Kolumbien hat gewählt, und es hat sich für das Ende des Experiments entschieden. Ein Anwalt mit Raubtier-Image löst den Mann ab, der den Frieden ausrufen wollte und unter dessen Regentschaft die Zahl der Entführungen massiv anstieg.
Das alles relativ ist, wusste nicht nur Albert Einstein. Fast jeder hat schon seine persönlichen Erfahrungen mit der Relativität gemacht. So können sich fünf Minuten spektakulärer Anflug auf eine Karibik-Insel – nehmen wir aus aktuellem Anlass einmal Curaçao – relativ kurz anfühlen, fünf Minuten Wurzelbehandlung auf einem Zahnarztstuhl dagegen sehr lang. Auch beim Ausgang von Wahlen kann die Relativität eine Rolle spielen. So hat bei der Wahl in Kolumbien am vergangenen Sonntag Abelardo de la Espriella, 47 Jahre alt, Anwalt, Sänger in eigener Sache und seit dem Wahlkampf nur noch „Der Tiger“ genannt, mit rund 49,6 zu 48,7 Prozent gegen den linken Senator Iván Cepeda gewonnen. Was sich für die meisten als sehr knapp anhört, klingt für Peruaner dagegen nach einem Erdrutsch-Sieg. Bei der Wahl in Peru vor zwei Wochen hat die rechtskonservative Kandidatin Keiko Fujimori nach aktuellem Stand der Auszählung nur rund 40.800 Stimmen mehr erzielt als der Linkspopulist Roberto Sánchez. In Prozenten ausgedrückt: Es steht 50,1 Prozent für Fujimori gegen 49,9 Prozent für Sánchez. Gegen ein derart enges Ergebnis hat der „Tiger“ fast schon ein klares Mandat.
Ein Raubtier als Marke
Man muss De la Espriella nicht mögen, um seine Inszenierung zu bewundern. Ein Kampagnenlied namens „El Rugido del Tigre“, das gelbe Trikot der Nationalmannschaft im richtigen Moment der Fußball-Weltmeisterschaft, ein perfekt getrimmter Bart und die Attitüde des Mannes, der angeblich noch nie ein politisches Amt innehatte und genau deshalb regieren darf – das ist keine Politik im klassischen Sinne, das ist Markenführung. Sein Vorbild sitzt im Weißen Haus, und der „Tiger“ hat keine Mühe gescheut, das kundzutun: Donald Trump gratulierte noch in der Wahlnacht über sein Netzwerk Truth Social, sein Außenminister Marco Rubio tat es ihm gleich, und De la Espriella selbst verkündete stolz, gerade telefoniert zu haben – mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, versteht sich, nicht mit irgendwem.
Wer hierin nur Kitsch erkennen will, hat die Botschaft verpasst. Kolumbien hat sich nicht für einen Bart entschieden, sondern für ein Versprechen: dass der Staat wieder der gefährlichste Akteur im Land sein soll, nicht die Guerilla, nicht die Kartelle. Eine neunzigtägige Militärkampagne gegen die Drogenbanden, Unterstützung aus Washington und, mit Verweis auf El Salvador, der Bau von Hochsicherheitsgefängnissen, in denen es Häftlingen an Komfort mangeln dürfte – das ist kein Regierungsprogramm für Yogi-Teerunden. Es ist aber exakt das Programm, das eine Mehrheit der Kolumbianer derzeit hören wollte.
Der Frieden, der keiner wurde
Um zu verstehen, warum Kolumbien diesen Mann gewählt hat, muss man sich daran erinnern, mit welchem Versprechen sein Vorgänger angetreten ist. Gustavo Petro, Ex-Guerillero mit Kampfnamen „Comandante Aureliano“ und 2022 zum ersten linken Präsidenten der kolumbianischen Geschichte gewählt, wollte den „totalen Frieden“.[1] Verhandlungen statt Patronen, ein historischer Friedensschluss mit der Farc sollte fortgeschrieben werden auf alle übrigen bewaffneten Gruppen, von der Guerilla Ejército de Liberación Nacional (ELN, Nationale Befreiungsarmee) bis zu den Farc-Dissidenten. Es war ein ehrenwertes Ziel – aber, wie sich zeigte, ein Ziel, das sich weitaus schwerer erreichen lässt, als man es versprechen kann.
