Sadismus als Politik der Lebensschützer

Die Entscheidung des Bundestages zur Sterbehilfe gegen den Willen der Bevölkerung stellt einen Akt der Unterwerfung unter theokratische Forderungen der Kirchen dar.


Macht über Leben und Tod

Die abscheulichsten Taten der vier Wüstlinge in den „120 Tagen von Sodom“: sie foltern ihre Opfer, indem sie ihnen nach und nach die Arme brechen, die Zehen und Finger amputieren, die Ohren und Nasen abschneiden, die Augen ausstechen, ihre Geschlechtsorgane zerstören, ihnen Blut abzapfen und sie immer wieder bis in die Nähe des Todes quälen, um sie danach halbwegs genesen zu lassen, um diese Qual so lange weiterzutreiben, wie es nur möglich ist. Und dabei lassen sie ihre Opfer wissen, daß sie die Herren sind und daß all diese Quälereien zum höheren Zweck ihrer Lust geschehen. Sie opfern die Glieder und Organe der anderen, letztendlich deren Freiheit, Selbstbestimmung und Würde dem Gott ihrer Lustbefriedigung, der ihnen höher steht als alles andere.

Nicht umsonst hat der „göttliche Marquis“ de Sade, wie ihn Guillaume Appolinaire nannte, einen seiner Wüstlinge zum Bischof gemacht, der sich besonders am qualvollen, abhängigen und fremdbestimmten Sterben seiner Opfer delektiert. Wie man das macht, das hat er im katholischen Amt gelernt!

Die anderen Sadisten des Buches, ein Adliger, ein Gerichtspräsident und ein Banker vertreten die staatlichen-kapitalistischen Instanzen der Herrschaft über abhängige Untertanen, ja Leibeigene. Natürlich sind es Männer, die hier herrschen – und herrschen heißt hier: die Macht über Leben und Tod besitzen.

Emanzipation nicht erwünscht

Die Feministin Angela Carter schrieb zu Recht, daß eine freie, selbstdenkende und selbstbestimmt lebende Frau in einer so beherrschten Gesellschaft zum Monstrum würde.

Und tatsächlich wurden ja solche Frauen zu Beginn der feministischen Bewegung zu Monstren stilisiert – und werden es zur Zeit wieder von den reaktionären Kräften in Politik und Gesellschaft (Stichwörter – und Namen dazu? AfD, Birgit Kelle, Beatrix von Storch, Gabriele Kuby, die so genannte Lebensrechtsbewegung, Sterbehilfegegner, vatikanische Familiensynode). Emanzipation war nicht erwünscht und wird heute in einem Aufbäumen der Reaktion, die mit emanzipatorischen Entwicklungen nicht klarkommt, erneut als widernatürlich bekämpft – zum Thema der Natürlichkeit kommen wir gleich eingehend.

Ja, noch mehr – recht eigentlich fangen alle gesellschaftlichen Gruppen, auch Männer an, darüber nachzudenken, was ein selbstbestimmtes und freies Leben ist. Es begreifen immer mehr Menschen, daß der autoritäre, ja totalitäre Anspruch von Gott, König und männlich erdachtem Recht (Kirchenrecht, Naturrecht, Gewaltherrschaft) ausgedient haben muß, damit eine gerechtere, menschlichere Zukunft möglich wird.

Die Gegner der menschlicheren Zukunft haben in der vergangenen Woche im Bundestag einen Etappensieg errungen, indem sie die Sterbehilfe kriminalisiert und damit das Leiden zu einem Fetisch der Herrschaft erhoben haben. Das Verbot der Sterbehilfe ist ein erster parlamentarischer Triumph der Theokratie, zu dem der unsägliche Papst Ratzinger-Benedikt mit seiner Bundestagsrede das Terrain bereitet, ja die Saat eingebracht hat.

Der größte vatikanische Zyniker

In seiner Rede im Jahr 2011 schwurbelte Benedikt von der „Ökologie des Menschen“ und unsere kläglich ungebildeten Parlamentarier aller Parteien applaudierten ihm, weil sie vermeinten, er spräche über grüne Ideen. Tatsächlich führte Ratzinger – solcherlei Raffinesse allerdings besitzt dieser größte vatikanische Zyniker, wenn auch nicht eine große Intelligenz – die Absurdität des mittelalterlichen Naturrechts wieder in die Debatte ein. Ein Recht, das eine göttliche Hierarchie postuliert und damit auch einen ständischen Staat und die Vorherrschaft des Klerus über alle und alles.

