Warum sterben nur die Guten jung?

„Nur die Guten sterben jung“ oder auf Englisch: „Only the good die young“ sagt man manchmal zur Trauerbewältigung oder auch sarkastisch mit dem Blick auf die Ungerechtigkeit der Welt. Chris Kaiser geht es ernsthafter an und widerspricht mit einer Analyse. (Miniserie: „Einspruch, lieber Volksmund!“)

Nur die Guten sterben jung? pixabay - Silvia Städter

Als Kurt Cobain 1994 starb, erfand man den Begriff des „Club 27“, da es das Alter war, bei dem er und einige seiner Sängerkollegen eine Generation davor ihr Ende fanden, gerade diejenigen, die man als besonders ikonisch empfunden hatte: Jimi Hendrix, Janis Joplin und Jim Morrison. Als Amy Winehouse im selben Alter 2011 starb und das in ähnlichen Umständen, wie Missbrauch von Alkohol und/oder Drogen, verfestigte sich dieser Ausdruck. Mit 27 ist man als Sänger ja nun nicht gerade am Ende der Fähigkeiten angelangt, und überhaupt ist dieses Alter nicht eines, das man als fortgeschritten empfindet.

James Dean, der 1955 mit 24 Jahren starb, hatte nach gerade drei Filmen Hollywood erschüttert. Sein intensives Spiel, sein Image als „Rebel Without a Cause“ und auch sein dramatischer Tod im Wrack seines Porsches – perfekte Ingredienzen, um ihm den Status als junggebliebene Legende zu verschaffen.

Ätherische Unschuld

Ich kann mich an einen Backfischroman der Jahrhundertwende um 1900 erinnern, in welchem die jüngere Schwester der Protagonistin tragisch einer Krankheit erlag. Dieser Charakter blieb mir im Gedächtnis (ich war vielleicht 12 Jahre alt) wie eine ätherische Figur im Weiß des Nachthemds, unschuldig und von einer ethischen Perfektion, dass dieser Spruch vom Guten der jung stirbt, entweder explizit fiel, oder ein Topos war, den ich sofort so begriff oder schon kannte.

Man kann sich dieser Vorstellung irgendwie kaum entziehen, dass so etwas Gutes und Perfektes so unwirklich erscheint, dass die Unwirklichkeit verwirklicht wird, also es dann auch recht schnell stirbt. Ein Topos, der so alt ist, dass er mindestens auf den frührömischen Dichter Plautus zurückzuführen ist, in dessen Spiel „Die Bacchides“ der Satz fällt: „quem di diligunt adulescens moritur“ – den die Götter lieben, der stirbt jung. Und die Götter lieben sicher das Perfekte, vielleicht auch das Unschuldige, und so wollen sie den Verfall, den das Leben mit sich bringt durch das abrupte Ausscheiden daraus unterbrechen.

Der Schmutz des Lebens

Das Sterben als Rettung und Konservierung; und das Leben als etwas, das voller Schmutz nur darauf lauert, uns zu besudeln. Irgendwo sehr zynisch, aber irgendwo auch ein bisschen wahr. Die Mitglieder des Clubs 27 hinterlässt konservierende Aufnahmen ihrer Stimmen und Gesichter, als sie noch jung und schön waren.

Greta Garbo hat sich – so nimmt man an – aus genau diesem Grund mit 36 Jahren aus dem Filmgeschäft zurückgezogen. Sie wollte das Ikonische, das sie darstellte, nicht durch die Realität des Alterns stören. Sie war die Garbo, und das konnte sie nur mit dem Glow und der atemberaubenden Schönheit ihres noch jungen Gesichtes sein.

Es geht hier also vor allem um eine äußerliche Perfektion und ein ästhetisches „Gutsein“. Und natürlich spielt das eine Rolle, auch wenn man bei den genannten Sängerstars und auch bei James Dean ganz sicher nicht nur darauf setzte. Es ging vor allem um das Beeindrucken in ihrem Metier.

Auge des Betrachters

Denn die Serie des bedeutsamen Outputs dieser Stars wird in diesen Fällen nicht von Scheitern unterbrochen, sondern von ihrem Tod. Wir tendieren dazu, eine Extrapolation in Kontinuität zu machen. Wenn jemand drei-, viermal erfolgreich ist, dann erwarten wir auch den fünften und sechsten Erfolg. Wenn jemand uns mit seinem Schauspielen erschüttert, dann ist das der Maßstab, den wir an diesen setzen. Er wird uns wohl weiter immer wieder erschüttern – so erwarten wir es instinktiv.

