Der Umgang mit den Wir-Menschen

Da ruft man seinen potenziell besten Freund Paul an und plaudert wie in guten alten Zeiten. Am Ende des Gesprächs bestellt er dann noch schöne Grüße von seiner besseren Hälfte Jutta, was mich gesellschaftlich zu der Artigkeit zwingen soll, auch Grüße von meiner Frau zu bestellen, womöglich noch unbekannterweise.

Foto: Matthias von Schramm

Ab einem bestimmten Zeitpunkt bei bestimmten Freunden, Bekannten und Menschen in Lebensabschnitten kauft man einen gewissen Anhang immer mit. Nicht selten sind das Leute, die man nur aus bestimmten Erzählungen kennt, schon mal Fotos von ihnen gesehen hat und die man auf der Straße nicht wiedererkennen würde. Es sind die Paulas, Susannen und Juttas der Kumpels, die Manfreds, Johns und Alis alter Bekannter. Also Anhängsel, lebendige Begleitende, die einem ständig Grüße ausrichten, ohne dass man je mit ihnen zu tun hatte. Und falls doch, dann mal kurz im Theaterfoyer oder im Supermarkt in der Gemüseabteilung.

Auf einmal nur noch Wir!

Klar, wenn ein alter guter Kumpel nach Jahren erfolgreicher Selbstliebe und eines Singlelebens ohne Frühstück mit Croissants einen wunderbaren Menschen für sich gefunden hat, dann freut mich das erst einmal für ihn. Ist doch prima. Liebe, Gemeinsamkeit, Zukunftsplanung, sexuelles Harmonieverständnis ohne Zeitdruck – das ist doch etwas Schönes.

Vollkommen nachvollziehbar, dass so ein Freund in den ersten Wochen die Unbekannte so stark zu lieben scheint, dass er viel Zeit mit ihr verbringt. Dieser neue Mensch wird auf den Rücken geschnallt und wie ein Rucksack mit wertvollem Inhalt durch die Landschaft getragen. Auf Stehtischpartys wird die neue Unbekannte vorgezeigt wie das aktuelle iPhone mit den Worten: „Dies ist die Personifizierung meines neuen Bauchgefühls!“ So cute! Das ist also Jutta: 39, 1,77 m, keine kleinen Kinder, Haare, Panuntukan (Dirty Boxing), Origami, Landschaftsgärtnerin.

So weit, so irrsinnig interessant für mich.

„Wir können den ganzen Tag in einem Raum verbringen, ohne dass die Luft komisch riecht!“, sagt Paul über sich und Jutta.

Nachdem diese ersten Wochen vorbei sind und gewisse Routine in den Alltag eingezogen ist, gibt es den alten Kumpel Paul nicht mehr als Paul allein. Es gibt nur noch das Wir. Eine Jutta-Paul-Kombi. Während ich z. B. seit vierzig Jahren liiert und seit zweiunddreißig Jahren verheiratet bin, erzähle ich immer von meinen Erlebnissen und davon, was ich dazu denke.

Bei besagten Wir-Personen erfolgt dann oft die Antwort: „Ja, so sehen wir das auch!“

Dieser Wir-Sog!

Man fühlt sich in diesen allgemeinen Wir-Sog hineingezogen. Jeder weiß, dass auch ich kein Singleleben führe, nimmt mich aber oft und gerne als Einzelperson wahr, weil es gewisse Dinge gibt, die nicht immer mit „Meine Frau sieht das auch so!“ bestätigt werden müssen.

Es ist doch häufig so, dass diese „Schattenhälfte“ gar keine Grüße bestellt hat und das aus Wir-Darstellungsgründen nur so gesagt wird. Ich hingegen werde keine Grüße ausrichten, die in Wirklichkeit nicht existieren. Das ist keine Unhöflichkeit, sondern meine Wahrnehmung der Realität. Es interessiert mich einfach erheblich mehr, dass mein Kumpel eine stabile gesellschaftspolitische Meinung vertritt, als dass diese sogenannte bessere Hälfte im Schatten das auch so sieht.

Natürlich sind die Freunde der Freunde, die nicht meine Freunde sind, immer wieder auch Thema auf den Schlachtfesten unserer belastend bewegten Zeit. Selbstverständlich sind die Verknüpfungen und Vernetzungen Thema, weil das Leben nun einmal Verknüpfungen und Vernetzungen benötigt.

Aber in Zeiten großer Individualitätsmissverständnisse ist das Treffen von mir und Paul anstatt von mir und Jutta-Paul eine besondere Qualität, die gepflegt werden sollte.

Man verliert Wir-Menschen an deren Liebste!

Es sind manchmal nur Nuancen im sprachlichen Umgang, die zwischen der Wir-Erklärung und der Ich-Argumentation unterscheiden. Wenn das Gegenüber gedanklich nur noch bei den Nahestehenden ist, dann stellt das für mich eine Art Verlust dar. Und zwar nicht nur im Sinne davon, dass sich halt das Leben der Menschen ändert, sondern im Sinne eines bewussten Entfernens. Und zwar ein bisschen mit dem erpresserischen Druck, dass ich das ja wieder ein wenig kitten könnte, wenn ich meine Frau ins Spiel bringen würde.

Paare nerven nämlich durchaus Dritte. Beziehungscoach-Personen raten daher ja auch, dass man sich in Partnerschaften nicht aufgeben soll, sondern durchaus auf eigene Faust mit alten Freundespersonen etwas unternehmen darf. Das wichtige Ich in den Verbindungen gilt übrigens gleichsam für Partnerschaften mit Müttern, Freundinnen, Ehefrauen, Ehemännern, BeiköchInnen und Hunden.

Mit Katzen hingegen besteht diese Wir-Gefahr nicht. Sie bestellen einem auch keine Grüße, sondern sie pinkeln einem allenfalls auf die Lackschuhe.

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