Im Zeichen des Stachels – eine Kolumne für Sting

Dieser Juni steht beträchtlich im Zeichen des Sting. Sein grandioses Konzertalbum „Bring on the Night“ erschien vor genau 40 Jahren. Es bringt seinen ewigen Meilenstein „The Dream Of The Blue Turtles“ live zum Erblühen. Allemal Grund genug für Ulf Kubanke, sich in seiner Hörmal-Kolumne mit dem legendären Debüt auseinanderzusetzen. Vorhang auf für eine Handvoll großer Melodien und Stories von Krieg, Wahnsinn, Blutsaugern und Junkie-Gosse.

Sting Solokünstler
Foto: Sting - offizielles Pressefoto 2021 Universal Music, Copyright: Eric Ryan Anderson

17. 6. 1985: Als Sting kurz vor seinem umjubelten Wembley-Auftritt beim Live Aid-Gig seine erste Soloplatte „The Dream of the Blue Turtles“ veröffentlicht, ist das Erstaunen beträchtlich. Fans wie Medien erwarteten eine Fortführung des Reggae-/Wave-lastigen Poprocks der frisch dahingeschiedenen The Police. Der Erwartungen jedoch enttäuscht Gordon Matthew Thomas Sumner mit einiger Berechtigung nur allzu gern.

„The Dream Of The Blue Turtles“ kidnappt stattdessen Pop ins Reich des Jazz und erzählt unerhört melodische Geschichten über Kriegsgreuel, psychotischen Wahn, Gossenelend von Junkiea, Blutsaugern und natürlich ein paar traumhaft blauen Reptilien.

Kann das klappen?

Na klar.

Denn was sogar auf echten Meilensteinalben eine seltene Eigenschaft ist:
All Killer, no fucking Filler!

Jedes einzelne Stück verkörpert ein kleines Zimmer im ewigen Tower of Song.

Es geht los.

„Free, free, set them free!“
Ja wen eigentlich? Zum einen das das Individuum in seiner Beziehung sowohl voneinander als auch füreinander. Quasi die alte Weisheit „What you will cling to, you will lose“ auf 4 Minuten Sommerhitstrecke.

Zwei Jahre zuvor war er mit The Police noch bei Jungs „Synchronicity“. Widerspruch oder folgerichtige Ergänzung? Die kann wohlmöglich ohnehin nur jeder für sich selbst beantworten.

Was hat er damit musikalisch befreit?

Genau, den Jazz aus seinem guttteils leider selbst gewählten Ghetto nerdy abgehobener Hochgestochenheit.

Den Mitte der 80er etwas arg synthiefixierten Pop hingegen bricht er aus dem stetigen Verdacht plastinierter Seichtheit heraus.

Alles scheinbar mühelos und ganz nebenbei.

So etwas kann natürlich nur klappen, sofern das Team absolut funktioniert und im Studio oder auf der Bühne zu einer Kreatur wird, einem einzigen Leviathan of Sound.

Genau das passiert, hört doch nur selbst.

Die Instrumente etwa genießen ausnahmslos die Freiheit, besonders in den Strophen, so frei wie uneingeschränkt agieren zu können.

Dadurch mischen sie gemeinsam die klassisch gewohnte Songstruktur im Kopf des Publikums auf. Es entsteht – etwa im Vorzeigetrack „Children’s Crusade“ ein wahrer Notendschungel, der trotz aller überbordend strömenden Komplexität in jeder Sekunde leicht konsumierbar bleibt.

Übertrieben?

Keineswegs!

Ein jeder kann die Probe aufs Exempel für sich selbst machen.

Man muss nämlich lange denken, bis einem überhaupt eine Platte einfällt, die zwar einer streng rahmenden Choreographie folgt, letztere dabei so geschickt verbirgt, dass beim Hörer mindestens zwischendurch der Eindruck spontan gejamter Studio-Improvisationen entsteht.

