Was ist dran am neuen Wurstkrebs?

Verarbeitetes rotes Fleisch ist nach Einschätzung der Internationalen Krebsforschungsagentur krebserregend. Glücklicherweise ist kaum jemand beeindruckt.

Wurst und Krebs

Die meisten Leute haben gelassen reagiert, als die Krebsforschungsagentur IARC der Weltgesundheitsagentur uns Ende Oktober die nicht ganz neue Erkenntnis amtlich verkündete, dass Wurst Krebs verursachen kann. Spinnen die jetzt ganz, haben sich viele gefragt. Nein, sie spinnen nicht. Sie erzählen uns nur etwas völlig Belangloses.

Die IARC-Einstufung sagt, wie sicher es ist, dass etwas krebserregend ist. Sie sagt nichts darüber aus, wie krebserregend die Substanz ist. Wurst ist demnach krebserregend, aber halt nur ein ganz kleines bisschen. Wieso nur ein bisschen? Wer 50 Gramm am Tag mehr isst, erhöht sein Darmkrebsrisiko laut IARC immerhin um 18%? Ist das nicht eine ganze Menge? Nein, es klingt nur nach viel. Denn 18% von ziemlich wenig, ist ziemlich wenig. Unser Risiko an Darmkrebs zu sterben, liegt laut Todesursachenstatistik 2013 bei etwa 1,75%. Und 18% von 1,75% sind 0,315%. Tatsächlich erhöht sich also mein Risiko bei einer täglichen Extraportion Wurst nur um 0,315%. Oder nochmal anders formuliert: Vorher hatte ich eine Chance von 98,25%, nicht an Darmkrebs zu sterben. Und trotz Extrawurst habe ich immer noch einen Chance von 97,935%. Wenn da unser Landwirtschaftsminister sagt, „mal eine Bratwurst“ zu essen, sei okay, kann ich nur ergänzen: Mal jeden Tag eine Bratwurst extra zu essen, ist auch okay.

Viel Unsicherheit

Stimmt das überhaupt mit den 18% (0,315%)? Die Antwort lautet: Vielleicht. Denn bei Studien, bei denen man Leute mit Darmkrebs fragt, was sie denn so die letzten 40 Jahre gegessen haben, ist eine Menge Unsicherheit im Spiel. Deshalb werden bei solchen Studien normalerweise nur Ergebnisse ab 200% Erhöhung in dem Sinne ernst genommen, dass man daraus Verhaltensempfehlungen ableitet.

Ist es wurst, welche Wurst man isst? Die Einstufung als krebserregend gilt für die Sammelkategorie „rotes Fleisch“, die alle Säugetiere umfasst. Man weiß nicht, ob vielleicht eine Fleischart das Krebsrisiko erhöht, die anderen zwar auch „rotes“ Fleisch sind, aber keinen Effekt haben. Diese Vermutung äußerte zum Beispiel Nobelpreisträger Prof. Harald zur Hausen vom Deutschen Krebsforschungszentrum. Wahrscheinlich sei es nur das Rindfleisch, glaubt er. Wurst wird aber überwiegend aus Schweinefleisch gemacht.

Wie alt sind die Menschen, wenn sie an Darmkrebs sterben? Der Medianwert liegt bei 74 Jahren (USA, 2010). Als die Betroffenen 1936 zur Welt kamen, hatten sie eine durchschnittliche Lebenserwartung von etwa 63 Jahren. Sie haben also trotz Wurst und Darmkrebs recht lange durchgehalten.

Hilft es, Vegetarier zu werden? Sieht nicht so aus: Eine kürzlich veröffentlichte, holländische Langzeitstudie mit rund 10.000 Teilnehmern kommt zum Ergebnis: „Vegetarier, Fischesser und 1Tag/Woche Fleischesser zeigten im Vergleich zu 6-7 Tage/Woche Fleischessern ein nicht signifikant reduziertes Darmkrebsrisiko, hauptsächlich wegen anderen Unterschieden im Ernährungsmuster als dem Fleischverzehr.“ Mit anderen Worten: Das Darmkrebsrisiko der Vegetarier ist so geringfügig vermindert, dass es auch Zufall sein kann. Und die Gründe der eventuellen Verminderung haben wahrscheinlich nichts mit Fleisch zu tun (die Autoren sehen vor allem erhöhte Ballaststoffaufnahme als Ursache).

Das Imageproblem der Wurst

Der IARC hat sich nicht zufällig Fleisch vorgenommen, um seine lange Liste mit der Krebsverursachung überführten oder verdächtigten Substanzen zu ergänzen. Fleischkritik ist seit vielen Jahren en vogue. Die Zahl der echten und vor allem der gefühlten Vegetarier steigt beständig.

Fleisch hat nicht nur wegen der Gesundheit ein Problem. Eine der Autorinnen der IARC-Studie, Sabine Rohrmann von der Uni Zürich, wurde im Deutschlandfunk gefragt, was sie als Konsequenz aus ihren Ergebnissen empfehlen würde. Die Antwort ist sehr grundsätzlich: „Man sollte vielleicht doch mal darüber nachdenken, was man eigentlich isst und was man zum Beispiel auch der Umwelt damit antut.“ Die Frage ist, ob Menschen mehr über die Umwelt nachdenken, wenn man ihnen Angst vor dem Fleischessen macht.

Selbst vermeintliche Fleischfreunde reagieren ganz kleinlaut. Was meint zum Beispiel der Chefredakteur der Zeitschrift „Beef“ dazu? Er rufe seine Leser schon lange zum gemäßigten Fleischkonsum auf. Besonders tückisch sei „verstecktes“ Fleisch. Ja, ja, die tückische Maultasche. Vor der muss man sich in Acht nehmen. So ist‘s brav, Herr Chefredakteur.

