Sprachensterben schwer gemacht

Wie rettet man eine aussterbende Sprache? Mit einem Podcast

Wie ist das, wenn man eine aussterbende Sprache kennt, spricht, oder gerade NICHT mehr spricht, obwohl man es sollte? Kolumnisten-Autorin Chris Kaiser fällt zwischen alle Stühle, da sie ihren eigenen Kindern ihr Siebenbürgisch Sächsisch nicht mehr beigebracht hat, aber jetzt versucht sie es durch ein Projekt zu retten.

3 Bücher in Mundart
Drei Bücher in Mundart aus der persönlichen Bibliothek von Chris Kaiser privat

In der letzten Woche hat mein Kolumnisten-Kollege Heinrich Schmitz einen seiner älteren Beiträge von 2022 auf Facebook wieder gepostet. Darin ging es um das Aussterben von Kölsch. Und ich dachte – das ist ja interessant, das passt zu meinem Vorhaben an diesem Wochenende. Und davon werde ich jetzt erzählen.

Ich habe in dieser Kolumne schon öfter durchscheinen lassen, dass ich aus Siebenbürgen (Rumänien) stamme und mich das durchaus geprägt hat, wenn ich auch das Nationaltümelnde, das manchmal mit dieser Abstammung mitkommt, deutlich ablehne. Es ist nicht so, dass ich den alten Zeiten und Orten so nachhänge, das ich meine Gegenwart und mein Dasein in Deutschland vernachlässige. Ich fühle mich pudelwohl als Deutsche hier und sehe meine Herkunft nicht so sehr als „Heimat“, sondern eher als Bereicherung und Wiege meines Seins, einen Schatz, aus dem ich schöpfe, aber eben für mein Hier und Jetzt.

Siebenbürgische Herkunft als Erfahrungsschatz

Siebenbürgen, wo ich herkomme, ist eine Vielvölkerregion, anders als Deutschland in seinem Selbstverständnis. Darauf führe ich zurück, dass Deutsche sich etwas schwertun mit der Vorstellung, dass jemand auf dem Schulhof türkisch sprechen kann, ohne Probleme bei Deutschaufsätzen zu haben. Ich helfe gerne beim Perspektivwechsel, denn ich habe das von der anderen Seite erlebt, wenn man mich in dem Bus in Rumänien anfuhr, was mir einfällt, ein für die anderen unverständliches Deutsch zu sprechen! Absurd, nicht? Natürlich könnte man einwenden, dass meine Volksgruppe in Siebenbürgen auf eine 850 Jahre alte Siedlungszeit zurückschauen kann, nicht diese gerademal 3-4 Generationen Türken – aber das wird dann unschön. Schließlich werde ich selbst hier in Deutschland als 1. Generation mit Migrationshintergrund gehandelt – wieder ein Perspektivwechsel.

Wieso eigentlich „Deutsch“?

Und mit dem „Deutsch“ verhält es sich allerdings auch kompliziert. Wenn ich in Rumänien im Bus Deutsch sprach, dann war das schon eine Anomalie, denn eigentlich sprachen die Siebenbürger Sachsen unter sich eben Siebenbürgisch Sächsisch. Eine eigene Sprache oder ein Dialekt, je nach linguistischer Vorgabe, aber selbst in mehr als 100 verschiedenen Dialekten unterteilt, so dass ich schon im Nachbarort eine ganz andere Lautfolge hören konnte, womöglich sogar spezielle Idiome, die bei uns unüblich waren. Meine Geburtsstadt Mediasch liegt ca. 50 km von Hermannstadt entfernt, und Hermannstädter Sächsisch wird im Allgemeinen als Hochsächsisch gehandelt. (Ich werde im Folgenden wenn ich über „Sächsisch“ spreche, das „Siebenbürgisch Sächsisch“ meinen, nicht das aus Ostdeutschland). Die Mediascher waren ganz nah dran, ziemlich bereinigt von den fast barocken Schnörkeln der Vokalfolgen, wie es etwa im Herkunftsdorf meiner Oma, in Durles, gesprochen wurde.

