Identität: gesucht – gefunden

Identität hält Chris Kaiser für viel zu komplex und sogar für zu fließend, um es nur an die Herkunft zu binden. Aber wenn sie über Identität nachdenkt, dann fällt ihr ihre Herkunft IMMER ein, während anderes mal vorkommt, mal nicht, mal dieses ist, und auch mal jenes.

Identität - Kostüm oder Essenz?
Identität oder Kostüm? pixabay: gemalt

Ich bin seit ein paar Monaten ein glücklicher Hörer von Deutschlandfunk Kultur, deren Sendungen mir passend zu meiner Hin- und Rückfahrt in die Arbeit Glück und Inspiration bieten. Am Vormittag höre ich in die Sendung „Lesart“ hinein, in welcher Bücher und ihre Autoren vorgestellt werden, oder gar mit ihnen gesprochen wird. In der letzten Woche war es das Buch „Unerwünschte Töchter“, und Miriam Carbe wurde vorgestellt als eine Moderatorin des Senders arte, mit halb nigerianischen, halb deutschen Wurzeln. Ich folgte dem Gespräch mit der Autorin, wie sie über ihre Großmutter und ihre Mutter sprach, wie sie mithilfe der Tagebücher der Frauen in ihrer Familie ihre Identität und ihr Selbstverständnis erforschte … Es dauerte eine Weile beim Zuhören, bis ich eine gewisse schleichende Überraschung und Widerständigkeit in mir fühlte, die ich nicht gleich verstand, bis es mir aufging: Dieses Graben nach dem eigenen Ich mithilfe früherer Generationen, dieses Verbundenfühlen mit der Mutter, Großmutter, Urgroßmutter – das galt nicht der afrikanischen Herkunft, sondern der bürgerlich-deutschen von Miriam Carbe.

Widerständiges Verstehen

Aber warum sträubte sich mein Verstehen so lange, das zu begreifen? Ich musste über mich selbst lachen. Da schau her, dachte ich, ich hatte erwartet, dass das Immigrantische, das Ferne, das Exotische, in diesem Fall: das Afrikanische die Identität der Autorin ausmacht, sie inspiriert, sie fasziniert. Warum eigentlich denn?

Ich bin ja in meiner Familie auch diejenige, die den „Migrationshintergrund“ hereingebracht hat. Was Familie selbst ist, die Herkunft, das, was in meiner Familie von Bedeutung ist, von meiner Seite kommt mein siebenbürgischer Hintergrund, meine rumänische Herkunft, die Geschichte meiner Familie, die „Saga“ – alles das. Mein Mann geht dabei voll mit, meine Kinder sind nicht müde, sich von mir „aus der Heimat“ erzählen zu lassen, sie kennen vom Zuhören meinen Siebenbürger Dialekt. Ja, man ist deutsch, aber mit Färbung, und man ist auch ein bisschen stolz darauf.

Nicht die afrikanische Herkunft

Ob es an diesem lag, dass ich beim Buch von Miriam Carbe genau was Anderes, nämlich die afrikanische Herkunft als Thema erwartet hatte? Bei mir ist ja meine Herkunft circa 1500 km entfernt, meine Mehrsprachigkeit kultureller Vorteil, meine Immigrationsgeschichte eine Entschuldigung für Eigenheiten und Defizite. Diese Dominanz des Andersseins in meiner eigenen sozialen Umgebung, die hat mich dafür sensibilisiert, oder, negativ gesagt: voreingenommen gemacht. Ich erzähle gerne, dass ich sehr gut integriert bin, dass ich mich dagegen wehre, der Siebenbürgertümelei anheimzufallen; und ich bin mir sehr bewusst, dass mich das Hier und Jetzt meiner Realität im Deutschland von 2026 bei weitem mehr prägt als alles Frühere und Dortige. Es ist sogar nicht zu leugnen, und wahr ist auch: Ich wohne jetzt länger hier in Süddeutschland als ich woanders gewohnt habe, und ich kenne Aldi Süd, FC Bayern München, die deutsche Parteienlandschaft und die Straßenverkehrsordnung besser als alle Entsprechungen woanders. Meine Realität ist unleugbar deutsch.

