Paul, Jonathan und die AfD

Zwei alte Freunde: Paul und Jonathan unterhalten sich über den Ernst der Lage. Paul ist der Meinung, dass die Zustimmungswerte für die AfD als Ostproblem in den Westen herüberschwappen. Jonathan denkt jedoch, dass die größere Gefahr vom Westen ausgeht. Dort leben viel mehr Menschen, und die Zustimmung in der Bevölkerung ist ebenfalls nicht gerade niedrig.

Foto: Matthias von Schramm

Jonathan, ach ja, Jonathan. Mein Alter Ego. Eine Art zweites Ich, das ich vor über zwanzig Jahren einmal für Kurz- und Etappenprosa entwickelt habe. Mein literarisches Selbst, das es dank meiner Feder schaffte, meine Wenigkeit an Kuriosität und Schusseligkeit noch zu überbieten. Jonathan hat einen Freund. Das ist Paul: Betriebsrat, Gewerkschafter, Träger karierter Hemden, Che-Guevara-Tattoo aus der Jugend. In einem eheähnlichen Verhältnis zu sich selbst und zugleich auf der Suche nach dem Ich – vermindert schuldfähig. Beide Herren befinden sich bereits in den frühen Jahren des siebten Lebensjahrzehnts und wurden oft mit dem Attribut „Besserwessi“ versehen.

Es gab mal Zeiten, da unterhielten sich die beiden noch recht unbeschwert. Paul: zornig männlich, mit penetranter Betonung seiner weichen Seite. Jonathan: verschwenderisch ausgewogen, auf der Suche nach Verständnis und Verständigung und dabei den Blues schiebend – unterstützt durch Hilfsmittel, die mittlerweile legal zu bekommen sind.

Neben sozialkritischer gemeinsamer Reflexion unterhielt man sich darüber, was es mit einem macht, wenn junge Frauen einen auf dem Bürgersteig locker überholen, obwohl sie unbequemes Schuhwerk tragen. Die Lage ist aber mittlerweile viel ernster geworden.

Das Gespräch!

Paul: Undank ist der Welten Lohn!

Jonathan: Wie bitte? Dein Ernst!?

Paul: Schau Dir doch einfach mal diese Typen an. Diese Ost-Faschos. Diese Rostocker Würstchen. Was die alles bekommen haben nach der Wende – und jetzt wählen sie nur noch diese blauen Nazis.

Jonathan: So einfach ist das aber nicht. Merkste selbst, oder?

Paul: Erinnerst Du Dich, als die in den Neunzigern rüberkamen? Als sie sich schnelle Autos kauften und von Arbeit nun echt nicht so viel verstanden? Und uns dann auch noch erklärt haben, dass ihr Schulsystem viel besser sei als unseres?

Jonathan: Sicher, sicher. Wir hatten eine Mentalitätskonfrontation oder so. Aber es waren auch sehr interessante Menschen für wohlfeile Sexual- und Lebenspartnerschaften dabei.

Paul: Ja, die waren aber alle nicht wirklich zu gebrauchen, weil letztlich mehr oder weniger mit uns verwandt.

Jonathan: Zügle bitte Deine Zunge. Ich mag einfach nicht mehr in diesen albernen Rollen- und Zuordnungsklischees denken.

Paul: Aber Du hast mir doch selbst erzählt, wie ein Hansa-Rostock-Fan einer Rollstuhlfahrerin im Dienst St.-Pauli-Socken anziehen musste und alle, die davon erfahren haben, sich total darüber freuten, dass er dabei erhebliche Schmerzen erleiden musste.

Jonathan: Sicher, dass war aber durchaus berechtigt. Der Idiot wollte uns das Ost-Gemeinschaftsgefüge schmackhaft machen und beklagte sich darüber, dass ihm auf dem Kiez sein Fahrrad mit Hansa-Aufkleber geklaut wurde.

Jonathan geht kurz zum Kühlschrank und holt zwei Flaschen Bier aus Stralsund heraus – die Lieblingsmarke der beiden Freunde.

Paul: Du willst also immer noch behaupten, dass ostdeutsche Menschen nicht undankbar sind? Im Osten gibt es bald absolute Mehrheiten für die AfD.

Jonathan: Ich bin immer noch der Meinung, dass das fixe Überstülpen westlicher Werte nach der Wiedervereinigung ein Identitätsklau war. Wie sich so etwas anfühlt, davon haben wir Besserwessis der Boomer-Generation keine Ahnung.

