Ein Grundeinkommen, das die Ärmsten ärmer macht?

Wenn je nach Schule Geldmenge oder Masseneinkommen Inflation treiben: Warum sorgt sich niemand, dass ein Grundeinkommen gerade die Ärmsten, die nach aktuellen BGE-Modellen keinen Einkommenszuwachs erleben würden, Inflationsbereinigt schlechter stellt?

Es scheint, mittlerweile bekommen auch die Reichen langsam Muffensausen. Der Kapitalismus erweist sich auch im Westen wieder als System von großer sozialer Sprengkraft. Die Reichen werden reicher, die Massen bleiben zurück. Vor allem erwarten zahlreiche Analysten steigende Arbeitslosenzahlen durch steigende Automatisierung. Das muss auch die davon nicht direkt Bedrohten ängstigen. Irgendjemand muss ja all die Produkte kaufen, die die Fabriken ausspucken.

Panikmache oder Star-Trek-Kommunismus?

Die Lösung soll ein bedingungsloses Grundeinkommen bringen. Das Thema soll hier nicht in all seinen Für und Wieders durchdekliniert werden, so ist etwa durchaus fragwürdig ob Automatisierung bei vernünftiger Nachfrageorientierter Wirtschaftspolitik überhaupt ein Problem darstellen müsste und sich nicht neue bezahlte Arbeitsbereiche jenseits der wegrationalisierten auftun könnten. Und auf der anderen Seite ist fraglich, ob ein Grundeinkommen auf ersatzlose Streichungen bezahlter Tätigkeiten im propagierten Ausmaß ohne enstehen besserer Jobs überhaupt eine gangbare Antwort sein kann. Denn wer von einem Drittel bis zur Hälfte aller heutigen Stellen spricht muss sich auf Umwälzungen gefasst machen, die sich irgendwo zwischen den Polen Star-Trek-Kommunismus und beispiellose Menschenvernichtung ansiedeln. Da dürfte ein sanftes finanzielles Federkissen wenig helfen.

Wie gesagt, das ist heute nicht Thema. Sondern ein blinder Fleck in der makroökonomie des Grundeinkommens, eklatant in seiner Bedeutung.

Gegenwartsproblem: Inflation?

Denn die Debatte wird auch von den Befürwortern des BGE, und dabei ganz besonders von links bis linksliberalen größtenteils auf der individuellen Wellness-Ebene geführt. Dem Moralismus der Rechten „dann würde ja keiner mehr arbeiten wollen“, in dem immerhin ein wenig Einsicht über die Beschissenheit des Großteils heutiger Arbeitsverhältnisse steckt, steht ein naiv-utopisches „ jeder könnte sich nach seinen Talenten einbringen und dann ginge es der Gesellschaft im Ganzen besser“ gegenüber. Ausgeblendet wird die Makroökonomie jenseits radikal diffuser Projektionen. Ein Einkommensaufschlag für alle von sagen wir 1000 € könnte doch letztlich zwei gegenläufige Effekte haben. Der erste: Es würde einfach der Arbeitsaufwand um etwa den Gegenwert des Betrags reduziert, was über kurz oder lang die Refinanzierung des BGE torpedieren würde. Der zweite: Es findet keine entsprechende Reduktion statt, die Einkommen steigen tatsächlich. Wenn man nun den mit der anhaltenden großen Rezession immer deutlicher werden engen Zusammenhang zwischen Einkommens- und Inflationsentwicklung ernst nimmt, den sogar die FAZ mittlerweile nicht mehr leugnet, sollte das auch massiv die Nachfrage und damit die Inflation anheizen. Zwar ist, auch wenn Deutsche da immer noch an ihrem Trauma knabbern (man bringt, ich habe mich auf der Straße umgehört, gerne die Hyperinflation von ’23 mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus in Verbindung, anstatt der heutigen Zeiten nicht unähnliche Deflationsphase ab 1929) gar nicht unbedingt etwas schlechtes. Eine Grundeinkommensinflation aber träfe die, die eigentlich vom Einkommen profitieren sollten, am härtesten.

