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Gott Wohnt im Wedding – schwerfällig, aber lesenswert

„Gott wohnt im Wedding“ erzählt die Geschichte eines Hauses über gut 100 Jahre. Das ist nicht immer glücklich gelöst. Besonders, wenn das Haus spricht.

Bild von karlherl auf Pixabay

Gott Wohnt im Wedding von Regina Scheer ist ein ordentliches Buch, Passagenweise sogar mehr als ordentlich bis gut. Ich habe zwei offizielle Rezensionen gefunden, ein Lob, einen Verriss. Gott Wohnt im Wedding liegt qualitativ tatsächlich irgendwo dazwischen.

Hoch gesteckte Ziele

Das Projekt ist an sich sehr anspruchsvoll. Die Geschichte eines Hauses und seiner Bewohner wird vom Ende des 19. Jahrhunderts bis fast heute erzählt. Der Fokus liegt auf den Erniedrigten und Beleidigten. Lose strukturierte Geschichte, die lang herausgezögerte Wiederbegegnung zwischen dem aus Israel zurückgekehrten Leo Lehmann, der in den vierziger Jahren als jüdisches „U-Boot“ (Bezeichnung für untergetauchte Juden) in Berlin gelebt hat und der etwa gleichaltrigen Gertrud Romberg, bei der er manchmal übernachtet hat, und von der er glaubt, verraten worden zu sein.

Ansonsten schieben sich mit der Zeit vor allem die im Haus lebenden Romafamilien in den Mittelpunkt. Die systemischen und privaten Vorurteile gegen Roma bilden den politischen Schwerpunkt des Romans.

Gelungene und misslungene Geschichten

Der hat seine Stärken und Schwächen. Gut erzählt sind alle Geschichten, die direkt aus den Lebenserfahrungen von Gertrud und Leo erwachsen. Auch die Art und Weise, wie die neuen Besitzer des Hauses im Wedding Minderheiten gegeneinander ausspielen, Besetzungen und Überbelegung, erst durch russische Familien, dann durch Roma, bewusst dulden, und sogar ermöglichen, um an bestehende Vorurteile anzudocken und neue zu schüren, damit langfristige Mieter herauszuekeln und am Ende das Haus abzureißen und einen teuren Neubau hinzustellen, ist gut erzählt, gibt dem Schlagwort „Gentrifizierung“ ein Gesicht. Auch die Gruppendynamiken innerhalb der Bewohnerschaften wirken glaubhaft, Scheer zeichnet keine heile Welt der Benachteiligten gegen die Mehrheitsgesellschaft, sondern selbst zutiefst von Vorurteilen durchzogene Minderheiten, die sich menschlich längst nicht immer korrekt verhalten – im Gegenteil. Gebrochene Helden also.

Das ändert allerdings nichts daran, dass das gesamte Personal des Romans ein wenig wirkt, als sei es nur dazu da, Geschichtsdiskurse anzustoßen. Gott Wohnt im Wedding versammelt wirklich alles an Lebensgeschichten, was es braucht, um die vergangenen 150 Jahren mit Schwerpunkt auf den Nationalsozialismus durchzuackern. Das gerät Scheer stellenweise sehr hölzern und auch mehr als nur ein wenig bemüht.

Ernsthaft? Ein sprechendes Haus?

Apropos bemüht. Die Autorin hat sich tatsächlich dazu hinreißen lassen, Teile des Romans aus der Perspektive des Hauses zu erzählen. Ja: das Haus sagt „ich“. Das steckt so nervig quer im Text, dass man geneigt ist, die Szenen zu überblättern. Vor allem weil es relativ unnötig ist. Zwar wird so die Zeit „vor Gertrud“ abgedeckt, aber selbst das hätte man aus dem Text heraus angehen können. Alle diese Momente wären in Gesprächen zwischen Protagonisten besser aufgehoben gewesen, zumal ein Nebencharakter Historiker ist.

Im Ganzen aber lohnt Gott wohnt im Wedding als Lektüre. Es ist ästhetisch keine Meisterleistung. Ein Modernismus mit angezogener Handbremse, der genau so viel an wechselnden Perspektiven erlaubt, wie sie auch Durchschnittsleser noch leicht ertragen können sollten. Politisch ist das Buch allein schon deshalb bedeutsam, weil es die immer noch herrschende Romaverfolgung in vielen Staaten Europas und die Ignoranz der wenigen Staaten, in denen Sinti und Roma zumindest mit etwas Glück halbwegs unbehelligt leben könnten, in den Blick rückt, insbesondere die Erklärung von osteuropäischen Staaten zu „sicheren Herkunftsländern“. Ja: Für die meisten seiner Bewohner mag der Balkan größtenteils sicher sein. Für Sinti und Roma definitiv nicht.