Solch klangfarbenfrohem Dschungeltreiben setzt Sting sein Händchen für erdende, sehr eingängige Refrains entgegen.

Mitunter als zart-lieblicher, dann wieder als opulenter Ohrwurm dargeboten.

Die Kirsche auf der Torte:

Trotz aller Eingängigkeit entreißt er durch die Gesamtkonzeption jeden einzelnen Chorus des Albums dem normalerweise unerbittlich drohenden Diktat popkultureller Halbwertszeit.

Zum Nachhören bietet sich diesbezüglich „We Work The Black Seam“ (ebenfalls erschienen im Juni 1986 als letztes Single das Albums) an. Auch nach 40 Jahren klingt der Kehrreim „One day in a nuclear age they may understand our rage…“ innerhalb dieses Sound- und Rhythmuskorsetts noch genau so frisch wie am ersten Tag. Das kann man nicht gerade von vielen Produktionen jener Ära behaupten, die extreme Blockbuster in den Charts waren.

Selbiges gilt – wir haben es gerade gehört – für die nahezu hypnotische Anziehungskraft der Rhythmen. Die offensive Kultsingle „If You Love Somebody Set Them Free“ erweist sich draußen sofort als energetischer sexy Partyklopper. Die stoische Xylophon-Percussion von Kenny Kirkland in „We Work The Black Seam“ klöppelt sich dagegen eher zurück gleichwohl beharrlich – un damit unerbittlich ins Hirn. Effektiv sind beide Strategien gleichermaßen.

Wie schaffen sie das in so kurzer Zeit?

Alles andere als Zufall.

Der Ex-Police-Frontman profitiert extrem von seiner superben Band. Die meisten stammen aus dem Umfeld von seiner Majestät Miles Davis, den Sting von frühester Jugend an verehrt.

Bassist Darryl Jones (später dann Rolling Stones) hat alles drauf, was Sting zum damaligen Zeitpunkt aufgrund der von ihm empfundenen Limitierung seiner Mutterband spielerisch wie stilistisch schmerzlich vermisst. Während der Sessions macht Jones ihn mit Miles bekannt. Miles mag ihn, was in einer Gastrolle auf dessen im selben Jahr erscheinenden „You’re Under Arrest“ gipfelt.

Ohnehin sollte wie nicht folgende Episode vergessen.

Drummer Omar Hakim gurkt zur Entspannung während der Studioaufnahmen gemeinsam mit Sting zu den Kumpeln Dire Straits und spielt dort nebenbei das halbe „Brothers In Arms“ ein, während Mr. Sumner Gastvocals zu deren „Money For Nothing“ beisteuert.

„I want my … I want my MTV“, deklamiert Sting bekanntermaßen. Wer den spontan aufgenommenen Vocals genau zuhört, vernimmt mehr als nur einen Touch of Police. Der Engländer legt seinen Gesang nämlich deckungsgleich zu „Don’t Stand So Close To Me“ an und bekommt hier die Inspiration für dessen gelungene Neuaufnahme im folgenden Jahr 1986.

Ohnehin ist es große Kunst, wie es ihm gelingt, die gesamte emotionale Aufgeladenheit und Komplexität von Nabokovs Roman „Lolita“ tatsächlich in einen 4 Minuten Song zu gießen. Nicht gerade künstlerisch einfach, das weltliterarische Drama, den Konflikt, die Tragödie so einzudampfen, dass sie dem Publikum am Ende zwar szenisch pointiert aber nicht tumb simplifiziert erscheint.

Die vor 40 Jahren schienen Maxi Variante empfehle ich anstelle des 6 Jahre zuvor erschienenen Originals. Sie hat soundtechnisch weit mehr Atmosphäre zu bieten und nebenbei auf der B-Seite auch noch eine herrliche Live-Version, bei der die Strophe am Anfang besonders großartig gesungen ist.