Und beides ist also im Auge des Betrachters. Bei der MASSE der Betrachter, in dem Fall die der Diven und Stars. Es gibt keine Transformation in etwas Älteres, oder auch nur Anderes. Und auch kein Scheitern, das Enttäuschung erzeugt. Oder Ärgerliches, das man nicht von demjenigen erwartet hat. Denn wie bei Greta Garbo sehen wir nur wenige bestimmte bereinigte Eigenschaften, oder wie bei James Dean werden wir atemlos überrascht und im Innersten berührt. Oder erwarten von Kurt Cobain, dass der Teen Spirit uns mit derselben Wucht trifft, wie das erste Mal, während weder er noch wir noch Teenager sind.

Was wäre wenn …

Wenn Jim Morrison weiter seichter und seichter geworden wäre oder sein Drogenkonsum ihn nicht getötet, sondern sicht- und hörbar verfallen gelassen hätte, hätte das vielleicht ähnlich Melancholie bei seinen Fans erzeugt, wie ein nur langsamerer Tod. Aber was wäre, wenn er sich plötzlich dem falschen politischen Lager zugewandt oder im Drogenwahn Menschen getötet hätte? Das ist nicht mehr etwas, das man einfach akzeptieren und die Errungenschaften der guten Phase weiter „unschuldig“ feiern kann.

Brigitte Bardot hat sich, wie Marlene Dietrich oder Greta Garbo, aus dem Filmgeschäft zurückgezogen, als ihr Aussehen nicht mehr dem genügte, was sie vorher so ikonisch ausmachte – Unschuld mit sündhaften Lippen. Solange sie dabei sich noch auf den Tierschutz konzentrierte, war das ohne Weiteres als etwas „Gutes“ zu sehen, aber als sie sich nicht nur mit einem Front Nationale-Mitglied verheiratete, sondern auch frauen-, schwulen- und ausländerfeindlich äußerte, war das Image endgültig nicht mehr das der jugendlichen Freiheit, das die französische intellektuelle Elite beeindruckte.

In Deutschland

Auch Intellektuelle in der deutschen Szene wanderten über die Jahre und Jahrzehnte vom verehrten Intellektuellen hinüber zum Desavouierten und Verachteten, sei es Alice Schwarzer, Matthias Matussek, Harald Martenstein, Sahra Wagenknecht, Hendrik M. Broder oder Peter Handke. Doch hier kommt man dem Ganzen vielleicht eher auf die Spur, denn alle diese Namen haben ganz unterschiedliche „Wanderungen“ hinter sich, und je nach eigener politischen Position kann man das auch unterschiedlich bewerten. Es lohnt sich, ein bisschen das Feld auszudifferenzieren.

Matthias Matussek macht die deutlichste und direkteste Kreuzung über das politische Spektrum, und das sieht er selbst so – zumindest trotzt er sich zu diesem Selbstbild. Für mich eine eher tragische Figur, die durch die eigene Neugier und zu starke Offenheit für das angeblich Gute, letztlich genau das Gespür dafür verliert. Bei Broder hingegen ist eine deutliche Konstanz zu erkennen, sein Kompass war immer derselbe, doch das Feld unter ihm hat sich gewandelt. Wenn er die Ein-Mann-Opposition gegen linken Irrtum geblieben wäre, dann hätte es ehrenvoller ausgesehen, wie jetzt in dieser Meute von Irrläufern, die sich „dagegen“ positioniert. Da geht er einfach unter. Martenstein erwartet dieselbe Welt wie in seiner Hochzeit, da sie sich aber gewandelt hat, kann er sich nur noch darüber jammernd äußern.

Irrtum der Verblendeten

Sahra Wagenknecht war ein Irrtum der Verblendeten, die in ihre stoische Miene und intellektuelle Sprache Inhalt projizierten. Sie war schlicht ein Novum für den routinierten Westen, eine erfrischend „Andersartige“, doch im Gegensatz etwa zu Merkel, schien sie die Erwartungen an eine schöne Frau mit Geist überwältigend zu erfüllen. Dass sich nach so und so viel Jahren Desselben von ihr, dann während Corona, Ukraine und die eigenen Ambitionen ganz andere Schlaglichter erzeugten, die entlarven mussten – das kann man ihr nicht einmal mehr anlasten. Ihre früheren Verehrer wollten etwas in ihr sehen, das sie einfach nicht leisten konnte, und sie ließ sich von dem Verehren verführen, sich Inhalt einzubilden.