Paul: Und deswegen wählt man Nazis? Wir haben denen doch beigebracht, wie fucking Demokratie funktioniert. Die Welt ist nämlich bunt. Und eigentlich haben sie damals die Welt doch selbst bunter gemacht – mit ihren grauen Trabbis und ihren Westpaket-Bluejeans.

Jonathan: Die AfD wird aber im Westen viel stärker gewählt. In den elf alten Bundesländern leben über 80 Prozent der Bevölkerung. Zählt man die potenziellen Wähler dieser Partei zusammen, leben im Westen viel mehr Menschen, die nach Deiner Theorie auf ostdeutsche Art und Weise undankbar sind.

Paul: Es zählen eben nicht die absoluten Zahlen. Diese „Thüringer Klöße“ haben absolut keinen Anstand. Die verstehen nichts von Minderheiten, die unsere Hilfe brauchen, und merken selbst nicht, dass sie eine Minderheit sind.

Jonathan: Sag ich doch – die Mehrheit lebt hier im Westen. Also die Mehrheit derjenigen, die nach Deiner Vorstellung die Demokratie nicht verstanden haben.

Paul: Wenn es im Osten aber nicht so hohe Zustimmungswerte gäbe, wären die Werte im Bund auch viel niedriger!

Jonathan: Hätte Friedrich Merz wie versprochen wenigstens im Westen die AfD halbiert, dann wären die Zahlen im Bund noch niedriger. Zudem: Die AfD ist eine Westpartei. Ich sage nur Oberursel.

Paul: Was haben wir echten Wessis denn mit Oberursel zu tun? Das liegt doch im Taunus. In Bayern.

Jonathan: Hessen! Und Hessen gehört zu Deutschland. Also zu Deutschland im Westen.

Paul: Okay, Du hast recht, wenn es nicht Bayern ist.

Jonathan: Und so was nennt sich Gewerkschafter.
(lacht)

Paul: Wenn der Westen aber das Problem wäre, wie Du sagst, dann hilft nur ein AfD-Verbotsverfahren!

Jonathan: Ich bin kein Jurist, aber bei den Kolumnisten zum Beispiel ist man sich in dieser Frage nicht wirklich einig.

Paul: Übel, übel – sprach der Dübel! Prost!

Jonathan: Prost!

Man stößt herzlich und herzhaft mit Stralsunder Bier an und versinkt im stillen Gebet an Klaus Störtebeker, der 1401 auf dem Hamburger Grasbrook bereits kopflos mit demokratischer Absicht die Leben seiner eigenen Leute retten wollte. Der Sage nach gelang ihm das sogar noch bei elf Männern.

Ganz Hamburg hasst die AfD!

Diese Parole – „Ganz Hamburg hasst die AfD“ – haben vermutlich sowohl Paul als auch Jonathan auf entsprechenden Demos gerufen. Das Gespräch dieser beiden fiktiven Figuren wurde kurz vor dem Erstellen dieses Artikels mittels Federkeil aufgezeichnet.

Es enthält einige Dinge, die ich zuletzt in verschiedenen digitalen und analogen Diskussionsgruppen aufschnappen musste und durfte. Für mich als „Besserwessi“ ist es eine gefährlich undifferenzierte westliche Sichtweise, die AfD als „Ostproblem“ abzutun. Denn im Westen wächst zahlenmäßig die blaue Zuversicht – und mit ihr ein Geist, der von den Rechten anderer Menschen nicht mehr viel hält. Zumindest dann nicht, wenn es eben nicht die eigenen Mitmenschen sind.

Im Osten hingegen schrumpft die Bevölkerung, und verhältnismäßig wenige Menschen wählen auch in den Provinzen aufgrund fehlender Alternativen innerhalb demokratisch denkender Lager die AfD. Und je mehr wache Menschen gerade diesen Regionen den Rücken kehren, desto größer bleibt die Gefahr steigender Zustimmungswerte.

Allerdings sehen wir hier im Westen absolute Zahlen von vielen Millionen Wählern, die derzeit eine rechtsextreme Wahlentscheidung treffen oder treffen würden. Die Chance, diese Zahlen wieder zu reduzieren, sehe ich im Westen allerdings als deutlich größer an. Für den Bund jedoch sind die Bekenntnisse zur AfD im Westen das größere Problem.

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