Plausibilität ist nicht Wahrheit
Sowohl Chris Kaiser als auch Jörg Phil Friedrich argumentieren letztlich über Plausibilität, nicht über Beweisbarkeit. Darin liegt bereits eine wichtige Gemeinsamkeit. Die Differenz entsteht erst dadurch, dass beide unter „plausibel“ Verschiedenes verstehen.
Friedrich definiert, wenn ich das richtig verstehe, Plausibilität als die Fähigkeit einer Hypothese, unterschiedliche Beobachtungen unter einer gemeinsamen Erklärung zusammenzuführen: Naturgesetze, Bewusstsein, Moral und Schönheit würden durch die Annahme eines Schöpfergottes verständlich. Deshalb sei die Gottesthese plausibel.
Genau hier beginnt jedoch das philosophische Problem.
Eine Erklärung wird nicht allein dadurch plausibel, dass sie vieles erklärt. Sonst wären auch zahlreiche historische Weltbilder plausibel geblieben, die heute niemand mehr vertritt. Plausibilität verlangt mindestens drei Kriterien:
Erklärungskraft,
Einfachheit,
Unabhängige Prüfbarkeit.
Die Gottesthese erfüllt das erste Kriterium teilweise, die beiden anderen aber nur sehr begrenzt.
Die Verwechslung von „erklären“ und „benennen“
Friedrich argumentiert, Gesetzmäßigkeiten, Bewusstsein, Moral und Schönheit seien ohne Gott letztlich unerklärlich. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass Gott die bessere Erklärung ist.
Wenn ich frage: Warum existieren Naturgesetze?
und antworte: Weil Gott die Welt gesetzmäßig geschaffen hat,
dann habe ich möglicherweise eine Erklärungsebene verschoben, aber noch keine Erklärung geliefert.
Denn sofort stellt sich die Anschlussfrage: Warum existiert ein Gott, der gesetzmäßige Welten erschafft?
Darauf antwortet die klassische Theologie: Gott existiert notwendig.
Aber genau dieselbe Struktur könnte ein Naturalist verwenden: Die Naturgesetze existieren notwendig.
Wo setzt man den Endpunkt
Beide Positionen beenden die Fragereihe an einem letzten Punkt. Der Unterschied liegt nicht in der Erklärungskraft, sondern darin, wo man den Endpunkt setzt. Die Gottesthese erklärt also nicht unbedingt mehr, sondern verschiebt lediglich den Ort des Unerklärten. Plausibilität ist immer relativ zu Vorannahmen
Hier liegt meines Erachtens die Schwäche beider Kolumnen.
Chris Kaiser behandelt den Atheismus teilweise so, als sei er die natürliche Ausgangsposition. Friedrich behandelt den Theismus teilweise so, als sei er die natürlichere Erklärung. Tatsächlich sind aber beide Positionen theorieabhängig.
Wer davon ausgeht, dass Bewusstsein, Vernunft und Moral reale Grundphänomene sind, wird die Gottesthese häufig als plausibel empfinden. Wer davon ausgeht, dass nur empirisch beobachtbare Prozesse erklärungsbedürftig sind, wird Gott eher als unnötige Zusatzannahme ansehen.
Die Plausibilität liegt daher nicht im Gegenstand selbst, sondern im gesamten Hintergrundbild der Welt.
Das eigentliche Problem: Unterbestimmtheit
Der stärkste Einwand gegen Friedrichs Plausibilitätsargument lautet daher nicht: „Gott existiert nicht.“
Sondern: „Die Daten bestimmen die Gotteshypothese nicht eindeutig.“
Aus den von Friedrich genannten Phänomenen folgt nicht nur sein schöpferischer Gott. Sie könnten ebenso mit anderen metaphysischen Positionen vereinbar sein:
– einem deistischen Schöpfer,
– einem pantheistischen Weltgrund,
– einem platonischen Reich objektiver Werte,
– einem neutralen Monismus,
oder einem noch unbekannten naturalistischen Ansatz.
Wenn mehrere Hypothesen dieselben Beobachtungen erklären können, sinkt zwangsläufig die Plausibilität jeder einzelnen.
Plausibilität ist keine Einbahnstraße
Gegen Kaiser könnte man allerdings ebenso einwenden, dass auch der Atheismus häufig von Voraussetzungen lebt, die selbst erstaunlich sind.
Warum ist das Universum mathematisch beschreibbar?
Warum entstehen Wesen, die Wahrheit erkennen können?
Warum existieren überhaupt Bewusstsein und subjektives Erleben?
Warum haben moralische Urteile einen normativen Charakter?
Diese Fragen verschwinden nicht dadurch, dass man Gott ablehnt. Friedrich hat recht, wenn er darauf hinweist, dass hier echte philosophische Probleme liegen und nicht bloß Wissenslücken der Naturwissenschaft.
Mehr Last als tragbar
Der Begriff der Plausibilität trägt in dieser Debatte mehr Last, als er tragen kann.
Die Gottesthese ist plausibel, wenn man darunter versteht, dass sie verschiedene Aspekte der menschlichen Erfahrung in einem gemeinsamen Deutungsrahmen zusammenführt. Friedrich zeigt überzeugend, warum Menschen diesen Rahmen attraktiv finden können.
Sie ist aber nicht deshalb plausibler als der Atheismus. Denn dieselben Phänomene lassen sich auch durch andere metaphysische Modelle deuten, und die Gotteshypothese verschiebt einige der Grundfragen lediglich auf eine höhere Ebene.
Die angemessenste Schlussfolgerung lautet daher weder: „Gott ist die plausibelste Erklärung“ noch „Gott ist unplausibel“.
Vielmehr bleibt die Frage nach Gott philosophisch offen, weil Plausibilität hier weniger eine Eigenschaft der Hypothese als eine Eigenschaft unseres jeweiligen Weltbildes ist.
Gerade deshalb ist die Debatte aber interessant, nicht weil sie entscheidet, wer recht hat, sondern weil sie sichtbar macht, welche Voraussetzungen wir bereits mitbringen, bevor wir überhaupt anfangen zu argumentieren.
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Mighty Quinn
Kann man mit Vernunft Gottes Existenz beweisen?
https://www.welt.de/wissenschaft/article2279384/Religion-Kann-man-mit-Vernunft-Gottes-Existenz-beweisen.html