Wenn ich mich auf die Informationen auf Wikipedia und im Internet zu dem Thema ein wenig verlassen kann, dann ist das siebenbürgische Sächsisch ein sogenannter „Ausgleichsdialekt“, also eine mittelnde Sprache, auf die man sich quasi einigen kann. Diese vorhin erwähnte 850 Jahre Siedlungsgeschichte ist ja nicht ohne Nachwirkungen darauf – das bedeutete, dass sowohl die Herkunft der ersten Siedler nicht ganz homogen war, als auch in dieser Zeitspanne nach und nach nochmal welche nachkamen, auch von woanders. Siebenbürger Sachsen geben gerne an, dass „wir“ aus Moselfranken stammen, aber das betrifft lediglich eine Kerngruppe der Ursprungssiedler. Dass wir uns mit den Luxemburgern sprachlich sehr verwandt fühlen, klingt wie eine Bestätigung dafür. Die Wahrheit ist komplexer: „Wir“ sind viele und durchaus verschieden.

Deutsch ist nur ein anderes Latein

Es sollte eigentlich stutzig machen, dass wir uns überhaupt „deutsch“ fühlen, denn Sächsisch weicht vom Deutschen in etwa ab, wie Plattdeutsch oder Niederländisch. Dennoch sind seit je her, entweder Latein oder eben Deutsch die Sprachen, in denen unsere Vorfahren ihre gelehrten Publikationen für die Nachwelt hinterließen. Aber da „wir“ geschlossen im 16. Jahrhundert zum Lutherischen Glauben übertraten, und somit genau auf die Schiene der Vereinheitlichung der deutschen Sprache glitten, erklärt sich dieses „Deutsche“ als Leitmotiv und Ankerpunkt der Gelehrtheit und Bildung. Wenn man Kirchenlieder auf Deutsch singt, wenn die Bibel auf deutsch geschrieben ist und die klügeren Söhne Deutsch studierten, dann kann das genau dazu führen.

Angeblich soll man sogar deutsch geschrieben haben und das Ganze „sächsisch gelesen“, jedoch ich kann das nicht überprüfen. Aber es klingt mir plausibel.

Quasi Analphabeten

Es gibt nämlich zwar eine sächsische Skription, die standardisiert ist, das sieht dann so aus: „Af deser Iërd, do äs e Låånd, si hiesch äs nichen ååndert“, aber die meisten Sachsen werden das nie gelernt haben. Wo auch. In der Schule hatten wir Unterricht auf Deutsch (ja, das ist richtig, im Ceausistischen Rumänien gab es deutsche Klassen), zu Hause wurde zwar Sächsisch gesprochen, aber selten gelesen und noch seltener geschrieben. Ich habe das nicht gelernt, auch wenn ich ein paar der wenigen Bücher gelesen habe, die das hatten. Und zwar laut vorgelesen, weil ich es erst hören musste, um es zu verstehen.

Deutsch als elitäres Merkmal

Bei mir kam noch erschwerend hinzu: Wir sprachen zu Hause Deutsch. Und zwar seit ich in die Schule gehen sollte, wo – wie gesagt – Deutsch der Standard war. Ich war bis dahin im rumänischen Kindergarten, zu Hause war Sächsisch angesagt und das Resultat war ein Mischmasch zwischen beiden. Leider kann ich nicht weit genug in meine Erinnerungen zurückgreifen, um zu sehen, wie mein Deutsch überhaupt war, aber es müssen dennoch mindestens Rudimente vorhanden gewesen sein, schließlich wurde mir aus deutschen Büchern vorgelesen und ich kannte ein paar Gebete („Mein Herz ist klein …“). Meine Mutter war rigoros und ab meinem sechsten Lebensjahr wurde mit mir zuhause nur noch Deutsch gesprochen. Meine Erziehungsberechtigten blieben unter sich beim Sächsisch, die erweiterte Familie sowieso, aber ich wurde selbst mehr und mehr unsicher darin, so dass ich mich schämte und nur noch Deutsch antwortete, wenn ich so angesprochen wurde. Meine Verwandten vom Lande, bei denen ich mal für ein paar Wochen war, für die war ich wie ein besseres Wesen, selbst der Tonfall war anders mit mir, ich war eben die Städtische, mit allem Drum und Dran, selbst der Sprache. Wie die beste Freundin meiner Cousine zweiten Grades, die Pfarrerstochter Gertraud (!). Image eben.

