Gott hat die Welt an sechs Tagen erschaffen. Am siebten Tag ruhte er. So viel wissen die meisten Menschen zumindest noch über die Schöpfung, wie sie in Bereschit 1, also in Genesis 1, beschrieben wird. Bei vielen hört die Kenntnis damit allerdings schon auf. Häufig begegnet einem der Einwand, diese Erzählung stehe im Widerspruch zur Wissenschaft. Schließlich ist die Erde nicht innerhalb von sechs gewöhnlichen Tagen entstanden, und auch der Mensch ist nicht plötzlich in seiner heutigen Gestalt erschienen.
Doch dieser Einwand setzt voraus, dass Bereschit 1 überhaupt als naturwissenschaftlicher Bericht gelesen werden soll. Genau das ist keineswegs selbstverständlich. Schon Rabbi Schlomo Jizchaki, genannt Raschi, einer der bedeutendsten jüdischen Bibelkommentatoren des frühen Mittelalters, weist darauf hin, dass Bereschit 1 keine lückenlose chronologische Abfolge liefert. So setzt der Text bereits Wasser voraus, ohne zuvor zu erzählen, wann dieses geschaffen wurde. Raschi erklärt deshalb, dass sich aus dem Beginn der Tora keine einfache zeitliche Reihenfolge aller Schöpfungsvorgänge ableiten lässt.
Die Welt bewahren
Auch Pirkei Avot 5,1, ein Traktat der Mischna, fragt nicht nach einem physikalischen Mechanismus der Welterschaffung. Dort wird gefragt, warum Gott die Welt durch zehn Aussprüche erschuf, obwohl dafür ein einziger Ausspruch genügt hätte. Die Antwort ist ausdrücklich ethisch: Die Erzählung soll verdeutlichen, wie schwer es wiegt, die Welt zu zerstören – und wie verdienstvoll es ist, sie zu bewahren.
Die Schöpfungserzählung will daher keine konkurrierende Naturwissenschaft aufstellen. Sie beschreibt nicht, welche chemischen Reaktionen das erste Leben hervorbrachten oder nach welchen biologischen Prozessen sich Arten entwickelten. Sie stellt andere Fragen: Ist die Welt bedeutungslos oder besitzt sie einen Wert? Darf der Mensch mit ihr umgehen, als gehöre sie ausschließlich ihm? Welche Verantwortung entsteht?
Zunächst wird die Welt geordnet: Himmel und Erde, Licht und Finsternis, Land und Wasser. Es entstehen Zeit, Lebensräume und schließlich Lebewesen. Erst am Ende erscheint der Mensch, häufig als Krönung der Schöpfung bezeichnet. Das ist allerdings kein Grund zu übertriebener menschlicher Arroganz. Bereits bevor der Mensch existiert, bezeichnet Gott die Schöpfung mehrfach als gut. Pflanzen, Gewässer, Himmelskörper und Tiere besitzen ihren Wert nicht erst dadurch, dass Menschen sie verwenden können. Die Welt war schon gut, bevor der erste Mensch sie betrat.
Auch das Ziel der Schöpfungswoche ist bemerkenswert. Sie endet nicht mit der grenzenlosen Herrschaft des Menschen, sondern mit dem Schabbat: mit Ruhe, Begrenzung und dem Verzicht darauf, ununterbrochen zu produzieren und über die Welt zu verfügen. Die Schöpfungsgeschichte ist damit auch eine Vorlage für das menschliche Leben: Ordne, befülle die Ordnung mit Leben, Ruhe.
Die Wissenschaft untersucht, wie sich das Universum, das Leben und der Mensch entwickelt haben. Bereschit fragt, was aus dieser Beschaffenheit des Universums für uns folgt. Die beiden Fragen widersprechen sich nicht. Sie liegen auf unterschiedlichen Ebenen.
Die Schöpfung arbeitet mit Gegensatzpaaren
Die Schöpfungserzählung arbeitet immer wieder mit einem sprachlichen Stilmittel, dem Merismus. Dabei nennt der Text zwei Pole und meint damit die ganze Bandbreite zwischen ihnen. Solche Formulierungen kennen wir auch aus dem Alltag: Wenn eine Veranstaltung „Jung und Alt“ anspricht, richtet sie sich selbstverständlich nicht nur an junge und alte Menschen. Gemeint sind alle.
Bereschit beginnt mit „Himmel und Erde“. Damit sind nicht lediglich zwei voneinander getrennte Gegenstände gemeint, sondern die gesamte geschaffene Welt. Gott trennt Licht und Finsternis, obwohl zwischen hellem Tag und tiefer Nacht die Dämmerung liegt. Er trennt trockenes Land und Wasser, obwohl es Küsten, Sümpfe und andere Übergangsräume gibt.