Mit der Bevorzugung des Naturrechtes (das nichts zu tun hat mit dem was wir gewöhnlich Natur nennen und schon gar nicht mit einem durch sozialen comment gestaltetem Recht) verwirft Ratzinger die Moderne, die Aufklärung, die Menschenrechte, das freie Denken, die freie Intelligenz und präferiert die Absurditäten des christlichen Glaubens und damit die Herrschaft des Christentums und seiner Kleriker, die alle anderen Menschen als zweitklassige Laien betrachten, die sich ihnen unterwerfen müssen.

Nur von diesem Herrschaftsanspruch aus kann Ratzinger auch die Aufklärung, die Wissenschaft, das freie Denken, das sich selbst eben nicht irrtumsfrei gibt, sondern widerlegbar bleibt auch die „Diktatur des Relativismus“ nennen. Diese schäbige rhetorische Figur ist gleichsam damals von unseren Parlamentarier beklatscht worden. In ungeheurer Selbstermächtigung, hat sich der vatikanische Potentat, der ehemalige Hitlerjunge, der vor seiner Gottesmutter auf den Knien robbende Josef Ratzinger zum einzigen Verkünder der Wahrheit ausgerufen und damit das Recht für sich beansprucht, alle Menschen seinem Katholizismus, wie er ihn in dem von ihm verantworteten Katechismus definieren ließ, zu unterwerfen.

Und unsere Parlamentarier haben sich unterworfen; besonders mit der Entscheidung, die Sterbehilfe zu verbieten und damit Menschen zu einem gottgefälligen, nein Papstgefälligen, christgefälligen Verrecken zu verurteilen. Wir wollen die Protestanten wie die schrifttreuen Evangelikalen oder den ehemaligen Bischof Wolfgang Huber und selbst die Laien wie Franz Müntefering, der angesichts des Leidens seiner Frau behauptete, das Sterben könne gelingen, nicht ausnehmen.

Besoffen vom Herrschaftsanspruch

Sie alle glauben, wie es Wolfgang Huber formulierte, wir hätten uns nicht aussuchen können, wie wir in die Welt gekommen seien, wir könnten es uns deshalb auch nicht aussuchen, wie wir sie wieder verlassen würden. Abgesehen davon, daß ein einfacher Logik-Grundkurs ausreichen würde, diese behauptete Kausalität zu widerlegen – sie sind so besoffen von dem Herrschaftsanspruch ihres Gottes, der recht eigentlich ihr Hirngespinst ist, daß sie alle anderen auch zur Unterwerfung (ach, ja – Islam!) ebenfalls verdonnern.

Parlamentarier aller Fraktionen sind so mit den Absurditäten des Christentums infiziert, daß sie in Sachen Sterbehilfe eine theokratische Entscheidung getroffen haben.

Das einzige säkulare Argument gegen die Sterbehilfe, sie lasse zu, daß Angehörige Kranke und Sterbende aus Geldgier und Erbschleicherei zur Selbsttötung drängen könnten, ist durch die Erfahrungen in Ländern, in denen die Sterbehilfe zugelassen ist, längst wiederlegt.

Die angeblich würdevolle Debatte des Parlamentes über Leben und Sterben war durch und durch von dem christlichen Unsinn über eben dieses Leben und Sterben geprägt – denn es ging dabei nicht um die Würde des Menschen, sondern um die Würde des erfundenen Christentengottes, auf der seine Verfechter immer wieder herumreiten. Mit der Überhöhung des Sterbens als Prüfung und der Überhöhung des Todes und des Jenseits – in ewiger Qual oder in ewiger Halleluja-grölender Langeweile mit der ennui-Speise des himmlischen Manna und dem brunzlangweiligen Dauerfernsehprogramm der Anschauung Gottes – haben die Christen eben nicht nur bei Gläubigen üble Prägungen geschaffen.

Solange das Sterben und der Tod als Prüfung des Lebens betrachtet werden, so lange wird auch das Leiden sadistisch geschätzt. Aber der Tod ist eine narzisstische Kränkung; wenn ich schon nicht mehr (dafür ist das Leben nämlich da), fressen, saufen, huren, denken, lieben kann, dann soll mir doch wenigstens der Weg zum Ende so leicht gemacht werden wie möglich.

Gefüttert, gewickelt, betüttelt

Und da kommen da die Säuselsänger der Palliativmedizin und der Hospize auf die Bühne dieser christlichen Grotesque-Show: sie singen die Choräle des Mitleids und Erbarmens, wie schön es sei, wenn man gefüttert, gewickelt und betüttelt werde.

