Angine de Poitrine genießen zweifellos die Gunst der Stunde. Weltweiter Wahnsinnserfolg über Nacht. Dazu der Ritterschlag seiner Grohlheit. Alles eingebettet in ein stimmiges Konzept samt Kunstfiguren in niedlicher Kostümierung und humorvoll-symbolistischer Aufladung bei Konzerten.
Alles gut und schön. Doch was steckt musikalisch dahinter? Die Wahrheit findet sich weder im sympathischen Konzept, noch in des Foo Fighters Huldigung. Sie liegt jenseits aller Optik auf dem Plattenteller.
Die Besetzung?
2 Leute an drei Instrumenten, Schlagzeug (Klek), Bass und Gitarre (Khn).
Wie geht das?
Gitarre und Bass sind aufeinander befestigt. Zu einem einzelnen Instrument verschmolzen. Dabei werden Bass und Gitarre jedoch nicht simultan angeschlagen. Er spielt die Riffs chronologisch. Der Clou: Zum Erzielen der Gleichzeitigkeit loopt er beides.
Die Drums geben von Metal über Club bis hin zu Folk n Funk den Marsch vor.
Der Ort ihrer Kreation:
Ein beschauliches Auenland in der kanadischen Provinz um Quebec. Berge, Täler, grüne Wälder, saftige Wiesen – dazwischen etliche Seen und Fjorde.
„Wenn wir nach draußen gehen und die Natur sehen, dann fühlt es sich so an, als gäbe es keinen Lärm. Es ist eine unglaubliche Bereicherung, keinen Lärm zu hören.“
Klingt beschaulich. Ihre Musik indes keine Mikrosekunde. Was hier in der Einöde entsteht, ist ein Monster – druckvoll, filigran, pfeilschnell. Dazu suchtgefährdend.
Rhythmen gleiten ineinander, trennen sich. Harmonien und Melodien tauchen auf, preschen los. Kollidieren fast. Versickern abrupt. Ablösung – kein Durchatmen. Ekstase bis zum Veitstanz.
Und dennoch: dabei geradezu akkurat in seinem Aufbau, in seiner Andeutung nahezu mathematisch. Doch weit gefehlt. Der Eindruck von Mathcore für nerdy Schweinsledertaschenträger kommt gar nicht erst auf. Nichts bremst diesen rhythmischen Dschungel.
Woher jedoch rührt diese eigentümliche, ungeübten Ohren gar zunächst als fast hektisch wahrgenommene Geschwindigkeit im Formvollendung?
„Es ist die Idee, kleinere Intervalle als einen Halbton zu haben. In der westlichen Musik ist der Halbton das kürzeste Intervall zwischen zwei Tönen. Der Abstand zwischen zwei Tasten ist so etwas. Mikrotonal ist, als würde man zwischen zwei solche Tasten eine weitere Taste einfügen.“
Der Effekt: Mehr Reibung in den Harmonien durch eine Notenfülle, welche selbstredend nur in einer bestimmten Geschwindigkeit leistbar ist.
Anders gesagt: Morgenmuffeligen Freunden von zarter Ballade oder sanftem Bossa würde ich die Band eher nicht zu den Cornflakes kredenzen. Sonst droht die namensgebende Angina Pectoris.
Allen anderen sehr gern.
Es gibt bislang 2 Alben zu je 6 Tracks. „Vol 2“ ist taufrisch. So überschaubar die Anzahl der Stücke bislang ist, so viel passiert ganz besonders auf letzterem.
„Fabienk“ stakst zunächst etwas roboterhaft daher, um das Groove-Versprechen sogleich ein zu lösen. So furios wie der Mafia-Funk von Calibro 35, so derb wie Primus. Gelegentlich zappaesk eingestreutes Rufen. Rückkehr des Themas dann erstmal gedoppelt, wodurch das Gebräu im Abgang noch eine spaßige Fleischwolf Komponente drauf gibt als Maiden meets Metallica Assoziation.
Danach legt „Mata Zyklek“ sogar noch eine Schippe drauf in Punkto hitziger Ideenflut. Dabei so spielfreudig wie Grateful Dead auf Speed.
Geht das noch intensiver? Klar, auf „Utzp“ schleppen sie uns erst auf eine Art angedeuteten Balkan/Gypsy/Klezmer-Folk auf Koks, um in der zweiten OK Hälfte alles in einem irrwitzig gespielten Inferno zu zerbersten. Wem derlei Strudel erst einmal zu heftig ist, empfehle ich Trainingseinheiten mit wahlweise Atari Teenage Riot oder John Zorns Naked City plus dessen Moonchild Trio mit Mike Patton. Es hilft.
Mein persönlicher Favorit ist das elegante „Angor“. Vom Geist des frühen britischen Blues- wie Psychedelic Rocks klauben sie Knochen analog Fleetwood Macs „Oh Well“ bis zu Pink Floyd „One of these Days“ vom Wegesrand.
Deren für immer währendes Echo greifen sie auf, und bürsten alles auf Warp-Geschwindigkeit.
Dann ist Schluss.
Believe the Hype?
Fjeden.
From Hamburg with Love
UK
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