Deutsch als Muttersprache

So nimmt es nicht wunder, dass ich mit meinen eigenen Kindern, zumal in Deutschland und mit einem „deutschen“ Mann niemals Sächsisch sprach. Ich halte nichts davon, dass man mit Kleinkindern anders spricht, als das, was einem als die nächste Sprache ist, das Intimste, das Zärtlichste, das Direkte, das, was man im Allgemeinen als „Muttersprache“ bezeichnet. Wenn man übermüdet und nur noch mit Gefühl statt mit Hirn reden kann, dann greift man auf diese Betriebssprache zurück und so sollte es sein. Und bei mir war es eben Deutsch. „Mama, das nehmen wir dir übel, dass du uns nie Rumänisch und Sächsisch beigebracht hast“. Ja, Kinder, ich nehme den Vorwurf an, aber es war mir eben nicht möglich, sorry.

Und so trage ich aber dazu bei, dass diese Sprache, die keine geografische Heimat mehr hat, ausstirbt. Sie hat keine geografische Heimat mehr, da bis auf wenige Reste die gesamten Siebenbürger Sachsen nach 1990 nach Deutschland gekommen sind. Keine Sorge, so viele waren es sowieso nicht, lediglich an die Hunderttausend. Und hier sind sie über die ganze Landkarte verteilt, mit ein paar konzentrierten Clustern, vor allem etwa in der Gegend von Wiehl in Nordrhein-Westfalen. In vielen der Familien wird die Stafette weitergetragen, aber weit kommt diese nicht, die Sprache braucht eine geschlossene Community, so als gesprochene Sprache. Spätestens in drei Generationen kann man sie als ausgestorben sehen. Mehr Faktoren sprechen dafür, es nicht mehr zu Hause zu sprechen (zu privat, „gemischte“ Ehen, immer weniger Gegenüber, mit denen man es üben kann und dann lässt man es gleich sein etc.) als es zu tun.

Chance zum Überleben: Fast Null

So wie Heinrich Schmitz in seiner Kolumne den Verlust von Kölsch beklagt und beschreibt, so geht es wohl im Allgemeinen rein gesprochenen Sprachen und Dialekten. Der Mundart. Auch dem Siebenbürgisch Sächsischen. Ganz zu schweigen von den einzelnen Ausformungen, den Dialekten aus Mediasch, Durles, Pretai, Meschen ….. Ok, vielleicht aber nicht unbedingt dem Dialekt aus Mediasch. Mediasch hat einen eigenen Mundart-Klassiker, gern rezipiert und in Büchern verewigt. Jahrhundertwende (1900), als die Community noch lebendig und gesellschaftlich aktiv war. Ein Spiegel auf die Zeit mit ihrer damaligen Verkehrssprache: vom humoristischen Autoren Schuster Dutz  (ja, zuerst Nachname, und dann Vorname).

Aber die Dynamik und die Kontrastierung zu anderen Dialekten, die kann einfach nicht mehr stattfinden. Und da die Sprache im Privaten gesprochen wird, immer privater, wenn man so will – gibt es kaum einen Druck, dass sich die Sprache an die Moderne mit all ihren Umbrüchen und Informationsexplosionen anpassen muss. Sie verkümmert weiter. Und selbst wenn sich einzelne Familien Neologismen und kreative Anschlüsse ans Weltgeschehen auf Sächsisch erarbeiten, so bleibt es dann dennoch meist bei der Familie unter sich, die weiteren Verbreitungswege sind recht ausgedünnt.

