Früchte des Zorns

In seiner neuen Hörmal-Kolumne nimmt Ulf Kubanke die ethische Facepalm des aktuell diskutierten Israel-Beschlusses der Partei Die Linke zum Ausgangspunkt und zeigt am Beispiel des bedeutenden New Yorker Musikers John Zorn, wo dieser hingehört.

naked city by ulf kubanke
Foto: Album Cover "Naked City" 1990 by Warner Music Group/Naked City/John Zorn, it features Weegee's 1940 photograph "Corpse With Revolver".

Ist es ein Parteibeschluss?

oder Gaza Krishna, Gaza Gaza, Hare Hare?

Oder handelt es sich lediglich um das Erklimmen des Thunbergs für ganz Arme?

Hm?

An dieser Stelle verzichte ich auf die hundertste Erläuterung darüber, weshalb der jüngste Beschluss der Linken in seiner strukturellen Logik antisemitische Muster reproduziert.

Ebenso verzichte ich auf den obligatorischen Rant.

Was also tun?

Tja, womit kann ich da nur reagieren?
Ich reagiere mit alttestamentarischem Zorn.

John Zorn.

John Zorn ist einer jener Künstler, die man nur schwer erklären kann, weil bereits die Erläuterung selbst an ihm zerschellt.

Jazzmusiker? Ja. Komponist? Ebenfalls. Produzent? Natürlich. Avantgardist? Ohne Zweifel.
Und doch trifft rein gar nichts davon den dunklen Kern.

Seit den frühen Achtzigern nämlich arbeitet sich der New Yorker durch nahezu jedes denkbare Genre. Free Jazz, Neue Musik, Punk, Grindcore, Klezmer, Surfrock, Ambient, Filmmusik, Noise. Wo andere Stilgrenzen erkennen, sieht Zorn lediglich Baumaterial.

Er benimmt sich wie jemand der erst Fensterkitt anrührt, um hinterher die Scheibe zu zerschmeißen.

Bereits als Jugendlicher fasziniert von Ornette Coleman und Karlheinz Stockhausen wird ihm früh klar, dass Wiederholung für ihn definitiv keine Option darstellt.

Ihn interessiert nicht die Verwaltung bestehender Traditionen. Es geht um deren Sprengung.

Etwa so:

Mit den Golden Palominos beteiligt er sich an der New Yorker No-Wave-Bewegung.
Die Gruppe besteht außer ihm noch aus den späteren Szene-Superstars Anton Fier (Lounge Lizards, Pere Ubu), Fred Frith, Arto Lindsay und dem stilistischen Hans Dampf in allen Producer-Gassen Bill Laswell. Gemeinsam entwirft man innovativ einen Sud aus Alternative Rock, Experimental Ambient, Country, Industrial und Punk.

Das hernach als No Wave bezeichnete Gebräu ist eine auf freier Improvisation beruhende Weiterentwicklung des damalig trendig kommerziellen New Wave Sounds. Angezogen von dem neuartigen Stil gewinnt man sogar die britische Punk-Ikone John Lydon (Sex Pistols) als Gastsänger.

In Solowerken wie „The Big Gundown“ oder „Spillane“ dekonstruiert er die Kompositionen so hardboiled radikal, dass selbst die bis zur Kauzigjeit experimentierfreudige Jazzwelt kurz sprachlos inne hält.

Ersteres enthält ausschließlich Coverversionen von Ennio Morricone Songs. Letzteres ist eine Hommage an den Krimiautor Mickey Spillane und die seinerzeit zeitgenössische Bebop-Phase des Schriftstellers.

Das alles ist übrigens erst der Anfang.

Es folgt die ebenso undergroundkompatible wie konsequente Abrissbirne Naked City.

Eine Formation aus der Klanghölle.

Konsequenter kaputt als alles bis dorthin Dagewesen. Ein Lotus des Grauens.

Warum?

Während große Teile der Rockpresse Ende der Achtziger Metallica, Slayer oder Anthrax noch für die Speerspitze musikalischer Radikalität halten, schiebt Zorn den Regler einfach durch die Studiowand gen Endzeit.

Free Jazz trifft Grindcore.

Surfrock kollidiert mit Thrash Metal.
Claude Debussy begegnet kreischenden bis gurgelnd zerfräste Vocals aus den tiefsten Zenobiten-Kellern der „Hellraiser“. Nicht jeder kann noch schreien.