Kein Wort gegen die, die sich wirklich um Leidende kümmern, kein Wort gegen die, die das aushalten, ihre Autonomie zu verlieren und es ertragen den Topf untergeschoben zu bekommen.

Aber die Mehrheit der Menschen will so lange es geht, selbst entscheiden wie sie leben und wie sie sterben wollen. Und nicht nur, wenn die Schmerzen unerträglich geworden sind – denn es gibt immer noch genügend Fälle, in denen ein ausgeweideter Mensch nicht genügend sediert werden kann (und dann ja auch nur noch vor sich hindämmert) – nein, es geht in Fragen der Sterbehilfe gar nicht um Palliativbetreuung und Hospize (Todeshäuser recht eigentlich, schrecklich genug, da seine letzten Tage verbringen zu müssen, wenn man weiß, daß im Nebenzimmer auch noch ein Moribunder liegt, ich will nicht vom Tod umgeben sein, ich will soviel Leben mitkriegen wie möglich und mich nicht in Gottesspintisierereien ergeben).

Es geht ums Leben, so wie man es selbst gestalten kann – und das sollen nun die Bundesbürger nicht mehr. Im Leben ist es ihnen in vielen Fällen schon unmöglich, jetzt sollen sie auch noch ihr Leiden bis zum Letzten auskosten…

Mutter Teresa de Sade

Mir fällt da immer die größte Zynikerin der letzten Jahrzehnte ein: Mutter Teresa, die nannte schreckliche Schmerzen den Kuß Jesu. – Und damit hätten wir den Kreis geschlossen zum Marquis de Sade.

Die vielleicht ultimative Selbstbestimmung ist die im Leiden und Sterben – aber die kann ein Glaube wie das Christentum nicht zulassen. Sein Totalitätsanspruch hat nicht nur solche Entscheidungen verachtet und verboten, er hat das Denken bis zum heutigen Tage auch in der Politik vergiftet.

Die Menschen in Deutschland sind längst weiter – 70 Prozent wünschen sich ein selbstbestimmtes Sterben. Aber die vom Christentum vergifteten Parlamentarier verbieten ihnen das im Namen der Großkirchen, die offenbar in solchen Fragen immer noch die Deutungshoheit haben.

Ganz abgesehen von der christlichen Deutungshoheit – es steht nicht zu bezweifeln, daß diese christliche Gegnerschaft der Sterbehilfe (oha, sowas darf man erst Recht nicht sagen, ohne Prügel einzustecken) auch ein monetäres Moment hat: Es läßt sich mit dem Leiden und Sterben viel Geld verdienen in Krankhäusern, bei Pflegediensten und Hospizen, die zumeist von den Kirchen betrieben werden. Ein früher Verstorbener bringt eben nicht soviel Geld ein, als ein auf Dauer im Namen des Herrn am Leben gehaltener sedierter…

Wir wissen, nach den Bilanzveröffentlichungen zahlreicher Bistümer in Deutschland, daß die Kirchen gigantische Finanzunternehmungen sind. Ludwig A. Minelli, der Mitbegründer des Vereines „Dignitas“ aus der Schweiz hat ausrechnen lassen, welche Milliardensummen den Betreibern von Krankhäusern, also zumeist den Kirchen, entgehen, wenn die Sterbehilfe Menschen zu einem zwar früheren, aber auch leidenärmeren Ableben verhilft….

Die Fortführung alter Verhältnisse

Also geht es – machen wir uns nichts Frommes vor – bei der Entscheidung des Bundestages zur Sterbehilfe nicht bloß um windige, gottesmoralische Gründe, die das Menschliche ganz außer Acht lassen, sondern auch um Milliardensummen, Milliardenverdienste.

Der Marquis de Sade hat in den „120 Tagen von Sodom“ mit Erbrechen erregender Genauigkeit die Grausamkeit einer „gottgegebenen“ Gesellschaft, einer göttlichen Hierarchie der Macht über Leib und Leben beschrieben – sie hat mit Freiheit, Demokratie, Aufklärung, Selbstbestimmung, aber auch gar nichts zu tun. Im Auftrag der Kirchen haben nun unsere Parlamentarier dafür gesorgt, daß diese alten Verhältnisse weiter fortgeführt werden. Der Sadismus im Namen des Herrn ist damit legalisiert. Benedikt-Ratzinger wird sich seine knöchernen Hände in seiner vatikanischen Residenz reiben.

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