„All worldly pursuits have but one unavoidable and inevitable end, which is sorrow;
acquisitions end in dispersion;
buildings in destruction;
meetings in separation;
births in death.”
– Milarepa (1052-1135)
Deutschland im Sommer 2026.
WM? Ach ja.
Wirtschaft? Nun ja.
Kriege? Leider. Extremismus? Sowieso.
Tja,die Diagnose ist inzwischen – so scheint es – überall dieselbe. Von ESC bis Bundestag, vom Stammtisch bis Social Media dominiert ein einziger, trüber Grundton: „Oh je!“
Das Merkwürdige daran ist zumindest aus meiner Sicht weniger die schlechte Nachricht selbst. Sondern die Tatsache, dass mittlerweile fast jeder sie nur noch als zusätzlich dystopisierende Echokammer verstärkt.
Dies gilt spiegelbildlich auch in der Musik. Zu viele zeitgenössische deutsche Acts, die sich musikalisch wie textlich entweder darauf beschränken, das momentane Grundgefühl der Gesellschaft entweder per stumpf(f)em Kita-Eskapismus, nicht minder furchtbarer Weinerlichkeit oder destruktiver Aggressivität zu pushen.
Dabei stellt sich längst eine ganz andere Frage:
Wer erzählt uns eigentlich noch, wie man an all dem nicht kaputtgeht?
Wer?
Genau dort beginnen Klez.e.
Kleze.e – vor einem knappen Vierteljahrhundert nach dem Namen eines Computervirus‘ benannt – verbinden zeitlosen Postpunk/Gothrock mit überdurchschnittlichen Zeilen. Alles gekrönt von ihrem dieser Tage erschienenen Album „Einmal mehr mit Dir gegen die Furcht“.
Woran kann man es sehen?
„Und wenn mal was Gutes übrig bleibt,
reißt es am Kummer dieser Zeit.
Ich seh es an mir.
Ich seh es an mir,
Oh, ich seh es an mir.
Ich seh es an.“
Alles eingebettet in schnörkellos treibenden Lavalampen Postpunk, so schwarzlichtern wie Bauhaus, so rockbetont wie die deutschen Altmeister Pink Turns Blue, so introspektiv wie der Robert (Cure), so scharfsinnig wie Andrew (Sisters) und nebenbei so sympathisch zugewandt wie Wayne (Mission).
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Nichts hiervon passiert als nostalgische Stilübung, Alles bleibt humanistische Gegenwartsmusik. Ihr Album beschreibt die Welt weder schön noch hoffnungslos. Sondern exakt dergestalt, wie sie sich für viele anfühlt.
Das Entscheidende ist jedoch: Klez.e bleiben dort nicht stehen.
Sie liefern keinen Soundtrack zum Selbstmitleid. Sondern zur Empathie.
Dabei textlich präzise, poetisch und von einer selten gewordenen Fähigkeit geprägt: Den ganzen gothverdammten Schmerz ernst zu nehmen, ohne ihn emotional unterkomplex zu vermarkten.
Letztere Eigenschaft zieht sich wie Ariadnes Faden durch Klez.es Katalog. Besonders in „La Boum“ kollidieren Liebe, Romantik und Zweisamkeit mit der Knochenmühle unserer Gegenwart. „Und vielleicht bricht diese Welt zusammen. Vieles fühlt sich danach an.(…) Nichts hält ewig, was uns hier nicht will.“
Versus.
„Und wenn’s auch schlimmer kommt, halte durch. Einmal mit Dir gegen die Furcht.“
Alles bis ins Detail packend arrangiert, ohne je mit ihren textlichen Weisheiten ins Kalenderblatt zu gleiten.
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Keine leichte Übung.
Frontgote Tobias Siebert meistert sie samt Crew höchst versierter wie – auch neben Klez.e – vielseitig tätiger Musiker anscheinend im untoten Schlaf.
Doch Obacht.
So richtig in jener Form, der zumindest ich ihnen jederzeit absolut internationales Niveau attestiere, beginnt erst vor zehn Jahren. Um genau zu sein mit „Mauern“, der 2016er Vorabsingle zu ihrem galligsüßen Meilenstein „Desintegration“. Die vorherigen Longplayer spiegeln noch eher das Suchen denn das Finden. Was zwischendrin den gotischen Knoten künstlerisch zum Platzen brachte? Keine Ahnung. Hauptsache es ist passiert.
Frage an alle Neulinge: Welche Legende kommt euch als Band Assoziation spontan in den Sinn?
Ja genau.
The Cure.
Das ist die Pointe. Einerseits hat Tobias Siebert in seiner Stimme nun einmal einmal eine gewiss unleugbar klangverwandtschaftliche Grundähnlichkeit. Das pushen sie natürlich per Phrasierung oder mit instrumentalen Anklängen zwischen „Faith“, „Pornography“ und „Disintegration“. Gleichwohl ist hier keine Sekunde auch nur ansatzweise epigonal. Im Gegenteil. Wer genau hinhört, vernimmt ebenso Anklänge wie man sie etwa auch bei anderen Postgoten analog psychedelische Fields of the Nephilim bis Chamäleons oder Echo & the Bunnyman vorfindet.
Mit anderen Worten: Phönix aus der Masche, eklektisch und eigenständig.
Woran kann man dies besonders festmachen?
Live.
Ihre Gigs sind mäandernde Klangfeuerwalzen. Loderndes Sandpapier in Moll. Gefrierbrand in Goth.
Alle Energie kulminiert live auf dem finsteren Konzert-Monolithen „November“ 2018). Aus meiner Sicht eines der besten deutschen Livealben überhaupt und unverzichtbare Visitenkarte, die ihr archetypisches Naturell verkörpert.