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2 comments
Jan Eustergerling

Das Thema, die Geschichte eines Hauses und seiner Bewohner, ist vom Comic-Altmeister Will Eisner in einer Story seiner „New Yorker Geschichten“ grossartig umgesetzt. Das ist ein Sammelband, der bei Carlsen erschienen ist. Meine Empfehlung für diese Art Storys.

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Rüdiger Benninghaus

Ich habe das Buch eigentlich nur gelesen, weil ich dachte, ich müsse es lesen, da ich mich mit Zigeunern beschäftige.

Weil ich, was Belletristik angeht, überwiegend Krimis lese, fehlte mir in dem Buch von Regina Scheer jegliche Spannung und ich mußte mich etwas durch das Buch „quälen“.

Das Buch hat sicherlich verschiedene interessante und wichtige Aspekte der gegenwärtigen und geschichtlichen Situation von Juden/ Israelis und Sinti bzw. Roma angesprochen und auch die Geschichte um ein Haus zu konzentrieren, mag man als eine interessante Idee bezeichnen.

Die Darstellung der Zigeuner, um die geht es mir hier, hat jedoch einige schräge bzw. „unausgegorene“ Seiten.
Nun handelt es sich zwar um einen Roman, doch die Tatsache, dass Scheer, wenn es um Zigeuner geht, einige real existierende Personen (z.B. Namen von Sinti-Familien wie Krause, Freiwald, Steinbach oder Rose – wo hingegen „Fidler“ in der Realität vermutlich für Adler stehen soll und Lura für Lora) und Organisationen (z.B.: Zentralrat Deutscher Sinti und Roma, Amaro Drom, Hildegard-Lagrenne-Stiftung) in das Buch gepackt hat, kann beim Leser den Eindruck erwecken, hier würden historische oder ethnographische Fakten vermittelt. Zwar werden bestimmte Figuren als Sinti und andere als Roma präsentiert, jedoch in einer Mischung, die es so kaum gibt. So werden die Kalderascha (Rom), die 1959 mit einem Aussiedlerzug nach Büchen kamen, zu Sinti gemacht und wenn angeblich (kurze) Vokabeln aus dem Sintetikes (z.B. „So keres“) einfließen, es sich eigentlich um Entlehnungen aus Roma-Dialekten handelt oder teilweise ohnehin falsch (z.B.: dja tuke) wiedergegeben wurden. Stachlingo z.B. hätte richtiger Stachlengero heißen sollen. Die Anrede „baba“ würde auch eher auf Kalderascha oder Lovara, denn auch Sinti passen, und die „Mammi“ wäre besser eine „mami“ gewesen.
Auch die angeblich nicht vorhandenen Verständigungsschwierigkeiten der Sintizza Laila mit den rumänischen Roma scheinen wenig glaubhaft.
Ob in Polen Kalderascha, Lovara und Sinti in einer gemeinsamen „kumpania“ gereist sind, erscheint mir auch nicht ganz der Realität entsprochen zu haben und zumindest eine große Ausnahme gewesen sein.
Die „Kirills“ in Scheers Roman (S.289) sind in der Realität Cyril und galizische Roma (Kelderara) gewesen und nicht deutsche Sinti.
Widersprüchlich – trotz aller für Sinti bekundeten Sympathie – ist die Aussage (S.204): „Zum Volk der Roma gehören sie alle, auch die Sinti. Aber die verschiedenen Gruppen waren über die Jahrhunderte so eigenständig geworden, dass die stolzen Sinti nicht einfach zu den Roma gezählt werden wollten;…“ Nicht wenigen Sinti dürften eine solche Beschreibung übel aufstoßen. Offensichtlich hat Scheer hier der falschen „politischen Korrektheit“ folgend, Zigeuner mit Roma gleichgesetzt.
Eine immer wieder kolportierte Erklärung „Rom“ hieße „Mensch“ (S.306) wird durch die Wiederholung durch Scheer auch nicht richtiger.
Neu war für mich eine „Tamara“ genannte Zigeunergruppe in Rumänien.
Schließlich kann man sich des Eindrucks einer gewissen „Zentralrats-Lastigkeit“ des Romans nicht erwehren.
So ließen sich vom „tsiganologischen“ Standpunkt diese und noch weitere kritische Anmerkungen zu dem Buch machen, wobei die Autorin dann natürlich auf ihre Vorbemerkung verweisen könnte: „Dieses Buch ist ein Werk der Fiktion. Personen und Handlungen sind frei erfunden.“