Denn gerade die unteren Einkommensschichten hätten mit Inflationsraten zu kämpfen, die den Einkommensschub in Teilen oder gar gänzlich (besonders, wenn alle anderen Sozialleistungen wegfielen) entwerteten. Die Preise stiegen dann ja, als hätten alle etwas unter 1000 € mehr in der Tasche (nicht ganz, da die Reicheren weniger Einkommensanteile in den Konsum pumpen). Die bisher schon von Sozialleistungen abhängigen Schichten hätten aber im besten Fall ein paar 100 €, vielleicht auch gar nicht viel mehr in der Tasche, bei nun nachfragebedingt deutlich höheren Preisen. Die Chancen stehen also nicht schlecht, dass das BGE am Ende die Armen schmerzhaft träfe.

Ein (leicht) bedingtes Grundeinkommen?

Von daher wäre die liberale Variante des Grundeinkommens als sogenannte Negative Einkommenssteuer (also zumindest aufs Einkommen bezogen als nicht bedingungsloses) wohl der Linken vorzuziehen. Tatsächlich: Die Liberale Variante ist linker als die linke, gesetzt, sie setze das Grundeinkommen nicht unter heutigem Hartz IV Niveau an! Allerdings täte (nicht nur) der Eurozone eine nachfragegetriebene Inflation ja derzeit durchaus gut. Warum nicht genau das über Helikoptergeld steuern, das mit der Zeit regional gestaffelt in ein durch die Einkommenshöhe bedingtes Grundeinkommen umgewandelt wird, welches sich jährlich steigend an der Zielinflationsrate von nahe 2 % orientiert? Hartz-Gängelei und all die anderen europaweiten Modelle zumindest eine Art Proto-Zwangsarbeit einzuführen könnten dann natürlich trotzdem weg.

Zuletzt: Möglich, ich übersehe etwas. Möglich, einige BGE-Befürworter jenseits derer, die mit bekloppten Vorschlägen wie einer Finanzierung durch eine 50%-Mehrwertsteuer von Anfang an offenbaren, dass sie nichts anderes im Sinn haben als eine gigantische Umverteilung von unten nach oben in Bewegung zu setzen, haben das Dilemma zwischen Finanzierbarkeit und Inflationsgefahr auf dem Schirm. Ernsthafte Diskussionen dazu habe ich nicht finden können. Die müsste es aber geben. Denn soll das Grundeinkommen das breite Einkommen tatsächlich stärken, ist sowohl Neoklassisch (Geldmengenausweitung) als auch keynesianisch (Nachfrageschub) Inflation zu erwarten. Und ändert das BGE nichts an der Einkommensverteilung wird das die treffen, die wenig haben.

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9 comments
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Beck Chris

Wie darf ich das verstehen? Wer keine Arbeit hat, kriegt nix und wer viel verdient, bekommt mehr – oder wie?

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Eric Manneschmidt

„die mit bekloppten Vorschlägen wie einer Finanzierung durch eine 50%-Mehrwertsteuer“

Das
ist sogar noch bekloppter: Die meinen nämlich 50% Steuer im
Bruttopreis, d.h. 100% Mehrwertsteuer (und die bräuchte es wohl auch).

Seihe dazu auch http://politik-werkstatt.de/Nicht-Programm.htm#GoetzWerner

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Hard Frost

Die Frage ist ja wohl eher, was der Autor überhaupt will:
a) Jeder bekommt Null -> keine Inflation aus _diesen- Gründen heraus
b) Jeder bekommt 1000€ -> Inflation. Aber das heißt ja noch lange nicht, daß diese 1000€ dann anschließend einen Wert von Null haben.

Im übrigen: Ich finde nicht, daß 1000€ am besten ab sofort an jeden auszuzahlen ist. Warum fängt man nicht mit 50€ an und beobachtet die Entwicklung?

