Regimekritische Nobelpreisträger: „Gegen den Strom“

Die Verleihung des Nobelpreises an Swetlana Alexijewitsch setzt eine 82-jährige Tradition fort.  Zur Geschichte der Vergabe der Literaturnobelpreise an russischsprachige Autoren.

Die Straße R504 Kolyma führt nicht an den stillen Don, sondern in den Gulag Foto: missyleone, Lizenz: CC BY 2.0

Die „andere“ russische Literatur –  von Iwan Bunin bis Joseph Brodsky

Obwohl Thomas Mann bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts von der „anbetungswürdigen …, heiligen russischen Literatur“ sprach, mussten russische Autoren sehr lange auf ihren ersten Nobelpreis warten. Er wurde erst im Jahre 1933 vergeben – also in einer Zeit, in der es zwei verschiedene russische Literaturen gab. Auf der einen Seite die sowjetische, die sich unter der ständigen Aufsicht der stalinistischen Literaturfunktionäre befand, und die, vor allem seit dem ersten sowjetischen Schriftstellerkongress im Jahre 1934, hauptsächlich einem Ziel dienen sollte – der Verherrlichung Stalins und des von ihm geschaffenen Systems. Paradoxerweise hieß die literarische Schule, die die stalinistische Diktatur zum Paradies auf Erden stilisierte, nicht „stalinistischer Fiktionalismus“, sondern „sozialistischer Realismus“. Der literarische und künstlerische Diskurs, der noch in den 1920er Jahren in der sowjetischen Kulturszene möglich gewesen war, wurde nun gewaltsam unterbunden. Abweichungen von dem herrschenden literarischen und künstlerischen Kanon wurden äußerst streng, nicht selten mit dem Tode bestraft.

Zur gleichen Zeit existierte aber im Exil, außerhalb der Reichweite der stalinistischen Sicherheitsorgane, auch eine „andere“ russische Literatur. Ihre Vertreter mussten – sofern sie in den demokratischen und nicht in den faschistischen Ländern lebten – keine Rücksicht auf die Zensur nehmen,  und konnten sich, ungeachtet der materiellen Not, in der sie in der Regel lebten, frei entfalten. Nur im Exil war es im Grunde möglich, die Tradition der vielfach bewunderten russischen Literatur fortzusetzen. Kein Wunder, dass die Wahl des Stockholmer Nobelpreiskomitees auf einen Vertreter dieses „anderen“ Russland fiel, als es beschloss, einen russischen Autor zu ehren – nämlich auf Iwan Bunin. Geehrt wurde er für die Meisterschaft, „mit welcher er die klassische russische Tradition in der Prosadichtung weitergeführt hat“ (so die Begründung). Diese Würdigung eines erklärten Kritikers der bolschewistischen Diktatur rief bei den sowjetischen Kulturfunktionären verständlicherweise keine Begeisterung hervor. Die Werke des ersten russischen Nobelpreisträgers waren bis zu seinem Tod (Bunin starb im Jahre 1953) in seinem Heimatland verboten.

25 Jahre später sollte sich das Szenario des Jahres 1933 im Wesentlichen wiederholen, wenngleich sich das sowjetische System im Jahre 1958 grundlegend vom stalinistischen Regime der 1930er Jahre unterschied. Im Februar 1956 fand auf dem 20. Parteitag der KPdSU ein „postumer Tyrannensturz“ statt. Der 1953 verstorbene Josef Stalin, der im Verlaufe eines Vierteljahrhunderts als eine „gottähnliche Gestalt“ verklärt worden war, wurde von seinem Nachfolger, Nikita Chruschtschow, als eine Art pathologisches Monstrum entlarvt.

