Cadillac und Knochenmühle

Die kalifornische Rocklegende Social Distortion: Geschlagene 15 Jahre ist es her seit dem letzten Album. Noch nicht einmal 15 Monate ist es her, dass ihr Sänger Mike Ness ums schiere Überleben rang. Mit „Born to kill‘ schlägt der John Dillinger des Punkrock zurück. 11 Killer – all Cadillac, no Cancer – knallen uns das Rock-Comeback des Jahres um die Ohren.

Foto: official Press and Promo Photo by Epitaph Records/Social Distortion

„Glückliche Menschen sind dankbare Menschen. Die, die es nicht sind, sind nicht glücklich.“– Mike Ness 2026.

Wer so spricht, hat anscheinend einiges über das Leben begriffen. Und dankbar sollten auch wir Musikfreunde sein für jeden gothverdammten Tag, an dem Urviech Mike Ness und seine Band Social Distortion unter uns weilen. Denn gäbe es dieses grundsympathische Unikum nicht, man müsste es erfinden.

Warum? Zum einen handelt es sich bei Social Distortion seit 1979 um eine der Speerspitzen des melodischen California Punk aka LA-Punk, manche sagen auch Orange County Punk. Neben ihnen stehen Mitbegründer und Kumpel wie Bad Religion oder Adolescents. Doch so eine Einordnung ins Musiklexikon bliebe Schall und Rauch, so man SD nicht gesondert betrachtet. Mit den Kollegen haben sie nämlich nur eines gemein: die Fähigkeit ein nimmerendendes Feuer an Harmonien und Melodien ab zu fackeln.

Ansonsten erblickt man in Art und Erscheinung

wenig Gemeinsames. Hier bei SD gibt es literweise Benzin, röhrende Motoren, Tattoos und staubige Stiefel. Mike Ness gießt darüber Gallonen nicht lediglich stimmlichen Whiskeys. Ein Mann, der mehr an Brando, Dean oder Dillinger erinnert als an Grunger, Surfer, Skater.

Einer wie jene sympathischen Highwaytypen aus Stephen King-Romanen, dabei immer einen Hauch abgründiger Gefährlichkeit im Gepäck führend.

Letztere ist keine Inszenierung. Etliche Jahre galt Ness trotz guter SD Platten als Enfant Terrible, dessen Drogen und Alkoholsucht den internationalen Durchbruch bis 1996 verzögert.

Dann erscheint „White Light, White Heat, White Trash“ – ein erdinger Monolith, der klingt als würden Clash und Rolling Stones mit Jerry Lee Lewis und Hank Williams saufen. Ewiger Anspieltipp: das räudige Williams Cover „Alone and Forsaken“.

Nicht nur, aber besonders veranschaulicht durch diese Platte mausern sich Social Distortion zu einem Vorbild von Weltacts wie Pearl Jam, Green Day, The Offspring, Rise Against etc.

Offsprings Dexter Holland dazu: „Ich kenne viele Leute, die wegen dieses Albums eine Band gründeten. Ich kenne aber auch viele Bands, die sich deshalb auflösten.“

Er vergisst elegant jene, die sich aufgrunddessen berechtigt hätten auflösen sollen. Doch neben SD lohnen sich auch beide Soloalbum ihres Vordenkers – „Cheating at Solitaire“ und ‚Under the Influences“ (beide 1999). Beide klingen sogar noch mehr nach der dunklen Seite der 50ies Rock n‘ Roll Ära analog David Lynchs „Blue Velvet“.

Alles traumhaft bis dahin.

Doch kein Märchen währt ewig. 15 Jahre ohne Album – darin enthalten die jahrelange, tapfere Agonie gegen den scheinbar sicheren Krebstod – machten der Musikwelt jede Hoffnung auf eine Rückkehr Social Distortions zunichte. Und es heißt im Showbiz wie Sport schließlich „They never come back!“. Scheinbar.

Doch wie heißt es nicht minder schön beim obig angesprochenen Stephen King: Manchmal kommen sie wieder!

Und bämm! Auf einmal kommt dieser Teufelskerl mit 64 Jahren samt Band auf die Bühne zurück. Mit „Born To Kill“ liefern sie eine der besten Scheiben ihre Karriere ab.

Perfekt produziert von Soundhexer David Sardy. Der passt superb ins Boot. Mit einer Range von Stadion a la Mel C oder Chili Peppers einerseits bis hin zu Underground wie Atari Teenage Riot oder Cop Shoot Cop sucht er ohnehin seinesgleichen. Der Teufel liegt hier gleichwohl im Detail.

Sardy versteht den Hauch mehr als Andere vom Spirit SDs durch Arbeiten für Johnny Cash („Unearthed“) oder Hank Williams III. Heraus kommen 11 Knaller für die Ewigkeit zum Cruisen, Grillen, Rammeln oder schoningslosen Meditieren. Eine Scheibe für jede Gelegenheit.

Als krönende Kühlerfigur läuft parallel dazu die online abrufbare Mini Dokumentation „The Road To Born To Kill“. Nur wenige aber höchst anrührende Minuten. Unbedingt ansehen.

Wie geht das alles?

Nach allem?

Ein Wunder?

Mike verrät es womöglich bereits im Chorus des eröffnenden Titelsongs. Den Rest muss sich jeder selbst erschließen.

„‚Cause I’m a-lookin‘ for a thrill

‚Cause, baby, I was born to kill.“

From Hamburg

with Love

 

UK

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