Selbstverständlich so aufbauend wie Milarepa.
Es geht los.
Schwerer Regen fällt. Nicht allzu weit grollt Donner. „Die Wolken sind tief und schwer, dicht wie ein Wald.“. Zaghaft schiebt sich ein Weltuntergangs-Synthie ins audiophile Gewitter. Beladene, dabei nicht heavy angeschlagene Postpunk/Gothic-Gitarren schlafwandeln durch den Raum und umhüllen das Publikum als sedierender Kokon. „Wenn es regnet, gehen die Kinder spielen in den Trümmern vor dem Haus; die Drohnen bleiben aus.“
Ebenso gewagt wie konsequent eröffnet Tobias Siebert mit Klez.e dieses Live-Doppelalbum mittels ihres Klang gewordenen Downers „Drohnen“. Wesentlich optimistischer wird die Stimmung im Konzertverlauf nicht mehr. Klez.e verschmelzen die Lieder ihrer großartigen „Desintegration“ mit deutlich getrübten Variationen älterer Stücke. 15 Songs lang atmet „November“ den Pesthauch menschlicher Destruktivität und bäumt sich gleichzeitig dagegen auf.
Das Resultat ist schlichtweg überwältigend und sämtlichen Studioalben Klez.es in musikalischer Intensität und textlicher Eindringlichkeit deutlich überlegen. Klez.e dampfen hier ihren Katalog zu 100 Minuten pechschwarzer Katharsis ein, die man in diversen Städten mitschnitt.
Das hat mehrere Gründe. Allein durch die einnehmende musikalische Inszenierung liegt der ästhetische, nahezu hypnotische Gehalt ihrer Darbietung meilenweit über dem biederem Stuhlkreis-Rock etlicher Diskurs-Kollegen, die thematisch dasselbe Feld beackern. Wer hier nach ultimativen Beweisen sucht, gönne sich getrost die zwölf waidwunden Minuten „Der Garten“.
Textlich reihen sie hier in optimal gezirkelter Reihenfolge alle Ebenen humanistischen Versagens aneinander. „Ich weiß, wir fallen…“ Auf unser Land bezogen, geißeln sie in gallig entlarvenden Sätzen den Blick des Einzelnen auf jene Mauern, die in den Köpfen der gesamtdeutschen Menschen verblieben.
Ganz besonders ist „November“ ebenso in globaler Hinsicht die Momentaufnhame lebender Zeitgeschichte. Klez.e bieten die bleierne Chronik eines weltweit grassierend mordoresken Gefühls erodierender Werte, Gefühle und Kompetenzen. Siebert liefert unserer verwirrt angebitteren Generation Gegenwart den perfekten Soundtrack zum gefühlten Niedergang.
Recht schnell gelang die Wandlung etlicher hierzulande von der nichtsnutzigen, egozentrierten und erschreckend oberflächlichen Spaßgesellschaft zum wahlweise verquengelten Flüchtlinge und Ausländer hassenden Teuto-Groupie, opportunistischen Kremlingen oder den Hamasfans vom heiligen Thunberg.
Dystopie war mithin gestern. Mittlerweile sitzen wir längst in der von Menschenhand erbauten Hölle. Kein Ort, Baby. Leider ein Zustand.
Exklusiv?
Ach nein, andernorts fällt das Happy End gleichfalls aus. Nicht umsonst singen Klez.e im Kernsong „November“ u.a. über das Bataclan-Massaker 2015. Indes ganz anders als andere es bisher taten. „Ich weiß nicht, was das verspricht. Ich halte dich fest. Ich weiß, dass du uns verlässt.“
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Im Zentrum der Vorstellung überragt die finstere dreiseitige Pyramide „Mauern“/“Flammen“/“November“ den Rest des Abends. Hier kann kaum noch etwas den Bach runtergehen. Das Flussbett, Freunde und Nachbarn ist längst so ausgetrocknet wie in Springsteens „The River“.
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Sein Haarriss zersplitterte längst zum Scherbenhaufen, „Weil Pflastersteine so schön schweben. Ich fühle auch in mir ein Beben.“
Sinister?
Womöglich.
Gleichwohl wächst sich die Veranstaltung für den Hörer nirgends zur musikalischen Depression aus. Klez.es Clou nämlich sind die kaminzimmerwarm flirrenden Gitarren im Konzertgewandt. Denn: Exzellenter Gothrock weiß seit jeher: Das Klangbild wird oft um so effektiver, je weniger Kälte es transportiert.
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Womöglich liegt in diesem Ansatz Klez.es genau der eigentliche Unterschied.
Denn:
So gut wie jeder kann inzwischen erklären, warum die Welt aus den Fugen geraten ist. Dafür braucht es nun wirklich weder Kunst noch besondere Klugheit.
Die zumindest nach meinem Dafürhalten schwierigere Aufgabe besteht doch darin, Menschen in dieser Welt nicht auch noch ihre Fähigkeit zu Mitgefühl, Liebe und Hoffnung auszureden.
Klez.e gelingt genau das Öffnen dieser Tür.
Nicht mit Helligkeit.
Nicht mit Licht.
Nicht mit Sand fürs Auge.
Ausschließlich
weil sie selbst in ihrer tiefsten Dunkelheit nie den Menschen aus den Augen ihrer Zeilen und Noten verlieren.
Gefrierbrand in Goth.
Oder, um es mit Milarepa zu sagen: Heilung beginnt nicht dort, wo das Leid verschwindet. Sondern dort, wo wir uns trotz allem füreinander entscheiden, nicht gegeneinander.
Denn Aufgeben ist für Empathen keine Option, auch wenn „das Haus in Flammen steht.“
mit gothischem Gruße
From Hamburg
with Love
UK
+++
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