Zwischen zwei Feiern – zwischen zwei Feuern?

 Zwischen zwei CSDs.

Ulf Kubankes persönliche Gedanken dazu als Verarbeitungsprotokoll.
4 Tage Echtzeit.
4 Tage Stream of Conscience und Sonnabend dann 4 Fäuste für:

Foto: "Relax" official Artwork 12 Inch, by FGTH/ZTT/BMG 1983

 

Frankie says: Fuck You! – CSD zwischen Berlin & Hamburg

„Erst deine Träne löscht den Brand.
Es blüht und welkt – dies‘ weise Land.““
Dornenreich (2011)

I. Protokoll Sonntag: Das Grauen

Wir waren für uns.
Alles erst im Tagesverlauf erfahren.
Kein Gelaber.
Nur Trauer.
Gefühl wie:

Mahlers Trauermarsch aus seiner ersten Symphonie weltweit untopbar in (beiden!) Lenny Bernstein Einspielungen.

#trauer #mahler #fuck!

II. Protokoll Montag „Meinen Hass bekommt ihr nicht.“ Part One

Montag.
Ja Montag.
Ich zumindest bin emotional noch immer ziemlich bedient.

Überfordert,

das sofort zu sortieren,

was nützliches oder wenigstens nicht zusätzlich siedendend Zerberstendes in die Welt zu gießen wie Kerosin.

Mir fällt nichts ein.

Auch deshalb, weil – wird wohl bei Euch nicht anders sein – derlei Horror nie isoliert passiert.

Im eigenen Leben, unser aller Alltag legen all die kleinen wie großen Katastrophen, Nicklickeiten oder Zipperlein selbstverständlich ebenfalls keine Pause ein.

Ach, was rede ich, „Pause“. Das ganze eigene Schlamassele springt nur allzu gern kollegial auf die Schulter der jeweils aktuellen Hiobsbotschaft im Zoo dort draußen.

Auf dieser Seite des Bildschirmgerätes nervte Zizino und mich heute Sache aus dem Bereich der kapazitären Ostblockisierung unseres Systems, verbunden mit verwaltungsbürokratischer Ignoranz. Hmpf.

Und ab geht’s in diesen fiesen emotional fiebrig angepissten Nervositätszustand zwischen Klageweib, Kettensäge und eigener, mich selbst anwidernder abstoßender Sündenbockgeilheit

Doch in diesem lediglich temporären Rausch negativer Gefühle, würde ich doch den Teufel tun, mich zum Thema zu äußern in irgendeiner politischen oder sonst wie belehrenden Soße.

Denn alles würde heute mehr schweflige Negativität transportieren. Alles würde eine Verbitterung weiter geben, die schlussendlich mehr zum Spalten denn zum Leimen taugte.

Und das hätten sie gern.
Die dreckigen Fanatiker.

Das hätten sie alle gern, diese Totalitären.
Euren Hass.
Meinen Hass.

Der Islamismus ist eine totalitäre Bewegung wie der Rechtsextremismus oder gespiegelt Stalinismus.

Und alle drei inkarnieren als verhurte Feinde der freien und offenen Gesellschaften.

Das zumindest ist meine Überzeugung.

Aber damit wieder umgehen zu können, dauert etwas. Jedenfalls leider bei mir.

Bis dahin kann ja jeder nur für sich selbst sprechen.

Und da kann ich den Schlächtern der Freiheit zumindest heute nur eines sagen.

Meinen Hass bekommt ihr nicht als Trophäe. Aber meine grenzenlose Verachtung analog Bataclan etc.

Alles andere später.
Nicht heute.

Habe ich stattdessen einen Song zum kanalisieren und gemeinsamen teilen des kollektiven Ohnmachtsgefühls?

Vielleicht.
Manchmal sind Taten so grausam. Sogar den Göttern fällt es in deren Angesicht schwer, diese zeitnah zu vergeben.

„Sometimes the Gods are slow to forgive“.

Von Rome.
Bzw Jerome Reuter.

Neofolk.
Skinhead.
Lyriker.
Scharfsinnig.
Tiefgründig.
Empathisch.
aus Luxemburg.

No Erklärungen.
Jetzt.
Cut!

 

 

Und dann?
Was sagen verantwortliche Amtsträger?