Sprech-Archäologie mit Rumänisch

Mit einer gewissen Wehmut, Schuldbewusstsein und auch resigniertem Schulterzucken habe ich das seit Jahren registriert. Ich sah mich eben auch nicht in der Position, mit meinem gerade mal 6jährigen Kinder-Sächsisch. Aber auf der anderen Seite habe ich andere Voraussetzungen an mir geschaffen, auch wenn nicht mit diesem Ziel. Ich liebe Sprachen und bin gerade dabei, die zehnte meines Lebens zu lernen, nach Koreanisch (wirklich sehr rudimentär) auch Chinesisch. Und ich liebe es, wie Sprachen sich unterscheiden, um dieselben menschlichen Regungen und Situationen zu beschreiben. Wie Sprache das Denken und Denken die Sprache formt, wie Ansätze dazu sich unterscheiden können, auch was die Schriften anbelangt. Als ich vor drei Jahren mit der Familie nach langer Zeit in Rumänien auf Besuch war, passierte etwas Erstaunliches. Ich, die ich bis dahin auf rumänischen Facebook-Seiten bis zu 10 Minuten brauchte, um einen halbwegs brauchbaren rumänischen Kommentar zu schreiben, voller Unsicherheit ob Grammatik, Rechtschreibung, ganz zu schweigen von Stil – konnte mich nach kurzer Zeit im Land pudelwohl mit Rumänisch zurechtfinden. Die Sprache war lediglich verschüttet gewesen, nicht vergraben, es holte in meinem Ranking rasant auf und rangierte in der Gebrauchssicherheit gleich nach Deutsch und Englisch. Und vor allem die Grammatik, die den Non-native Speakern Kopfzerbrechen bereiten dürfte, die war – zwar nicht perfekt, aber dennoch – da! Einfach da.

Keine museale Kuriosität sondern Gegenwart

Hold my beer, sagte mir mein Sächsisch aus der letzten Reihe meiner Sprachen. Vor allem, als mich zufällig zur selben Zeit ein Bekannter anschrieb und mich fragte, wo er denn mal mein Siebenbürgisch Sächsisch hören oder gar lesen könnte. Und als ich im Internet suchte, fand ich zwar einige youtube-Videos mit Mundart-Dichtung und Hinweise auf Schuster Dutz und Ähnliches. Aber nichts, das ich für mehr als eine Kuriosität, ein museales Stück (wie etwa die Erzählung über „früher, wie das so war“) halten konnte. Ich war sehr unzufrieden damit. Frustriert suchte ich nach Letzeburgisch, der Luxemburger Sprache, die sich für fremde und auch für „unsere“ Ohren sehr ähnlich anhörte. Und stieß dabei auf Webseiten, in denen Nachrichten auf Letzeburgisch präsentiert wurden. Ich war wie elektrisiert. Das ist es! Nachrichten! Gott, Welt, Geopolitik, Sport, Kultur! Alles auf Sächsisch?

Podcast-Projekt

Ich habe den Schritt gewagt und habe seit Anfang des Jahres jetzt einen Podcast, bei dem ich Sonntag für Sonntag ein paar Minuten einspreche, was in der Woche davor in der Welt passiert ist: schwuler Bürgermeister in München, ESC in Wien, Trump und Iran, FC Bayern in Madrid – you name it.

Es geschah etwas wieder etwas Erstaunliches dabei: Ich kann wieder Siebenbürgisch-Sächsisch sprechen. Ich hole es aus den tiefsten Tiefen meines Gedächtnisses hervor und präsentiere es mitten im Geschehen. Wenigstens für ein paar Minuten pro Woche. Und hinterlasse es so, dass es im digitalen Stream vorliegt, für Menschen, für die KI, für die Nachwelt, wenn sie es möchten. Und jeden Sonntag heißt es: „Hier ist Soksesch Nohrichten, die Nachrichten der Welt auf Sächsisch. Ausgesucht, niedergeschrieben und gesprochen von Frau Kaiser.“

An diesem Wochenende ist der alljährliche Heimattag der Siebenbürger Sachsen in Dinkelsbühl und ich bin mit meinem Stand dabei und präsentiere mein Projekt.

Newsletter abonnieren

Sie wollen keine Kolumne mehr verpassen? Dann melden Sie sich zu unserem wöchentlichen Newsletter an und erhalten Sie jeden Freitag einen Überblick über die Kolumnen der Woche.