Der 20. Parteitag symbolisierte für die sowjetischen Reformer den Anbruch einer neuen Epoche der Freiheit. Sehr schnell mussten sie aber feststellen, dass die Kritiker Stalins in der Parteiführung nicht bereit waren, auf das Wahrheitsmonopol der Partei zu verzichten, auch sie wollten keine Abweichungen von der Generallinie der Partei, in welcher Form auch immer, dulden. Zu den ersten Opfern des „Spätfrostes“ im „Tauwetter“ sollte Boris Pasternak werden, dessen 1957 im Westen publizierte Roman „Doktor Schiwago“ in den offiziellen sowjetischen Medien eine von oben geschürte Hetzjagd auslöste. Die besondere Empörung der Behörden rief die Tatsache hervor, dass Pasternak sich von dem offiziellen verklärten Bild der bolschewistischen Revolution distanzierte. Die Tatsache, dass Pasternak für seinen Roman 1958 einen Nobelpreis erhielt, wurde von der sowjetischen Führung als beispiellose Provokation empfunden. Aufgrund des politischen Drucks, der auf ihn ausgeübt wurde, wies Pasternak letztendlich den Preis zurück.

Ganz anders sollte sich Alexander Solschenizyn verhalten, der 12 Jahre später, ebenfalls als Vertreter des „anderen“, regimekritischen Russland den Nobelpreis erhielt. Ein Verzicht kam für ihn nicht in Frage. In seiner Nobelpreisrede rief er die Künstler in seinem Heimatland und überall auf der Welt dazu auf, der Wahrheit zu dienen.

Auch der Literaturnobelpreis des Jahres 1987 ging an einen russischen Regimekritiker – den Dichter Joseph Brodsky –, der 1964 aufgrund seiner nonkonformistischen Haltung zu mehreren Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde.

So kann es keinem Zweifel unterliegen, dass die Schwedische Akademie in der Zeit, in der die Sowjetunion noch existierte, bei der Verleihung der Nobelpreise an russische Autoren nicht nur die literarische Qualität ihrer Werke, sondern auch ihre Zivilcourage, ihre Entschlossenheit, den kommunistischen Leviathan quasi im Alleingang herauszufordern, ehrte. Nur ein einziges Mal wich das Komitee von dieser Regel ab, als es im Jahre 1965 den Nobelpreis an den regimetreuen Schriftsteller Michail Scholochow verlieh (geehrt wurde er für seinen monumentalen Geschichtsroman „Der stille Don“. Auf den Streit, ob der Roman wirklich von Scholochow stammt, soll hier nicht eingegangen werden.). Diese Ausnahme bestätigte aber nur die Regel.

Swetlana Aleksejewitsch  über die sowjetische Leidensgeschichte und über den „Sowjetmenschen“

Die Verleihung des Nobelpreises an die weißrussische Autorin Swetlana Alexejewitsch setzt in gewisser Weise diese vor 82 Jahren begonnene Tradition fort. Auch Alexejewitsch wurde nicht zuletzt für den Mut geehrt, mit dem sie das herrschende Establishment sowohl in ihrer Heimat Weißrussland als auch im benachbarten Russland herausforderte. So knüpft die Schwedische Akademie bei der Vergabe des diesjährigen Literaturnobelpreises an Kriterien an, die in der sowjetischen Zeit gegolten hatten, obwohl der sowjetische Staat bereits seit 24 Jahren der Geschichte angehört. Für Swetlana Alexejewitsch – die Chronistin des Sowjetimperiums und der Leidensgeschichte seiner Bürger – existiert die Sowjetunion allerdings immer noch, und zwar in den Köpfen der durch das sowjetische Experiment geprägten Menschen. In ihrem Buch „Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus“ schreibt sie:

Der Kommunismus hatte einen aberwitzigen Plan – den ‚alten‘ Menschen umzumodeln … Und das ist gelungen … es ist vielleicht das Einzige, das gelungen ist. In den etwas über siebzig Jahren ist im Laboratorium des Marxismus-Leninismus ein neuer Menschentyp entstanden: der Homo sovieticus

Ihre Entscheidung, Swetlana Alexijewitsch mit dem Nobelpreis für Literatur zu ehren, begründete die Schwedische Akademie damit, dass ihr Werk dem Leiden und dem Mut in unserer Zeit ein Denkmal gesetzt habe.

