New York City 1980: Die schwere Tür des neuen Clubs „Danceteria“ öffnet sich einen Spalt hinter dem Doorman. Wir spähen hinein. Warum? Wir wissen nur eins: Der Laden wird in den kommenden sechs Jahren ein Schmelztiegel aus Underground und Kommerz sein. Immer trendy und mit im Verlauf credibilen Gästen von Cyndi Lauper, Depeche Mode oder R.E.M. bis hin zu Bauhaus, Nick Cave, Swans.
Schnell hinein.
Im Innern des Tanztempels wirkt alles bereits gefährlicher als pure Disco. Allüberall Neon und New Wave.
Der Keith nimmt uns den Mantel an der Garderobe ab. Die Helen steht mit dem Jean ganz tender hinter der Bar. Im Hintergrund legt Mark ganz gut auf. Und die verwuschelte Kellnerin bringt uns nun unseren Drink.
Alles gute Kollegen, einander zugetan.
Wer sich damals von ihnen bedienen ließ, fand alle später als Legenden wieder, Keith Haring, Helen Folasade Adu alias Sade, Jean Michel Basqiat und Last but not least die verwuschelte Kellnerin als nunmehr Kruzifix behangener sexy Video-Vamp namens Madonna.
Erzählenswerter kulturhistorischer Moment?
Das dachte sich auch Frau Ciccone.
New York City 2026:
Sie schließt diesen Kreis nach einem knappen halben Jahrhundert im allgemeinen mit „Confessions 2“ und im besonderen mit dem dort vertretenen Kernlied „Danceteria“.
Es soll nach eigenem Bekunden dieser heiligen Mutter Gottes of Dance ein Album zum Abschalten, Abtanzen, Abgehen werden. Ein Gegengift zum Gefühl der Zeit.
Sie hat sogar ein Pathos geladenes, etwas weitschweifiges Manifest zum Album verfasst, ihr autobiografisches Evangelium lautet sinngemäß in etwa „Aus Tanz bist du gekommen und zu Tanz sollst Du im Tempel wieder werden.“
Das darin schlummernde Versprechen:
„Eine echte Achterbahn of Sound für alle ohne Stock im Anus, genau wie vor 20 Jahren mit „Confessions on a Dancefloor.“
Nun verzichte ich auf den Hinweis, dass die beste Idee des damaligen Albums nicht aus ihrer Feder floss. Nämlich, dass die Platte ihren Meilensteinstatus besonders durch den Hype um „Hung Up“ erlangte. Dies im Grunde auch nur durch die zugegeben dynamisch clever eingebaute Hook von Abbas „Gimme Gimme Gimme“.
Damals wenigstens offiziell gecovert. Keine Selbstverständlichkeit im Hause Ciccone. Für ihren Soundtrack-Beitrag zu „Austin Powers 2“ – „Beautiful Stranger“ (1998) zeigte sie sich noch unangenehm uneinsichtig, als man ihr eine ….hust….gewisse Ähnlichkeit zu „She comes in Colors“ (1996) von Love attestierte.
Auch vermag ich nichts gegen den ihrerseits gewohnt offensiv erotisierten Inszenierungsstil sagen, wie er öffentlich seit Coachella und dem begleitenden Promofilm vielerorts kritisiert wird. Madonna nimmt sich auf die eigene, zugegeben recht spezielle Art, ganz selbstverständlich das Recht heraus, sich mit Ende 60 so sexy zu geben wie etwa bereits Tina Turner oder Grace Jones Ü70 oder Sir Mick mit Ü80. Als ein Mann, der mit 55 Jahren Makeup zu schwarz lackierten Krallen trägt, wäre ich der und das Letzte, solches Handeln negativ zu bewerten.
Außerdem: Die Wahrheit liegt auf dem Plattenteller, nicht in dessen Visualisierung.
Also weiter.
Ebenso habe ich – wie auch? – weder etwas gegen Madonnas sympathisch-eskapistischen Anspruch noch gegen Stadtfeste oder Achterbahnen.
Das Problem:
Dieses insgesamt 16 Songs währende Album reduziert Madonnas magisches Manifest weitgehend zu:
„Come on, Fans! Kein Rumheulen jetzt, wenn ich bitten darf. Alle einsteigen, Bregen samt Ohrmuschel ausschalten und, wie es so ist… einige müssen nunmal kotzen.“
Zu hartes Urteil?
Keineswegs.
Überzeugt euch selbst.
Denkt euch eure Madonna Favs in Dance, etwa „Justify my Love“ mit Lenny Kravitz tollem Beat, das famose Frühwerk „Into the Groove“, „Music“ oder „Vogue“ etc.