Weiter also mit dem Album.

Die Hauptattraktion auf den „Blue Turtles“ bietet zumindest nach meinem bescheidenen Empfinden ein einzelnes Instrument was den Unterschied macht: Marsalis‘ gnadenlos sinnliches Saxophon. Es ist der ultimative Joker und zieht sich durch die gesamte Länge als glutroter Klangfaden.

Zu viel künstlerische Ernsthaftigkeit?

Oh nein.

Denn Sting wäre kein echter Engländer, gäbe es nicht genug Platz für sympathische Verschrobenheiten. Beim Mann aus dem nach Tolkiens Hobbingen klingenden Örtchen Wallsend liegt die Exzentrik im Hang zu geschickt eingeflochtenen Selbstzitaten.

Wer genau hinhört, erkennt auf den letzten Metern des philosophisch unterfütterten Knuffel-Reggaes „Love Is The Seventh Wave“ ein paar Takte plus Worte von „Every Breath You Take“ von „Synchronicity“ (1983).

Diese Gewohnheit bleibt erhalten. Nur zwei Jahre später wird er am Ende des Fegers „We’ll Be Together“ („Nothing Like The Sun“, 1987) schelmisch ganze Sätze von „If You Love Somebody“ zum Besten geben. Aufgefallen ist es wenigen.

Auch die Vergangenheit mit Police erhält mit „Shadows In The Rain“ (Original auf „Zenyattà Mondatta“, 1980) ein Lesezeichen, das zu gleichen Teilen Hommage wie Neudeutung verkörpert. Der Song über eine paranoide und schizophrene Persönlichkeit erhält ein verdient dynamisches Uptempo-Lifting. Dazu gewinnt es mit Stings gehetzten, rauen Vocals an gefährlichem Charisma.

Ohnehin wirkt Sting stimmlich endlich so befreit und nuanciert wie höchstens auf dem Album „Flashback“ von 1978.

Den kurzen Exkurs müssen wir machen. Es ist der Missing Link zwischen Polizei und Schildkröte.

„Flashback“ ist nämlich das im Winter 1977/78 entstandene Quasi-Erstlingswerk der Police, komponiert vom eleganten schwäbischen Globetrotter mit den hager markanten Gesichtszügen, Eberhard Schoener.

Damals konnten sich die Gesetzeshüter noch längst keine „Roxanne“ aus dem Rotlichtviertel leisten. Das Arrangieren, Einspielen und Aufführen der LP kam ihnen als Auftragsarbeit gerade recht.

So war es Schoener, der damals aus ein paar blass-britischen Burschen echte Künstler formte. Er erkannte Stings Stimmtalent und ermunterte ihn, zu singen.

Die mit improvisierten Gesangslinien Stings auf dem Sauerkraut-Track „Trans-Am“ bedeuten simultan seinen ersten Falsettgesang! Erstaunt und beseelt wie ein Kind nach dem ersten Wort presst er die Stimmbänder spielerisch aus wie (s)eine Zitrone. Killer!

Link:

Was braucht man noch?

„Why Don’t You Answer“ pluckert leichtfüßig als eine Art prähistorischer Clubsong, dessen Steckdosen-Groove locker das Zeug gehabt hätte, zeitgenössische Kraftwerk-Nummern oder Discotracks gleichermaßen zu düperen.

Link:

Nun wieder zurück zur Befreiung Teil zwo.

Das nur auf den ersten Blick unscheinbare „Consider Me Gone“ ist eine ähnliche Demonstration gesanglicher Stärke. Wer mal versucht, das romantische Stück Ton für Ton stinglässig unangestrengt nachzusingen, wird womöglich höchstens einen Knoten in den Stimmbändern ernten bei wenig Lorbeer.
„So after today consider me gone, gone gone….“

Doch das Beste kommt noch.