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Seb

Du übersiehst möglicherweise tatsächlich etwas.

Das BGE ist kein „Einkommensaufschlag“.

Eine 50%-Mehrwertsteuer haben wir locker jetzt schon.
Auf den ersten Blick sichtbar sind am Ende nur die 19%.
Bei allen vorherigen Produktionsprozessen fallen ja
auch Mehrwertsteuern an, welche „unsichtbar“
an den Endverbraucher durchgereicht werden.
Bei einer Finanzierung über die Mehrwertsteuer
würde dies ja wegfallen.
Die Unternehmen würden durch die auch wegfallenden
Lohnnebenkosten am Ende sogar günstiger produzieren können.

Preissteigerungen haben folglich nichts mit einem BGE zu tun.

Preissteigerungen haben mit dem gegenwärtigen
Geldsystem zu tun, welches einigen privilegierten
Teilnehmern erlaubt Geld zu drucken.
Einfach so.

Hier mal zum Einstieg:

http://www.grundeinkommen.ch/ist-ein-grundeinkommen-finanzierbar/

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IrlandsCall

Wer sich von den Parteien erhofft, dass sie das Elend, welches sie selbst von Schwarz bis Rot, über Gelb und Grün, in jeglichen Kombinationen, in den letzten Jahrzehnten geschaffen haben, der hat sie nicht mehr alle und gehört entmündigt, denn er ist gemeingefährlich-

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Best

Wir haben jetzt bereits Inflation. Aus diesem Grund wird der Hartz4-Satz jedes Jahr neu berechnet. das hat nichts mit dem BGE zu tun.

Und derzeit werden ca 900 Milliarden Euro im Jahr für alle Sozialleistungen ausgegeben. Hartz4, Rentenzuschuss, Kindergeld, BaföG, etc.
Jeder DRITTE Euro geht aber in die Bürokratie um zu Prüfung ob die Bedingungen gegeben sind. Lässt man diese Bedarfsprüfung weg, die voller Scham und Schikane ist, und schüttet die 900 Milliarden so an die Bürger aus, dann sind das heute schon ca 900 bis 1000 Euro für Erwachsene und 200 bis 350 Euro für Kinder. Ohne einen Cent mehr auszugeben.
Es handelt sich also mit nichten um einen Einkommensaufschlag von 1000€ für jeden…

Die Mehrwertsteuer von 100% kommt nicht auf dei Steuern oben drauf. Bitte informiert euch doch vorher richtig. Die Idee der Konsumsteuer (also Mehrwertsteuer) ist eine von vielen und sie würde die anderen ersetzen. Kauft man heute eine Waschmaschine für 400€ dann sind 200 Euro Steuern in ihr versteckt. Auch die Steuern für Personal, Wareneinkauf, etc muss dazu gerechnet werden, da sich diese Steuern im Endpreis in der Waschmaschine wiederfinden. Nimmt man nun all diese Steuern raus würde die Waschmaschine 200Euro kosten. Setzt man nun die Konsumsteuer von 100% wieder drauf, so ist man wieder bei den vorherigen 400€.

Im Artikel steht noch weiter in der Überschrift: „Warum sorgt sich niemand, dass ein Grundeinkommen gerade die Ärmsten, die nach aktuellen BGE-Modellen keinen Einkommenszuwachs erleben würden[…]?“
Wieso kriegen die Ärmsten nach aktuellen BGE-Modellen keinen Einkommenszuwachs? Welche BGE-Modelle sehen vor, dass die „Ärmsten“ kein Einkommen erhalten? … was ist denn das bitte für ein Quark ?…
Also gibt es Modelle bei denen jeder ein BGE erhält, aber nur wer reich ist, darf reicher werden? Wie kommt man denn auf so eine Aussage?
Ich weiß gar nicht wie ich da gegenargumentieren soll, weil die Aussage so bekloppt ist.