Glyphosat

Vor einem halben Jahr hatte das IARC das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat auf die Liste gesetzt – nicht als krebserregend (Stufe 1) wie die Wurst, aber immerhin als „wahrscheinlich krebserregend“ (Stufe 2a). Das hat den meisten Leuten natürlich spontan viel mehr eingeleuchtet und sofort zu Verbotsforderungen geführt.

Verteidiger der Wurst empören sich heute, die werde nun „auf eine Liste mit lebensgefährlichen Stoffen wie dem Pflanzenschutzmittel Glyphosat gesetzt“. Doch Glyphosat ist ebensowenig lebensgefährlich wie Wurst. Man muss daran erinnern, dass beide nach den gleichen Kriterien auf die Liste gelangt sind. Tatsächlich ist die Zahl derer, die wegen Glyphosat an Krebs erkranken noch weit geringer als die der Wurstopfer.

Im Falle von Glyphosat gab es in wenigen Studien Hinweise auf einen möglichen, geringen Zusammenhang zwischen Glyphosataufnahme und dem Non-Hodgkin-Lymphom, einer insgesamt sehr seltenen Krebsart. Dabei ging es immer um Belastungen am Arbeitsplatz, nicht etwa um die Aufnahme verschwindend geringer Mengen durch die Nahrung.

Einige Leute fanden es dennoch eine gute Idee, Glyphosat in Muttermilch zu entdecken und stillende Mütter zu verunsichern. Wie ich an anderer Stelle gezeigt habe, müssten Säuglinge 1,6 Millionen Liter Muttermilch am Tag trinken, um vielleicht ihre Gesundheit zu gefährden

Zum Abschluss noch die schönste URL der Debatte. Sie lautet www.ndr.de/info/sendungen/interviews/Krebsforscher-raet-zu-Fleischverzehr-in-Massen,krebsdurchwurst100.html

Thilo Spahl

Thilo Spahl

Thilo Spahl ist Diplom-Psychologe und lebt in Berlin. Er ist freier Wissenschaftsautor, Mitgründer des Freiblickinstituts und Redakteur bei der Zeitschrift NovoArgumente.

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  • Karl Rinast

    Die ganze Geschichte ist ein alter Hut.
    Die Wortwahl „Wurstkrebs“ macht es auch nicht besser.
    Vernünfitge Evidenz gibt es bisher nur für Darmkrebs und mit sehr vielen Einschränkungen für Magenkrebs.
    Relevant für den potentiellen Patienten ist weniger die Wahrscheinlichkeit an Darmkrebs zu sterben. Auch nicht unbedingt die Wahrscheinlichkeit eine 40 Jährigen Mannes innerhalb der nächsten 10 Jahre an Darmkrebs zu erkranken, welches naturgemäß sehr gering ist, da mehr als die Hälfte der Diagnosen nach dem 70. Lebensjahr gestellt werden. Man hat das etwas abseitige Beispiel an anderer Stelle herangezogen, um einen möglichst imposant niedrigen Zahlenwert zu haben, was genauso blödsinnig ist, wie die 18% unkommentiert stehen zu lassen, wie das im ersten Hype um das Thema bei praktisch allen Medien der Fall war.
    Am relevantesten dürfte das Risiko sein, im Laufe des Lebens irgendwann an Darmkrebs zu erkranken, weil allein das schon eine ziemlich belastende Geschichte ist, die man vernünftigerweise gern vermeidet. Dieses Risiko liegt bei uns zur Zeit bei etwa 6% und wird durch die besagten 50g zusätzlich am Tag auf ca. 7% erhöht, was auch nicht eben eine dramatische Erhöhung ist.
    Ansonsten hat das Thema eigentlich mehr als genug Aufmerksamkeit bekommen.
    Jetzt Cherrypicking bei allen möglichen Studien zu betreiben, die die vermeintlichen Nachteile des Fleischkonsums scheinbar relativieren, um sich abzusichern, dass Vegetarismus oder Veganismus auch nicht das Gelbe vom Ei ist und sich den eigenen Fleisch- und Wurstkonsum vor dem unbewussten schlechten Gewissen, das man sich eigentlich gar nicht machen lassen müsste, schön zu reden und zu schreiben – kann man machen, bringt die Menschheit aber auch nicht weiter. Das sag ich jetzt als Omnivore und Wurst-mit-Genuss-Esser.
    Das Selbstbewusstsein, sollte, die Zahlen und ihre Bedeutung kennend, eigentlich ausreichen eine informierte Entscheidung zu treffen.

  • Alexander Wallasch

    Dieses Zahlenspiel im ersten Teil sollte sich jeder mal verinnerlichen, denn es ist ja das Gleiche bei vielen solcher Warnungen. Hier die klare Botschaft: 18% sind in Wahrheit 0,315 % – und das ist dann deutlich weniger apokalyptisch. Danke für den hochinteressanten Beitrag.

  • Besonders die „tückische Maultasche“ finde ich großartig.

  • Sehr lässg zerlegt, sicher rechnerisch einwandfrei. Leider von kleinmütiger Arroganz. Individuelle Krebsrisiken sind das eine. Mal darüber nachzudenken, was unser massiver (Billig)fleischkonsum Tieren, Umwelt und uns selbst insgesamt antut, hätte einem Psychologen besser gestanden, als zu belegen, dass man in seinem Fach auch ganz doll gut in Statistik sein muss.

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