Obwohl Alexejewitsch sich in ihren Werken mit einigen der schmerzlichsten Kapitel der sowjetischen Geschichte befasst (Deutsch-sowjetischer Krieg, Afghanistan-Krieg, Tschernobyl) teilt sie nicht die u. a. von Fjodor Dostojewski und Alexander Solschenizyn vertretene These, dass das Leid zu einem Läuterungsprozess bei den Menschen führe. Ihre zahlreichen Interviews mit Zeitzeugen hätten diese These nicht bestätigt. Obwohl ihre Gesprächspartner so sehr unter der Unfreiheit gelitten hätten, habe dies keineswegs dazu geführt, dass sie begonnen hätten, die Freiheit zu schätzen. Sie sei keinen freien Menschen begegnet, sagt Alexejewitsch in einem Interview, das sie am 7. Oktober 2015 einer russischen Zeitschrift gab. Alle schleppten die sowjetische Erfahrung mit sich herum, hätten diese verinnerlicht. Warum seien nicht Millionen auf die Straße gegangen als Anna Politkowskaja (Journalisten der regimekritischen „Nowaja gaseta“) oder Natalja Estemirowa (russische Menschenrechtlerin) ermordet wurden, fragt Alexejewitsch. In einem freien Land wäre dies anders gewesen: „Wir haben das Gute und das Böse miteinander verwechselt“.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Alexejewitsch hier ein allzu einseitiges Russlandbild vermittelt. Denn es gab in Russland, auch nach der Errichtung der „gelenkten Demokratie“ Wladimir Putins, durchaus wiederholt Massenproteste. Es gingen zwar nicht Millionen auf die Straßen, aber Zehntausende von Menschen, was in einem ausgesprochen repressiven Staat keine zu vernachlässigende Zahl ist. So protestierten z.B. am 16. März 2014 – am Vorabend des Krimreferendums, das über die Angliederung der Halbinsel an die Russische Föderation entscheiden sollte – Zehntausende von Moskauern gegen diesen Vorgang. Über die Beweggründe der Protestierenden sagte der russische Menschenrechtler Sergej Kowaljow Folgendes: „Gegen die Willkür der Macht haben sich bei uns immer Menschen gewehrt, die an die Macht der Moral glaubten“.

In ihrem Buch „Secondhand-Zeit“ schildert Alexejewitsch übrigens selbst in anschaulicher Weise Massendemonstrationen, die in Russland nach den manipulierten Duma-Wahlen vom Dezember 2011 stattfanden. Einer ihrer Gesprächspartner sagt:

Ich habe Angst vor einer Revolution … Aber zu Hause zu sitzen fände ich auch beschämend. Ich will keine ‚neue UdSSR‘, keine ‚erneuerte UdSSR‘, keine ‚wahre UdSSR‘. So kann man mit mir nicht umgehen.

In ihren jüngsten Abhandlungen und Interviews setzt sich Swetlana Alexejewitsch scharf mit der nationalistischen Euphorie auseinander, die breite Bevölkerungsschichten Russlands nach der Krim-Annexion erfasste. In der FAZ vom 15. April 2014 schreibt sie: „Wer nicht jubelt, ist ein Volksfeind. Gehört zur fünften Kolonne, zu den Finsterlingen vom State Department. Das stalinistische Vokabular ist vollständig wiederhergestellt“.

Man könnte hier allerdings hinzufügen, dass solch euphorische Zustände nicht von Dauer sein können. Früher oder später ebben sie ab. Dann wird man sich in Russland sicherlich an die mahnenden Worte von Sergej Kowaljow und anderer russischer Regimekritiker erinnern, die den Mut hatten, trotz mancher Risiken, die sie dadurch auf sich nahmen, ihren Landsleuten unangenehme Wahrheiten zu verkünden.

Leonid Luks

Leonid Luks

Der Prof. em. für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt wurde 1947 in Sverdlovsk (heute Ekaterinburg) geboren. Er studierte in Jerusalem und München. Von 1989 bis 1995 war er stellvertretender Leiter der Osteuropa-Redaktion der Deutschen Welle und zugleich Privatdozent und apl. Professor an der Universität Köln. Bis 2012 war er Inhaber des Lehrstuhls für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der KU Eichstätt-Ingolstadt. Er ist Geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte.

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