Peter Handke ist in der Wahrnehmung von außen ein bisschen zwischen Matussek und Broder einzuordnen, zumindest in dieser Analyse. Konsequent wie Broder, ohne sich nach anderen zu orientieren, aber auch amoralisch orientiert nach einem Wert wie Nationalismus, egal was Fakten und Rationalität besagen – ein wenig wie Matussek. Sich vom serbischen Nationalismus vereinnehmen zu lassen, den Nobelpreis für eine unstrittig geniale Literatur entgegennehmen – kein Widerspruch für ihn, widersprüchlich für Außenstehende.

Nicht so widersprüchlich

Doch am interessantesten in diesem Bereich finde ich Alice Schwarzer. Was reitet diese Streiterin für Gerechtigkeit für Frauen, dass man sie für transphob hält, wenn doch Feminismus in der LGBTQ-Szene einen Alliierten sehen könnte? Warum wirkt die Person, die sich in Deutschland über Jahrzehnte gegen diesen überwältigenden Machismus und das Patriarchale in Medien und Politik fast alleine behauptet hat, selbst plötzlich autoritär?. Aber vielleicht ist das gar nicht so widersprüchlich oder überraschend. Wenn man annimmt, dass Schwarzer genau durch die Eigenschaft der Unnachgiebigkeit und mit einem überwältigenden Selbstbewusstsein diesen Zermürbungskrieg über die Jahrzehnte so unbeschadet und zu Teilen erfolgreich geführt hat, dann ergibt das eher Sinn. Und dass eine Radikalfeministin das Frausein ungern mit ehemals als Männer gelesenen Menschen teilt, vor allem wenn sie die den biologischen Frauen vorbehaltenen Problemen wie Schwangerschaft und Abtreibung das Rampenlicht verschafft hatte – dann verliert das etwas an Diskrepanz.

Rechtzeitig sterben

Was genau ist denn das „Gute“, das man in dem sieht, dessen jungen Tod man beklagt? Ist das nicht oft nur etwas, das in eine temporäre oder enge Sichtweise, gerade gut hineinpasst? Anders noch als die Jugend und Schönheit, die man ja mit einigem Recht (wenn auch nicht absolut so zu sehen) objektiv als ein nach und nach verschwindendes Gut sehen kann, wenn man nur lang genug wartet – gibt es „Güter“, die sind zufällig dem Zeitgeist oder der individuellen Lebensabschnitts-Weltsicht zugepasst, und die sich dann eben auch hinausbewegen können. So wie sich auch etwas nach einiger Zeit hineinbewegen kann, wenn man nur lange genug wartet. So wie auch in der christlichen Religion die späte Reue und „Heimkunft“ in den Schoß Gottes passen kann. Unschuldig wie die Backfisch-Schwester oder ein frisch geborenes Baby – das nein. Aber doch ein Paulus aus dem Saulus. Hauptsache man stirbt DANN rechtzeitig, bevor man wieder hinausläuft aus diesem Raster der Güte.

Mit und ohne Paulus

Und auch wenn der Paulus als Heiliger gilt, so ist sein Saulus-Sein vor dem Damaskus-Erlebnis des Bekehrens nicht ausgelöscht. Er war immerhin mal ein Saulus. Und kann genug leben, um sich noch und nöcher als Paulus zu etablieren. Aber die Unschuld oder Güte des Jungen, der früh das Leben verlässt – die hat eben nicht diesen Grund wie bei diesem frühen Heiligen. Sondern dass die Gelegenheiten, Flecken auf die weiße Weste zu bekommen, einfach viel geringer waren. Und einige haben es eben geschafft, bis zu ihrem frühen Tod sauber zu bleiben. Oder bei unserem Beispiel der Ikonen und Diven – sie haben das Feld auf der Höhe ihrer Zeit verlassen, als die Scheinwerfer des Ruhms noch genau auf den Grund des Ruhms schienen, sei es das Schauspiel James Deans oder den Songs von Janis Joplin. Bevor der Geschmack des Publikums gesättigt war und es keine Exzellenz mehr erkennen konnte. Bevor ein Projekt gescheitert oder so viele Song sauch mal schlecht sein konnten, dass sie wie Roy Black Möbelhäuser eröffnen mussten, nachdem sie vorher gehypt wurden. Bevor die Anforderungen der politischen Avantgarde in völlig andere Richtungen gehen, als für die man vorher gefeiert wurde oder man sich damit nicht mehr identifizieren konnte. Die Gleichförmigkeit der Exzellenz oder des Passenden als Illusion, einzig erzeugt durch das zu schnelle Ableben des so Projizierten.

Nein. Nicht „die Guten sterben jung“, vielmehr: „die, die jung sterben, sind viel leichter gut geblieben.“ Zumindest in der Wahrnehmung.

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