Ende des Entzugs

Der Untergang des Sozialismus war für Heiner Müller der Beginn einer Schreibkrise. So dichtete er 1990: „Die Wörter verfaulen / auf dem Papier“. Hemingway hingegen hörte nie auf zu schreiben, bis er nicht wenigstens 500 Wörter geschrieben hatte. Die Diva Nabokov benötigte besonderes Papier und eine bestimmte Sorte Bleistifte, bevor …

Gastautor Ingo Niermann

Der Untergang des Sozialismus war für Heiner Müller der Beginn einer Schreibkrise. So dichtete er 1990: „Die Wörter verfaulen / auf dem Papier“. Hemingway hingegen hörte nie auf zu schreiben, bis er nicht wenigstens 500 Wörter geschrieben hatte. Die Diva Nabokov benötigte besonderes Papier und eine bestimmte Sorte Bleistifte, bevor er überhaupt ein Wort niederschrieb. Und Herta Müller sammelt erst einmal Worte, tausende, die sie aus Zeitschriften schneidet und alphabetisch sortiert. Wenn also nun über ein dutzend Schreiber zusammenkommen um gemeinsam jeder für sich ein neues Portal mit Wörtern füllen, darf man erahnen, welche Absonderlichkeiten und Verschrobenheiten sich dahinter verbergen mögen.

Adressat und Absender – nun geht es dem Leser nicht anders als dem Schreiber. Auch der Lesende kann müde werden. Fühlt sich nicht mehr angesprochen. Kann mit dem geschriebenen Wort des Anderen nichts mehr anfangen. Entfremdung. Oder kann einfach nicht genug kriegen – nicht nur von Romanen, Gedichten, Nachrichten, Reportagen, sondern von der möglichst ungefilterten Meinung anderer. Für diese Menschen war die Schliessung der Debatten-Plattform The European ein herber Schlag. Zumal man dort zu jeder Meinung dann auch wieder seine eigene Meinung haben konnte… Das kann schnell süchtig machen. Ganz ohne größere Nebenwirkungen – und vor allem: ohne Gewalt und Totschlag.

Um so erfreulicher, dass DieKolumnisten dem Entzug ein Ende macht. Mehr als ein dutzend Kolumnisten des ehemaligen TheEuropean schreiben einfach weiter. Ab 01.Oktober. Auf eigene Rechnung. Im Kollektiv. Aber natürlich jeder für sich. Darauf dürfen alle Meinungssüchtigen sich freuen: auf viele aufregende Debatten, auf Mut zum Dissens. Machen Sie wahr, was Sie sich unter Ihr Logo geschrieben haben. Provozieren Sie, aber richtig, nicht nur ein bisschen. Werden Sie persönlich, bis es weh tut. Ganz ohne Gewalt.

Ingo Niermann ist Schrifsteller und Herausgeber der spekulativen „Solution“-Buchreihe. Zuletzt erschienen „Breites Wissen… nachgelegt – Die seltsame Welt der Drogen und ihrer Nutzer“ (mit Adriano Sack) und „Solution 264–274: Drill Nation“. Gemeinsam mit Kolumnist Alexander Wallasch verfasste er den Roman „Deutscher Sohn“. Niermann lebt derzeit in Basel.

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