Paul McCartney – Das Füllhorn

Kurz vor seinem 83. Geburtstag am 18. Juni bringt Paul McCartney sein 20-stes Studioalbum heraus – „The Boys from Dungeon Lane“. Allemal Grund genug für Ulf Kubanke, in seiner aktuellen Hörmal -Kolumne eben nicht über die Beatles zu sprechen, sondern einen Blick auf die verschiedenen Facetten des Solomusikers Paul McCartney zu werfen.

McCartney
Photographer credit: Mary McCartney (c) 2026 Mary McCartney

Hannover eines launigen Frühsommerabends. Meine Frau – Zizino – und ich befinden uns zu Besuch bei unserem Kumpel Thomas, einem leidenschaftlichen Musiker.

Thomas (nachdenklich- melancholisch): „Achjeh, jetzt die Beatles auch längst tot.“

Zizino: „Tot? Paul und Ringo leben doch noch.“

Ulf: „Das ist immerhin die Hälfte.“

Thomas funkelt mich rechtschaffen empörten Blickes an. Ringt kurz die Hände.

„Ach komm, ich bitte dich, Ulf. W e l c h e Hälfte? Sieh doch nur, welche.“

Tja, ein ebenso weit verbreitetes wie unberechtigtes Vorurteil. Anlässlich der überraschenden Veröffentlichung seines 20. Soloalbums allemal Grund genug, das Augenmerk einmal deutlich auf den Solokünstler Paul McCartney zu lenken. Befreien wir ihn doch – wenigsten für den Augenblick – einmal vom übermächtigen Joch seines anscheinend so unentrinnbar goldenen Beatles-Käfigs.

Mehr als nur ein Ex-Beatle

Warum lohnt sich so ein Blick?

Ganz einfach: Sir Pauls Schaffen jenseits der Fab Four ist alles andere als lahm. Natürlich kennen wir alle etliche Negativbeispiele von Mitgliedern bedeutender Weltacts, deren Solokatalog oftmals eher nach uninspierter Alibimucke tönt.

Vergesst es.

Maccas Facettenteichtum, angestachelt von lebenslanger Neugier auf Musik und Menschen gleichermaßen. Dadurch erhält jeder Hörergeschmack seinen eigenen Paul. Es gibt so einige.

Es geht los:

Der Solokünstler als musikalisches Füllhorn

Paul der Kämpfer und Kumpel: „McCartney“ erscheint 1970 als Bombe – ein paar Tage nach Veröffentlichung von „Let it be“ waren die Beatles bislang nur intern Geschichte. Das Publikum wusste bis dato von nichts. Jetzt schon.

Das Ende der Band bescherte ihm verständlicherweise eine heftige Depression, die von der Idee, selbige in den schottischen Bergen mit Whisky zu kurieren, nicht gerade kleiner wurde. Zur Krönung hatte er nen Prozess gegen Ex-Bestles-Manager Alan Klein am Hals, der sich sämtliche ihrer Rechte unter den Nagel reißen wollte und schon zuvor die Rolling Stones in ähnlicher Form abziehen wollte.

Fiese Ausgangsposition.
Kreativität als Ausweg?
Klar.

Spielkalb Paul schnappt sich kurzerhand alle Instrumente – Gitarren, Bässe, Drums, Orgel, Mellotron sowie zweckentfremdete Weingläser und spielt alles eigenhändig ein.

Heraus kommen Knaller wie das schmissige Instrumental „Momma Miss America“, die knuffige Sommermelodie „Hot Sun/Glasses“ mit seinem Hauch Proto-Ambient im Abgang. Als Klassiker für die Ewigkeit oben drauf „Maybe I’m amazed“. Alle Leidenschaft für die Liebe zu seiner Frau Linda, einer nicht minder beeindruckenden Persönlichkeit. Hinzu kommt ein brithumoriges Outtake namens „Suicide“, das man nicht verpassen sollte. Ganz im Stil der britischen Music Hall Lieder, der bei McCartney, ähnlich wie etwa auch bei Queen, desöfteren durchschlägt.

Von Balladen bis Underground

Paul, der Balladenkönig:
Stellt euch vor, man müßte das Könnertum McCartneys in punkto Balladen beweisen, mit nur einem Song und gänzlich ohne auf „Yesterday“, „Michelle“ oder „And I Love her“ zurück zu greifen.

