründet zu entwickeln, die eigenen Affekte (nicht nur) in der Auseinandersetzung mit Kunst im Zaum halten wird. Urteilen, das heißt keineswegs einem Konservativismus das Wort reden, der alle Dichtung seit Goethe, alle Musik seit Beethoven verwirft. Die selten wirklich gehörte, oft belächelte und lächerlich gemachte Zwölftonmusik etwa in der Folge Schönbergs bedient sich sehr uneingängiger, für viele Ohren wohl schmerzhafter Kompositionsverfahren. Doch bleibt sie prinzipiell als Komposition nachvollziehbar und kritisierbar. Schönberg selbst gehörte zu den prominentesten Kritikern seiner Epigonen, indem er, als man ihm im Alter zutrug, sein Verfahren habe sich nun über die ganze Welt verbreitet, gefragt haben soll: „Ja, aber machen sie auch Musik?“

John Cages berühmtes tonloses Stück 4′33″ dagegen steht außerhalb aller Kritik: Es stellt im besten Falle die Frage danach, was Kunst eigentlich sei. Doch Kunst, die sich in dieser Fragestellung erschöpft – erschöpft, hat er die Frage erst oft genug gehört, auch den Rezipienten. Man denke nur an die vielen blauen roten und grünen Quadrate, die, seit Malewitschs aufsehenerregendem schwarzen, in den Galerien dieser Welt als wirksichere Sedative gereicht werden.

Vor einiger Zeit streifte ich mit einer Freundin durch die Fußgäbgerzone einer größeren deutschen Stadt. In einem Schaufenster entdeckten wir einen Vorhang, der lässig über einige darunter verdeckte Gegenstände drapiert war. Ob es sich hierbei wohl um Kunst handele, fragte ich. Die Freundin nahm das mit Missfallen auf: Ihr tat der nur vorgestellte Künstler leid, dessen Werk ich durch meine Haltung geringschätze. Ich derweil hatte Mitleid mit all den anderen Künstlern, denen wir, indem wir bereits vorauseilend annehmen, es handele sich bei einem Haufen Müll womöglich um Kunst, doch auch kein geringes Unrecht tun.

 

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Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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