Eine kleine Stadt in Paraguay

Warum der südamerikanische Fußballverband CONMEBOL ausgerechnet in Luque, Paraguay, residiert und was das über den Verband selbst verrät.

Bourbon Conmebol Convention Hotel. CC BY SA 3.0

Wer verstehen will, wie sich in Südamerika Fußball, Politik und wirtschaftliche Interessen über Jahrzehnte gegenseitig beeinflusst haben, muss nicht in die Metropolen des Kontinents, nach Rio de Janeiro, Sao Paulo oder Buenos Aires, reisen. Die eigentliche Schaltzentrale liegt in der Nachbarschaft der paraguayischen Hauptstadt Asunción, in Luque. Luques Bevölkerung beläuft sich aktuell auf 324.000, was in etwa der Einwohnerzahl von Bonn entspricht. Der ehemaligen Bundeshauptsadt hatte der britische Autor John le Carré in seinem Spionageroman “Eine Kleine Stadt in Deutschland” ein literarisches Denkmal gesetzt. Auch über Luque, die kleine Stadt in Paraguay, ließe sich mancher Roman schreiben. Der hätte dann aber weniger mit Spionage zu tun. Fußball käme darin vor. Vor allem aber Korruption und Bestechlichkeit.

Äußerlich gibt es in Luque nicht viel zu sehen. Erwähnenswert sind der größte Flughafen Paraguays – und vor allem der gläserne Hauptsitz der Confederación Sudamericana de Fútbol (CONMEBOL): Museum, Konferenzzentrum, Fünf-Sterne-Hotel und Verwaltungsapparat in einem. Gleichzeitig war die Organisation über viele Jahre immer wieder Gegenstand internationaler Korruptionsermittlungen.¹

Ein Verband mit Vorstrafenregister

Als im Mai 2015 mehrere hochrangige FIFA- und CONMEBOL-Funktionäre in Zürich festgenommen wurden, war dies weniger ein überraschender Einschnitt als vielmehr die internationale Sichtbarkeit eines seit Langem bekannten Problems. Unter ihnen befand sich Eugenio Figueredo, ehemaliger Präsident des uruguayischen Fußballverbandes, früherer CONMEBOL-Präsident und damaliger FIFA-Vizepräsident. Ebenfalls im Mittelpunkt der Ermittlungen stand Juan Ángel Napout, ein paraguayischer Sportfunktionär, ehemaliger Präsident des paraguayischen Fußballverbandes sowie damals amtierender CONMEBOL-Präsident. Napout wurde 2017 wegen Bestechlichkeit im Zusammenhang mit Medien- und Vermarktungsrechten verurteilt.²

Die strukturellen Ursachen reichten jedoch wesentlich weiter zurück. Nicolás Leoz führte den Verband von 1986 bis 2013 und prägte dessen Machtstruktur wie kaum ein anderer Präsident. Unter seiner Führung entstanden nicht nur der repräsentative Sitz in Luque, sondern auch ein enges Geflecht persönlicher Loyalitäten. Später belegten Ermittlungen, dass Leoz über Jahre millionenschwere Schmiergeldzahlungen erhalten hatte.³

Warum ausgerechnet Paraguay?

Der Umzug des Verbandes nach Paraguay fiel zeitlich mit Leoz‘ Amtsantritt zusammen. Historiker und Sportwissenschaftler weisen darauf hin, dass Paraguay damals ein politisches Umfeld mit schwachen Kontrollmechanismen, geringer internationaler Aufmerksamkeit und engen Verbindungen zwischen Politik und Wirtschaft bot. Regiert wurde Paraguay 1986, dem Jahr des Umzugs, noch von Militärdiktator Alfredo Stroessner. Dessen Regime wurde Käuflichkeit auf allen Ebenen ebenso vorgeworfen wie politische Unterdrückung. Ein unmittelbarer Beweis dafür, dass diese Faktoren ausschlaggebend waren, existiert zwar nicht; sie bilden jedoch einen plausiblen Erklärungsrahmen.⁴

Hinzu kommt die steuerliche und regulatorische Attraktivität des Standorts. Internationale Sportverbände bevorzugen seit Jahrzehnten Staaten, die weitgehende Autonomie, günstige rechtliche Rahmenbedingungen und politische Unterstützung bieten. Vergleichbare Entwicklungen lassen sich auch bei FIFA (Zürich), IOC (Lausanne) oder UEFA (Nyon) beobachten. Die Wahl eines Verbandssitzes ist daher selten nur eine geografische Entscheidung, sondern regelmäßig auch Ausdruck institutioneller Interessen.⁵

Nach den FIFA-Skandalen leitete CONMEBOL umfangreiche Reformen ein. Compliance-Abteilungen wurden aufgebaut, Ausschreibungsverfahren professionalisiert und externe Wirtschaftsprüfer eingebunden. Gleichwohl weisen Transparenzorganisationen darauf hin, dass institutionelle Reformen erst dann dauerhaft wirken, wenn sie von unabhängiger Kontrolle, öffentlicher Rechenschaft und wirksamen Sanktionsmechanismen begleitet werden.⁶

Institutionen statt Ikonen

Die Geschichte der CONMEBOL zeigt exemplarisch, dass starke Persönlichkeiten keine starken Institutionen ersetzen. Nachhaltige Integrität entsteht nicht durch einzelne Reformer, sondern durch nachvollziehbare Regeln, unabhängige Gerichte, Transparenz und Wettbewerb. Der heutige Verband präsentiert sich wirtschaftlich erfolgreicher als noch vor einem Jahrzehnt. Ob dieser Erfolg dauerhaft Bestand haben wird, entscheidet sich jedoch weniger an den Bilanzen als an der Fähigkeit, Macht dauerhaft kontrollierbar zu machen. Wer den Fußball wirklich reformieren möchte, sollte deshalb nicht nur Einnahmen und Titel betrachten, sondern ebenso die institutionellen Rahmenbedingungen, unter denen sie entstehen.

Fußnoten

1. US Department of Justice (27.05.2015); FIFA Corruption Investigation; Wikipedia: „Korruption in der FIFA“.

2. United States v. Napout et al., U.S. District Court (E.D.N.Y.); Legal Tribune Online (27.12.2017).

3. FIFA Ethics Committee; DOJ Indictment gegen Nicolás Leoz; AP/Infobae (29.08.2019).

4. CONMEBOL-Historie; Transparency International, Corruption Perceptions Index 2025.

5. David Conn: The Fall of the House of FIFA; FIFA, UEFA und IOC zu Verbandssitzen.

6. Transparency International; Governance in Sport; OECD Good Governance Principles.

Newsletter abonnieren

Sie wollen keine Kolumne mehr verpassen? Dann melden Sie sich zu unserem wöchentlichen Newsletter an und erhalten Sie jeden Freitag einen Überblick über die Kolumnen der Woche.