Geht das?

Klar!

„Somedays“ ist für mich ganze persönlich einer der schönsten, berührendsten und hypnotischsten Songs, die ich je hörte. Es stammt vom 1997er Album „Flaming Pie“ . Das Orchesterrarrangement steuert – wie nahezu immer – George Martin bei.

Link Stringversion:

Die reine Akustikgitarrenversion hat daneben ebenso ihren ganz eigenen Reiz. Man braucht letzten Endes beide Varianten – je nach Stimmungslage.

Link Acoustic Version:

Derlei Momente kann er bis heute in Serie erschaffen.

Das nicht minder intensive „My Valentine“ etwa stammt vom 2012er Album „Kisses on the Bottom“. Unschlagbarer Album-Titel, finde ich.

Große Melodie trifft ergreifend liebevolle Vocals trifft perfekt lakonisches Arrangement trifft angemessen sensible Inszenierung mit Nathalie Portman und Johnny Depp.

Kollabo-Paul mit Underground- und Alternative-Credibility.
Paul als Indiehead? Kein Witz. Dabei ein umso tödlicherer. Killing Joke trifft Beatles.
Macca meets Martin Glover alias Youth.

Was für eine Kombination.

Das Kern-Album – „Electric Arguments“ aus dem Jahr 2008 empfehe ich wärmstens. Es strotzt vor experimenteller Schönheit.

Daraus das wundervolle, leicht sinistre psychedic Monster „Traveling Light“:

Und das flockig flirrende „Sing the Changes“:

Und die wuchtige Bluesrock-Keule „Nothing too much“, quasi der Enkel von Pauls „Helter Skelter“.

Letzteres führt uns zu:

Rocker, Groover und Klangtüftler

Paul, der Rocker: niemals, ich wiederhole: niemals sollte man etwas auf den durchaus zahlreichen Chor ignoranter Semester geben, welche blumig und im Brustton großer Überzeugung ungefragt behaupten, bei den Beatles sei es doch vor allem John Lennon gewesen, der so richtig abgerockt habe.

Großer Irrtum.
Paul ist neben seinem Talent für zartfühlende Melodiebögen zu gleichen Teilen totaler Rhythmus-Junkie. Ein stilistisch vielseitiger Weltklassegitarrero und vor allem einer der ersten Bassisten (etwa neben den Grateful Dead), die ihren Tieftöner gern auch als Leadinstrument und melodisch einsetzen.

Live sieht man dieses Temperament bis heute seit den seligen Reeperbahn-Gigs vor 65 Jahren.

Als Anspieltipp fällt meine Wahl auf einen Wings-Klassiker, der sich im Verlauf der Jahre zu einem echten Fanliebling – auch bei Konzerten entwickelt. „1985“ findet sich auf dem hervorragenden 1973er Album „Band on the run“.

Allein die Pianohook zum Beat kommt als ein dermaßen verführender Burner. Wen es da nicht auf die Tanzfläche zieht, sollte gar keine Füße besitzen dürfen.

Wo wir gerade beim Thema Dancefloor sind:

Groovy IDM-Paul: Onkel Paul hat auch für klappgänger und Elektro-Fans ein paar Pfeile im Köcher.

„Où est le soleil?
Où est le soleil?
Dans la tête.
Travaillez!“

„Où est le soleil?“ vom 1989er Album „Flowers in the Dirt“ (davon bitte auch „My brave Face“ und „Put it there“ auflegen) und existiert in mehreren lohnenden Mixen. Hier das mit Kumpel Trevor Horn (Grace Jones, FGTH, Yes) eingespielte Original.

Einmal Blut geleckt, greift Paul diesen Faden in den 90ern erneut auf. Schlauerweise erstmals unter dem Fireman Pseudonym.

„Strawberries Oceans Ships Forest“ (1993) und „Rushes“ (1998) grooven wie die Hölle. Dub, Trance, Weltmusikschnipsel, derber Industrial-Rock-Wumms nahe der Revolting Cocks etc plus gelegentliche Ausflüge gen hymnische Sphären garantieren bis heute Spaß ohne Patina.
Aus allen in Betracht kommenden Perlen hier der „Transspiritual Stomp“. Suchtgefahr.