Für die beiden absoluten Höhepunkte der Platte borgt Sting sich ein wenig Inspiration von anderen Künstlern. „Moon Over Bourbon Street“ ist eine zärtlich verzweifelte Vampirballade mit ausgefeiltem Text und vergleichsweise spartanischem Arrangement. Stings Kontrabass und Marsalis‘ Sax bekommen viel Raum zum Atmen und danken es dem Track mit melancholischer Sinnlichkeit der Extraklasse.

Die lyrische Grundidee entnimmt Sting Anne Rices „Interview Mit Einem Vampir“. Musikalisch bedient er sich unüberhörbar beim französischen Chansonklassiker „Les Feuilles Mortes“ (hat Yves Montand seinerzeit für Edith Piaf verfasst), den auch Iggy Pop auf seinem Album „Preliminaires“ 2009 grandios interpretiert.

Kaum zu toppen.

Und dennoch.

Mein persönlicher Alltime-Favorit von Sting überhaupt ist der psychedelische Jahrhundertmoment „Russians“. Die zeitlose Kritik am Wettrüsten und dem ewigen Gezänk der Supermächte ist schon für sich großartiger Sarkasmus.

Die ultimative Verführung samt zusätzlich russischer Metaebene liegt in der augenblicklich fesselnden, in Trance versetzenden, sinistren Musik dieses verdienten Singlehits.

Ein bisschen sakraler Spirit, ein Hauch Totenmesse
und klar,
im Hintergrund läuft die Zeit der Menschheit zu unheilvoll tickendem Zeiger unerbittlich monochrom ab.

Spätestens beim hypnotischen Refrain „We share the same biology, regardless of ideology!“ möchte man sich vor der melodischen Kraft des Themas in den Staub dieses rückenden Zifferblatts werfen.

Sollte man auch.

Und zwar vor allem vor Sergej Prokofjew! Letzterer komponierte das Stück nämlich bereits 1934 als „Romance“ für den Film „Lieutenant Kijé“. Sting gab dies auch gern zu und pries den russischen Komponisten, wo er nur konnte.

Link zum Album:

Tja, soviel zu diesem ambitionierten Urknall. Doch lasst uns dieses Klanggebäude – passend zum keimenden Sommer – wie Elvis durch eine weniger erwartbare Hintertür verlassen.

Der Stachel als Stachelbeere? Einfach nur mal entspannte sonnige Urlaubsmucke? Mit einem Typen wie Shaggy?

Jepp, das gibt es Anno 2018.

Sting und Shaggy – auf den ersten Blick mindestens ein so seltsames Paar wie Lemmon und Matthau. Hier der feinsinnige Schöngeist mit stets eleganter Stimmführung. Dort der vergleichsweise grobmotorische „Mr Boombastic“. Doch Gegensätze ziehen sich an. Ihr gemeinsames Baby „44/876“ bietet Jamaika-Feeling für die Ferien.

Respekt und Liebe. Es geht um die gemeinsame Hommage an Jamaikas Kultur im Allgemeinen und den Reggae im Besonderen. Bei Shaggy mag dies nicht sonderlich verwundern. Stammt er doch aus Kingston und gilt seit 25 Jahren als eine Visitenkarte karibischer Popmusik.

Doch auch dem blassen Engländer stach der Reggae schon immer ins Herz. Etliche Police-Stücke basieren ebenso auf dem sonnigen Rhythmus wie Solo-Nummern à la das obig genannte „The Seventh Wave“.

Link

Vor allem wenn Sting den Briten in sich anknipst und der Südsee eine Portion nordischen Hochnebels verpasst, springen bemerkenswerte Perlen heraus. „Waiting For The Break Of Day“ verschmilzt Reggae mit wehmütigem Nachtpop.

Link

„Sad Trombone“ klingt hernach, als paare sich die Tropensonne mit Stings Klassiker „Sister Moon“ (1987). „I guess I always be the sad trombone….“

Link

From Hamburg
with Love

UK
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