Was ist Satire?

Wenn jemand auf irgendeiner Bühne schlechte Witze über Minderheiten, Benachteiligte und Opfer macht und man das nicht lustig findet, heißt es von der entsprechenden Kundschaft bevorzugt, dass es sich um Satire handelt. Ein schneller Reflex, um denjenigen, der angeblich zum Lachen in den Keller geht, als unwissend darzustellen.

Grafik KI unterstützt

In der letzten Woche kursierte eine Geschichte um Dieter Nuhr, der seine Pointe auf der Tatsache von Femiziden – oder vielmehr auf Morden an Frauen, die nicht einmal explizit als Femizide eingeordnet werden – aufbaute, um sich letztlich damit zu rechtfertigen, dass er eigentlich die strukturelle Anklage aller Männer kritisieren wollte. Ein Umweg, untermauert mit einem preiswerten Scherz über die Partnerwahl, die einseitig in die Hände der Frauen und damit in ihre Verantwortung gelegt wird.

Die Reaktionen, sofern nicht hinreichend bekannt, reichten von verständlicher Empörung bis zur exemplarischen Verteidigung der Zunft des Satirikers.

Ich verstehe also nicht? Witze über Femizide sind so lange okay, solange es auch einen Böhmermann gibt und die „Whataboutism-Keule“ geschwungen wird? Nun aber erst einmal genug Bühne für Herrn Nuhr und schlechte Witze.

Der Preis ist heiß!

Ich habe mich selbst nie als Satiriker betrachtet. Dennoch habe ich mich einmal in der eigentlich schönen Stadt Schwerin einem Satirewettbewerb gestellt und dort zwar nicht den ersten Preis, aber immerhin einen Preis gewonnen. Er wurde mir vor Ort in Gestalt von überbackenem Würzfleisch feierlich überreicht.

Ich hatte keine Ahnung von Satire – ich wurde nur mit den üblichen Floskeln befeuert: „Satire muss wehtun, sie muss übertreiben, Gürtellinien ignorieren“, quasi die Zuschauenden zu einem „Ohohoho“ im Sinne von „Hat er nicht gesagt!“ – wie es neudeutsch heißt – verleiten. Satire muss also klar, bissig und meinungsstark sein.

Ihr entstammen also Sätze wie: „Persönlich parteiisch, provokant“ oder „Sie lesen heute schon, was Sie gestern auch schon nicht gewusst haben!“

Der gedeckte Tisch – die übersprudelnde Sprache!

Die lanx satura (von der sich der Begriff Satire ableitet) ist eine volle Schüssel mit verschiedenen Früchten beziehungsweise ein bunt gemischtes Allerlei. Allerdings ist sie nicht zu verwechseln mit: „Ich rede so, wie mir der Schnabel gewachsen ist.“

Wer gerne beobachtet, dem fällt vieles auf. Aus diesen Beobachtungen spinnen sich dann Formulierungen, die einen hinforttragen in eine Welt der Klangfarben – inklusive kleiner Witzchen über das Menschliche.

Ein gewisser Horaz (Quintus Horatius Flaccus) schrieb: „Caelum, non animum mutant, qui trans mare currunt.“ – „Sie wechseln den Himmel, nicht ihren Charakter, die über das Meer eilen.“ Nur der Ort wird geändert, Lösungen werden dadurch jedoch keine gesucht.

Die Satire im Alltag!

Satirisch verwertbare Momente kenne ich aus der Schulzeit. Wenn Lehrpersonal meine intellektuell verarbeitenden Freundinnen und Freunde zu knechten versuchte und durch seine etwas verzweifelte Befehlssprache Legendäres schuf.

Zum Beispiel erzählte mir ein Freund, dass der Lehrer eine Mitschülerin umsetzen wollte und diese auf seine Aufforderung mit den Worten: „Ne, mach ich nicht.“ reagierte. Als sie dann noch als Begründung nachschob: „Was ich Quatsch finde, finde ich Quatsch!“, verzweifelte der Lehrer vollends und klagte: „Du willst mich betrügen!“

Oder auch die für einen Norddeutschen lustige Tatsache, dass mir ein österreichischer Lehrer im Rahmen einer Schwimmbadsession mit den Worten drohte, meine Versetzung hinge an einem seidenen Faden, und diese Formulierung mehrfach wiederholte. Lustig vor allem deshalb, weil er das s beinahe wie ein z aussprach und bei ihm Parmaschinken wie „Barmerschinkn“ klang. Aber auch, weil Seide enormen Zugkräften standhält und als äußerst solides Material gilt.

Sich lustig machen!

Situationen, Abläufe und Kuriositäten verlangen manchmal nach Ausschmückungen und nach der Lust, sich über gewisse Rituale, sprachliche Fails und Ähnliches lustig zu machen. Diese Situationen haben in der Regel mit Menschen zu tun. Satire entmenschlicht also nicht, sondern karikiert das Wann und Wie von Abläufen.

Gewaltspiralen in Partnerschaften mit mehrheitlich weiblichen Opfern höhnisch zu kommentieren, sind aber kein Gegenstand, der mit Satire zu rechtfertigen wäre. Das Skizzieren von Beziehungen, in denen der Umgang komische Blüten treibt, allerdings schon.

Ich mache mich dann auch lustig. Und zwar über Skurriles. Und zwar über etwas, das ich skurril finde. Andere müssen das allerdings gar nicht skurril finden. Zum Beispiel wäre einem anderen der österreichische Lehrer mit seinem „seidenen Faden“ vielleicht gar nicht aufgefallen.

Bei mir kommt noch hinzu, dass ich mich an sein Gesicht erinnere und an seinen Versuch, seinem Antlitz und damit seinen Worten eine unglaubliche Wichtigkeit und Gewicht zu verleihen. Aber nur weil ich das witzig finde, muss das niemand sonst genauso witzig finden.

Ich käme also nie auf die Idee, beim Ausmalen des Verhaltens einer Lehrerfigur zu sagen: „Du verstehst das nicht. Das ist nämlich Satire!“

Immerhin muss man sich beim Schreiben auch diesen Stimmen stellen:

Kurt Tucholsky:
„Der Satiriker ist gekränkter Idealist: Er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an.“

Jonathan Swift:
„Satire ist ein Spiegel, in dem der Betrachter gewöhnlich das Gesicht jedes anderen entdeckt, nur nicht sein eigenes.“

Denn beim – eventuell satirischen – Sich-lustig-Machen über Umstände entsteht schnell eine Schieflage, wenn man sich nur noch über die Menschen selbst lustig macht.

Lesen Sie auch: Identität gesucht – gefunden

Newsletter abonnieren

Sie wollen keine Kolumne mehr verpassen? Dann melden Sie sich zu unserem wöchentlichen Newsletter an und erhalten Sie jeden Freitag einen Überblick über die Kolumnen der Woche.