Die Zwei Welten der Flüchtlingskrise

Wie in einer Filterblase fühlte sich Kolumnist Sören Heim im Sommer der Solidarität. Ein Bündnis vom Kleinstadtpunker bis zu Angela Merkel schien im Entstehen. Zu schön um wahr zu sein?

Himmel hinter Stacheldraht Foto: Sören Heim

Große pragmatische Hilfsbereitschaft

Für jemanden, der wie ich lange Jahre seiner jungen Erwachsenenzeit in linken Jugendzentren verbracht hat, war dieser Sommer ein verwirrender Sommer. Da musste man sich endgültig eingestehen, dass etwa die Damen von der Frauenunion, die Ehrenamtlichen der Caritas, und viele erstmalige freiwillige Helferinnen und Helfer, die sich mit politischen Fragestellungen zuvor selten beschäftigt hatten, weitaus effektivere Flüchtlingshilfe leisten, als die verbliebene und zunehmend um sich selbst kreisende Linke. Nachbarschaftliche Hilfe wurde organisiert, Fahrdienste, Einkaufshilfen, Unterstützung bei Behördengängen, private Sprachkurse. Und Offizielle, die den Parteien der großen Koalition entstammen, sagten, gerade auch im Umgang mit ewigen Heimatvertriebenen der Großelterngeneration, Dinge, die sich der wohlerzogene Kleinstadtpunker gegen Oma und Opa kaum herauszunehmen gewagt hätte.
Mal wieder wurde, Pegida und noch nicht lange zurückliegenden Wahlerfolgen der AfD zum Trotz ein Sommermärchen beschworen, und auch notorisch kritelnde Geister ließen sich mitreißen.

Sybil und die zwei Welten der „Willkommenskultur“

Fast hätte man tatsächlich angesichts der zelebrierten Hilfsbereitschaft meinen können, es sei ein goldenes Zeitalter angebrochen. Zumindest schienen aber grundlegende zivilisatorische Standards – dass niemand hungern soll, dass zum Leben mehr gehört als das bloße Überleben, dass Freiheit mehr ist als der Kampf ums Dasein und dass man Menschen Möglichkeiten geben muss, sich zu entfalten, immer wieder – nicht verhandelbar. Ich selbst lebte in diesen ersten Wochen der Solidarität ungewollt in einer Real-Life-Filterbubble. Obwohl, wer sich mit offenen Augen durchs Netz bewegte von Anfang an wissen konnte, dass die vielzitierte „Willkommenskultur“ nur die eine Seite einer komplexen und zunehmend polarisierten Entwicklung ist, vernahm ich in meinem persönlichen Umfeld zwischen Juni und September nicht einen einzigen rassistischen Spruch, bekam keine Ausgrenzungen, nicht einmal die sonst so allgegenwärtigen Relativierungen menschlichen Leids mit. Alles Friede, Freude, Enthusiasmus – und erfreulich wenig Eierkuchen.

Der Schriftsteller und spätere britische Premierminister Benjamin Disraeli schrieb in seinem berühmten (obschon literarischen kaum genießbaren) Roman Sybil von den „zwei Welten“, in die sein Land gespalten sei. Gemeint war dabei das England des reichen Bürgertums auf der einen Seite, das im Bündnis mit der Krone seine Pfründe gesichert sah, und soziale Verwerfungen im Land wenn überhaupt nur als Charity-Fälle wahrnahm, und die verelendete und zunehmend revolutionäre Arbeiterklasse auf der anderen Seite. Je nachdem in welchen Kreisen man sich in diesem Sommer bewegte, fand man sich in einem ähnlich homogenen Umfeld wie Mitglieder dieser von Disraeli gezeichneten Klassengesellschaft des mittleren 19. Jahrhunderts. Disraelis Vision, den Klassengegensatz zu überwinden war ein Bündnis des von Absolutismus und Bürgertum zusehends ins Abseits gestellten Adels mit der Arbeiterschaft unter christlichen Vorzeichen. Ein Traum, mehr nicht. Doch nicht minder im Wortsinne utopisch war bei näherem Hinsehen die Gemengelage, die sich in unserem langen Sommer der Flüchtlingssolidarität formierte:

Für einige Augenblicke sonnten sich linke und linksliberale gesellschaftliche Kräfte, christliche Humanisten, Sozialdemokraten und gar ein paar sonst knallharte Realpolitiker im Lichte der Hoffnung, es könnte eine gemeinsame Front „fortschriftlich“ Gesinnter vom Berliner Urban-Gardener über die BILD bis zu Angela Merkel geben, der zwar ein diffuses ewig gestriges Dunkeldeutschland und der ungarische Präsident Victor Orban gegenüberstehen, die aber ob all der neuen deutschen Herzlichkeit bald förmlichen hinweggestrahlt sein würden.