Eklektiker-Paul, der große Tüftler: Zu wenig Ideen? Ein ihm fremdes Problem. Im Gegenteil. Zwar Interessiert er sich keinen Deut für herkömmliche Notation. Stattdessen er seine er lieber seine eigene Zeichensprache mit Fantasie Symbolen, die nur er versteht. Als sie am Flughafen einmal seine Tasche mit wichtigen neuen Kompositions-Notationen entwendet wurde, bat er den Dieb tatsächlich öffentlich darum, in die Notenblätter wieder zukommen zu lassen. Damit können wir ja ohnehin niemand was anfangen. Alles andere könne er gerne behalten. Mekka hat seine Notenblätter tatsächlich wieder erhalten.

Die überbordende Ideenflut äußert sich mitunter stilistisch auch darin, das aus Songs ganze Suiten werden. So etwa beim James Bond Song „Live and Let die“ (1973). Unfassbar, was da alles in nur drei Minuten passiert. Und keine einzige Sekunde davon ist überflüssig.

Solche Ideen findet man auch auf späteren Alben wie „Egypt Station“. Das dort vertretene „Despite repeated Warnings“ rollt sich im Ohr des Publikums 7 Minuten lang klangfarbenprächtig aus. Nach drei Durchläufen bleibt es gern Dauergast im Gehörgang.

Mit 83 Jahren noch voller Ideen

Und jetzt? Jetzt kommt er mit 83 Lenzen mit „The Boys from Dungeon Lane“ um die Ecke. In der Tat ein Kapitel, welches sich lohnt zu erzählen. Behandelt es doch thematisch jene Nachkriegsjugend lang vor den Jahren des Glamour.

Dies gelingt Paul charakterkonform gleichermaßen realistisch wie poetisch. Daneben gewohnt unprätentiös.

Es war so klar, 90% der Instrumente spielt der alte Fuchs mal wieder selbst ein. Kumpel Ringo schaut ebenso vorbei wie etwa auch Chrissie Hynde (Pretenders).

Als Tonmeister fungiert everybody’s aktueller Grammy-Producer Darling Andrew Watt, der im Segment zuletzt Lorbeeren für u.a. Iggy, Ozzy und das letzte Stones Album klar machte.

Die Songs?

Zu viel mag ich nicht vorweg nehmen. „Momma gets by“ verkörpert eine bewegende Charakterstudie über mechanis Eltern, besonders seine allzu früh verstorbene Mutter. Gleichzeitig ist es eine wundervolle Hymne an die Liebe.

Zwei grandiose Rocknummern hat er auf der Gegenseite parat.

Das herrlich schrammelnde Stückchen Sandpapier „As you lie there“

sowie das extrem runde „Come Inside“

Come Inside:

Von hier ab muss jeder selbst seinen Paul finden. Es gibt weit mehr Inkarnationen als die obig genannten.

Danke für all die Kunst, lieber Paul

From Hamburg
with Love
UK

Die Hamburger Schule der Beatles

Post Scriptum: OK, so ganz kann ich als Bremer Wahl-Hamburger doch nicht darauf verzichten, zumindest mal ein Detail zu den Beatles als Fußnote zu äußern, was direkt mit meiner Stadt zu tun hat.

Wer mal einen Ausflug auf die Reeperbahn und nach St Pauli macht, der schaue sich bitte folgenden mittlerweile recht unscheinbaren Hauseingang an:

Reeperbahn 136!

In jenem Haus spielten die Beatles vom 1. April – 1. Juli 1961 jeden Abend mit Tony Sheridan.

500 Stunden Spielzeit

Diese Hamburger Schule (vorher Kaiserkeller, nachher Star Club) machte aus talentierten Rotzlöffeln eine Liveband auf Weltniveau.

Das nur mal so nebenbei erwähnt.

Und so richtig im Detail erklären kann ein Kollege von mir das ohnehin weit besser. Ocke Bandixen, Autor und Kulturredakteur beim NDR hat eine mehrteilige Podcast Serie über die wilden Hamburger Jahre gemacht, mit unglaublich viel Detailfülle, Zeitzeugen und ganz viel warmherzigem Lokalkolorit.

+++

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Mick Jagger wird 75! Ulf Kubanke gratuliert mit einem Porträt, das auch für Fans ein paar neue Facetten bereit hält. (Ulf Kubanke: 25.07.2018)

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