Der Tiger vor dem Sprung an die Macht?

Wie Gustavo Petros gescheiterter „Totaler Frieden“ Kolumbien nach rechts getrieben hat

Der Abend des 31. Mai 2026 endete für die Menschen in Kolumbien mit einer Überraschung. Abelardo de la Espriella, Strafverteidiger und politischer Newcomer, hatte die erste Runde der kolumbianischen Präsidentschaftswahl mit 43,7 Prozent der Stimmen gewonnen. Der Kandidat des linken Regierungslagers, Senator Iván Cepeda, landete bei 40,9 Prozent. Die Stichwahl findet am 21. Juni statt.

Man muss kein Anhänger von Abelardo de la Espriella sein, den seine Gegner wahlweise „Faschisten“, „Homophoben“ oder schlicht „Mafioso“ nennen, um zu verstehen, warum das Ergebnis am Ende wenig überraschend war. Viele Wähler stellten damit zugleich Gustavo Petro und dessen politischem Kurs ein kritisches Zeugnis aus.

Vier Jahre „Totaler Frieden“ — und mehr Gewalt als zuvor

Petro trat 2022 als erster linker Präsident in der Geschichte Kolumbiens mit einer historischen Bürde an: Er versprach den „Totalen Frieden“. Verhandlungen statt Bomben, Dialog statt Drohnen, Inklusion statt Militär. Das Konzept klang ambitioniert, die Ergebnisse blieben jedoch umstritten.

Bewaffnete Gruppen nutzten Waffenstillstände vielfach zur Konsolidierung ihrer Strukturen. Nach Einschätzung der Konrad-Adenauer-Stiftung breiteten sich kriminelle Netzwerke und Guerillaorganisationen während Petros Amtszeit weiter aus. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz verzeichnete für 2025 die schwersten humanitären Folgen bewaffneter Konflikte seit einem Jahrzehnt. Mehr als 235.000 Menschen wurden vertrieben. Anfang 2026 wurde der rechtskonservative Politiker Miguel Uribe bei einem öffentlichen Auftritt in Bogotá Opfer eines Attentats. Einen Monat vor der Wahl tötete ein Bombenanschlag im Westen des Landes mindestens 14 Menschen. Miguel Uribe ist weder verwandt noch verschwägert mit dem früheren Präsidenten Álvaro Uribe, von dem später noch ausführlich die Rede sein wird.. Wer in diesem Klima Cepeda wählte, musste erklären, warum neue Gespräche mit der ELN erfolgreicher sein sollten als die bisherigen. Eine überzeugende Antwort lieferte das Regierungslager aus Sicht vieler Kritiker nicht. [2] [1]

Exkurs: Das Erbe des Álvaro Uribe

De la Espriella wird gelegentlich im Umfeld des früheren liberal-konservativen Präsidenten Álvaro Uribe Vélez verortet. Von 2002 bis 2010 regierte Uribe das Land mit harter Hand. Der mit umfangreicher US-Unterstützung verbundene „Plan Colombia“ drängte die FARC-Guerilla militärisch zurück und stabilisierte zeitweise den Staat. Für seine Anhänger rettete Uribe die Republik; für seine Gegner steht sein Name bis heute für problematische Verbindungen zu paramilitärischen Strukturen.

Uribes Erbe bleibt ambivalent. Der Staat gewann an Kontrolle, zugleich stehen seine Regierungen seit Jahren in der Kritik. Bürgerkrieg folgt selten den Regeln eines altenglischen Gentlemen’s Clubs – schon gar nicht in Lateinamerika. Che Guevara könnte davon ein Lied singen.

De la Espriella ist kein Uribe, schon wegen der generationellen Distanz und seines populistischen Stils. Vereinfacht gesagt: Uribe war ein klassischer konservativer Antikommunist, de la Espriella ähnelt in Stil und Auftreten eher heutigen Rechtspopulisten wie Donald Trump, Jair Bolsonaro oder Viktor Orbán. Dennoch hat er große Teile von Uribes Wählerbasis geerbt. Die konservative Senatorin Paloma Valencia dürfte ihre Anhänger mehrheitlich in das Lager des „Tigers“ führen. Für Kolumbien bedeutet das: Der 21. Juni entscheidet, ob das Land den Uribismus in neuer Form fortsetzt oder am Kurs des „Totalen Friedens“ festhält.