Selbst die härtesten Metaller wirken neben dieser Bestie plötzlich wie verkleidete Kellner.

Ebenso schockierend für die akkurate Welt US-amerikanisch popkulturellen Artworks gerät Zorns schelmisch kompromissloser Ansatz.

Thematisch deckt er z.B. für „Torture Garden“ die dunkle Seite der Sexualität ab und entwirft ein textloses Booklet voller pornographischer SM-Bilder. Das Anschlussprojekt Painkiller geht in eine sehr ähnliche Richtung, integriert im Verlauf jedoch wegweisend zusätzliche Elektrosounds auf der Basis von Dub und Ambient.

Auch die Zusammenarbeit mit dem „Moonchild Trio“ (Mike Patton von Faith No More, Joey Baron und Trevor Dunn) trägt ab 2005 eher härtere Früchte. In dieser Runde

Und dennoch:

All diese Projekte erscheinen rückblickend beinahe wie Vorübungen.
Denn erst Anfang der Neunziger gebiert Zorn sein letzten Endes bedeutendstes Werk:
Die musikalische Kreatur Masada.

Nach den Jahren der Dekonstruktion folgt damit nun die Konstruktion.

Hier verbindet er die Freiheit des Free Jazz mit jüdischer Musiktradition. Nicht etwa museal oder gar folkloristisch.

Keine romantisietrnde Klezmer-Rückschau für Hochzeitstouristen im Viervierteltakt.

„Zorn springt den Publikum als Gegenwart.
Als etwas Lebendiges.
Als etwas Streitbares.
Als etwas Eigenes.“

Frontal in die Fresse.

Harsch und brutal und voller Zähne.

Mitunter lieblich betörend wie hier in „Shadrakh“:

Kein Wunder.

Für den bekennenden Juden Zorn ist Masada der Versuch, eine moderne Radical Jewish Culture in beide ästhetischen Richtungen zu formulieren.

Im zugehörigen Manifest findet sich (s)ein Gedanke, der heute, nach 35 Jahren absurderweise aktueller ist als damals:

„Der Jude ist immer Ursprung einer doppelten Infragestellung gewesen: der Infragestellung des Selbst und der Infragestellung des Anderen.“

Und weiter:

„Mir wurde klar, dass ein Jude jemand ist, der naiv glaubt, dass er, wenn er selbstlos zu seiner Gastkultur beiträgt, akzeptiert werden wird. Aber wir sind die Außenseiter der Welt.“

Tja, vielleicht liegt genau hier etwas, das vielen politischen Bewegungen bis heute entgeht.
Die dysfunktionale Vorstellung, man könne Juden erklären, was jüdisch zu sein habe.

Die anmaßend Freudsche Fehlleistung, welche Form jüdischer Identität die richtige sei.

Die Dunning gekrügerten Vorhaltungen, welche historische Erfahrung denn gern maßgeblich zu sein habe.
Welche Ängste legitim seien.
Und welche – ach bitteschön, pfui – gefälligst nicht.

John Zorn verbrachte folgerichtig sein gesamtes künstlerisches Leben damit, sich derlei stereotypisierensen Zuschreibungen zu entziehen.

Er verweigert ihnen die Schublade.
Er verweigert ihnen die Gebrauchsanweisung.
Er verweigerte ihnen die gothverdammte Fremddefinition.

Was sonst?

Womöglich ist das ganz am Ende und east of Eden allen Klanggenusses die philosophisch wie ethisch eigentliche Lehre von Masada.

Nicht die Frage, was Juden zu denken haben.
Sondern die wesentlich unbequemere Frage, weshalb sich Nichtjuden immer wieder berufen fühlen, es ihnen erklären zu wollen.

Bis man da von der entsprechenden Klientel ne überzeugende Antwort bekommt, ergeht sich letztere zumeist wahlweise in akuter Schnappatmung oder spontan offenmundiger Versteinerung bis ein Tumbleweed vorbeiweht.

Somit:

Falls es für den jüngsten Beschluss der Linken einen passenden Soundtrack gibt, dann vermutlich keinen Sprechchor und keine Resolution.
Achwas.
Dreißig Sekunden John Zorn.
Voll aufgedreht.
Ohne Rücksicht auf Verluste.
Here we go.
Naked City – Torture Garden.

From Hamburg with love

UK
+++

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