Es hat mich immer etwas erstaunt, wenn dieser Spruch fiel: „Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt“. Was soll das bitte bedeuten? Und warum wird das zusammen genannt? Wobei – Kriegsverbrecher und aggressive Stalker – sie haben schon eine gewisse Ähnlichkeit in der Verabscheuung, die ich ihnen gegenüber fühle. Jemand, der glaubt, dass seine Obsession mit einer Person, die er mit Liebe verwechselt, ihm die Legitimation gibt, diese Person und/oder deren Umgebung zu belästigen und mit der eigenen Präsenz zu „bereichern“ – wird sich durch einen solchen Spruch doch gerade ermutigt fühlen. Natürlich können wir sagen – das ist doch keine Liebe! Aber wer definiert denn Liebe überhaupt? Und wenn „Liebe“ so ideal ohne Obsession und Grenzüberschreitung definiert wird – dann müssten Liebesfilme den Tod durch Langeweile gestorben sein.
Genfer Konvention und Haager Landkriegsordnung
Beim Krieg hingegen – da haben wir die Genfer Konvention aus einem guten Grund. Es gibt rote Linien, die nicht überschritten werden sollten. Es gibt die Bezeichnung „Kriegsverbrecher“ und es gab den Nürnberger Prozess, der nicht nur die Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die mit der industriellen Tötung von Zivilisten des eigenen Landes nicht im Bereich des „Krieges“ angesiedelt sind, sondern auch Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Kriegsgeschehen, zwischen Feinden (besser: Gegnern), auf dem Tapet hatte. Es gab schon seit dem 19. Jahrhundert die Genfer Konvention mit dem Schutz der Kranken und Verwundeten in einem Konflikt und der Verpflichtung auch gegnerische Verletzte zu versorgen. Und dann gab es die inzwischen etwas in Vergessenheit geratene Haager Landkriegsordnung, deren umfangreicheren Protokolle nach und nach ihren Eingang auch in die erweiterte Genfer Konvention fanden. Nicht nur Verletzte, sondern auch Kriegsgefangene sollen einen besonderen Schutz erhalten, und zuletzt wurden auch Zivilisten und ihre Rechte darin übernommen. Man kennt vor allem den Hinweis auf den Schutz von Kriegsgefangenen.
Die Protokolle und Schutzvorgaben folgen inzwischen abgesteckten Prinzipien, deren genaue Erfüllung dann nochmal konkretisiert werden. Abstrakt kann man es so zusammenfassen: Unbeteiligte an den Kampfhandlungen verschonen und versorgen, die Einschränkung der Waffen- und Taktikenwahl (etwa das Verbot von Giftgas, oder Landminen, oder das Irreführen des Gegners, mit dem Ziel ihn zu vernichten).
Stunde Null – das Nichts danach
Doch das ist wie mit dem Verbot von Mord – es wird trotzdem überschritten. Kriege sind dadurch gekennzeichnet, dass sie eine „Stunde Null“ nach sich ziehen können, gerade Deutschland hat das erfahren müssen. Eine Totalzerstörung allen zivilen, wirtschaftlichen und infrastrukturellen Gegebenheiten, und dann natürlich das Massensterben von Menschen direkt im Konflikt und das Erleiden von Traumata, für ganze Generationen. Wenn Deutschland nach dem 2. Weltkrieg durch die Handreichung der Weltengemeinschaft, insbesondere der USA, mit solchen Konstrukten wie dem Marshall-Plan sich wieder erholen und zurückstrampeln konnte an die Spitze der Weltwirtschaft, so ist das mit anderen Gegenden und Zeiten anders gewesen. Zivilisationen, die untergingen, Völker, die ausgelöscht wurden, Staaten, die nicht mehr existieren – für eine solche Struktur ist der Erfolg oder Misserfolg in einem kriegerischen Konflikt unter Umständen nicht nur entscheidend, sondern existenziell bedrohlich. Es sollte aber auch klar sein, dass dieses Geschichtsbewusstsein des möglichen Untergangs als Zivilisation oder Volk in der Historie der Menschen nicht immer in der Deutlichkeit vorausgesehen wurde und als Motivation diente, gewinnen zu wollen. Aber dass es die Familie war, die Stadt, König und Vaterland, die man nicht mehr haben würde – das war Risiko genug, das man überblicken konnte.