Die Bilanz, mit der Petro aus dem Amt scheidet, fällt entsprechend zwiespältig aus. Das Rote Kreuz registrierte im vergangenen Jahr die schwersten humanitären Folgen bewaffneter Konflikte seit einem Jahrzehnt; mehr als 235.000 Menschen wurden vertrieben.[2] Der Kokaanbau erreichte nach UN-Angaben ein neues Rekordniveau,[3] weil bewaffnete Gruppen die Verhandlungspausen offenbar lieber zur Expansion ihrer Plantagen nutzten als zur Versöhnung. Washington zog die Konsequenz und stufte Kolumbien im vergangenen Jahr erstmals seit den Neunzigern als unzuverlässigen Partner im Kampf gegen den Drogenhandel ein. Dass er selbst die Dezertifizierung als politisch motiviert zurückwies, half ihm innenpolitisch wenig: Die Sicherheitslage, nicht die Aktenlage, entscheidet Wahlen.
Man kann, mit einigem guten Willen, auch die andere Seite der Bilanz erzählen: Sozialausgaben und Mindestlohn stiegen, die Armutsquote sank seit 2022 spürbar.[4] Aber ein Präsident, der antrat, um Kolumbien den Frieden zu bringen, wird daran gemessen, ob er ihn gebracht hat – nicht daran, ob Wirtschaftskennziffern besser aussahen. Hinzu kamen ein Kongress ohne Regierungsmehrheit, in dem zentrale Reformen scheiterten, ein munteres Karussell aus Ministerwechseln und ein konfrontativer Kurs gegenüber Washington, der die Beziehungen zum wichtigsten Partner Südamerikas auf einen historischen Tiefpunkt brachte.
Die Angst, die schwerer wog
Das kolumbianische Onlineportal La Silla Vacía brachte es am Wahlabend auf eine Formel, die man sich auch außerhalb Bogotás merken sollte: Es sei weniger eine Wahl zwischen links und rechts gewesen als eine Abstimmung darüber, welche Angst schwerer wiegt – die Angst vor einer Fortsetzung des Petro-Kurses oder die Angst vor einem autoritären Rechtsruck.[5] Am Ende, und das ist die eigentliche Pointe dieser Wahl, hat die erste Angst knapp gewonnen.
Diese Knappheit ist kein Schönheitsfehler, sie ist die eigentliche Botschaft. Kolumbien ist tief gespalten, fast hälftig, und bleibt es auch nach diesem Wahltag. De la Espriella wird mit einem Mandat regieren, das ihm jede zweite Stimme verweigert hat. Wer einen Sieg von 0,9 Prozentpunkten als Generalvollmacht zur Radikalkur missversteht, wird das Land nicht befrieden, sondern lediglich die Fronten neu beschriften. Der Tiger hat gebrüllt. Ob er auch regieren kann, ohne sich selbst zu verschlucken, ist eine andere Frage.
Für Washington ist das Ergebnis ohnehin entschieden, noch bevor die letzten Urnen offiziell ausgezählt sind: Trump hat seinen Wunschkandidaten, Kolumbien hat seinen Tiger, und Petro hat die Galerie der lateinamerikanischen Linkspopulisten verlassen, ohne den Frieden mitgebracht zu haben, den er versprochen hatte. Das ist, je nach politischem Geschmack, die Rückkehr der Vernunft oder der Anfang einer neuen Härte. Wahrscheinlich ist es, wie so oft in Kolumbien, beides zugleich.
Fußnoten
[1] Gobierno de Colombia: Política de Paz Total.
[2] Internationales Komitee vom Roten Kreuz (IKRK): Colombia Humanitarian Situation Reports.
[3] United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC): Colombia Coca Cultivation Survey.
[4] DANE – Departamento Administrativo Nacional de Estadística: Armuts- und Sozialstatistiken.
[5] La Silla Vacía: Analysen zur Präsidentschaftswahl 2026.
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