Dublin II und III – Melilla, Ceuta und andere Zäune

Natürlich bröckelt der Lack mittlerweile. Nicht nur Ungarn hat seinen Grenzzaun errichtet, auch die deutschen Grenzen wurden zweitweilig geschlossen, Tränengaseinsätze gegen Flüchtlinge häuften sich, Deutschland, das jahrelang auf die Registrierung und Aufnahme von Flüchtlingen im ersten sicheren Einreiseland drängte – und damit innerhalb Europas faktisch komplett abgeschirmt war – fordert im opportunen Moment EU-weite Flüchtlingsquoten. So weit, so erwartbar, könnte man denken. Aber nicht wenige engagierte Helfer zeigen sich ob der jüngsten Entwicklungen allen ernstes überrascht! Als hätte, wer die Grenzzäune von Melilla und Ceuta kennt, wer weiß, dass seit 1990 wohl mindestens 25000 Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben im Mittelmeer ertrunken sind, wer mit dem Inhalt der Verordnungen Dublin II und III auch nur ein wenig vertraut ist, ernsthaft eitel Sonnenschein erwarten können!

Ich schreibe in dieser persönlichen, gleichzeitig distanzierten, vielleicht gar zynischen Art und Weise über das zur „Flüchtlingskrise“ hochgejazzte Thema des Sommers (das ohne die sensationslüsterne Berichterstattung und das damit verbundene politische Herumlavieren sich vielleicht gar nicht so krisenhaft entwickelt hätte), weil alles, was zu einer vernünftigen, menschlichen Politik gesagt werden kann, schon diverse Male gesagt wurde. Dass gleichzeitiges Gejammer über demographischen Wandel und Zuwanderung zumindest leicht schizophren wirkt. Dass es zur Umsetzung des Artikels 1 der Europäischen Menschenrechtskonvention nicht reicht, auf private Initiativen zu bauen, so begrüßenswert diese sind. Auch dass gerade dezidiert Wirtschaftsliberale, wie Sie sich nicht nur im Umfeld der Ex-AfD tummeln, nicht theoretisch konsistent freien Kapitalverkehr fordern können, ohne jegliche Mobilität der Arbeitskraft zu begrüßen. Sogar, dass wer von Flucht und Vertreibung redet von Militärintereinsätzen nicht schweigen darf, meine ich schon vernommen zu haben, und zwar nicht im deutsch-pazifistischen Sinne einer Verteufelung jeglicher Intervention, sondern mit Hinblick auf langfristiges Nation-Building, von dem man hier seit 1945 und bis heute profitiert.

Die Blase platzt

All das und mehr wurde gesagt (man wählt natürlich Positionen aus, die man tendenziell teilen kann – so viel subtile Beeinflussung sei gestattet), all das und mehr verfängt nicht in einem von Emotionen getragenen Klima, das auch durch die Beschwörung der deutschen Willkommenskultur befeuert wurde. Zwar: Dass Hilfe organisiert wird ist gut und richtig. Dass der mediale Konsens anders aussieht als in den frühen Neunzigern sicher begrüßenswert. Aber der bemühte Enthusiasmus sollte skeptisch machen, nicht selten verdeckt er, dass die artikulierte Freundlichkeit nicht in allen Fällen tiefer Überzeugung, sondern oft genug einer nur erlernten Haltung Ausdruck verleiht. Einer Haltung, die rasch verlernt werden kann, wenn der Wind anders steht. Meine Real-Life-Filterbubble hat schon tiefe Risse: Nachbarn, die noch vor wenigen Wochen vor Nächstenliebe glühten, wüten nun lautstark, man behandele „die Schmarotzer“ besser als sie.

Und in der Helferindustrie ist nicht selten zu beobachten, dass Bildung, Arbeitskraft, und gesellschaftlicher Nutzen Geflüchteter besonders herausgestellt werden. Von hier bis zum Kantschen Menschenbild, in dem der Mensch nie als Mittel, sondern stets als Zweck an sich selbst existiere, ist es ein gutes Stück Weg.

Benjamin Disraeli entwickelte seinen sozialromantischen Idealismus im 19. Jahrhundert in Essays und Romanen. Als er 1874 die Regierungsmacht in den Händen hielt verwarf er den Großteil seiner früher gehegt Träume. Dennoch, oder besser deshalb, bescheinigte die liberale Opposition dem Konservativen, er habe „in fünf Jahren mehr für die Arbeiterklasse getan als die Liberalen in fünfzig“. Auch wenn wir mittlerweile wissen, dass am Ende des Sommermärchens von 2015 aller Willkommenskultur zum Trotz wohl eine weitere Asylrechtsverschärfung steht, bleibt der Eindruck, es glaubten Regierungskreise, Opposition, Presse und Straße ein wenig an ihre eigenen sozialromantischen Erzählungen. Und während weiterhin von einem Partei- und Interessenübergreifenden Asylkonsens geträumt wird, der ähnlich unerreichbar ist wie Disraelis Bündnis zwischen Arbeiterklasse und Adel, ist die Formierung eines anderen Bündnisses, über das sich im Detail bei Hanna Arendt nachlesen ließe, längst nicht vom Tisch.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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