Identität – komplex und fließend

Und dennoch ist mir selber an mir oft am interessantesten, dass ich aus „Transsylvanien“ komme, dass ich mit drei Sprachen aufgewachsen bin, dass ich hinter dem Eisernen Vorhang Kind war, dass meine Familie einer Minderheit in Rumänien angehört hat. Nicht, dass es mich vollkommen ausmacht, um Himmels willen, nein. Ich bin auch Nerd, Feministin, Science-Fiction- und Asien-Fan, ich habe den besten Mann der Welt für mich gefunden und bin Mutter meiner wunderbaren Kinder, ich schreibe für diese Kolumnisten … Und Identität halte ich für sowieso viel zu komplex und sogar zu fließend, um es nur an meine Herkunft zu binden. Aber wenn ich über Identität nachdenke, dann fällt mir meine Herkunft IMMER ein, während anderes mal vorkommt, mal nicht, mal dieses ist, und auch mal jenes.

Kostüm-Juden, weiße Schwarze und Pretendians

Es gab vor ein paar Jahren einen Publizisten, der jahrelang vorgab, Jude zu sein, und auch mit einer jüdischen Stimme öffentlich zu sprechen, bis sich herausstellte, er war kein Jude. Es war etwas Hochstaplerisches darin, aber nicht als etwas mit hohem Status, sondern als Opfer, in dem Staat der Täter – der Fall Fabian Wolff . Und es gab wohl noch mehr von diesen, sogenannten „Fake Jews“ oder „Kostümjuden“. Und dieses deutsche Phänomen wird parallelisiert mit zwei anderen in den USA – dem falschen Afro-Amerikaner und dem inszenierten Native American. Mit der vorgegebenen Schwarzen Identität blendeten Jessica Krug und Rachel Dolezal ihre Umgebung, ihre Forschung stoppte nicht vor einer tiefenpsychologischen Selbsterforschung ohne echte Grundlage. Und für die Vorgabe einer indigenen Herkunft in Nordamerika gibt es auch noch einen eigenen Begriff: „Pretendians“.

Identität aus Leiderfahrung

In all diesen Fällen sticht heraus, dass es sich um ein Vergraben in eine Identität handelt, die Leiderfahrung unter der Mehrheitsbevölkerung zelebriert. Wobei diese Personen selbst nach ihren eigenen Prämissen der Identifizierung (sic!) eigentlich zur Tätergruppe gehören. Ich habe in meiner Studienzeit auch eine gewisse Semitophilie aufgesaugt, ich hege eine gewisse Bewunderung für Israel und seine Bevölkerung, ich habe schon als Kind die Origin-Story der Juden gerne gelesen – das Alte Testament. Ich kann ein bisschen ahnen, dass man sich von dieser einzigartigen Geschichte, die dieses Volk unter den Völkern der Erde hat, angezogen fühlt. Was ein jüdischer Freund mir mal überraschend sagte, erklärt es auch ein wenig, sinngemäß: „Chris, ihr Nichtjuden versteht das vielleicht nicht, wie besonders unser Verhältnis zu unserem Gott ist!“ Unappetitlich und unanständig wird es, wenn man das generationelle Trauma das unsere deutsche Mehrheitsbevölkerung (und ja, die Zugehörigkeit dazu kann ich auch als Siebenbürger Deutsche – leider – bestätigen) umkehrt und sich vom Täter- zum Opfernachkommen inszeniert. Allerdings klingt es mir in den meisten Fällen dieser Kostümierungen nicht nach dieser Perfidie als Motivation, perfide ist es erst in der Analyse. Die Motive scheinen mir eher darin zu liegen, dass man dieses ungeheure Trauma mit der folgenden Reaktion und auch Resilienz der Opfergruppe, dieser Zusammenhalt und die Gemeinschaft, als identitätsstiftend empfindet. Mehr identitätsstiftend als jeder „Stolz“ einer Nation bewirken kann. Wenn – wie im Fall der Publizisten und Dozenten – dazu kommt, dass man sich intellektuell und mehrschichtig, aber ohne die echten pathologischen Formen des Traumas damit auseinandersetzen kann – das ergibt den offensichtlich ersehnten Tiefgang des eigenen Seins, wie man ihn ohne diesen familiären und nativen Hintergrund nicht erreichen kann. Man kapert den Coping-Mechanismus einer traumatisierten Bevölkerungsgruppe, um sich selbst mehr zu spüren! Um sich selbst als etwas Größeres zu spüren.