Und jetzt z.B. so etwas hier.
„Love Sensation“
In welcher Welt gilt sowas als Weltklasse Track?
Sind wir ehrlich: Gemessen am Maßstab von obigen Klassikern plus eigens postuliertem Erweckungsmantra ist das hier allerhöchstens Kirmesbuden-Elektro-Schmand zu unsympathisch plastinierten fast KI-Schlock-Vocals, analog zur untoten Domina des Nachbardorfes. Alles klingt so seicht bis durchsichtig wie der Schleier es auf dem Albumcover bereits andeutet.
„Bring your Love“ mit Sabrina Carpenter geht als lieblose hingeworfene Nichtigkeit all dessen durchs Ziel, was sie musikhistorisch selbst mit Verve erbaute.
Eine Meisterin perfekt getimter popkultureller Gesten bleibt sie damit dennoch seit jeher. Die neue Generation kommt willig herbei zur Blutspende für Vampirella und hübscht die musikalische Totgeburt per jugendlichem Image auf.
Zwar gelingt Madonna das Sloganisieren weiblicher Themen dort, sowie in manch anderen Momenten, gewohnt authentisch. Insgesamt bleibt dem Publikum auf Albumlänge bei soviel Kalkül einmal mehr kaum mehr als ein Schulter zuckendes: „Ach was?“
Gute drei Viertel des Albums suhlen sich in dieser Dancefloor of Fehlzündung-Soße.
Was läuft hier schief?
Mindestens Producer Stuart Price. Noch nie habe ich ihn so leblos auf Autopilot schalten sehen, wie hier. Normalerweise verfügt der in Paris geborene Engländer über 2 Stärken: Er ist ein guter Songwriter, etwa mit der eigenen Kombo Zoot Woman. Daneben verfügt er über das Quäntchen genreunabhängiges Einfühlungsvermögen, aus seinen Kunden atmosphärisch das Beste raus zu holen. Für Ober-Killer Brandon Flowers etwa maßschneiderte er 2010 dessen hervorragendes Soloalbum „Flamingo“. Daneben top Arbeit für 2 Pet Shop Boys Alben oder Obersympathin Kylie vorteilhaft auf den Floor geschubst.
Nichts von all der Individualisierung und Schärfung hört man auf „Confessions 2“ auch nur im Ansatz.
Nichts?
Nein, schlimmer.
Zwischendrin gibt es trügerische Momente aufkeimender Hoffnung. Zum Leben zu wenig, für Ohrenkrebs dann doch etwas zu viel.
Denn.
Während man bereits leicht angewidert bereit ist, die Scheibe als Horrorkabinett zu den staubigsten Akten der Musikgeschichte zu legen, tauchen drei Songs auf, für die man sie schlussendlich doch wieder umarmen möchte. Ein wenig.
„Fragile“ ist nicht nur die beste Nummer des Albums, sondern genau jener Level künstlerisch transformierter Emotion, der die Güteklasse ihres Überalbums „Ray of Light“ in das Jahr 2026 hinüber rettet.
Kein Wunder. Verarbeitet sie in den packenden Zeilen zu luftigem Drive gleich zwei tragische familiäre Todesfälle des vorletzten Jahres.
Einer davon war ihre Stiefmutter. Die obig noch mit betrauerte Kandidatin bekommt im nachfolgenden Track „Betrayal“ ihr „Mommy Dearest“-Fett auf der Joan Crawford Ebene ab. Interessante Dramaturgie, nicht wahr? Hier passen die jeden menschlichen Klangs entkernten Cyborg-Vocals ausnahmsweise tatsächlich sehr gut zum monierten Verrat des Verhältnisses.
Dazu Mirwais von der Seitenlinie – mit dem sie „Music“ um die Jahrtausendwende machte. Er holt die gute Idee des warm kontrastierenden Klangmantels (sein Piano Keyboard mit Eric Satie-Touch plus Trompete) ins Boot.
Die Rolle des Edeljokers schnappt sich jedoch der Belgier Stromae (Anspieltipp: „Multitude“ (2022), aber alle drei Alben sind toll). „My Sins Are My Savior“ (featuring Stromae)
Seine ebenso warm wie unnachgiebig platzierten Vocals bringen – eingebettet in eine zart gewobenen, elektrische Nujazz-Hängematte – genau jenen Kontrapunkt zu Madonnas Vortrag, den die gute Frau Ciccone nur selten zulässt.
Manchmal schafft sie es.