Zum Beispiel im Heute Journal – Was kommt vom Innenminister, na? Kompetenz und Empathie?

Ein Scherz, ‚Zeihung.

Nach mehreren Minuten feinsten Dobrinderwahnsinns, ereilt mich die Gewissheit:

Dieser Soziologe gaukelt dem Land qua Amtsausübungssimulation einen Expertenlevel an juristischer Kompetenz vor, obschon er ausweislich des eigenen Vortrages noch nicht einmal das Wesen der Gewalteinteilung komplett durchdrungen zu haben scheint.

Derweil setzt die marginalisierungserfahrene Bundesklöcknerin überraschend die Flagge auf Halbmast.
Hallelu… äh, no.
Not you, please.
Nicht nach allem, bah.

Tja, was fällt einem dazu noch ein?

Höchstens Karl Valentin.

Jede Sache hat eine gute, eine schlechte und eine komische Seite.

Die einzig wirklich komische Konstante des Landes – inmitten all des Grusels – verbleibt weiterhin verlässlich unser Chefstyler, selbstmariniert in betont eigenwilliger Bundesamtsausführung.

Wie er es schafft, so zu tun, als sei er in allem der „Last Man Standing“, während er zum Schutze der Gesellschaft selbiger dieses Narrenschiff-Team an den Hals hängt, wie ’ne Kuhglocke, bleibt seine eigene …hust…Stilfrage.

Tja, wenn die Realität schon Merzferatu spielt, braucht es wenigstens John Cale am Piano.
Also zwischendurch zum Durchatmen erstmal ein perlendes „Style It Takes“ von Onkel John.
In der besten Version selbstverständlich, live von der „Fragments of a rainy Session“.

 

III. ab Dienstag -„Meinen Hass bekommt ihr nicht“ Part Two:

-„Meinen Hass bekommt ihr nicht“ habe ich gestern zwar gesagt. Aber so richtig gegoren war das alles offenkundig nicht. Jetzt auch nicht restlos. Doch immerhin auf dem Weg.
Zur Klarstellung sei erwähnt.
Der Satz bedeutet für mich keine Taubenfeder.
Und definitiv kein sanftes „Friede, Freude, Eierkuchen“.

Eher:

„Ich gestehen dir Pisser keine dreckige Sekunde zu, dass du Hässliches bestimmst, wer ich bin und was ich werde. Sollte klar sein.“

Erst Recht bedeutet es keinerlei nachgiebige Toleranz.

Weil zumindest ich zutiefst glaube,

Toleranz ist nicht Appeasement,
Toleranz ist nicht Akzeptanz
Toleranz ist nicht schrankenlos, Baby!

Nicht von mir.

Habe ich vom großen Philosophen Karl Popper gelernt, der einst sagte:

Im Namen der Toleranz sollten wir uns das Recht anmaßen, die Intoleranten nicht zu tolerieren.

Und damit das Paradoxon der Toleranz erfasste.

Und was sehe ich da nunmehr auch auf meiner eher linksliberalen Seite des politischen Spektrums?
OK, eigentlich bin ich eher Libertin als Klassenkämpfer mit einem Touch of vintage Realogrün.

Doch in jenem Segment, jener Generation wusste man wenigstens überwiegend, was die zutreffende Gedankenlinie Hamas-Muslimbruderschaft-NS-Prâgung-Islamofaschismus bedeutet.

Mittlerweile?
Mittlerweile befördert der dortige AntiRA-Schuldkomplex eine eigentümlich lemminghafte Wahrnehmung, wie bei Seltenopfern, wonach Hamas, Hisbollah ja „total Asterix versus Rom“ ist.

Derlei Galgenblumen vom heiligen Thunberg hindern als Gedankengut folgerichtig jede Fähigkeit, selbst wachsam zu bleiben. Mit solchen Gurken in der Phalanx, wären Sparta und Co gleich baden gegangen.

Und sozialmedial, draußen und überhaupt?

Viele verbittert, angepisst und gereizt.
Verständlich.
Als Gefühl.

Und dennoch:

All zu viele agieren leider auch dementsprechend und geben ihrem negativen Gefühl Raum, es voll auslebend platzen zu lassen, wie eine Bombe.
Da wird nicht mal mehr grob differenziert zwischen

Islam, Islamisten
Christen, christliche Fundamentalisten
Die Linken, die Rechten.
Dieses wenig würdige Loser-Ladidah.