Verzweiflung und – alles anders
In der absoluten Krise, die nicht nur den eigenen persönlichen Tod, sondern die Auslöschung allen, was einem soziale und strukturelle Umgebung ist, vor Augen führt, ist man verzweifelt genug, das zu tun, was man im normalen, friedlichen Alltag, niemals tun würde. Ein Soldat tötet Menschen, aber ist er mit einem Mörder gleichzusetzen, der aus niederen Beweggründen in einer funktionierenden Gesellschaft jemanden tötet?
Krieg als Vater der Formbetonsteine
Meine Familie hat vor wenigen Jahren einen Roadtrip durch Frankreich gemacht – und unter wunderschönen Landschaften und azurenem Meer auch die Erinnerungsstätten in Omaha Beach (Normandie) besucht. Meine geschichtsbewussten Kinder wollten unbedingt auch Stätten des 1. Weltkrieges besuchen und so waren wir in Vauquois, wo ein heftiger Stellungskrieg ein ganzes Dorf auslöschte, eine der heftigsten Minenschlachten der allgemeinen Materialschlacht zwischen 1914 und 1918, über 52 Monate herrschte. Gleich neben dem heute dort installierten Parkplatz kann man am Rand aufgereiht Formbetonsteine sehen, in verschiedenen Stadien der Entwicklung, mitsamt der Nationalität, die sie einsetzten. Sie waren entscheidend für den Bau der verwinkelten, bunkerähnlichen und überdachten Schützengräben der Gegend. An diesem Ort sah ich den Spruch vom Krieg als den Vater aller Dinge verkörpert. Die Notwendigkeit, die die Kriegsparteien fühlten, der Druck, etwas mit diesen speziellen Eigenschaften herzustellen und kontinuierlich zu verbessern – die führten zur rasanten Entwicklung innerhalb von vier Jahren.
Krieg – eine Form der Krise
Aber auch im sozialen Bereich, wie man eindrucksvoll in Grimmelshausens „Simplizissimus“ lesen kann, oder im russischen National-Epos „Krieg und Frieden“ von Leo Tolstoj – werden scheinbar ewige und von Gott gegebene Standeszugehörigkeiten zur Makulatur. Besonders unangenehm ist die Darstellung eines solchen disruptiven Ereignisses in Heinrich von Kleists „Die Marquise von O…“ – ein adliger und wohlerzogener Leutnant vergewaltigt in den Kriegswirren die bewusstlose junge Witwe, mit der er dann – ohne ihr Wissen – eine Liebesheirat eingehen wird. Eine Gesellschaft, deren Funktionalität ungestört und intakt gewesen wäre, hätte diese „Gelegenheit“ niemals geschaffen. Ein bisschen wie jede Krise, wie die Corona-Krise, bei der wir plötzlich um Klopapier und Nudeln zeterten – was wir uns vorher nicht haben vorstellen können. Oder die Pest, die die liberale Gesellschaft Venedigs und von Florenz im 14. Jahrhundert mit einem Schlag zum Erliegen brachte und das finstere Mittelalter wieder an die Tür klopfte. Und wenn wir von Revolutionen sprechen, dann steckt das Ganze schon im Wort drin, es ist die Absicht dahinter, die sozialen Strukturen einmal umzudrehen, umzuwälzen, zu „revolven“. Das Gegebene bricht zusammen und wenn das Gegebene das Gewohnte und das Bequeme ist, dann ist ein Krieg oder Pest oder jede großflächige und tiefgehende Krise eine existenzielle Bedrohung, auf persönlicher, familiärer und gesellschaftlicher Ebene.
„normalerweise“
Wenn man aber weiß, wie man sich richtig benimmt und die ganze Ethik und Moral gut kennt, die „vorher“ funktionierte – was macht man, wenn plötzlich alles nicht mehr gilt? Oder man einfach nicht mehr weiß, was gilt oder was nicht gilt? Und dazu eine Bedrohungslage (die ja die Ursache für die Krise sein dürfte) vorliegt, die Handeln vor Überlegen verlangen kann, die keine Gewissheiten über Regeln hat, bei der man in den animalischen Naturzustand quasi resettet wird – nimmt es wunder, dass ein völlig „normaler Mensch“ etwas tut, das er „normalerweise“ (also in der bekannten Welt von davor mit ihren Regeln und ihrer Moral) nicht tun würde?