Zum Beispiel vor 30 Jahren mit dem unüberhörbar zu großen Teilen aus Björks Feder stammenden Track „Bedtime Story“ (tolles Album dazu: „Bedtime Stories“ 1995).
Dann wird es gut.
Link:
Fazit
„Confessions 2“ ist entgegen aller Beteuerung der musikalischen Antragsstellerin leider kein großer Wurf. Leider kein „Der Pate II“, nicht einmal „Rambo II“ eher angesiedelt bei „Matrix II“ oder „Highlander II“, um es mal so visuell zu sagen, wie Madonna. Durch künstlerische Austauschbarkeit im Endstadium und sinnliche Anämie versäumt Madonna mithin die Chance, im Oktober ihrer Karriere endlich als reife Musikerin zu überzeugen. Vornehmlich verlässt sie sich noch immer auf die langsam aber sicher bröckelnde Fassade kurzlebiger Äußerlichkeiten, welche die aus dem Lautsprecher rinnende Substanzlosigkeit leider nur unterstreicht.
Sie erzählt gern, wie sehr David Bowies Ziggy Stardust Gig für die 15 jährige Madonna anno 1973 ihr künstlerisch-philosophischer Urknall wurde. Das Wechseln der Looks und das Abschauen des Konzepts für Tourneetitel reicht aber noch nicht für eine echte Persona. Höchstens für die Umkleide bei H&M.
Die Künstlerin Madonna:
Lohnt sich trotz allem eine Beschäftigung mit Madonna als Künstlerin?
Oh ja. Madonna ist toll. Und sie hat viele Stärken. Sie ist eine passable Drummerin, schreibt gelegentlich okaye Texte und ist definitiv eine der weltbesten Dance Choreografinnen seit gut 40 Jahren. Ihr schauspielerisches Talent zeigt sie unter anderem in Woody Allens „Schatten und Nebel“, „Eine Klasse für sich“ oder „Dick Tracy“.
Für letzteren Film von und mit Warren Beatty spielt sie die Rolle der „Breathless Mahoney“. Ihr so auf den umworbenen Leib geschrieben wie seinerzeit der „Maggio“ für Sinatra in „Verdammt in alle Ewigkeit“ oder „Kay West“ („Fluss ohne Wiederkehr“) für Marilyn.
Bemerkenswert ist der dazugehörige Swing- und Barroomjazz-Soundtrack. Die von ihr gesungene Nummern zählen zu dem besten wie überzeugendsten, was sie hier veröffentlichte. Noch besser als die Sachen, die sie für „Evita“ machte weil alles hier ein wenig mehr Augenzwinkern hat als Lloyd Webbers konstant überladene Melodramatik.
Hier jedoch bringt sie sich offensiv in Ausdruck, Lyrics und Komposition ein. „Hanky Panky“ etwa gilt als eines der wenigen Lieder, das sie auf allen Ebenen tatsächlich nahezu allein verfasste.
Schmiss, Verve und verführerische Dynamik machen die schicke Tanznummer zur Zierde einer jeden Partyplaylist.
Die Lyrics? Da schreibt Madonna einmal ganz selbst und schon outet sie sich darin spielerisch als Spankophile. Nachschlag gab es später mit Britney und Co.
So richtig zu macht sie den Sack allerdings erst mit folgendem Lied, welches ich euch als letzten, vielleicht schönsten Anspieltipp an die Hand gebe.
„X-Static Process“ vom sehr gelungenen, leider kommerziell schiffbrüchigen „American Life“ Album (2003).
In diese wenigen Minuten steckt sie mehr von jenem Bowie-Spirit in sich, als sonst in ganze Longplayer.
Was fehlt noch?
Madonnas tödlicher Geburtstag:
Der baldige Geburtstag La Ciccones scheint kein übertrieben gutes Pflaster für Künstler und Promis aller Art zu sein.
An ihrem 19. Geburtstag verstirbt Elvis, Aretha an ihrem 60.. An ihrem 39. rafft es Nusrat Fateh Ali Khan dahin. An ihrem 35. ereilt es Stewart Granger. An ihrem 45 geht Idi Amin das Licht aus, an ihrem 48. Alfredo Stroessner, an ihrem 29. Rudolf Hess.
Tja.
Um die letzten drei ist es wahrlich nicht schade. In jedem Fall: Hals- und Beinbruch für den eigenen 68. am 16. August. Und die besten Wünsche für eine Platte, die ich am Stück beschwerdefrei durchhören kann.
From Hamburg
with Love
UK
Link zum kompletten Album:
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