Ungeheuerlich und perfide!

Die Ungeheuerlichkeit liegt nicht in dem Akt selbst, denn diese Menschen sind ihrer eigenen Schwäche unterlegen. Wie bei den Hochstaplern, die sich als Ärzte, Anwälte, Offiziere etc ausgeben, also als Persönlichkeiten mit sozialem und professionellem Status, ist das Risiko, entdeckt zu werden, viel zu groß, um noch rational erklärt zu werden, alleine durch Profit. Das selbstempfundene Defizit erzeugt eine Dynamik, das diese Menschen noch mehr mitreißt als die Umgebung. Es ist schlicht der Schaden, den sie anrichten, das Vertrauen, das sie missbrauchen, das, was ihre Scharade ungeheuerlich macht. Im Falle der Kostüm-Opfer liegt der Schaden darin, dass die Opfer selbst nicht nur ihrer Stimme beraubt werden, sondern auch noch ersetzt werden. Indigene Völker, die Schwarzen in Amerika, die Millionen Toten in den Gasöfen des Reiches – so viele Stimmlose, die sich ihr Sprechen und Bemerkbarmachen aus Leid und Vernichtung erkämpfen mussten – und dann spricht doch wieder jemand anderes an ihrer Stelle, der all dieses Leid gar nicht erfahren hat, und schreibt über etwas und publiziert, das er gar nicht gespürt haben kann. Das ist das Perfide daran!

Identität als Kontrast zur Selbstverständlichkeit

Meine Herkunft gibt diese Dimension nicht her. Und die nigerianische Herkunft von Miriam Carbe erzeugt diese Spannung wahrscheinlich auch nicht. Doch einen gewissen Hauch davon kann ich erahnen, da ich als Teil der Minderheit im national-kommunistischen Rumänien Ceausescus durchaus Feindseligkeit erlebt habe. Und als arme Aussiedlerin mit Akzent habe ich mich nicht immer mit offenen Armen empfangen gefühlt. Auf jeden Fall aber schätzte ich meine Identität im Kontrast zu meiner Umgebung ständig ab, nolens volens. Erst der Unterschied macht es möglich. Ich will gar nicht vom „Privileg der Mehrheitsbevölkerung“ sprechen, dessen man sich nicht bewusst wird, wenn man Teil davon ist. Aber ein ähnlicher Mechanismus kann schon alleine in der Abweichung liegen. Wenn ich selbst weiß bin wie die meisten, dann brauche ich schon eine bewusste Anstrengung, dass „schwarz“ für andere genauso selbstverständlicher Alltag ist, der ihnen aus dem Spiegel entgegenblickt. Wenn ich Deutsch als Muttersprache habe, dann ist es eine ebenso bewusste Anstrengung, anzuerkennen, welche Mühe jemand ins Lernen der Sprache steckte, um einigermaßen mitzukommen, während Arabisch und Russisch ihre eigene Wahrnehmung der Welt ermöglicht oder erzeugt. Wenn ich christlich getauft bin, dann ist mir ein „Frohe Ostern!“ leichter auf den Lippen als ein „Eid Mubarak!“ oder „Purim Sameach!“, und dass es religiöse und identitäre Implikationen mit sich bringt, nicht unbedingt bewusst.

Keine Folklore

Diese Merkmale des eigenen Seins werden im Kontrast schneller bewusst. Und damit Identität. Und wer nach diesem Gefühl von „Identität“ lechzt, der braucht das Eigene in einer Gemeinschaft und das wiederum im Kontrast zum Anderen – denn da zeigt sich dieses Gefühl am deutlichsten. Wir sollten nur nicht den Fehler machen, die ähnlichen Wunden in einer Gruppe für folkloristische Kennungen zu halten, die wir entweder von außen bewundern oder – noch schlimmer – uns kulturell aneignen. Oder an uns selbst kultivieren.

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