Die Nennung zweier Pole bedeutet also nicht automatisch, dass es zwischen ihnen keine Abstufungen, Mischformen oder Übergänge geben könne.
Im selben Kapitel heißt es über den Menschen:
Männlich und weiblich schuf er sie.
Dieser Satz beschreibt zweifellos eine grundlegende menschliche Wirklichkeit. Aus ihm folgt aber nicht zwingend, dass jeder einzelne Mensch körperlich, psychisch und sozial ausnahmslos in eine von zwei vollkommen getrennten Kategorien passen müsse. Die Tora entwickelt hier keine moderne Theorie über Geschlechtsidentitäten. Begriffe wie „nichtbinär“ entstammen einer anderen Zeit und einem anderen Erkenntnishorizont. Doch das gilt ebenso für viele andere Begriffe, mit denen wir heute die menschliche Wirklichkeit genauer beschreiben. Dass ein moderner Begriff in der Bibel nicht vorkommt, ist noch kein Beweis dafür, dass die damit bezeichneten Menschen in Gottes Schöpfung keinen Platz hätten.
Wenn Bereschit wiederholt Gegensatzpaare verwendet, um eine ganze Bandbreite zu beschreiben, ist die Frage berechtigt, warum ausgerechnet „männlich und weiblich“ als lückenlose Aufzählung verstanden werden soll, die jede weitere menschliche Erfahrung ausschließt. Nachvollziehbar begründen konnte man mir das bisher niemand von den „ADAM UND EVA, NICHT ADAM UND ADAM“-Schreiern.
Adam als zweigeschlechtliches Wesen
Noch interessanter ist Bereschit 2. Dort wird die Menschenschöpfung aus einer anderen Perspektive als im ersten Kapitel erzählt. Zunächst formt Gott ha-adam, den Menschen, aus ha-adamah, dem Erdboden. Erst nach der Teilung des ursprünglichen Menschen verwendet der Text das Wortpaar isch und ischa, Mann und Frau. Auch das Wort tzela, aus der die Frau gebildet wird, ist nicht so eindeutig, wie viele deutsche Übersetzungen vermuten lassen. Es kann „Rippe“ bedeuten, aber auch „Seite“. An anderen Stellen der Tora bezeichnet dasselbe Wort beispielsweise eine Seite des Stiftszelts.
Die rabbinische Überlieferung hat diese Mehrdeutigkeit keineswegs übersehen. Im Midrasch Bereschit Rabba ist der erste Mensch in einer Auslegung als androgyn beschrieben, also mit männlichen und weiblichen Merkmalen. Eine andere Auslegung spricht von einem ursprünglich doppelseitigen oder doppelgesichtigen Menschen, der anschließend in zwei Menschen getrennt wurde. Auch der Babylonische Talmud diskutiert also die Vorstellung eines ursprünglich aus zwei Seiten bestehenden Menschen – nicht eines von vornherein klar männlich und weiblich geschaffenen Menschen.
Diese fast 2000 Jahre alten Texte sind keine modernen Kommentare über nichtbinäre Geschlechtsidentitäten. Man sollte ihnen keine Begriffe unterschieben, die sie selbst nicht kannten. Sie zeigen aber etwas Entscheidendes: Schon die rabbinische Tradition verstand die Erzählung von Adam und Eva komplexer als die heutige Parole, Gott habe einfach einen eindeutig männlichen Mann und anschließend eine eindeutig weibliche Frau erschaffen, womit über jeden anderen Menschen bereits abschließend geurteilt sei. Eine theologische Auslegung darf nie so eindimensional sein wie heutigen politischen Schlagworte.
Die Menschenwürde steht über allem
Der wichtigste Satz über den Menschen lautet nicht: „Männlich und weiblich schuf er sie.“ Zuvor heißt es:
Und Gott schuf den Menschen in seinem Bild.
Im Hebräischen steht dort ha-adam: der Mensch, die Menschheit. Nicht nur Männer sind Ebenbilder Gottes. Nicht nur Frauen. Nicht nur heterosexuelle Menschen. Nicht nur Menschen, deren Körper und Identität genau den Erwartungen ihrer Umgebung entsprechen. Der Mensch als Mensch ist b’tselem Elohim – im Ebenbild Gottes – geschaffen.
Rabbi Akiva formuliert es in Pirkei Avot 3,14 entsprechend allgemein:
Geliebt ist der Mensch, denn er wurde im Ebenbild Gottes geschaffen.
Diese Würde wird nicht durch eine Mehrheitsentscheidung verliehen. Sie hängt nicht davon ab, ob andere Menschen eine Lebensweise verstehen, sympathisch finden oder religiös gutheißen. Sie ist dem Menschen bereits durch seine Existenz gegeben. Auch die Mischna zieht aus der Schöpfung eines einzigen ersten Menschen eine radikale Konsequenz: Kein Mensch darf sagen, sein Ursprung sei bedeutender als der eines anderen. Gleichzeitig ist jeder Mensch einzigartig. So wie kein Gesicht dem anderen vollkommen gleicht, ist auch kein menschliches Leben bloß eine überflüssige Wiederholung.