Kommunikationskatastrophe für uns alle.
Super für die Faschos aller Art.

Denn,
der Leser wird dadurch emotional sofort aufgeladen, bevor überhaupt argumentiert wird.
So wird ein tatsächlich komplexes Feld moralisch, ethisch und politisch vereinheitlicht.
So ein Tüdelkram ist selten präzise und niemals zielführend. Wohl aber Öl auf jenes Feuer der Extremisten, wo sie einander doch kriminologisch per Ganovenehre sowieso nicht verpfeifen würden. Denn jeder ist der nützliche Idiot des anderen, Isnogud für Adolf und vice versa, um unser großes Ganzes ins Wanken zu bringen.

Mit permanent hysterisch verschütteter Unterkomplexität verraten wir jedoch einander, ein wenig zumindest.

Warum?

Na, weil das Grauen eines islamistischen Anschlag – wie bei jedem derartigen Ereignis – automatisch mehrere Ebenen gleichzeitig berührt:
Religion, Ideologie, Integration, Sicherheitsbehörden, Minderheitenschutz, Persönlichkeitsrechte, Radikalisierung, politische Instrumentalisierung jedweder Couleur
und ganz besonders die psychologische Wirkung von Terror auf uns alle.

Falls davon am Ende in Lande der Dichter und Denker nur noch „die Linken sind verlogen!“ oder „die Bürgerlichen sind alle rechtsoffen!“ oder „de Jod’n, wa!“ übrig bleibt,

ja, was dann?

Dann, verdammt, fühlt sich das zumindest aus meiner Sicht an, als würde ein kunstvoll dreidimensionales Unikat derb auf einen Bierdeckel geplättet.

Echt jetzt?
Come on.

Nicht „rechts gegen links“ oder „Christ versus Muslim“ sondern „Komplexität gegen Simplifizierung“, „Empathie gegen Ignoranz“. Dort liegt erkennbar unser aller Herausforderung.
Und vielleicht auch die Lust daran, trotz aller Dunkelheit kein zynischer Egoshooter zu werden. „Don’t bei a Dick.“, the Buddha says.

Denn sind wir ehrlich:

In guten Zeiten, wenn es leicht ist, kann es doch jeder Klappskalli.

Den Wert unserer Pfifferlinge, unseres Humores, unseres Charakters, unseres Herzens und nicht zuletzt unseres Verstandes fahren wir erst ein, wenn der rauschende Partyspaß zu Stillstand plus Kater verkommt.

Und dann?

Ja sorry, keine Ahnung, ’ne Patentlösung habe ich auch nicht parat. Und eh keine Zeit dafür. Denn nach dem CSD ist vor dem CSD.

Morgen steigt der Gig in Hamburg,
also

 

IV. Popgesicht, ihr Nutten!

Interessante, neue Überlegung vor aktuellen Parties:

Mein Süßes, haben wir Schlüssel, Xiaomi, Kleingeld und alle letztwilligen Verfügungen ordnungsgemäß hinterlegt?

Dieses Jahr zum CSD Hamburch?
Ja, Pflicht, ne?
Jedenfalls für Zizino und mich. Nur….wie eigentlich?

Vorfreude fühlt sich in der Echokammer Berlins bis jetzt an wie „From one War to another“.

Ach, was soll’s.
Showbiz ist Showbiz.
Also wie immer: Popgesicht anknipsen.
Ist ja zumindest nicht so, dass wir Zizino und ich im Gegensatz zur sonstigen Garderobe groß umstylen müssten.

„Wann war eigentlich dein erster LGBT-Kontakt oder CSD“, fragt Zizi mich derweil spontan.

„Puh, ja, das war so 97, 98, glaube ich. Ein Kumpel, Dirk, war in der Szene unterwegs. Waren wir miteinander unterwegs, zeigte ich ihm abwechselnd meine Underground-Schuppen mit GothnPunk und er schleppte mich zb backstage Aftershowparty zu „Madame Lothar“, Bremens Recht küstenneblige Antwort auf „Cage auch Folles“.