Kriege sind menschengemachte, durch Kalkulation und Entschlossenheit hergestellte Krisen, oft mit der Absicht, sie so kurz wie möglich zu halten, aber dann gibt es dennoch Gegenwehr, oder sonstige Gründe, die es in eine Angelegenheit mit flächiger und zeitlicher Verfestigung verwandeln. Und die Anpassungsfähigkeit der Spezies Mensch hat diese dumme Eigenschaft, dass man sich auch an Schlimmstes anpasst und es als die unendliche Gegenwart auffasst, ob bewusst oder auch unbewusst. Man wünscht sich das Ende herbei, oder den vorherigen Zustand – aber man ist schon längst ein Mensch dieses Krieges geworden und handelt in den Regeln der Regellosigkeit, in der das Primat des Überlebens alleine herrscht.
Was ist noch erlaubt?
Nein, es ist nicht alles „erlaubt“ – es ist nicht mehr klar, was erlaubt ist und was nicht! Und es verblasst auch angesichts der Bedrohung, einfach tot zu sein. Das auf persönlicher Ebene. Ich als Mensch, bin hier mit einem Wegfall der Regeln konfrontiert, ich könnte gleich tot sein, oder meine Liebsten – wie kann ich mich da auch überhaupt noch mit Regeln auseinandersetzen? Es ist nicht „erlaubt“ und es ist nicht „fair“. Das ist doch nicht die Schlussfolgerung daraus! Es ist im Nachhinein nicht mit dem selben Setting zu BEURTEILEN, wie wenn die sozialen Regeln der intakten Welt noch vorliegen würden, mitsamt den Mächten, die diese auch durchsetzen. Das ist alles!
Das Danach
Aber wenn nach den Nürnbergern Prozessen, nach der Erfindung der Genfer Konventionen, und vor allem seit dem Bewusstsein, dass das was wir – auch durch diesen „Vater aller Dinge“ – erfunden haben, auf immer und ewig alles aus unserer jetzigen Umgebung zerstören und vernichten können – wie können wir nach all dem NICHT von Regeln reden? Die künstlich unsere Handlung beschränken, die unbeschränkt zum vollständigen Nichts aller führen kann. Aber auch ohne diese Vernichtungstechnologie, zum Beispiel „nur“ das Foltern von Zivilisten, das Brandschatzen, die Gräueltaten, die Menschen für den Rest ihres Lebens und oft auch noch ihre Nachkommen krankhaft beeinträchtigt, also traumatisiert – das ist kein „Erfolg“ des Krieges. Es ist sogar mehr als nur ein „Kollateralschaden“. Es kann im schlimmsten Fall verunmöglichen, dass das Gefühl des Krieges und der Feindschaft zwischen den Parteien, vergeht. Wie kann man noch als Weltengemeinschaft sich gegenseitig in die Augen schauen können, wenn so etwas in den Geschichtsbüchern, aber auch in dem kollektiven Gedächtnis von Menschen bestehen bleibt? Wie kann jemand einer Gesellschaft noch trauen, in welcher andere derart misshandelt werden können, unter der Prämisse, man will irgendetwas „gewinnen“?
Dritte Perspektive
Das ist die Spannung zwischen zwei ganz unterschiedlichen Perspektiven, die das „all is fair“/“es ist alles erlaubt“ aufspannt. Es gibt noch eine dritte davon. Im Krieg kann man nicht damit rechnen, dass der Gegner sich an die Regeln hält, die man sich selbst auferlegt. Er kann sich gerade in einem anderen Stadium der Regelaufgabe befinden, einem anderen Status der Verzweiflung und Aussichtslosigkeit. Und genau in diesem Punkt muss man sich als noch „zivilfähiger“ Gegner vorstellen können, dass der andere sich aller Zivilisation schon entledigt hat und sich dabei auch wehren können. DA ist das „erlaubt“ erlaubt.