Wer einen Menschen wegen seiner sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität verspottet, entwürdigt deshalb nicht nur eine gesellschaftliche Gruppe. Er greift einen Menschen an, den die Tora als Ebenbild Gottes bezeichnet. Das bedeutet nicht, dass aus religiöser Sicht zwingend jede Handlung allein deshalb richtig wäre, weil ein Mensch sie frei gewählt hat. Eine religiöse Ethik kennt Pflichten gegenüber anderen Menschen, gegenüber sich selbst, gegenüber der Gemeinschaft und gegenüber Gott. Freiheit ist nicht dasselbe wie Beliebigkeit.
Wo kein Schaden, da kein staatliches Verbot
Doch auch der freie Wille gehört zum zentralen jüdischen Menschenbild. Maimonides betont, dass jedem Menschen die Möglichkeit gegeben ist, sich für einen guten oder einen schlechten Weg zu entscheiden. Ohne diese Freiheit gäbe es keine Verantwortung, keine Umkehr und keine moralische Entwicklung. Ein Mensch ist deshalb kein Gegenstand, über dessen Lebensführung andere beliebig verfügen dürfen. Er ist ein verantwortliches Subjekt.
An dieser Stelle ist eine einfache Frage erlaubt: Wenn etwas niemandem schadet, niemandem Rechte nimmt und niemanden zu demselben Leben zwingt – mit welcher Begründung soll es dann verboten oder gesellschaftlich geächtet werden? Die Ehe zweier Männer oder zweier Frauen nimmt keiner heterosexuellen Ehe etwas weg. Niemand wird durch die Ehe für alle gezwungen, selbst eine gleichgeschlechtliche Beziehung einzugehen. Keine Religionsgemeinschaft muss dadurch ihre eigene Trauordnung verändern. Der Staat verweigert lediglich zwei erwachsenen Menschen nicht länger die gleichen Rechte, weil andere ihre Beziehung missbilligen.
Auch ein nichtbinärer Mensch nimmt niemandem sein eigenes Geschlecht. Die Anerkennung seiner Identität macht keinen Mann weniger männlich und keine Frau weniger weiblich. Sie verlangt lediglich, einen anderen Menschen nicht dazu zu zwingen, sich selbst zu verleugnen, damit das eigene Weltbild möglichst einfach bleibt. „Es gefällt mir nicht“ ist kein ethisches Argument. „Ich verstehe es nicht“ ist kein theologischer Beweis. Und „Gott schuf Adam und Eva“ wäre selbst dann keine Erlaubnis, Menschen ihre Würde, ihre Rechte oder ihren Platz in der Gesellschaft abzusprechen, wenn es so interpretiert werden würde, wie es die Kommentatoren in den (a)sozialen Netzwerken meinen.
Der freie Wille ist göttlich
Wer die Freiheit anderer einschränken will, muss mehr vorbringen als eine Parole. Er muss einen konkreten Schaden benennen. Wo dieser Schaden fehlt, bleibt häufig nur der Wunsch, dass andere nach den eigenen religiösen oder gesellschaftlichen Vorstellungen leben sollen. Das aber widerspricht gerade dem Gedanken des freien Willens. Gott hätte Menschen erschaffen können, die ausschließlich das tun, was ihnen vorgegeben wird. Nach meinem Verständnis hat er das nicht getan. Er erschuf Menschen, die entscheiden können, Verantwortung tragen und auch irren können.
Wer den freien Willen ernst nimmt, muss deshalb aushalten, dass andere Menschen Entscheidungen treffen, die er selbst nicht treffen würde. Er darf sie kritisieren. Er darf seine eigenen religiösen Überzeugungen vertreten, auch wenn die bei vielen der Online-Schreihälsen wohl nur aus zwei oder drei Sätzen besteht. Er darf aber nicht aus jeder persönlichen Überzeugung einen Anspruch auf die Kontrolle fremder Leben ableiten. Die Grenze liegt dort, wo Menschen anderen schaden, sie unterdrücken oder ihrer Rechte berauben. Nicht dort, wo sie bloß anders leben.
Eine Theologie, die mit der Gottesebenbildlichkeit jedes Menschen beginnt, darf nicht mit seiner Erniedrigung enden. Wer Bereschit ernst nimmt, muss nicht jede menschliche Entscheidung gutheißen. Er muss aber in jedem Menschen zuerst das sehen, was die Tora in ihm sieht: ein Ebenbild Gottes.
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