So oft gehört oder gelesen: ein Satz, der mit dem ausgesprochenen oder ausgeschriebenen „Punkt“ endet und mich immer wieder aus der Fassung bringt, als wäre es das erste Mal. Man war doch noch im gemeinsamen Austausch. Man war dabei, Dinge zu relativieren und einzuordnen. Bestenfalls fühlte man sich gegenseitig wohl. Die jeweiligen Argumentationsketten haben zeitweilig gezündet.
Es war ein Streit im guten Sinne. Ein Austausch über Liebe, Hass und gemeinsames Miteinander. Ein entschiedener Akt rhetorischer Zärtlichkeit. Zur Unterfütterung der eigenen Argumentation hat man sogar Zahlen genannt. Zahlen, die selbstverständlich aus seriösen Lieblingsquellen recherchiert waren. Man hat dem Gegenüber den eigenen Standpunkt mit zerknüllten Schreibtischseiten liebevoll und entschieden an den Kopf geworfen. Doch dann war die Kuh gemolken. Aus dem Nichts. Es ging nicht mehr weiter und schon gar nicht mehr zurück.
Das Fallbeil!
Das Fallbeil hat sämtliche Nervenbahnen durchtrennt. Absolute Stille! So ein Moment, in dem jemand schweißgebadet und mit viel zu hohem Blutdruck aufsteht und sagt: „Ich diskutiere nicht mehr!“ Und dann dieses Wort, dieser ethisch fragwürdige ausgesprochene oder ausgeschriebene Ausdruck: „Punkt!“ The point of no return! Noch schlimmer als der „Punkt“ ist dieser Zusatz: „Du hast Recht und ich habe meine Ruhe!“ Und zwar ohne Nachdruck, ohne Beleidigung, ohne Arsch und so. Keine Gelegenheit mehr, sich gegenseitig den Unterkiefer zu zertrümmern. Kein Duell mehr von Liebe und Hass, sondern nur liebloses Schweigen. Pädagogisch gesehen: ein Miteinander ohne Wert.
Wir sind hier doch nicht in der Schule. Ein Mensch nimmt sich das Recht und bestimmt den Punkt – das Ende einer Entwicklung. Er definiert den Fakt und spricht ein endgültiges Urteil. Das Universum ist auf einen winzigen „point of no return“ reduziert und darf nicht mehr neu entstehen.
Diskussionskiller!
Diskussionen zu töten ist ein fragwürdiges Vergnügen. Dennoch gibt es da sehr viel kreativere Möglichkeiten, als sich einfach nur mit dem „Punkt“ aus der hoffnungsvollen Affäre zu ziehen. Z. B. indem man das Hauptthema einfach weit hinausträgt aufs Meer, jedem logischen Zugang entrückt. Man antwortet nicht mehr direkt. Themenwechsel, Wetterwechsel, Wolken im Paradies.
Ach ja, die guten alten Zeiten in den Diskussionsforen:
„Ich habe gar kein Auto!“
„Ein Auto braucht man aber, Punkt!“
Nun ist der Mensch normalerweise nicht so gestrickt, es mit jedem noch so unbekannten Gegenüber per Versöhnungssex zu regeln. Nicht jeder Mensch ist wie Raimund Harmstorf es war. Ein Mensch, der zu Kartoffeln und Menschen ähnlich sinnliche Zugänge hatte.
Das Spiel ist aus. Es beginnt der Ernst des Lebens. Ab jetzt muss jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer mit sich selbst klarkommen. Feierabend, der letzte Ton des schmalzigen „Rausschmeißer-Songs“ ist verklungen.
Ich wollte doch noch so viel sagen!
Das Furchtbare an so einer Situation ist, dass man seine Gedanken nicht mehr loswerden konnte. Notiert man sie nicht, so vergisst man sie für alle Zeiten. Ich wollte sagen, dass es da doch eine Brücke gibt und diese Brücke über dem reißenden Strom eine Mitte hat. Eine Mitte, in der man auf ganz viele Vorhängeschlösser trifft und auf ein Kochfeld, auf dem ein Topf mit aufgewärmter Buchstabensuppe steht. Diese Suppe kann man noch bis zum allerletzten Rest gemeinsam auslöffeln. Aber nur dann, wenn beide Parteien auf die Idee gekommen sind, von verschiedenen Ufern auf die Brücke zu gehen, um sich in ihrer Mitte mit dem anderen Menschen zu treffen.
Ein furchtbar kitschiges Beispiel?
Ja!
Aber manchmal muss ich, getrieben von Hirnströmen, für die prästabilierte Harmonie nach Leibniz werben und dabei den Gottesbegriff ignorieren. Die Sehnsucht ist zu groß. Wie ich schon neulich zu einer Arbeitskollegin sagte: „Regelt das gemeinsam. Das ist eure Aufgabe – PUNKT AUS!“
Und über mich selbst tief erschrocken musste ich dann anmerken: „Oh, jetzt habe ich das wirklich gesagt!“
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