Bitte informieren Sie sich doch vorher richtig, dann kann man auch gute kontroverse Debatten über das BGE führen, aber wir können doch nicht über diffuse Theorien sprechen.
Dann können wir uns auch gleich sorgen machen, dass die Menschen so gelangweilt wären, dass sie ihre Hunde durch das Dressieren zu intelligent machen würden und deswegen die Hunde irgendwann die Weltherrschaft an sich reißen. Also ich bin gegen das BGE, weil sonst die Hunde irgendwann die Welt beherrschen. Im ernst, wenn man sich eingie Zeit richtig mit dem BGE befasst hat, dann klingen manch „kritische“ Artikel ähnlich verrückt.
Warum soll dann alles teurer werden?
Warum Inflation?
Warum sollte jeder oben drauf 1000€ kriegen?
Und warum liegt hier eigentlich Stroh?

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Henrik Wittenberg

Durch die Auszahlung des Bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) wird es nicht – wie oft vermutet wird – zu einer »gallopierenden« Inflation kommen, denn durch eine massive Ausweitung der Geldmenge ist es bisher noch nie zur einem starken Anstieg der Inflation gekommen. Weder ist dies in Folge der expansiven Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) in den vergangenen Jahren in unserem Wirtschaftsraum beobachtbar gewesen, noch kann man dies im Zuge der noch extremeren Geldpolitik der Japanischen Notenbank, die seit den neunziger Jahren bis heute betrieben wird, feststellen (im Gegenteil leidet Japan weiterhin unter einer starken Deflation).

Geldschöpfung führt nur dann zu hoher Inflation, wenn sie in der Form von Krediten in der Realwirtschaft landet und dort für so viel Kaufkraft sorgt, dass die vorhandenen Produktionskapazitäten sie auch bei Vollauslastung nicht befriedigen können (wie die in den letzten fünf Jahren erfolgte Verdoppelung der EZB-Bilanz zweifelsfrei bewiesen hat).

Inflation entsteht, wenn die Lohnstückkosten über der Produktivität eines Landes liegen, wobei dies in maßvoller Form kein Problem darstellt (die EU hatte sich vor der Einführung des Euro auf ein gemeinsames Inflationsziel von 2 Prozent geeinigt). Eine hohe Inflation bedeutet, dass die Lohnstückkosten deutlich stärker als die vorhandene Produktivität steigen, man also weit mehr Kaufkraft zur Verfügung stellt, als Güter und Dienstleistungen hervorgebracht werden (dann lebt man tatsächlich »über seine Verhältnisse«).

Davon abgesehen ist eine solche angenommene Voraussetzung für eine Inflation bei der Einführung eins BGE gar nicht gegeben, da für die Finanzierung des BGE nur die vorhandene Geldmenge anders verteilt wird (analog zu den Waren und Dienstleistungen, die für alle ausreichend produziert, aber nicht gerecht verteilt werden).

Eine »schleichende Entwertung« des BGE ließe sich darüber hinaus durch eine Kopplung an die Kaufkraft vermeiden sein (z.B. nach der Formel »Kaufkraft mal Standartwarenkorb«). Dabei ist zu beachten, dass man sich unbedingt an den realen materiellen Bedürfnisse der Einwohner unseres Landes orientiert, und nicht – wie bei der heutigen Ermittlung des Existenzminimums – an dem Durchschnittsverbrauch der unteren Einkommensbezieher (welcher sich gezwungenermaßen eher an der Not bzw. der Knappheit / Mangel orientiert):
http://www.youtube.com/watch?v=ag_Hu80PaoY

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    Sören Heim

    Es geht nicht um Geldmenge, sondern um Nachfrage. Traditionell erreicht die Ausweitung der Geldmenge vor allem das „Eine Prozent“, so wie derzeit das Quantitive Easing –> keine Inflation. BGE dagegen wirkt wie Lohnerhöhung (steht im Text).

    Ja, eine Koppelung wäre ein Weg (steht auch im Text). Leider wieder etwas, das sich kaum durchsetzen lassen wird.