Der Israel-Moment

Es ist die Momentaufnahme des Alltags in Israel, irgendwo zwischen Terror und Normalität, zwischen Feiern und Trauern, Angst und Gelassenheit. Es ist der Israel-Moment, denn nirgendwo legen sich Terror und Willkür so sehr übereinander, als seien sie die Vorlage des jeweils anderen.

Foto: Merle Stoever

Unser Leben verändert sich manchmal von einem Moment auf den anderen. Ein Mann geht in einen Supermarkt, nimmt sich eine Plastiktüte und füllt Nüsse ab. Er legt sie zurück, zieht ein Maschinengewehr aus seinem Rucksack, geht auf das Café nebenan zu und schießt wahllos auf Menschen.

Zwei Tote, viele Verletzte, wahllos, sie waren einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Das Leben der Menschen, die Angehörige verloren, die erste Hilfe leisteten, die es sahen, die rannten, aus den Fugen. Angst, Trauer, Unverständnis, diese verdammte Willkür.

Terror kommt gefährlich nah

Heiko Heinisch war dort, in einem anderen Café auf der Dizengoff-Straße. Die Tür verschlossen, der Täter ist auf der Flucht und könnte jederzeit wieder zuschlagen. Sibylle Berg steht wenige hundert Meter entfernt auf dem Balkon ihrer Wohnung, das Blaulicht unter ihr auf der Straße. Die Kreise ziehen sich immer enger, der Terror kommt gefährlich nah. Ich entscheide mich an diesem Tag, an Neujahr, gemeinsam mit Freund*innen doch schon morgens zurück nach Jerusalem zu fahren und nicht den Tag in Tel Aviv zu verbringen. Als wir von dem Anschlag erfahren, sind wir bereits in Jerusalem.

Wer in Israel die zweite Intifada erlebt hat, kennt diesen Moment. Diesen Moment, in dem man sich entschied, doch noch einen Kaffee zu holen und nicht in den Bus zu steigen und später feststellt, dass kaum jemand die Fahrt überlebt hat. Diesen Moment im Herbst 2015, durch Jerusalem zu laufen und Blaulicht und Sirenen zu sehen, innezuhalten und Soldat*innen rennen zu sehen. Terror ist Alltag, ballt die Faust und schlägt dir mit voller Wucht in die Magengrube. ‚Es hätte auch mich treffen können‘, brennt es sich ein, während jemand mit einem Auto in eine Bushaltestelle rast und auf die Wartenden einsticht.

Wir gaben dem Moment einen Namen. Dem Moment, den wir alle kannten und der uns sichtbar verändert hatte. Es ist die Momentaufnahme des Alltags in Israel, irgendwo zwischen Terror und Normalität, zwischen Feiern und Trauern, Angst und Gelassenheit. Es ist der Israel-Moment, denn nirgendwo legen sich Terror und Willkür so sehr übereinander, als seien sie die Vorlage des jeweils anderen.

Momentaufnahme

Ich vergrabe mein Gesicht in meinem dicken Schal, als ich Mitte Dezember durch den Stadtteil Nahlaot in Jerusalem laufe, der Wind ist kalt, ich bin angetrunken und die Kopfschmerzen kriechen mir schon im Nacken herauf. Ich will nach Hause, bin muede und mich trennen nur wenige hundert Meter von der kleinen Seitenstrasse, in der ich wohne. Neben mir der Mahane Yehuda, der grosse juedische Markt von Jerusalem. Neben dem Eingang zum Markt stehen mehrere Soldat*innen, eine Menschentraube hat sich versammelt. Einige unterhalten sich, andere tippen auf ihren Smartphones herum oder wiegen sich ungeduldig von einem Fuss auf den anderen. Ich will nach Hause, werde aufgehalten, man müsste noch einige Minuten warten, es gäbe eine Bombendrohung auf dem Markt.

Als der Markt und die Straße wieder freigegeben werden, geht das Leben weiter, als wäre nichts gewesen. Nur eine kurze Unterbrechung, der Israel-Moment, danach geht es weiter.

Israel-Moment, Momentaufnahme, alles verändert sich von einer Sekunde auf die andere, alles in der Hand des Zufalls, Schlag in die Magengrube. Es ist nicht mehr die Angst, die alles einfriert und das Leben auf Eis legt. Es ist die grausame Normalität, die Push-Nachrichten erscheinen auf dem Handy, das Display erlischt wieder, die Musik wird wieder aufgedreht, höchstens ein kurzer Anruf bei Freund*innen, ob sie in Sicherheit sind. Tief durchatmen, es geht weiter, denn wir sind am Leben.

Das Leben nimmt er uns nicht

Was ich sagen will: Der Mann, der sich erst die Nüsse abfüllt und im nächsten Moment mit einem MG auf Menschen in einem Café hält, Leben zerstört. Er reißt jemandem aus dem Leben, an einem normalen Tag in einem Café. Momentaufnahme, dieser Typ steht im Supermarkt und schüttet sich Nüsse in eine Plastiktüte.
Aber er nimmt uns das Leben nicht. Israel feiert, am Leben zu sein, weiterzumachen, es streitet sich um den richtigen Weg, man demonstriert gegen die aktuelle Politik, man verteidigt die Grenzen im Golan, man feiert und feiert und feiert: In schmalen Gassen von Jerusalem, in den Clubs von Tel Aviv, am Strand von Haifa.

Dieser Terror verändert Menschen in Israel, ihre Beziehungen, ihre Haltung zum Leben. Gestern wurden die beiden Opfer vom 1. Januar beerdigt. Der Schmerz ist Teil von uns, aber das Leben nimmt er uns nicht.

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