Petro, die Guerilla, die Kartelle und Washingtons Sanktionsliste

Zur Bilanz der Regierung Petro gehört auch seine eigene Vergangenheit. Bevor er sich demokratischen Wahlen stellte, war Petro Mitglied der linken Guerillabewegung M‑19. Unter dem „nom de guerre“ Comandante Aureliano gehörte er ihr zwischen 1977 und 1990 an. Viele konservative Kolumbianer nehmen ihm den Wandel vom Guerillero zum Staatsmann bis heute nicht vollständig ab.

Ein weiterer Streitpunkt sind Vorwürfe rund um Drogenhandel, Korruption und die Sicherheitslage. Mehrere Anschuldigungen gegen Personen aus Petros Umfeld sorgten international für Aufmerksamkeit. Die politische Bewertung dieser Vorgänge bleibt jedoch umstritten, und zahlreiche Vorwürfe sind Gegenstand kontroverser Debatten.

Die konkreten Anschuldigungen gegen das Präsidentenumfeld gelten als brisant. Petros Sohn Nicolás stand wegen des Verdachts von Geldwäsche und illegaler Bereicherung im Fokus der Justiz. Zugleich verschlechterten sich die Beziehungen zu den USA in Fragen der Drogenbekämpfung. Kritiker sehen darin einen Beleg für das Scheitern zentraler Elemente von Petros Sicherheitspolitik, während seine Anhänger von politisch motivierten Angriffen sprechen.

„El Tigre“ — Populist oder Pragmatiker?

Nun geht de la Espriella als Favorit in die Stichwahl. Er ist ein Produkt seiner Zeit: laut, digital, personalisiert. Seine Vorbilder heißen Trump, Milei und Bukele. „El Tigre“ nennt er sich selbst, und die KI‑Videos seiner Kampagne machten ihn zu einem der auffälligsten Phänomene des digitalen Wahlkampfes in Kolumbien.

Sein Programm: militärische Offensive gegen Guerilla und Drogenhandel, keine Friedensverhandlungen mehr, ein schlankerer Staat und mehr Markt. Als Vizepräsidenten hat er den früheren Finanzminister José Manuel Restrepo an seiner Seite. Dessen wirtschaftsliberaler Kurs ähnelt in Grundzügen der Politik des argentinischen Präsidenten Javier Milei. Was wiederum bei Kolumbiens Industrie und deren Verbänden gut ankommt.

Doch auch gegen de la Espriella kursieren Vorwürfe. Petro beschuldigte ihn öffentlich, seinen Wohlstand durch Beziehungen zu paramilitärischen Strukturen und Drogengelder erlangt zu haben. De la Espriella weist dies zurück und betont, gegen ihn geführte Ermittlungen seien eingestellt worden. Das Grunddilemma seines Profils bleibt die Abgrenzung zwischen anwaltlicher Tätigkeit und persönlicher Verstrickung.

Gleichwohl: Kolumbien steht vor einem möglichen Richtungswechsel – weg vom Experiment des „Totalen Friedens“, hin zu einer Politik, die staatliche Autorität stärker betont. Für das Land bleibt zu hoffen, dass „El Tigre“ mehr Pragmatiker als Populist ist.

Fußnoten / Quellen

[1] International Committee of the Red Cross (ICRC), Colombia: Humanitarian Situation Reports 2025.

[2] Konrad-Adenauer-Stiftung, Länderbericht Kolumbien 2025/2026.

[3] Office of Foreign Assets Control (OFAC), Sanctions Programs and Information.

[4] United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC), World Drug Report 2025.

[5] Biografische Angaben zu Gustavo Petro und der M-19-Bewegung in einschlägiger Fachliteratur zur kolumbianischen Zeitgeschichte.

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