Ich komm‘ da rein. Die Dame des Hauses kommt nicht einfach herein. Sie erscheint. Die einen im Saal beginnen augenblicklich zu schleimen wie Höflinge. Andere, darunter mein Kumpel, schlagen verschüchtert die Augen nieder. Wenig passiert dazwischen. Sie kommt dann zu uns. Ziemlich genau gestylt, wie meine Großmutter.

Zu Dirk freundlich, damenhaft, reserviert, „Some like it hot“-Tonfall: „Na schau, Dirk, Schätzchen. Wen hast du uns denn da nur angeschleppt?“

Dirk: „Madame -Ulf, Ulf-Madame“

Die Madame zu mir, auf einmal derbst breit grinsend, deutlich mehr Maurer-Vibes mit Whisky in der Stimme als zuvor.
„Moin, ich bin Lodder.“

Händedruck wie ein Schraubstock.

„Moin Lodder.“

Zur Höflichkeit erzogener Hanseat, der ich nun einmal bin, bot ich ihm ne Fluppe an.

Lodder: „Nee, lass mal, Süßer. Sowas kleines, dünnes nehm‘ ich ja nun seit 15 Jahren so gar nicht mehr zwischen die Lippen.“

Tja …war ’ne Super Partie mit dem Ensemble.

Und genau da haben wir die Überleitung zum letzten Glied dieser Kette, welche Musik dazu empfehlen?

OK, ich habe es.

V. Frankie says: Fuck You!

Es kann hier als Anspieltipp, Act, wie bei McLeod, nur eine(n) geben.

Nur eine Botschaft gen Anschlagsgesocks:

Frankie says: Fuck You!

Mit den Knuffel-Libertins Frankie goes to Hollywood.
Jetzt so richtig rein in die Szenerie.
Link „Relax“ – 12 Inch

London den 11. Januar 1984: „Diese Scheibe ist absolut öbszön!“ Mike Read, beliebter Radio-DJ der BBC bekommt während seiner Top-Ten-Sendung einen derben Wutanfall on Air. „Relax“ von Frankie Goes To Hollywood steht auf Platz 6 der Charts. „Hey Leute, ich habe gerade einen Blick auf das Cover geworfen. Ich denke, es ist obszön. Wisst ihr, ich werde diese Platte nicht spielen. Danke und tschüss!“ Einen größeren Gefallen hätte der angesehene Moderator den angesagten Newcomern nicht machen können. Seine Skandalisierung machte das schlüpfrige Lied erst recht zur lockend verbotenen Frucht. Trotz Bann und Boykott von BBC und anderen schoss der Dance-Orgasmus ungebremst weltweit – „When you wanna come!“ – auf die Pole Position und gilt heute als ultimative Visitenkarte typischen Hi-NRG-Sounds der 80er.

Schillernder kann eine Weltkarriere kaum starten. Holly Johnson und Co machen mit „Relax“ alles richtig, damit die Rakete so richtig abhebt. Ihr Trick: Einerseits punkten sie in der LGBT-Szene und haben dort bis heute einen Ruf wie rosa Donnerhall. Andererseits sammelt der universell-erotische Text auch alle anderen ein und lässt niemand am Wegesrand zurück. Am Ende ist es vollkommen egal, ob Hete, Homo oder Loretta. Ein jeder erliegt der Nummer mit ihrem unwiderstehlichen Beat, den aus der Zeit heraus hochmodernen Effekten und Johnsons angesextem Timbre.

Doch Frankie goes to Hollywood haben weit mehr musikhistorische Bedeutsamkeit im Gepäck als etwa „Relax“, die kurze Zeitspanne ihres Bestehens oder die lediglich zwei Alben und sieben Maxis vermuten lassen. Ihr Einfluss auf die weltweite Enwickung der Pop- und Tanzmusik der Achtziger ist enorm. FGTH gehören – neben Yello und wenigen anderen – zu jener Avantgarde, die mit Klang und Image das Zeitalter ‚Discomusik‘ beendet und die Ära ‚Clubmusic‘ einläutet. Nebenbei verwirren sie die gesamte zeitgenössische Medienlandschaft mit einer bis dato einmaligen Mischung aus Nihilismus, Hedonismus und Politslogans. „It is of course Frankie and Frankie only!“

In diesem Sinne

From Hamburg
with Love
UK

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