Ankerpunkt – geliebte Person
Und was ist mit der „Liebe“? Worin liegt die Schnittmenge mit dem „Krieg“, vor allem in Bezug auf „erlaubt“ und „fair“? Zunächst die einfache Antwort: Das Empfinden von existenzieller Bedrohung des eigenen Seins, das Gefühl der Entscheidung über Sein oder Nichtsein einer vorgestellten Zukunft (mit der Person, die man liebt). Und man weiß, dass das erste Verliebtsein eine temporäre Wesensveränderung hervorruft, hormonell gesteuert, bei der man sich selbst nicht mehr wiedererkennt. Die geliebte Person nimmt den fokalen Punkt der Welt an, der bislang wahrscheinlich bei einem selbst lag. Das Regularium der Welt ist ver-rückt, man richtet es jetzt an der geliebten Person (oder von der man wie besessen ist) aus, man selbst wirkt verrückt. Es entsteht ein krisenähnlicher Zustand, wenn man Glück hat – schwebt man im 7. Himmel, wenn man Pech hat, erleidet man Höllenqualen. Der Schwebende sieht sich und das angebetete Wesen gottgleich. Der Gequälte wird sich von diesem Zustand befreien wollen, verzweifelt und mit allem, was ihm zur Verfügung steht. Und das, worauf der Blick fällt, ist immer noch die geliebte Person. Sie ist der Rettungsanker, sie ist das Ziel. Alles andere wird womöglich Mittel zum Zweck. Die geliebte Person wird selbst Mittel zum Zweck, der Zweck ist: die Zweisamkeit. Damit verschwindet die geliebte Person selbst hinter dem Ziel.
Romantik – eine Erfindung der Kunst
Das Leiden und die Verrücktheit beim Lieben sind seit Jahrtausenden Thema von Kunst und Literatur. Die tiefen Emotionen, die die Protagonisten durchleben, müssen stark genug sein, sich empathisch in die Seelen der Leser (und Zuschauer) zu tunneln. Ihr Handeln und ihr Verhalten müssen diesen Ausnahmezustand widerspiegeln. Kein Wunder also, dass grenzüberschreitendes und heftiges Vorgehen, wie in einer theatralischen übertriebenen Geste sich da wiederfindet. Romantik wird zum Ausnahmezustand schlechthin. Romantik wird zum Bilderbuchfall der Liebe. Zum Vorbild.
Aber leben?? Aber Erleben? Das wird plötzlich zum ÜBERLEBEN! Nicht zu empfehlen! Denn die ganzen romantischen Filme, Bücher, Geschichten – sie hören mit gutem Grund auf, wenn die beiden Liebenden zusammengefunden haben. Wenn der zuerst Verschmähte die Geliebte doch bekommt. Wenn der Ausnahmezustand aufgelöst ist. Und dann? Was ist dann? Wenn während des Verliebtseins die (der) Andere das Ziel war, an dem sich der Weg und das Leben orientierte, wie kommt man wieder ins jetzt und hier zurück, und vor allem zur Augenhöhe? Wie wird die Sockelheilige zum Partner? Geht das überhaupt gut?
Augenhöhe
Wie beim Krieg: Wie sehe ich dem Gegenüber jetzt plötzlich ins Auge und komme im Alltag zurecht? Wenn ich vorher alles verausgabt habe, was ich überhaupt noch als Mensch hatte, an Menschlichkeit hatte, und alle Regeln des sozialen Miteinander in den Wind geschlagen habe – dann ist das danach schwer bis unmöglich!
Es gibt kaum ein mehr verwundbarer Zustand als der, sich einem Menschen hautnah zu nähern, noch mehr als hautnah – sich seelisch zu verschränken. Eine falsche Bewegung und ich verletze die Person, die ich doch liebe. Ein falsch vergebenes Vertrauen und ich werde selbst verletzt.
Alltag …
So nein – gerade in der Liebe (wie vorher beim Krieg) gelten sehr wohl Regeln. Sehr wohl ist nicht alles „erlaubt“ und FAIRNESS sollte nicht zu leichtfertig allem als Label übergestülpt werden. Sondern die Nähe bei der Liebe und die Zerstörungskraft beim Krieg mit Hinblick auf Zukunft und mit Hinblick auf das Gegenüber immer im Blick behalten werden. Ich liebe diese Person, also werde ich genau deswegen behutsam, empathisch, mich selbst einschränken, und nicht tun, was mir gerade einfällt. Wir führen gegen diese Personen Krieg, also werden wir genau deswegen genau bedenken, wie heftig unser Schlag sein soll. Denn wir sehen uns in der Ehe wieder und wir sehen uns im Frieden wieder. Und Alltag ist nicht so schlecht, wie man meint.
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